Spülbürsten und Müdigkeit
Todmüde stehe ich nach dem Wocheneinkauf noch in der Drogeriemarkt-Schlange, meine neueste Errungenschaft, eine Spülbürste mit Griff, in den man Spülmittel einfüllen kann, fest in meinen Händen. Die Dame vor mir holt ihr Kleingeld raus – rote Münzen. Mann, ich will nur nach Hause. Es ist schon dunkel und ich muss ja noch Essen kochen, meine Zucchini geht sonst kaputt, dann duschen, mein Melatonin-Gummi nehmen und um 10 ins Bett. Morgen muss ich früh raus und... Warte – um 10 ins Bett? Wann ist das denn passiert? Und seit wann sage ich eigentlich: „Ich schau mal in meinen Planer“, wenn ich mich mit Freund*innen treffen will? Stehe ich ernsthaft hier und freue mich über eine SPÜLBÜRSTE? Die Einsicht, dass eine Packung Zimtschnecken kein Abendessen ist, die Abneigung gegen die lauten Jugendlichen vor meiner Haustür, die Labels für die Stecker der Küchengeräte, die gefalteten Socken, die Steuerberaterin, die Listen, Schlafenszeiten, Putzplan, Termine, Gemüse – Scheiße. Bin ich jetzt erwachsen?
Mein Chaos und ich
Diese Erkenntnis haut mich fast aus den einlegebesohlten Sneakern. Wenn ich jetzt meinen Krisen-Glow verliere, bin ich dann überhaupt noch ich? Mein Chaos und ich – wir beide gingen immer Hand in Hand. Ich hätte es niemals zugegeben, aber ich war immer ein bisschen stolz auf es und ohne ist es fast, als würde ich eine alte Freundin verlieren.
Andererseits – so geil war’s vielleicht auch nicht, mit drei Stunden Schlaf, vier verpassten Anrufen und zwei Energy Drinks durchs halbherzig geputzte Leben zu stolpern. Eigentlich war’s oft nur… anstrengend. Und ungesund. Und irgendwie immer ein bisschen klebrig. Und ein Glow war’s auch nicht wirklich. Eher der Teint eines viktorianischen Kindes mit Schwindsucht.
Weder der übermäßige Koffein-Konsum noch meine Immer-alles-in-der-Nacht-vorher-erledigen-Taktik waren besonders gut für meinen Blutdruck. Schlaf? Mit der Kombi eh Fehlanzeige. Jetzt denke ich über Studien nach, die Schlafmangel mit einem höheren Alzheimer-Risiko verbinden. Vielleicht ist mein präfrontaler Kortex fertig entwickelt und ich hab‘ ab jetzt alles im Griff. Irgendwie fühlt sich das falsch an. So unglamourös.
Niemand ist perfekt
Gut, alles ist eh leicht übertrieben. Eine Spülbürste macht noch keinen Bausparvertrag. Haben Leute mit Bausparvertrag alles im Griff? Eigentlich hat das doch niemand so richtig. Wofür gäbe es sonst Versicherungen? Oh Gott, habe ich eigentlich eine Haftpflichtversicherung? Muss ich mal Papa fragen. Jedenfalls, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, dass niemand erwachsen ist, nur volljährig. Alle tun nur so. Ich weiß meine Eltern sind auch nicht perfekt. Ihr einsturzgefährdeter Aktenstapel macht sie aber weder zu schlechten Eltern noch zu besonders coolen. Es macht sie einfach zu Menschen.
Der freundliche Kassierer reißt mich aus meinen Gedanken. Ob ich eine Payback-Karte habe, fragt er. Ganz so erwachsen bin ich dann doch nicht. Endlich zu Hause angekommen mache ich mich daran, den Einkauf in den Kühlschrank einzuräumen. In der hintersten Ecke sehe ich meine Zucchini, die aussieht, als würde sie gleich um Hilfe schreiend selbst weglaufen. Es muss sich ja nicht gleich alles ändern.
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Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
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„Ich warte, also bin ich (deutsch)“
„Bahnhofs-Crush und blöde Typen“