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„Mir ist langweilig“

Junge Frau sitzt rechts im Bild in der Bahn und schaut aus dem Fenster.
Eine Fahrt in der S-Bahn kann ganz schön langweilig sein. | Quelle: Marie Friedrich
09. Jan. 2026

Menschen gehen, Worte bleiben. In dieser Kolumne geht es um die letzten Sätze berühmter Persönlichkeiten und was sie uns damit über ihre Geschichte und das Leben zu sagen haben. Winston Churchill war es zu seinen Lebzeiten vermutlich alles andere als langweilig. 

Winston Churchill kennen vermutlich viele als ehemaligen britischen Premierminister von 1940 bis 1945 und nochmal von 1951 bis 1955. Die Chance, in die Politik zu gehen, lehnte der junge Churchill vorerst ab. Stattdessen zog es ihn in die Ferne – erst als Kriegsberichterstatter, dann als Soldat. Er schrieb, er kämpfte – ein Mann, der nie stillstand. Ein Mann, der vom Ersten Weltkrieg geprägt wurde, der im Zweiten sein Land zum Sieg führte und nebenher bis zu 15 Zigarren pro Tag rauchte. Am Morgen des 24. Januar 1965 starb Churchill mit 90 Jahren friedlich an den Folgen eines Schlaganfalls. Sein Leben endete mit den Worten „Mir ist langweilig“. 

Ich denke mir: Was muss dieser Mann erlebt haben, dass ihm selbst das Sterben langweilig erschien? Vielleicht war es diese plötzliche Ruhe, die ihn irritierte. Keine Staatsbesuche, keine Reden – nur noch Stille. Nach Jahrzehnten des Dauerstresses war Langeweile für Churchill wahrscheinlich so ungewohnt wie Frieden für Europa. Über 60 Jahre lang hatte er sich selbst zum Workaholic des Westens gemacht – und dann, im zarten Alter von 80 bis 90: nichts. Der Ruhestand, der für viele nach Entspannung und Freiheit klingt, muss sich für ihn vermutlich wie Folter angefühlt haben. 

Rawdogging als Renaissance der Langeweile

Die von Churchill erlebte Langeweile lebt weiter. Als Trend. Viele, die sich gegen das stundenlange Doomscrolling auf Instagram, TikTok und Co. auflehnen wollen, setzen sich gezielt Langeweile aus – tun also bewusst nichts. Keine Musik hören oder mal beim Bahnfahren Nachrichten checken. Das Motto des Rawdogging-Trends ist also, sich gezielt zu langweilen, um Unproduktivität zu vermeiden. Klingt paradox, ist aber vielleicht die logische Konsequenz einer Generation, die mit einem Dopamin-Overload durch Social Media aufgewachsen ist. 

Churchill hätte vermutlich die Stirn gerunzelt. Wenn ihn nicht die Arbeit beschäftigte, hielt er sich selbst auf Trab. Doch genau das ständige Beschäftigtsein macht heute viele krank: der Drang, immer „on(line)“ zu sein. Nur sind wir nicht annähernd mit den Dingen beschäftigt, mit denen Churchill beschäftigt war. Wir verschwenden unsere Lebenszeit am Smartphone, laut einer Studie rund zehn Jahre unseres Lebens. Wir sind fast süchtig. Wie Junkies, die das nächste High jagen. Das nächste High nach Dopamin.

Langeweile als Luxusgut

Vielleicht ist Langeweile heute das, was Zigarren in den 40ern waren – ein Symbol für Coolness. Nur deutlich gesünder. Wer sich traut, nichts zu tun, zeigt Selbstkontrolle. Selbstkontrolle, die man sich leisten können muss. Churchill hatte in seinem von Weltkriegen geprägten Leben nicht den Luxus, einen Detox von der Welt zu machen. Jeden Tag mussten Entscheidungen getroffen werden, die über das Schicksal einer Nation entschieden. 

Churchill kämpfte gegen Feinde und für Sicherheit. Wir kämpfen gegen den Algorithmus. Und manchmal frage ich mich, ob das nicht die schwierigere Schlacht ist – weil wir damit auch gegen uns selbst kämpfen.

Vielleicht hätte Churchill, hätte er TikTok erlebt, irgendwann verstanden, warum die Jugend die Langeweile sucht. Vielleicht hätte er nach dem dritten „Get Ready With Me“-Video Zigarre rauchend und seufzend gesagt: „Jetzt brauche ich auch mal eine Auszeit.“