Dies ist nur ein Bruchteil des Plastikmülls in einem Getränkehandel. | Bild: Alina Breunig

edit.Puls Refill-Initiative
Mit Leitungswasser gegen die Plastikflut

Dies ist nur ein Bruchteil des Plastikmülls in einem Getränkehandel. | Bild: Alina Breunig

18 Dec 2017

Im Jahr verbraucht jeder Deutsche im Schnitt 207 Einweg-Plastikflaschen. In ganz Deutschland sind es zwei Millionen Flaschen in der Stunde, rund 46 Millionen am Tag und 17 Milliarden im Jahr. Aneinandergereiht reicht diese Menge 16 Mal von der Erde bis zum Mond. Dieses Problem wäre leicht vermeidbar, denn sauberes Trinkwasser kommt in Deutschland direkt aus der Leitung.

Es klingelt, eine junge Studentin betritt den Laden. Sie schüttelt die Kälte von draußen ab und geht schnurstracks zur Theke. Dabei holt sie eine Trinkflasche aus ihrer Tasche. „Hallo“, sagt sie. „Würden Sie mir bitte nachfüllen?“ – „Klar, gerne“, antwortet der junge Mitarbeiter, nimmt ihre Flasche und füllt sie am Waschbecken auf. Ähnliche Szenen spielen sich beinahe täglich im Speicher in der Tübinger Altstadt ab. Hier gibt es regionales Obst und Gemüse, frisches Brot, Kaffee und Seife – alles ohne Plastikverpackungen. Außerdem bekommt man Wasser – umsonst und direkt in die eigene Flasche abgefüllt. Das ist einem handtellergroßen blauen Sticker zu verdanken, der seit kurzem auf der Glasscheibe neben der Tür klebt. „Refill Station“ steht darauf. So wie hier prangt dieser Sticker inzwischen in 50 deutschen Städten an über 1.000 deutschen Geschäften, die alle Teil der Refill-Initiative sind.

Refill (engl. für „nach- oder wiederauffüllen“) ist eine Bewegung, die sich seit März diesen Jahres von Hamburg aus in Deutschland verbreitet. Gründerin Stephanie Wiermann, Grafikerin und Web-Designerin, ließ sich dabei von Refill Bristol inspirieren, einem Projekt, das in England bereits seit 2015 erfolgreich läuft. Die Idee ist simpel: In jedem Laden mit dem Refill-Aufkleber kann man sich kostenlos Leitungswasser in die mitgebrachte Wasserflasche abfüllen lassen.

Der Unverpackt-Laden Speicher ist seit kurzem Teil der Refill-Initiative. | Bild: Diana Riegger
Jede Stadt bekommt einen individuellen Refill-Sticker. | Bild: Diana Riegger
Sobald der Sticker klebt, kann man sich als Refill-Station auf der Website eintragen. Auch LUSH in Berlin ist dabei. | Bild: Martina Gorniak
Der Hauptstadt-Sticker. | Bild: Martina Gorniak
Der Fairtrade-Shop Contigo ist einer von rund 21 teilnehmenden Läden in Mainz. | Bild: Julia Klös
Die Sticker können online ausgedruckt oder an Verteilstellen in der Stadt abgeholt werden. | Bild: Julia Klös

Jedes Geschäft kann mitmachen – egal, ob Café, Apotheke oder Elektrofachhandel. Die einzigen Voraussetzungen sind ein Wasserhahn und feste Öffnungszeiten. Bei Refill geht es auch um gesundheitliche Aspekte, denn Wasser ist mit Abstand die beste Flüssigkeitsquelle für unseren Körper. In Deutschland wird Leitungswasser obendrein strenger kontrolliert als solches, das in Flaschen abgefüllt wird. Außerdem schmeckt Leitungswasser gut. Entgegen der Erwartungen oftmals sogar besser als abgefülltes. Das haben mehrere Blindtests verschiedener Organisationen, beispielsweise von der RWW Wasserwerksgesellschaft, ergeben. Dennoch gibt es Bedenken: Kann man das Leitungswasser überall unbekümmert trinken? Was, wenn die Rohre verschmutzt oder veraltet sind und dadurch doch Schadstoffe ins Wasser gelangen? Das Umweltbundesamt rät:

„Sofern man das Wasser vorher ablaufen lässt, also kühl und frisch in die Flasche füllt, hat es auch keine Zeit, eventuelle Schadstoffe aus Leitungsmaterialen aufzunehmen.“   – Dr. Ingrid Chorus, Umweltbundesamt

Darüber hinaus sollte der Hahn sauber sein und nicht mit schmutzigen Händen angefasst werden. Flasche und Wasserhahn sollten beim Auffüllen möglichst nicht in Berührung kommen. An Orten, die keinen sauberen Gesamteindruck machen, sollte man seine Wasserflasche lieber nicht nachfüllen lassen.

Interaktive Grafik: Beim Klick auf einen Punkt hörst du Aussagen, die die Refill-Initiative aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. | Bild: Diana Riegger

In erster Linie zählt bei Refill der Umweltgedanke, denn das weltweite Plastikproblem wächst weiter. Täglich landen 22.000 Tonnen des Kunststoffes im Meer. 90 Prozent der Meeresvögel haben Plastik in ihren Mägen. Im Jahr 2050 schwimmen so nach aktuellem Stand mehr Plastikteile als Fische in den Ozeanen. Zwar werden in Deutschland bereits 93 Prozent der Pfandflaschen recycelt, die Mehrheit aber zu minderwertigen Kunststoffen verarbeitet. Früher oder später landen diese im Meer. Nur aus einem Viertel der PET-Flaschen werden neue hergestellt. Die Einschätzung vieler Deutscher, dass der Kauf von Pfandflaschen zum Umweltschutz beiträgt, ist zwar nicht falsch, kann aber vor diesem Hintergrund dauerhaft keine Lösung sein.

„Unser Planet erstickt in Plastikmüll. Wir leben auf Kosten der nächsten Generation und verbrauchen zu viele Ressourcen.“ – Stephanie Wiermann, Gründerin der Refill-Initiative in Deutschland

Refill trägt einen Teil dazu bei, dass es selbstverständlich wird, Leitungswasser zu trinken und kostenlos ausgeschenkt zu bekommen. In Italien ist das beispielsweise durch die langjährige und großflächige Verbreitung von öffentlichen Trinkwasserbrunnen Standard. Die Initiative reiht sich damit in eine Vielzahl von Bewegungen gegen die zunehmende Plastikflut ein. So wurde in vielen Geschäften der Plastiktütenverkauf abgeschafft oder der Kaffee ist in mitgebrachten To-go-Bechern günstiger erhältlich. Um gegen die Müllflut vorzugehen, müssen aber möglichst viele mitmachen – bei Refill sind vor allem die Läden und wir durstigen Stadtbummler gefragt.

Der Konsum von Plastikflaschen nimmt stetig zu und schadet der Umwelt. | Bild: Alina Breunig

Willst du mithelfen, Refill in deiner Stadt zu verbreiten oder hast Fragen? Dann schau vorbei auf refill-deutschland.de.