Wartemomente: Einmal umsteigen ins Wartezimmer, bitte
Ich bin pünktlich. Sogar wirklich pünktlich. Doch nur ein kurzer Blick um die Ecke zeigt: Ich bin hoffnungslos zu spät. Das Wartezimmer gleicht einer pulsierenden Menschenmasse zur Hauptverkehrszeit am Stuttgarter Bahnhof. Eigentlich vorhersehbar bei einer offenen Sprechstunde. Trotzdem hoffe ich jedes Mal, dass alles zack zack geht.
Doch der geplante Praxisspaziergang entpuppt sich eher als lange Bahnreise. Der erste Zug ist der Empfang. Ein kleiner, agiler Zugbringer. Nicht überfüllt. Von diesem aus heißt es: „Bitte einen Moment umsteigen ins Wartezimmer“. Würde ich die vielen Gesichter nicht schon von weitem sehen, würde ich tatsächlich glauben, dass es bei einem Moment bleibt.
Mir bleibt also nichts anderes übrig. Ich geselle mich zu meinen Leidensgenoss*innen dazu und schaue mich um. Ich kenne sie nicht, sie mich auch nicht, doch ich weiß, dass wir die nächste Stunde miteinander verbringen werden.
Fremde auf gemeinsamer Strecke
Sofort fällt mir die Person aus meinem Dorf auf. Wir kennen uns nur vom Vorbeilaufen. Ein kurzes Hallo-Schmunzeln von beiden Seiten, und das war's. Daneben noch zwei Freundinnen, die zusammen zur Ärztin gekommen sind und unangenehm tuscheln (Warum kommen die zusammen? Haben die beiden das Gleiche?). Oder auch die Dame, die durchgängig mit ihrem Handy beschäftigt ist. Mein heutiges Reiseroutenhighlight ist jedoch ein Mutter-Tochter-Duo. Sie sitzen getrennt. Die Tochter ist sauer auf ihre Mutter, weil diese sie zum Arzt geschleift hat. Wer kennt es nicht?
Die beiden unterhalten sich nicht. Sie zicken und beschweren sich über die Wartezeit. Doch je länger wir dasitzen, desto mehr finden sie zueinander. Zu meinem Bedauern. Plötzlich bewerten sie lautstark die Schicksale anderer und sprechen die zwei Freundinnen auf ihre Schuhe an: „Ich finde die so cool! Willst du nicht auch so Schuhe haben?“, fragt die Mutter. Eigentlich lieb und lustig, in der Lautstärke jedoch deutlich eine Überdosis für mich.
Und da fällt mir plötzlich auf: Diese Art von Menschen trifft man eigentlich immer im Wartezimmer an. Genauso wie die Handystarrer, die Dorfbekanntschaften und die, die schon zum zehnten Mal auf die Uhr glotzen (ich dieses Mal). Das gemeinsame Warten scheint plötzlich ein Abteil mit Panoramablick auf Persönlichkeiten zu sein. Eine halbe Stunde miteinander reicht schon, und man glaubt zu wissen, wer wie tickt. Zumindest glaube ich zu wissen, wie das Mutter-Tochter-Pärchen in ihrem Plauderkosmos tickt. Reden die zu Hause auch so laut?
Weiterreise angesagt
Während ich dem Stimmengewirr meiner Mitreisenden lausche, rufen uns die Arzthelfer*innen nach und nach auf. Die Luft beginnt zu knistern. Sofort breitet sich Hoffnung aus, dass der eigene Name fällt. In Gedanken zählt man sofort die anderen Wartenden und merkt, wie sich die Hoffnung mit Frustration vermischt. Und dann höre auch ich meinen Namen.
Ich steige also in den nächsten Express. Der Zug, der mich endlich an mein Reiseziel bringt: die Ärztin. Kaum bin ich draußen, verschwinden all die Mitwartenden wieder aus meinem Leben. Aber im Wartezimmer waren wir Weggefährt*innen.
Für heute habe ich die Wartezeit also überstanden. Das nächste Mal treffe ich sie jedoch wahrscheinlich wieder. Die Wartezeit ist eben eine wahre Reisebegleiterin.
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Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
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