„Freundschaft beginnt oft ungeplant, entwickelt sich aber nur dann weiter, wenn beide Seiten sich wiederholt füreinander entscheiden.“
Freundschaft ist kein Zufall
Hinweis
Dieser Beitrag ist Teil eines Dossiers zum Thema:
„Freundschaft, die wichtigste Form von Liebe?“
Dazu gehören auch:
- Videobeitrag: „Drei Generationen. Drei Perspektiven. Ein Thema: Freundschaft.“
- Podcast: „Freundschaft: Wie es sich anfühlt, Schluss zu machen – tell.it.“
Freundschaft ist für viele ein fester Bestandteil ihres Lebens und gewinnt für manche eine besondere Bedeutung. Sie beginnt selten geplant und fast nie mit großen Worten. Meist entsteht sie in Momenten, die unscheinbar wirken: Es findet ein Fotoshooting an der Hochschule statt, doch der eigentliche Moment spielt sich abseits der Kamera ab. Im Warteraum sitzen mehrere Studierende, die sich zuvor nicht begegnet sind. Einige scrollen durch ihre Handys, andere tippen noch an Uni-Aufgaben, und wieder andere lassen im Hintergrund eine Serie laufen. Dann stellt jemand eine beiläufige Frage zum Studium. Es folgt ein kurzer Austausch, ein Lachen, ein Kommentar. Aus dem stillen, in sich gekehrten Warten entsteht ein Gespräch, beiläufig, aber folgenreich. Zunächst geht es um das Studium. Später um Persönliches und sie reden über Gott und die Welt. Am Ende des Tages trennen sich ihre Wege.
Für Lena und Konsta endet diese Begegnung nicht an diesem Nachmittag. Sie sehen sich wieder, zunächst zufällig, später regelmäßig. Niemand von beiden hatte vor, bei diesem Fotoshooting eine Freundschaft zu finden. Und doch wächst Vertrautheit. Nähe entsteht hier nicht aus einem einzelnen intensiven Moment, sondern aus Wiederholung. Dass Freundschaften häufig so beginnen, ist kein neues Phänomen. Der Psychologe Leon Festinger zeigte bereits in den 1960er-Jahren, dass soziale Bindungen vor allem dort entstehen, wo Menschen sich regelmäßig begegnen. Zufall ist dabei weniger eine romantische Ausnahme als strukturelle Voraussetzung. Nähe entsteht, wenn Zeit und Ort zusammenkommen. Doch genau das reicht auf Dauer nicht aus.
Wenn Zufall nicht mehr reicht
Spätestens dann zeigt sich, dass sich diese Dynamik verändert. Spontane Begegnungen werden seltener und gemeinsame Routinen lösen sich auf. Für Lena und Konsta bedeutet das: Nähe passiert nicht mehr nebenbei. Nachrichten werden geschrieben, Treffen verabredet, Zeit bewusst eingeplant. Aus dem zufälligen Sehen auf dem Campus wird nun eine bewusste Entscheidung. Eine Absolventin der Psychologie beschreibt diesen Übergang so: „Psychologisch gesehen schafft Zufall lediglich die Möglichkeit zur Beziehung. Ab dem Moment, in dem wir aktiv Kontakt suchen, wird aus der zufälligen Begegnung eine bewusste Entscheidung“. Für Lena und Konsta heißt das, Verantwortung für die Beziehung zu übernehmen. Sie treffen sich zum Co-Working in Cafés oder auch abends für ein paar Getränke in Bars. Beide wissen, dass ihre Beziehung nur Bestand hat, wenn sie aktiv gestaltet wird. Nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung.
Mit voller werdenden Terminkalendern und gehäuften To-dos wird diese Entscheidung spürbarer. Zwischen Arbeit, Studium, Verpflichtungen und anderen Beziehungen müssen sie immer wieder neu abwägen, wofür sie ihre Zeit einsetzen. Was bleibt ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Priorisierung. Die beiden investieren ihre Zeit dort, wo sie sich verstanden fühlen und wo Nähe auch dann trägt, wenn es schwierig wird. „Wer eine Freundschaft aufrechterhält, tut dies, weil die Beziehung als sinnstiftend erlebt wird“, sagt die Absolventin der Psychologie. Dass Lenas und Konstas Nähe bis heute anhält, liegt weniger am Zufall ihres Kennenlernens. Es liegt vielmehr an der wiederholten Entscheidung füreinander.
Erwartungen entstehen
Ebenso entscheidend finden Lena und Konsta das Prinzip der Gegenseitigkeit. Wenn eine von beiden immer wieder Zeit freischaufelt, während die andere Person absagt, fühlt sich das schnell unausgewogen an. Sie wissen beide, dass Freundschaft nur trägt, wenn beide Seiten bereit sind, Energie und Mühe zu investieren. Wo nämlich Beziehungen bewusst gestaltet werden, entstehen auch Erwartungen. Bleiben diese unausgesprochen oder über einen längeren Zeitraum unerfüllt, wirkt sich das auf die Beziehung aus und kann dazu führen, dass Freundschaften zerbrechen. Nicht abrupt, sondern schleichend. Für Lena und Konsta erklärt das, warum manche Beziehungen verschwinden, ohne dass es einen konkreten Auslöser gibt. Bleibt die Bereitschaft aus, die Erwartungen zu erfüllen, verliert die Beziehung an Bedeutung. Nähe lässt sich ja nicht erzwingen. Gerade weil Freundschaft nicht aus Verpflichtung entsteht, fehlt oft eine gemeinsame Sprache für das Ende. Während Liebesbeziehungen häufig klar benannt und formal beendet werden, verlaufen Freundschaftsabbrüche meist leise. Solche Verluste bleiben meist privat, werden selten benannt und kaum eingeordnet.
Sowohl Lena als auch Konsta haben aus eigener Erfahrung und durch Beobachtungen erlebt, wie sich Freundschaften still und leise auflösen, ohne dass je offen darüber gesprochen wird. Beide berichten von Personen aus ihrem Umfeld, die auch lange nach einem solchen Abschied beim Ungesagten verharrten. Nicht, weil es einen offenen Konflikt gab, sondern weil es keinen klaren Schlusspunkt gab. Gerade deshalb ist ihnen bewusste Abgrenzung in Freundschaften wichtig. Sie betrachten sie nicht als Scheitern, sondern als eine Form des Selbstschutzes. Freundschaft verstehen sie als einen andauernden Entscheidungsprozess. Was im Warteraum für sie begann, besteht bis heute, weil sie sich beide aktiv füreinander entscheiden. Und weil diese Entscheidung bewusst getroffen wird, kann sie auch bewusst beendet werden.
Transparenzhinweis:
Eine der Autor*innen dieses Artikels ist selbst Teil der im Beitrag beschriebenen Freundschaft.