„Bei jungen Menschen geht oft der Überblick über verschiedene Verbindlichkeiten verloren.“
Buy Now Pay Later - vom Trend zur Schuldenfalle
Maria*, 23, Studentin, fürchtet den Blick aufs Handy. Erneut erscheint die Erinnerung „Zahlung fällig“. Sie wischt die Klarna-Benachrichtigung zur Seite. Auf dem Tisch liegen Mahnungen, ungeöffnet. Sie traut sich kaum, diese anzusehen. „Es waren immer nur kleine Beträge, 20 Euro hier, 40 Euro da“, sagt sie. „Ich dachte, das ist kein Problem.“ Heute stehen rund 4.000 Euro Schulden auf ihrem Konto, Geld, das sie lieber für größere Anschaffungen nutzen würde.
Alles begann harmlos mit kleinen Bestellungen, finanziert durch „Später zahlen“. Der einfache Ablauf brachte Maria dazu, nach und nach auch für höhere Beträge zu bestellen. Mit der Zeit verlor sie jedoch den Überblick. Sie habe einfach weiterbestellt, ohne zu prüfen, welche Zahlungen noch offen waren. Sie teilte die Beträge in Raten auf, konnte diese aber nicht rechtzeitig begleichen, sodass offene Zahlungen in den nächsten Monat verschoben wurden und ihre Schulden zunehmend stiegen.
Der Wendepunkt kam, als ihr Konto ins Minus rutschte und automatische Abbuchungen zurückgewiesen wurden. Die offenen Forderungen landeten bei Inkassounternehmen, die Geld für Gläubiger eintreiben. Schließlich erhielt sie Mahnbescheide vom Amtsgericht, die sie nicht mehr zahlen konnte. „Erst als sie kamen, wurde mir klar, dass es zu weit geht.“
Was ist Buy Now Pay Later?
Buy Now Pay Later (BNPL), auf Deutsch „Jetzt kaufen, später zahlen“, ist eine kreditbasierte Zahlungsoption, bei der Kund*innen ihre Ware vorab erhalten, während die Zahlung erst später fällig wird. Je nach Anbieter erfolgt die Zahlung meist nach 14 oder 30 Tagen, oder in flexiblen Raten. Die Abwicklung übernimmt nicht der Händler, sondern externe Zahlungsdienstleister wie Klarna, PayPal oder AfterPay. Im Unterschied zu Kauf auf Rechnung oder klassischem Ratenkauf lassen sich bei BNPL auch kleinere Beträge unkompliziert in mehrere Raten aufteilen, ohne einen formellen Kreditantrag stellen zu müssen.
Maria ist damit kein Einzelfall, denn rund jede*r dritte BNPL-Nutzende in Deutschland gerät mindestens einmal in Zahlungsverzug und muss Mahngebühren zahlen. Auch die SCHUFA-Daten zeigen, dass Zahlungsprobleme insgesamt zunehmen: Im ersten Quartal 2025 wurden 13 Prozent mehr Menschen erstmalig negativ eingetragen als im ersten Quartal 2024. Über 160.000 Personen konnten ihre Rechnungen oder Kredite trotz mehrmaliger Mahnungen erstmals nicht begleichen.
Wenn kleine Beträge wachsen
„Bei jungen Menschen geht oft der Überblick über verschiedene Verbindlichkeiten verloren“, so Sandra Meyer, Leiterin und Beraterin der Zentralen Schuldnerberatung (ZSB) in Stuttgart. Besonders BNPL-Angebote würden diesen Effekt verstärken: „Es fördert spontane Entscheidungen, die ich dann vielleicht später nicht mehr überblicken kann.“ Viele Betroffene merken erst spät, wie stark sich einzelne Bestellungen summieren, selbst kleine Beträge wie 30 Euro im Monat werden oft unterschätzt.
In der Beratungspraxis zeigt sich deutlich, wie stark BNPL-Fälle zugenommen haben. Meyer erklärt: „In den letzten zwei, drei Jahren ist die Anzahl der Forderungen, die unsere Ratsuchenden bei Klarna oder bei den entsprechenden Inkassounternehmen vertreten haben, enorm angestiegen.“ Zwischen 2023 und 2024 habe sich die Zahl der Forderungen nahezu verdoppelt.
Besonders problematisch sei, dass viele Betroffene erst spät Hilfe suchen und die offenen Forderungen häufig schon beim Inkasso landen.
Beratungsstellen warnen vor BNPL
Die Entwicklung in Stuttgart sei kein Einzelfall. „Die ganze Schuldnerberatungsszene eigentlich in ganz Deutschland befasst sich mit dem Thema“, so Meyer. Genau das spiegelte sich auch in der bundesweiten Aktionswoche Schuldnerberatung 2024 wider, die unter dem Motto „Buy now – Inkasso später“ stand. Bundesweit machten Beratungsstellen im Rahmen einer Informationskampagne darauf aufmerksam, dass BNPL-Modelle für viele Menschen ein erhebliches Überschuldungsrisiko darstellen. Besonders weil sich häufige kleine Käufe, Rücksendungen und verzögerte Zahlungen unbemerkt zu größeren Schulden anhäufen können.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung (BAG-SB) warnt zudem, dass BNPL-Finanzierungen durch ihre vielen Zahlungsoptionen, die klare Abgrenzung zwischen einfachem Rechnungskauf und Ratenfinanzierung oft verwischen. Dadurch können schnell zusätzliche Kosten entstehen, ohne dass die Betroffenen es merken. Auch in der Praxis zeigt sich dieses Muster deutlich. Lena Eschle aus dem Präventionsteam der ZSB erklärt: „Jede noch so kleine Forderung wird weitergetragen und dann an ein Inkassounternehmen, sodass sich die Forderungshöhe deutlich vergrößert.“ Sandra Meyer betont, dass diese Kosten nicht zu unterschätzen seien und um 30 bis 40 Prozent steigen können, womit die Betroffenen unmittelbar konfrontiert wären.
Ein Geschäftsmodell mit Leichtigkeit
Laut Eschle gestalten BNPL-Anbieter wie Klarna ihre Angebote bewusst sehr niederschwellig. Meyer ergänzt: „Es ist halt deren Geschäft. Klarna verdient auch daran und es wird in vielen Fällen funktionieren, aber in einigen eben nicht." Vielen Nutzer*innen sei dabei oft nicht bewusst, dass sie ein Kreditverhältnis eingehen. Unternehmensangaben zufolge erzielt Klarna den Großteil seiner Einnahmen aus Transaktionen, insbesondere durch die Gebühren, die Händler für die Nutzung der Zahlungsoption zahlen.
Mehr Schutz durch das Gesetz
BNPL-Angebote gelten laut dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) als Kreditverträge. Bisher fielen Mini- und Kurzzeitkredite unter 200 Euro häufig nicht unter die strengen Verbraucherkreditregeln. Mit der EU-Verbraucherkreditrichtlinie (EU 2023/2225), für die Deutschland bis zum 20. November 2025 die erforderlichen Rechts- und Verwaltungsvorschriften erlassen und veröffentlichen musste, sollen solche Kleinkredite künftig einer regulären Kreditwürdigkeitsprüfung unterzogen werden. Anbieter müssen prüfen, ob Verbraucher*innen die Zahlungen leisten können und sie bei drohender Zahlungsnot frühzeitig auf unabhängige Schuldnerberatungsstellen hinweisen.
Der Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht vor, das Verbraucherschutzniveau deutlich zu erhöhen. Zusätzlich plant das Justizministerium ein weiteres Gesetz, das den Zugang zur Schuldnerberatung erleichtern und diese möglichst niedrigschwellig und kostengünstig gestalten soll.
Meyer begrüßt die neuen Regelungen: „Da tut man ja auch schon einiges, um die Unternehmen dahin zu bringen, vorsorglich zu handeln. Das ist eine gute Entwicklung.“ Ziel ist es, Menschen wirksam vor Überschuldung zu schützen.
Junge Erwachsene stechen heraus
Eine Studie der OECD in Deutschland zeigt, dass 44 Prozent der 16- bis 25-Jährigen bereits BNPL-Angebote genutzt haben. Bei den 16- bis 17-Jährigen sind es 38 Prozent. Besonders beliebt sind diese Angebote bei jungen Frauen. Zwar sind sich viele der Risiken grundsätzlich bewusst, nutzen die Angebote jedoch trotzdem. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele junge Menschen nur geringe finanzielle Grundkenntnisse haben. Wer wenig Kreditkompetenz besitzt, neigt zudem dazu, teurere Transaktionen zu tätigen. Dadurch steigen die Kosten und die Gefahr einer Überschuldung nimmt zu.
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Der Druck durch Social Media
Besonders soziale Medien könnten den Verschuldungsdruck verstärken. Maria berichtet, dass es mittlerweile ein Trend geworden sei, seine Klarna-Schulden auf TikTok zu präsentieren, als wäre das völlig normal. Viele denken: „Wenn das jeder macht, ist es ja nichts Schlimmes.“ Das verleitete sie dazu, noch unbedachter zu bestellen.
Meyer ergänzt: „Es fördert einfach Impulskäufe, schnell zu handeln, obwohl das Geld noch gar nicht vorhanden ist. Die Ware wird ja meist schon am nächsten Tag geliefert und das führt natürlich dazu, dass ich nicht mehr überlegen muss, brauche ich das wirklich.“ Lena Eschle weist außerdem darauf hin, dass vielen Menschen häufig nicht bewusst ist, dass BNPL-Angebote Kredite sind. Dadurch sei die Hemmschwelle geringer und möglicherweise spiele auch der Statusgedanke eine größere Rolle.
Rückweg ist möglich
Heute versucht Maria, ihre Finanzen wieder zu sortieren. Sie habe sich alle offenen Zahlungen und Rechnungen aufgeschrieben und einen Rückzahlungsplan erstellt. Zusätzlich besuche sie regelmäßig die Schuldnerberatung. „Es hilft mir wirklich sehr, auch wenn der Weg nicht einfach ist.“
Meyer betont, dass vor allem Aufklärung und Sensibilisierung entscheidend sind. Junge Menschen sollen verstehen, welche Verpflichtungen sie eingehen, wenn sie Ratenkauf-Angebote wie Klarna nutzen und welche Rechte und Pflichten damit verbunden sind. Sie empfiehlt, vor Anschaffungen erst einmal eine Nacht darüber zu schlafen, um die Entscheidung bewusst zu treffen. Präventionsexpertin Lena Eschle ergänzt: „Wir wollen einen positiven Umgang mit Geld fördern.“ Wichtig ist, vorher zu prüfen, ob man die Ausgaben auch wirklich bezahlen kann.
Maria hofft, dieses Bewusstsein zurückzugewinnen: „Ich möchte irgendwann wieder das Gefühl haben, dass mir die Dinge auch wirklich gehören, weil ich sie endlich komplett abbezahlt habe.“ Meyer beschreibt, dass es ein anderes Gefühl sei, ein Konsumgut vollständig bezahlt zu besitzen und dass dies auch ein Stück Freiheit bedeute. Sie rät jungen Menschen, ihre Käufe sorgfältig zu überdenken, abzuwägen, ob sie diese wirklich benötigen, die Raten realistisch zahlen können und sich bewusst zu machen, dass es sich rechtlich um einen Kredit handelt.
Marias Erfahrung zeigt, wie aus harmlosen Käufen schnell eine ernsthafte finanzielle Belastung werden kann. Ein bewusster Umgang mit flexiblen Zahlungsangeboten wie BNPL ist daher für junge Menschen besonders wichtig.
*Name aufgrund von Anonymität geändert