Letzte Worte 3 Minuten

"Thomas Jefferson lebt noch"

Man sieht einen Handschlag. Im Hintergrund ist die Flagge der USA.
Manchmal reicht ein einfacher Handschlag, um einen Konflikt zu lösen. | Quelle: Canva / Marie Friedrich
09. Jan. 2026

Menschen gehen, Worte bleiben. In dieser Kolumne geht es um die letzten Sätze berühmter Persönlichkeiten und was sie uns damit über ihre Geschichte und das Leben zu sagen haben. John Adams machte vor seinem Tod eine Feststellung, die nicht zutraf.

John Adams war von 1797 bis 1801 der zweite Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Sein Vizepräsident war Thomas Jefferson, welcher später auch zum Präsidenten gewählt wurde (1801 bis 1809). Bei beiden Präsidentschaftswahlen traten Adams und Jefferson gegeneinander an. Beide starben 1826 am selben Tag.

Ich gebe es zu: Ich beneide Adams um seine letzten Worte. So einen Cliffhanger kann nicht jeder in seinen letzten Momenten liefern: „Thomas Jefferson lebt noch.“ Ein Satz, der nicht zutraf. Ein Satz, der – sollte sich ein Streaming-Dienst Adams Geschichte widmen – vermutlich das Ende der ersten Episode krönen würde. 

Aber nun ja, Jefferson lebte zu dem Zeitpunkt nicht mehr – er starb vier Stunden zuvor. Am 04. Juli! 50 Jahre nachdem die von den beiden verfasste Declaration of Independence am 04. Juli 1776 angenommen worden war. Wenn zwei Gründerväter am Geburtstag ihres Landes sterben, ist das nicht einfach nur Zufall. Das ist pure Dramaturgie des Schicksals. Fast schon so, als würde das Universum sagen: „Das ist so gut, dass es niemand glauben wird.“

On-off-Bromance

Jefferson und Adams hatten vermutlich die komplizierteste Beziehung in der Geschichte der frühen USA: Sie schrieben gemeinsam die Unabhängigkeitserklärung, stritten sich aufgrund unterschiedlicher politischer Interessen, legten eine zehnjährige Bro-Pause ein, nur um sich danach gegenseitig mit über 150 Briefen zu überschütten. Eine richtige Founding-Fathers-Phasenbeziehung also. 

Wenn ich darüber nachdenke, würden Jefferson und Adams in der heutigen Welt vermutlich nicht wieder zueinanderfinden. Jefferson hätte Adams längst blockiert und statt Briefe auszutauschen, hätten sich die beiden vor aller Augen auf X beleidigt. Denn das, was früher in Postkutschen-Geschwindigkeit eskalierte, rauscht heute rasend schnell durch unsere Timelines. Eine „lösbare politische Meinungsverschiedenheit“ klingt nach einem Phänomen aus längst vergangenen Zeiten, ersetzt durch gewohnheitsmäßige Polarisierung. Demokraten gegen Republikaner. A gegen B. Dass Jefferson und Adams Kompromisse eingingen und am Ende zueinander fanden, wirkt revolutionär. Oder einfach verdammt demokratisch. Und das waren die beiden wahrscheinlich.

Die Social-Media-Revolte

Während Jefferson und Adams Briefe mit einer Feder schrieben und jedes kritische Wort mit Bedacht wählten, befinden wir uns heute nach kurzem Tippen bereits in einem Krieg der Kommentare. Was früher verlangsamte, überlegte Kommunikation war, ist heute ein permanenter Strom aus Reaktionen.

Verlassen wir die Kommentarsektion, erwartet uns eine Flut an Beiträgen. Alles, was vermeintlich zufällig in unseren Feed gespült wird, ist durchdacht und vom Algorithmus kuratiert. Wir sind gefangen in einer Echokammer, die uns nur bespiegelt und gegenläufige Meinungen auslässt. Stolpern wir doch über eine Aussage, die nicht unserem Meinungsbild entspricht, wirkt sie oft wie eine Provokation. Nicht wie eine Einladung zum Austausch. Man hat sich auf einen Feind geeinigt: die Anderen und ihre falsche Meinung. 

Möglicherweise ergibt sich daraus die Pointe ihrer Todesdramaturgie am 04. Juli 1826: Wir brauchen in der Gesellschaft keine perfekte Harmonie – nur Menschen, die es schaffen, sich ein wenig von der eigenen Überzeugung zu lösen und bereit sind, ihr Weltbild über den Bildschirm ihres Smartphones hinweg zu erweitern.

Womöglich meinte Adams mit seinen Worten nicht, dass Jefferson in Person noch lebt, sondern seine Ideen und der Diskurs zwischen den beiden. Und vielleicht – hoffentlich – lebt noch ein Funke unserer Fähigkeit, Streit auszuhalten und Kompromisse einzugehen, wie die beiden es taten.