Kannst du den Tea spillen, Oma?
#Tea: Gossip, Drama, Lästern. Tea wird im Umgangssprachlichen gerne als Synonym für diese Worte genutzt. Den Tea zu spillen bedeutet somit nichts anderes als zu Tratschen. Da es nun einen trendy Satz dafür gibt, haben wir das Gefühl, Lästern sei ein Trend, ergo ganz harmlos. Natürlich spille ich meinen Freundinnen auch den Tea, sobald ich von einer Trennung in unserem Freundeskreis erfahre. Hat meine Oma das früher auch gemacht, oder sah die Lästerkultur damals anders aus?
Oma, habt ihr auch den Tea gespilled?
„Lästern, das kann ich gar nicht leiden. Wenn meine Freundin mir etwas erzählt, dann bleibt das bei mir und andersrum erwarte ich das auch. Ich mag das nicht, wenn über einen rum getratscht wird und zum Schluss kommt über drei Kanäle etwas ganz anderes raus als der Ursprung. Wenn mich etwas stört, sage ich es direkt. Aber wenn man etwas so in der Gegend rum erzählt, das kann ich gar nicht leiden.
Kurzbiographie
Bei meiner Oma handelt es sich um eine Wahloma, einfachheitshalber wird aber von meiner Oma gesprochen.
Sie ist 1956 in Stuttgart geboren. Bis zum Alter von fünf Jahren ging sie in Fellbach in den Kindergarten und zog dann nach Ostildern um. Dort blieb sie wohnen, heiratete und bekam 2 Kinder. Ihr Mann verstarb früh. Sie arbeitete als Bürokauffrau in Stuttgart.
Heute hat sie 2 Enkelkinder und ist zum Rentenbeginn in den Schwarzwald gezogen. Dort lebt sie heute mit ihrer Hündin Emma.
Ich finde jeder sollte vor seiner eigenen Haustür kehren, dann hat er bestimmt genug zu tun. Du willst ja auch nicht das alles verbreitet wird und du musst das nachher auffangen und wirst blöd angeguckt und denkst „was habe ich gemacht?“. Das ist in gewisser Weise ja schon Mobbing. Dann wird das noch irgendwo im Internet verbreitet und dann denkt sich die Person „das habe ich meiner besten Freundin erzählt und jetzt muss ich das Lesen”.
Früher war es schwieriger, Dinge so schnell zu verbreiten, weil es kein Internet gab. Wenn du jemandem etwas erzählt hast, bist du nicht öffentlich gewesen, das hast du unter vier Augen erzählt. Getratscht wurde natürlich auch. Wenn etwas Besonderes passiert ist, dann ging das rum wie Lauffeuer. Da hat man dann gesagt "Weißt du schon das Neueste?" wie ein Amtsblatt. Meistens ist das beim Frisör so gewesen. Wenn du dort gewesen bist, hast du nachher alles vom ganzen Ort gewusst. Die Friseuse hat auch immer gefragt “Und wie gehts?” Und dann hast du halt erzählt. Da wusste sie eben auch alles. So war's früher.
Man hat damals nicht ständig kommuniziert und wenn man sich dann mal gesehen hat, ist einem das, was vor zwei, drei Monaten war garnichtmehr eingefallen. Und wenn doch, hast du es vielleicht beiläufig erzählt. Du bist aber nicht wie eine BILD-Zeitung hingegangen und hast das an alle geschrieben.
Tratschen, Mobbing, mit dem Internet ist das alles einfacher und schneller. Und es fehlt das Vieraugengespräch, weil man die Kommunikation im Internet sucht. Ich bin auch im Internet, aber nur begrenzt. Auf WhatsApp bin ich in einer Gruppe, da schreibt man, ob man sich mal zum Essen trifft, oder so und dann sehen wir uns eben unter vier Augen. Die Kommunikation ist einfach anders.“
Heute: nachdenken, statt Drama verbreiten
Das Internet erleichtert uns die Kommunikation - und damit auch das Lästern. Doch bevor man das nächste Mal den Tea spilled, sollte man kurz innehalten und sich fragen: Warum lästere ich gerade? An dieser Stelle muss ich mich an meiner eigenen Nase fassen: Ich leide auch unter der Sucht nach Drama. Ich verspüre Vorfreude, wenn meine Freundin mir erzählt, dass sie Tea hat. Und den Drang, meinen Freundinnen den Tea zu spillen, wenn ich etwas Skandalöses erfahre. Vielleicht sollten wir es lieber, wie Oma und ihre Freundinnen früher machen: Einfach zum Frisör gehen.
Lust auf mehr Weisheiten und Lifehacks von unseren Omas?
Hier geht's zu weiteren Folgen der Oma-Kolumne:
Was hältst du von „Tradwives“, Oma?