edit.Puls Die etwas anderen Stadtbewohner
Auf den Pelz gerückt

16 Jan 2018

Die Stadt gehört uns nicht allein. In den Großstädten Deutschlands scheint die Artenvielfalt zu explodieren. Tiere wagen sich immer näher an den Menschen heran und dringen bis in die belebten Innenstädte vor. Was sie zu uns treibt und warum Großstadt und Natur nicht immer unvereinbare Dinge sind.

22 Uhr nachts in Stuttgart. Ich sitze am Laptop, die Balkontür ist leicht angelehnt. Von einem leisen Geräusch aus meiner Arbeit gerissen, schaue ich hoch. Durch die leicht geöffnete Tür dringt ein deutlich hörbares Schmatzen zu mir. Als ich vorsichtig aufstehe und nach draußen schaue, sehe ich einen Igel – gute 20 Zentimeter groß – vor meiner Tür sitzen und genussvoll einen Regenwurm verspeisen.

Solche Begegnungen lassen einen staunen, obwohl sie gar nicht so selten sind – selbst mitten in der Stadt. Immer mehr wilde Tiere finden gerade dort ein Zuhause, wo der Mensch ursprünglich die Natur vertrieben hat. Und die Landflucht der Tiere scheint kein Ende zu nehmen: Stellenweise sind die Chancen, in der Stadt einem Tier zu begegnen, höher als auf dem Land.

Denn in vielen Gegenden macht die monotone Agrarlandschaft den Tieren auf dem Land Probleme. Hektarweise wird nur noch eine Pflanzenart angebaut, Felder werden überdüngt und schweres Gerät zerstört die Lebensräume. Was wächst und was nicht, entscheidet der Mensch. Für die Wildtiere bleibt so kaum noch Nahrung übrig. Aber warum dann gerade die Flucht in die Großstädte? Wolkenkratzer und dreispurige Straßen bringt man nicht unbedingt mit Artenvielfalt in Verbindung.

Vor allem in Berlin trifft man immer häufiger auf Wildtiere. | Bild: Jonas Armbruster | Daten: Amt für Umweltschutz, Berlin Lichtenberg

Nahrung im Überfluss

Es ist vor allem das übermäßige Nahrungsangebot, das Füchse, Wildschweine und Igel in unsere Nähe lockt. Offenliegende und leicht zugängliche Abfälle machen die Stadt besonders attraktiv. Erstaunlich sind unter anderem die Reviergrößen in der Stadt. Igel bewegen sich in der freien Natur auf einem Gebiet von etwa 50 Hektar, in der Stadt sind es nur fünf. Aufgrund des Überangebots an Nahrung kommen die Tiere hier mit deutlich kleineren Revieren zurecht.

Die Tiere in der Stadt erreichen allerdings meist kein so hohes Alter wie ihre Artgenossen auf dem Land. Die meisten Stadtfüchse sterben immer noch unter Autoreifen. Eine mögliche Ursache für diese traurige Bilanz ist fehlendes Wissen. Denn wer erwartet schon, dass mitten in der Innenstadt ein Fuchs über die Straße läuft?

Der richtige Umgang

Hier spielt vor allem die Naturbildung eine Rolle. In Deutschland ist der Umgang mit den Tieren für viele noch neu. Denn trotz all der Anpassung bleiben sie auch in der Stadt weiterhin Wildtiere – und müssen auch als solche behandelt werden.

Vor allem das Füttern der Tiere schafft vielerorts Probleme. In Berlin verwüsten Wildschweine regelmäßig Vorgärten, weil sie wissen, dass es auf den Komposthäufen immer etwas zu holen gibt. Die Tiere verlieren nach und nach die Scheu vor dem Menschen und die Gefahr von Beißunfällen steigt.

Auch Meisenknödel können zum Problem werden. Die Vögel gewöhnen sich an das Angebot und suchen selber nicht mehr nach Futter. | Bild: Jonas Armbruster

Das Bewusstsein für die biologische Vielfalt, die sie umgibt, fehlt vielen Großstädtern. Allein in Berlin leben schätzungsweise über 30.000 verschiedene Arten. Man kann sich über das artenreiche Tierleben in der Stadt freuen, sollte aber im Kopf behalten, dass nur ein Bruchteil der bei uns heimischen Tier- und Pflanzenwelt die Stadt zu ihrem Vorteil nutzen kann. Denn es gibt kein allgemeines Patentrezept, mit dem alle Tiere die Stadt erobern können. Die Exemplare, die man hierzulande in den Städten antrifft, besitzen allesamt schon von Natur aus Fähigkeiten, die ihnen das Überleben in der Großstadt ermöglichen. Die anderen sehen zu, wie ihr Lebensraum zerstört wird, haben gleichzeitig aber nicht die Möglichkeit, in die Stadt auszuweichen. Die Konsequenz daraus: ein Rückgang der Artenvielfalt.

Kampf dem Lärm

Vögel sind auf die akustische Kommunikation mit ihren Artgenossen angewiesen. Viele haben deshalb kreative Möglichkeiten gefunden, den Lärm in der Stadt zu umgehen:

  • Nachtigallen passen ihren Gesang der Umgebung an. Nimmt der Verkehrslärm zu, singen sie lauter.
  • Rotkehlchen warten immer öfter bis in die Nacht oder fangen schon in den frühsten Morgenstunden an zu singen.
  • Meisen können sogar die Frequenz ihres Gesangs verschieben, um über den Lärm hinweg zu kommunizieren.

Struktur der Stadt

Dass es überhaupt Tierarten gibt, die unsere Städte als Lebensraum nutzen können, ist dem Umstand geschuldet, dass deren Struktur den Tieren zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten bietet. Was passiert aber nun, wenn sich die Struktur der Städte in Zukunft verändert?

Die letzten Jahre waren in der Stadtentwicklung geprägt von Ausdehnung und einer stetigen Verdichtung der Innenstädte. Unbebaute Flächen verschwinden und mit ihnen auch die wertvollen Rückzugsorte für die Tiere. Sie sind auf ungenutzte Flächen angewiesen, auf denen die Natur sich selbst überlassen wird. Denn wenn auch die Stadt keinen Zufluchtsort mehr bietet, dann werden die Tiere langsam aber sicher ganz verschwinden. Eine Betrachtungsweise, die meine Begegnung mit dem Igel vor der Haustür ein wenig traurig macht. Seine Wiese ist etwa 200 Quadratmeter groß und ringsum von Straßen umgeben.