Carmen Schunter hört bereits das Fauchen, als sie die Autotür öffnet. „Du bist aber nicht sehr freundlich“, begrüßt sie die große schwarze Katze im Käfig. Die Katze faucht, als sie sich nähert. Die Katze versucht, sich mit ihren Krallen zu befreien, grummelt, als es nicht klappt. Carmen nimmt die Falle am Henkel. Hebt sie weit von sich weg, als sie zum Auto läuft, damit die Katze sie nicht mit ihren Krallen erwischt. Sie deckt den Käfig mit ihrer Autoabdeckung zu. Das Handtuch zum Abdecken, vor lauter Eile vergessen. Kofferraum zu und ab auf die Straße. Die Katze muss zum Katzenschutz und Carmen zur Arbeit. Sie darf nicht zu spät kommen, die Fahrgäste warten. Für Carmen wird es knapp.
Carmen Schunter ist Busfahrerin. Sie arbeitet sechsmal die Woche. Beim Katzenschutz in Donzdorf engagiert sie sich ehrenamtlich für Straßenkatzen. Früher wollte sie immer einen Hund, jetzt teilt sie sich ihr Zuhause mit fünf Katzen. Sie betreut Futterstellen, fängt Katzen ein, die kastriert werden müssen oder krank sind und holt tote Katzen von der Straße. Auch auf der Arbeit hat sie immer Handschuhe und einen Plastikbeutel dabei. Viel Zeit für andere Hobbies bleibt ihr nicht. An den Futterstellen versorgt Carmen die Katzen mit Nahrung. Sie fährt rund 45 Minuten zu den Futterstellen. An manchen Futterstellen sind mehrere Katzen, an anderen gibt es nur eine Katze, die Carmen füttert. Die Futterstellen liegen oft etwas außerhalb. Kleine Feldwege führen zu Schuppen, an denen Näpfe bereit stehen für die Katzen. Um die Futterstellen kümmert sie sich jeden Tag.„Ich darf gar nicht krank sein. Ich bin zum Glück aber auch nie krank. Und selbst mit Fieber, mein Gott, man liegt ja nicht im Sterben.“ Die Katzen, die zur Futterstelle kommen, sind Straßenkatzen. Das sind Katzen, die kein Zuhause haben und meistens ohne Kontakt zu Menschen leben. Sie sind keine Wildtiere, sondern schon seit Jahrtausenden an das Leben mit dem Menschen angepasst. „Vor allem im Winter, wenn es richtig kalt ist und man zu Hause im warmen Bett liegt, dann bringt es einen schier um, wenn man weiß, die sind da draußen“, teilt Carmen ihre Sorge. Im Winter ist es für die Katzen schwierig genug Essen, sauberes Wasser und einen warmen Rückzugsort zu finden.
Die Katze braucht Hilfe
Es ist 13:00 Uhr. Carmens Gummistiefel versinken bei jedem Schritt etwas im Matsch. Eigentlich wollte sie heute nur Futterstellen abklappern. Am Tag vorher war aber eine neue Katze aufgetaucht. Die Katze lag im strömenden Regen. Für Carmen klar ein Zeichen, die Katze ist fix und fertig. Sie braucht medizinische Versorgung, deshalb möchte Carmen sie einfangen und zum Katzenschutz bringen. Als sie den Kofferraum öffnet, quietscht es. Sie greift nach der Falle. Die Falle ist etwa einen Meter lang und schon etwas verrostet. Mit wenigen Griffen bereitet sie die Falle vor. Ein Schälchen mit Nassfutter kommt rein. Und dann geht’s ans Buffet wie Carmen gerne sagt. Mit schnellen Fingern verteilt sie Leberwurst, Thunfisch und Putenbrust in der Falle. Damit auch jedem etwas schmeckt. „Nur über das Futter kriegt man die Tiere. Ohne Futter keine Chance“, erklärt Carmen. Sie beugt sich in ihren Kofferraum.
Käfige, Tüten, Kartons, Handtücher, eine Plastiktüte, Trockenfutter und Schuhe liegen teils übereinandergestapelt. Carmen kann ihre Kabelbinder nicht finden. Sie ist unter Zeitnot, eigentlich kann sie es sich nicht leisten, großartig zu suchen. Sie wühlt im Karton, schaut in Tüten, hebt eine Plastiktüte an. Da sind sie: die schwarzen Kabelbinder. Erleichtert schnappt sich Carmen zwei Kabelbinder. In Gummistiefeln steigt sie auf einen ein Meter fünfzig hohen Strohballen. Mit den Kabelbindern befestigt sie eine weiße Kamera. Kameras und Fallen hat sie selbst gekauft. Mehrere Hundert Euro kostet eine Kamera. Sie hat 15 Kameras. Carmen rückt die Falle hin und her. Sie muss sicher stehen. Nochmal hin und her. Carmen ist nicht zufrieden. „Ich habe Angst, dass die Katze mit der Falle herunterfällt.“ Die Katzen toben darin rum, haben Todesangst, erklärt sie. Hin und her. Jetzt steht die Falle sicher. Die Katze soll eingefangen werden, damit man sie medizinisch versorgen kann. 99 Prozent der Straßenkatzen sind krank, wenn Tierschutzvereine sie das erste Mal untersuchen. Die Hälfte der Tiere ist ernsthaft krank. Für kranke Katzen ist es noch schwieriger, sich mit genügend Nahrung zu versorgen, deshalb sind viele unterernährt. Das geht aus dem Bericht des Deutschen Tierschutzvereins hervor.
Die Falle ist gestellt. Wieder am Auto klappt sie ihre dunkle Handyhülle auf. Kurz überprüfen, ob die Kamera wirklich funktioniert. „Da ist eine drin“, stellt Carmen fest und schaut von ihrem Handy auf. Eine getigerte Katze. Das war nicht die Katze, mit der Carmen gerechnet hatte. Aber auch diese muss kastriert werden. Carmen stellt eine zweite Falle auf. Die getigerte Katze ist aus dem Schrebergarten nebenan. „Es gibt überall welche zum Einfangen. An jedem Schrebergarten, an jeder Scheune, auf jedem Bauernhof hat es unkastrierte und kranke Katzen“, seufzt Carmen. Straßenkatzen leben zurückgezogen und sind oft scheu. Deshalb findet man sie oft an versteckten oder abgeschiedenen Orten. Im ländlichen Raum, auf Bauernhöfen, verlassenen Firmengeländen und in Schrebergärten.
Carmen holt den Käfig vom Strohballen herunter. Es fällt ihr schwer, ihr Gleichgewicht zu halten mit dem Käfig in der Hand. Die Katze rast von der einen Seite zur anderen. Der Käfig schwankt von links nach rechts.
Immer wieder krallt sich die Katze in die Gitterstäbe. Manchmal schreien die Katzen nach ihrer Mama oder den Geschwistern vor lauter Angst. Manche pinkeln sogar, weiß Carmen. Trotzdem ist sie erleichtert, die Katze eingefangen zu haben. „Mit jeder eingefangenen Katze erspare ich so viel Leid.“ Straßenkatzen kämpfen um ihr Überleben. Sie hungern, frieren und leiden oft an Infektionskrankheiten. Laut dem Deutschen Tierschutzbund sterben 75 Prozent der jungen Tiere, bevor sie sechs Monate alt sind.
Wilde Katzen haben es schwer
Carmen legt ein Handtuch über den Käfig. Das soll die Katze beruhigen. Die getigerte Katze dreht sich zweimal um sich selbst, bis sie sitzen bleibt. „Es tut mir leid“, beteuert Carmen der Katze, als sie die Falle wieder in die Hand nimmt. Sie öffnet den quietschenden Kofferraum. „Die findet wahrscheinlich kein gutes Zuhause mehr. Die ist zu wild“, glaubt Carmen. Es ist nicht die Regel, dass Straßenkatzen eingefangen und dann vermittelt werden – vor allem nicht bei erwachsenen Katzen. Das liegt daran, dass junge Katzen eine kurze Zeitspanne haben, um sich an den Menschen zu gewöhnen. Haben sie in diesen Wochen nicht genügend Kontakt, ist es unwahrscheinlich, dass sie stressfrei mit Menschen zusammenleben können. „Guck mal her Schatzi“, Carmens Stimme wird einen Tick höher als sie mit der Katze spricht. Klick. Sie macht ein Foto für den Katzenschutz.
Kofferraum zu. Schnell zur nächsten Futterstelle. „Wo habe ich jetzt meinen Schlüssel hingelegt?“, Carmen tastet ihre Taschen ab. „Ach da ist er“, erleichtert steckt sie den Schlüssel ein. Carmen ist viel unterwegs, kennt jeden Feldweg. Ihr weißer Hyundai bleibt dabei meistens nicht ganz so weiß. Im Auto hört man die Käfige klappern. „Mir tun die Tiere leid. Und die Tiere, die in die Welt gesetzt werden. Es gibt so viele Streunerkatzen. Es ist ein Fass ohne Boden“, beklagt sich Carmen. In Deutschland lebt vermutlich eine siebenstellige Zahl an Katzen auf der Straße. Wie viele Katzen es tatsächlich sind, kann man nicht sagen, da viele scheu sind und den Kontakt zu Menschen meiden.
Nachts wach wegen den Tieren
Carmens linke Hand liegt am Lenkrad. Die rechte Hand liegt auf der Gangschaltung, um die eine Stirnlampe hängt. Sie habe auch nachts Fallen aufgestellt. Früher als sie noch weniger gut ausgestattet war, sei sie nächtelang draußen geblieben. Mittlerweile mache sie es anders. Sie geht nachts nach Hause und wacht jede Stunde auf, um zu überprüfen, ob die Falle ausgelöst wurde. Die getigerte Katze im Käfig ist still während der Fahrt. Sie soll später zum Katzenschutz. Das Tierheim kümmert sich um Kastration, Impfung und ist ein Zuhause für viele Straßenkatzen. Auch die getigerte Katze wird dort wohnen. An der Futterstelle angekommen, steigt Carmen aus. Eine Scheune am Ortsende, drumherum nur Felder. Das Wellblech an den Außenwänden ist verfärbt. Die Scheune sieht aus wie zusammengeflickt.
„Maya. Maya“, ruft Carmen. Maya ist eine Katze, die immer an der Futterstelle auftaucht. Sie traut sich meistens erst raus, wenn Carmen wieder im Auto sitzt. Maya wurde bereits kastriert. Ob Katzen kastriert werden müssen, regelt die Kommune. Dafür gibt es die sogenannte Katzenschutzverordnung. Sie verpflichtet Katzenhalter*innen ihre Tiere zu kastrieren, zu kennzeichnen und zu registrieren. Damit will man die unkontrollierte Vermehrung von Katzen verhindern.
Ein neuer Besucher an der Futterstelle
Es stehen drei Näpfe bereit. Carmen füllt laktosefreie Milch in einen Napf. In einen anderen kommt Thunfisch, den sie immer selbst kauft. Vom Katzenschutzbund bekommt sie Trocken- und Nassfutter. „Man kennt die Katzen an der Futterstelle. Sie sind wie die eigenen. Man macht sich große Sorgen, wenn man sie nicht gesehen hat. Dann sind sie nochmal ein paar Tage nicht da und dann kommt man schonmal in Panik“, erklärt Carmen, während sie die Näpfe zurückschiebt. Würde sich niemand um die Futterstellen kümmern, würden die Katzen verwahrlosen, krank werden und sterben, erklärt Carmen. „Maya“, ruft Carmen wieder. Viel Zeit hat Carmen nicht mehr, sie muss zur Arbeit. Maya ist nicht da. Dafür aber jemand anderes. Ein roter, rundlicher Kater.
Er lässt sich von ihr streicheln. „Fuck“, Carmen fasst sich an die Stirn. Der Kater ist noch unkastriert. Laut dem Deutschen Tierschutzbund stammt jede Straßenkatze ursprünglich von einer unkastrierten Katze ab, die Freigang hatte. Die Katzen bekommen zwei bis dreimal pro Jahr Nachwuchs. Die Angaben dazu, wie viele Nachkommen eine Katze nach zehn Jahren haben kann, sind unterschiedlich. Laut verschiedenen Quellen können die Katzen eine Millionen Nachkommen haben, glaubt man anderen Quellen sind es 200 Millionen Nachkommen. Carmen ist gar nicht glücklich über den Kater. Aber sie kann ihn nicht mitnehmen. Sie hat nicht genug Fallen dabei. „Willst du die nächsten Tage auch nochmal vorbeikommen?“, fragt sie den Kater. Dann klingelt ihr Handy. Dödödödö. Das Signal, dass eine Katze in der Falle sitzt.