Landtagswahl 2026 9 Minuten

Die Anatomie einer Wahlentscheidung

Zwei Skelette, die ihre Wahlzettel in eine Urne der Landtagswahl Baden-Württemberg schmeißen
Bis auf die Knochen: Werte an der Wahlurne (Symbolbild) | Quelle: Luisa Arnold
16. Febr. 2026

Vor der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg geht es um mehr als Inhalte. Soziale Herkunft, Werte, Emotionen und die Wahlkampfstrategien der Parteien prägen Entscheidungen. Warum wählen wir so, wie wir wählen? Ein Dossier. 

Die Hälfte der Wähler*innen sagt, sie wählt eine Partei wegen ihrer Inhalte: wegen Positionen zu Wirtschaft, Klima oder sozialer Gerechtigkeit. Unsere Wahlentscheidung erscheint uns als Ergebnis bewusster Überlegung, doch zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Entscheidungsprozess klafft oft eine Lücke. Was bestimmt unser Wahlverhalten wirklich?

Diese Frage stellt sich ganz konkret im Vorfeld der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg. In einem lange als politisch stabil geltenden Bundesland kommt die schwarz-grüne Regierung nach aktuellen Umfragen nur noch auf eine knappe Mehrheit. Welche sozialen, psychologischen und kommunikativen Faktoren prägen die Wahlentscheidung und wie könnte sich das auf die Wahl in Baden-Württemberg auswirken?

Wer wir sind, bestimmt, wen wir wählen

Der mikrosoziologische Ansatz bildet das Skelett der Wahlentscheidung. Er gibt ihr Halt und prägt politische Präferenzen. Die Perspektive geht von einer einfachen Annahme aus: Politische Entscheidungen entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind eng an die soziale Lage der Wählerschaft gebunden. Faktoren wie Bildungsgrad, Einkommen oder Alter prägen politische Einstellungen und beeinflussen, ob und wie Menschen an Wahlen teilnehmen.

Die Studie „Wer fehlt an der Wahlurne?” zeigt auf, dass es einen Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Wahlbeteiligung gibt. Arbeitslosigkeit, Sozialleistungsbezug und niedriger Bildungsgrad wirken sich negativ aus, hohes Einkommen und gute Wohnverhältnisse erhöhen hingegen die Teilnahme. Auffällig ist zudem, dass die Bevölkerungsdichte, also ob jemand in einer städtischen oder ländlichen Region lebt, nur einen geringen Einfluss auf die Wahlbeteiligung aufweist. 

Eine Umfrage zur Bundestagswahl 2025 zeigt, wie sich unterschiedliche Lebensrealitäten auf konkrete Wahlergebnisse auswirken. Demnach erzielte die AfD bei Wähler*innen mit niedriger formaler Bildung mehr als doppelt so viele Stimmen wie in der Gruppe mit hoher Bildung. Auch SPD und CDU schnitten in der niedriger gebildeten Gruppe besser ab, während Grüne und Linke deutlich schwächer waren. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Wähler*innen in wirtschaftlich schwacher Lage. So wird sichtbar, wie stark soziale Bedingungen politische Präferenzen strukturieren.

In dem Podcast „Landtagswahl BW 2026: Wie unterscheiden sich Stadt und Land?“ sprechen Politiker*innen der CDU und der Grünen über unterschiedliche Anforderungen der Menschen von Stadt und Land an die Landespolitik. Dabei wird auch diskutiert, wie diese Unterschiede die Wahlkampfstrategien der Parteien beeinflussen.

Die makrosoziologische Perspektive geht davon aus, dass langfristige, stabile Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien entstehen. Sie wirkt wie ein Bindegewebe: unscheinbar, aber tragend und dafür verantwortlich, dass politische Lager über Jahrzehnte hinweg bestehen bleiben. Die Theorie basiert auf sogenannten Cleavages: tief verwurzelte, dauerhafte Konfliktlinien in einer Gesellschaft, die auf Interessen- oder Wertgegensätzen zwischen sozialen Gruppen beruhen. Eine zentrale Konfliktlinie verläuft zwischen sozialem Ausgleich, der staatliche Umverteilung und soziale Sicherheit betont, und Marktfreiheit, die auf geringe staatliche Eingriffe setzt. Eine weitere Konfliktlinie beschreibt den Gegensatz zwischen Liberalität, also gesellschaftlicher Offenheit und individuellen Freiheitsrechten, und Autorität, die Ordnung, Tradition und starke staatliche Kontrolle in den Vordergrund stellt.

Einordnung der Parteien innerhalb der Konfliktlinien | Quelle: Luisa Arnold

Ein weiterer Ansatz ist der individualpsychologische. Im Unterschied zu den sozialen Perspektiven rückt er die persönliche psychologische Beziehung zu einer Partei in den Mittelpunkt. Diese Parteiidentifikation entsteht durch die politische Sozialisation durch Elternhaus, Freundeskreis oder Mitgliedschaft in politischen Gruppen. Sie beeinflusst die Wahrnehmung und Bewertung der Kandidat*innen sowie die Einstellungen zu aktuellen politischen Streitfragen, vergleichbar mit einem Gehirn, das politische Erfahrungen ordnet, bewertet und miteinander verknüpft. 

Noch tiefer unter der Haut liegen Werte und Lebensstile. Das Modell der Sinus-Milieus ordnet Menschen weniger nach Einkommen oder Beruf, sondern nach ihren Einstellungen, Lebensweisen und Zukunftserwartungen. Diese Milieus sind regional unterschiedlich verbreitet: In städtischen Räumen leben häufiger Menschen, denen Umwelt, Wandel und neue Ideen wichtig sind, etwa Angehörige des postmateriellen Milieus. In ländlichen Regionen überwiegen dagegen eher traditionelle Werte sowie der Wunsch nach Sicherheit und Leistung, wie es für das konservativ-gehobene Milieu typisch ist. Das prekäre Milieu teilt teilweise ähnliche Wertvorstellungen, ist jedoch durch eine deutlich schlechtere wirtschaftliche Lage gekennzeichnet. Entsprechend unterstützen Stadtbewohner*innen häufiger grüne oder linksliberale Parteien, während Menschen auf dem Land eher konservative oder wirtschaftsliberale Parteien wählen.

Diese theoretischen Ansätze erklären den inneren Aufbau einer Wahlentscheidung. Doch wie bei einem Körper sind es oft äußere Reize, die konkrete Reaktionen auslösen – besonders im Wahlkampf.

Wie sich die Unterschiede zwischen urbanen und ländlichen Lebenswelten im Alltag widerspiegeln, zeigt ein Video mit Umfragen auf zwei Wochenmärkten in Stuttgart und Aichwald. Die beiden Orte stehen exemplarisch für unterschiedliche demografische Strukturen: Während Stuttgart mit einem Durchschnittsalter von rund 42 Jahren eine vergleichsweise junge Bevölkerung aufweist, liegt dieses in Aichwald bei knapp 48 Jahren. Dieser Unterschied ist mit Blick auf die Landtagswahl besonders relevant, da dort erstmals auch 16-Jährige wahlberechtigt sind. Im Video berichten Bürger*innen, welche Themen für sie bei der Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg eine zentrale Rolle spielen.

Das Wahlrecht für 16-Jährige löst gemischte Gefühle aus.

Wahlprogramme sind die wohl sachlichste Informationsquelle über die Ziele, Prioritäten und Lösungsansätze der Parteien. In der Theorie sind sie das zentrale Instrument für eine informierte Wahlentscheidung. In der Praxis spielen sie jedoch für viele Wähler*innen eine geringe Rolle. Nur ein kleiner Teil der Wählerschaft liest Wahlprogramme vollständig. Häufiger werden die Standpunkte über Zusammenfassungen in den Medien vermittelt. Heute sind die Texte so umfangreich und sprachlich komplex, dass sie für viele Bürger*innen unverständlich bleiben. 

Bestätigung statt Entscheidung

Der Wahl-O-Mat gehört inzwischen zu den meistgenutzten digitalen Angeboten im Wahlkampf. Vor der Bundestagswahl 2021 verglichen Menschen dort 21,3 Millionen Mal ihre Positionen mit denen der Parteien. Der einfache und niedrigschwellige Test scheint ein ideales Instrument für eine informierte Entscheidung zu sein.

Die Daten zeichnen jedoch ein differenziertes Bild: Für viele Nutzer*innen wirkt der Wahl-O-Mat vor allem bestätigend. Häufig landen Parteien vorn, die ohnehin bereits favorisiert wurden. Der tatsächliche Wechsel der Wahlabsicht bleibt die Ausnahme. Besonders stark genutzt wird das Tool von politisch interessierten und formal höher gebildeten Wählergruppen, also von jenen, die bereits vergleichsweise informiert sind.

Sichtbarkeit, Sympathie, Wiedererkennung

Während Programme und Online-Tools vor allem den Verstand ansprechen, wirken Wahlplakate über die Sinne. Sie sind beiläufig, visuell und emotional. Sie erreichen auch jene, die sich kaum aktiv mit Politik beschäftigen. Gesichter, Farben und Slogans prägen den öffentlichen Raum über Wochen hinweg. Ihr Einfluss liegt vor allem in psychologischen Effekten. Wiederholte Sichtbarkeit steigert Bekanntheit, Vertrautheit und im Idealfall Sympathie. Besonders relevant können diese Effekte bei Wechselwähler*innen sein. Plakate dienen als einfacher Kontakt mit Politik. In solchen Fällen können Wahlplakate dazu beitragen, eine Tendenz zu verstärken. 

Diese Erkenntnisse sind für die Landtagswahl 2026 in Baden-Württemberg von besonderer Bedeutung. In einem politischen Umfeld, in dem klassische Mehrheiten unsicher werden, sind genau diese Faktoren wichtig: Lebenswelten, Werteorientierungen, Sympathien und die emotionale Wahrnehmung des Wahlkampfs. Nicht allein Programme oder Sachargumente entscheiden, sondern ob politische Angebote als glaubwürdig, anschlussfähig und relevant für den eigenen Alltag wahrgenommen werden. Wir wählen also nicht nur aufgrund von Inhalten, sondern danach, welches politische Angebot zu unseren Erfahrungen, Erwartungen und Wertvorstellungen passt.