Eine Freundschaft unter Nachbarn beginnt oft mit dem ersten Schritt raus aus der Tür. | Bild: Ramon Mebrahtu

edit.Puls Nachbarschaft im Wandel
Auf der Suche nach Gemeinschaft

Eine Freundschaft unter Nachbarn beginnt oft mit dem ersten Schritt raus aus der Tür. | Bild: Ramon Mebrahtu

11 Dec 2017

Die klassische Nachbarschaft in Großstädten verschwindet. Wir wenden uns anderen sozialen Bezugsgruppen zu und die Gemeinschaft formt sich neu. Aber warum klingelt man nicht mehr beim Nachbarn und wo ist Gemeinschaft heute zu suchen?

Ein Tag wie jeder andere in einer trostlosen Nachbarschaft: Menschen laufen mit gesenkten Köpfen durch die Straße und blicken nur noch auf ihr Smartphone. Keine Spur von Wärme, Zuneigung oder Hilfsbereitschaft. Eine Stadt, in der man Tür an Tür lebt und sich sieht, aber nicht schätzt. Aus einer belebten Nachbarschaft ist eine Zweckgemeinschaft geworden.

Ein alltägliches Bild, wenn man unser Zusammenleben in Großstädten heute betrachtet. Im Gespräch mit Sören Petermann, Professor für Soziologie an der Universität Bochum, erfahren wir aber, dass die Realität ganz anders aussieht. Das Bedürfnis, Kontakte zu knüpfen, ist größer als es auf den ersten Blick erscheint.

Entfremdung trotz Kontaktbedürfnis

Das Leben in der Großstadt bringt immer Reizüberflutung mit sich. Dieser Gedanke ist nicht neu. Schon 1903 beobachtete der Soziologe Georg Simmel in seinem Text „Die Großstädte und das Geistesleben“, dass wir Schutzmechanismen entwickelt haben, um unsere Sinne vor Überlastung zu schützen. Hierzu eingesetzte „Überlebensstrategien" sind laut Simmel vor allem Distanz und Reserviertheit, Oberflächlichkeit und Gefühlskälte. In der Konsequenz trägt diese Abwehrhaltung unter anderem dazu bei, dass wir uns seltener mit unseren Nachbarn beschäftigen.

Dabei verstecken sich hinter dem unscheinbaren Pärchen nebenan vielleicht die perfekten Partner für einen gemeinsamen Spieleabend. Es wäre ein Leichtes, aus der Tür zu treten und einfach zu klingeln. Und doch kann sich kaum einer zu dieser simplen Aktion durchringen. Einen Ansatz, um diese Barriere zu durchbrechen, bietet die Initiative nebenan.de mit ihrem digitalen Nachbarschaftsnetzwerk.

600.000 Mitglieder auf nebenan.de sprechen eine deutliche Sprache: Das Bedürfnis nach echten Kontakten ist hoch. Sich auf einer Plattform im Internet anzumelden, die alle nötigen Informationen über die eigenen Nachbarn auf Abruf bereitstellt, ist aber auch deutlich weniger zeitintensiv, als tatsächlich herumzufragen, wenn man etwas braucht.

Denn laut Petermann ist es in Großstädten mit einem großen zeitlichen Aufwand verbunden, neue Leute kennenzulernen. Aufgrund der großen Masse von Menschen will es wohl überlegt sein, zu wem man eine Beziehung aufbaut. Diese Auswahl sei stark abhängig von unseren Interessen, weshalb die Nachbarschaft in den Hintergrund rückt. Aber auch unser Kulturkreis spielt eine Rolle für unser Sozialverhalten. Das Klingeln beim Nachbarn bedeutet hierzulande schon, in dessen Privatsphäre einzudringen, erklärt Petermann. Das kann eine große Hemmschwelle darstellen, wenn es darum geht, auf fremde Menschen zuzugehen.

Für diese konkreten Probleme bieten Plattformen wie nebenan.de einen interessanten Lösungsansatz. Das System Nachbarschaft ist aber noch weitaus komplexer und hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Nicht für alle ist ein soziales Netzwerk die ultimative Lösung.

Viele Auslöser, eine Wirkung

Denn die sozialen Medien, die nebenan.de nutzt, um Menschen zu vernetzen, sind gleichzeitig auch einer der wichtigsten Auslöser dafür, dass Nachbarschaft in der Stadt überhaupt an Stellenwert verloren hat. Petermann erklärt sich das dadurch, dass die Digitalisierung vollkommen neue Möglichkeiten der Kommunikation entstehen lässt – vor allem zwischen Personen die räumlich weit voneinander entfernt sind. Die ehemals starke Ortsbindung löse sich mit der Zunahme von virtuellen Gemeinschaften immer weiter auf.

Eine Nachbarschaft ist aber auch stark von der finanziellen Lage ihrer Mitglieder abhängig, fügt der Soziologe hinzu. In Stadtvierteln mit einem hohen Anteil von Mietern ziehen Menschen öfter um. Die Folge: Weniger Dialog – ganz einfach, weil man die Menschen im Haus gegenüber wegen der schnell wechselnden Mieter nicht mehr kennenlernen kann.

Petermann warnt aber davor, diese Entwicklungen allzu schwarzmalerisch zu sehen. Für eine Großstadt bedeute dies nämlich nicht zwangsläufig, dass die Gemeinschaft unter ihren Bewohnern vollkommen verloren geht, sie verschiebt sich nur in andere Bereiche.

Das Gesicht der Stadt

Der entscheidende Faktor, der eine Stadt am Leben erhält, sind die Menschen, die sich in ihr bewegen. Ihr Zusammenleben bestimmt, wie gut eine Stadt funktioniert. Damit eine Großstadt in Zeiten von Globalisierung, Einwanderung und Digitalisierung mit allen Herausforderungen fertig wird, braucht es den Austausch ihrer Bewohner – und der beginnt schon mit der Bohrmaschine, die man beim Nachbarn ausleiht.

Initiativen wie nebenan.de haben den Wert einer funktionierenden Nachbarschaft erkannt und wollen diese am Leben erhalten. Die Feinde der Nachbarschaft, die sozialen Medien, setzen sie ein, um ihren Effekt ins Gegenteil umzukehren. Per digitaler Anmeldung werden die Menschen wieder zu persönlichen Kontakten und Treffen zurückgeführt. Denn die Idee ist nicht nebeneinander, sondern miteinander.