Rettungseinsatz zwischen Eis und Fels
Alles läuft gut – Jerome dreht eine Eisschraube in die 60 Grad steile Eiswand der Lyskamm Nordwand. Am wolkenfreien Himmel ist die Sonne schon aufgegangen, es ist August und Saisonende. Für Jerome keine ungewohnte Situation. Geplant war die Kammüberschreitung als Aufwärmtour für den Folgetag. Sie sind gut vorbereitet auf den Anstieg. Doch auch bei guter Vorbereitung gibt es in den Bergen immer ein Restrisiko. Jerome greift nach dem Seil und hängt es zügig in den Sicherungskarabiner der Eisschraube. Plötzlich ruft ihm sein Tourenpartner etwas zu, doch zwischen ihnen liegen 20 Meter Seil. Den herabfallenden Stein bemerkt er viel zu spät.
Wie die Berge zur Leidenschaft wurden
Jerome ist sehr erfahrener Alpinsportler. Er entwickelte sich seit 2015 vom Hallenkletterer, über Mehrseillängen in den Tannheimer Bergen, bis hin zu ersten Hochtouren. Drei Jahre später beging er erste Skitouren und betreibt seit 2021 Eisklettern, etwa sechs bis zehn Tage pro Saison. Bis 2024 schloss er immer anspruchsvollere Nordwandtouren ab, zusammen mit seinem Tourenpartner Carsten Rischmüller.
Aufbruch in die Nordwand
Am 8. August 2024 brechen Jerome und Carsten zur Lyskamm Nordwand auf. Der östlich des Matterhorns gelegene Berg ist an seinem höchsten Gipfel ganze 4532 Meter über dem Meeresspiegel. Vorab informieren sich die beiden bei ansässigen Bergführern und Hüttenwirten über die mit Blankeis bedeckte Nordwand. Die Tour sei durch das Blankeis zwar anspruchsvoll, wegen der guten Wetterverhältnisse aber auch bei Saisonende gut begehbar.
Um nicht unter der Höhenkrankheit zu leiden, biwakieren sie zwei Tage vor Start zum Akklimatisieren am Riffelsee. Von dort wandern sie zum Ausgangspunkt der Nordwandbesteigung, der Monterosa-Hütte. Gegen 2 Uhr nachts brechen die beiden bei sternenklarem Himmel zur Nordwand auf. Den Einstieg erreichen sie noch vor Sonnenaufgang und würden den Gipfel laut Zeitplan vor 11 Uhr erreichen.
Wichtige Bergsportausrüstung
Grundsätzlich gilt: Zur Bergausrüstung gehört stets eine zusätzliche Schicht warme Kleidung, sowie eine Regenjacke mit Kapuze, um plötzliche Auskühlung durch Wind oder Nässe vorzubeugen. Unverzichtbar sind ein Erste-Hilfe-Set und eine Notfallstirnlampe. Im Hochgebirge ist ein wasserdichter Biwaksack unerlässlich. Er hält den Körper draußen warm und schützt vor Wind und Regen. In felsigem Gelände ist ein Helm zum Schutz vor Steinschlag sinnvoll. Um Erschöpfung zu vermeiden, sollte stets geländegerechtes Schuhwerk sowie ausreichend Wasser, Verpflegung und Sonnenschutz vorhanden sein.
Quelle: Arne Aerts
Arne Aerts ist erfahrener Bergführer und bewertet die Tourvorbereitung der beiden als gut. Das Saisonende sei grundsätzlich ein schlechter Zeitpunkt für die Tour, in dieser Saison seien die Bedingungen allerdings günstig gewesen. Da die Wand leicht nach Osten neigt und daher schon kurz nach Sonnenaufgang erwärmt wird, hätte er wegen der Steinschlaggefahr einen früheren Startpunkt gewählt. Tauen kann die Eiswand auch ohne Sonnenstrahlung, was durch die schlechteren Sichtverhältnisse bei Nacht ein neues Risiko darstellt.
Der Steinschlag
Seit ein paar Jahren steigt die Zahl der Luftrettungen an – Gründe für den Anstieg sind jedoch nicht nur Selbstüberschätzung und mangelnde Erfahrung. Ob eine Rettung nötig ist, wird nicht nur durch gute Vorbereitung, sondern oft durch Umwelteinflüsse entschieden.
Jerome sieht den auf ihn herabrollenden Stein viel zu spät. Ihm bleibt nur noch Zeit den Kopf zur Schulter zu ziehen, was einen frontalen Kopftreffer knapp vermeidet. Der Stein trifft seinen Kopf seitlich, beim Aufprall wird sein Helm komplett zertrümmert.
„Einzelne Teile sind weggeflogen. Die Plastikplatte hat sich verabschiedet und der Helm darunter ist zerplatzt.“
Er versucht, sich an seinen Eisgeräten festzuhalten, doch hat er keine Chance. Fest verankert ragen sie über ihm aus der Wand. Die Reepschnüre zwischen Gurt und Eisgeräten reißen, als ihn der Aufprall nach hinten schleudert.
Er hat Glück im Unglück, dank der kurz vorher gesetzten Eisschraube stürzt er nur wenige Meter, bevor das Seil ihn auffängt. Keine Gehirnerschütterung, kein Schleudertrauma – so viel können sie nach dem Sturz feststellen. Eine Steinspitze hat den Helm durchgedrungen, er hat eine Platzwunde an seinem Hinterkopf. Auch sein Arm wurde getroffen. Jerome kann ihn zwar anheben, aber nur die Hälfte seines Oberarms bewegt sich nach oben, während die andere leicht gekrümmt nach unten hängt. Von dem Bruch weiß er noch nichts.
Trotzdem bleibt Jerome ruhig, Schmerzen hat er kaum. Durch die Kälte stoppt die Blutung am Hinterkopf ohne Verband. Noch denkt Jerome, er kann in 10 Minuten weiterklettern. Allerdings wirkt er benommen und schnell wird den beiden klar, dass der Abstieg doch zu gefährlich für Jerome ist.
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Rettung naht
Jerome und Carsten entscheiden sich gegen den Abstieg und rufen stattdessen per Notruf die Bergrettung. Eine Entscheidung, die Arne befürwortet. Er betrachtet Steinschlag als eine akute Gefahrensituation, die nicht unterschätzt werden darf. Der Gefahrenbereich kann in einem Helikopter schnell und sicher verlassen werden. Ein Abstieg birgt nicht nur erneute Steinschlaggefahr, sondern auch neue Risiken: Sie entstehen durch mangelnde Konzentration, Stress oder Verletzungen, wie in Jeromes Fall.
In Zermatt sind alle Helikopter im Einsatz, doch Jerome und Carsten haben Glück. Ein Rettungshubschrauber aus dem nahegelegenen Visp erreicht die beiden innerhalb von 25 Minuten. Bei extremen Wetterbedingungen wie starkem Wind, dichten Nebelbänken ohne Sicht oder einem Gewitter, ist eine Luftrettung nicht möglich. „Es besteht ein zu großes Sicherheitsrisiko für die Rettungskräfte”, schildert Arne. In solchen Situationen müssen Verunfallte mit leichteren Verletzungen teilweise mehrere Tage in einer Berghütte auf besseres Flugwetter warten. Ob ein Einsatz stattfindet, hängt von der medizinischen Notlage und dem Risiko für die Rettungskräfte ab.
Nachdem der Helikopter die beiden erreicht, lässt sich ein Bergretter an einem Seil aus dem Helikopter herab. Er erkundigt sich über Jeromes Zustand und hängt ihn in das herabhängende Seil ein. Eine Winde zieht Jerome hoch, bis er neben den Kufen des Helikopters hängt. Innerhalb von vier Minuten fliegen zur Monterosa-Hütte, wo bereits Sanitäter mit einer Trage warten. Während sie sich um Jerome kümmern, holt der Helikopter Carsten und den Bergführer, die noch immer in der Eiswand hängen. Wieder vereint fliegen Jerome und Carsten mit den Sanitätern ins Spital in Visp.
Warum steigt die Zahl der Luftrettungen im alpinen Gelände an?
„Die häufigste Ursache ist tatsächlich mit Abstand Herzkreislaufversagen“, sagt Arne. Jedoch steigt auch die Zahl der unverletzten Geretteten an. Gerade beim Wandern unterschätzen Bergsport-Begeisterte, wie anstrengend eine Tour sein kann. Arne geht davon aus, dass vor allem mangelnde Vorbereitung und Selbstüberschätzung zu Blockaden führen. Die Frage „Wann ist die Zeit gekommen, eine Tour abzubrechen?“, wird sich in den meisten Fällen selten gestellt. Besonders bei Verspätung im Zeitplan oder plötzlichem Umschlagen des Wetters ist es ratsam, einen Abstieg zu erwägen. Arne vermutet, dass seit Corona mehr Menschen in die Berge gehen und daher auch die Zahl der Unfälle zunimmt.
Eine Luftrettung ist – wenn auch notwendig – sehr teuer. Die Kosten belaufen sich je nach Land auf mittlere bis hohe vierstellige Beträge. Im Fall von Jerome und Carsten hat die Rettung etwa 7.500 Euro gekostet, die Behandlung im Spital in Visp weitere 6.000 Euro. In der Mitgliedschaft des Deutschen Alpenvereins (DAV) ist eine Zusatzversicherung enthalten, die Luftrettungen und Krankenhausbehandlungen im alpinen Gelände abdeckt. Da Jerome Mitglied ist, wurden die Kosten anteilig vom Bergsportverein und der Krankenversicherung erstattet.
Was seitdem anders ist
Jerome hatte Glück. Bis auf Schmerzen in der Schulter trägt er keine schweren Folgen von dem Unfall. In seinem Oberarmknochen befindet sich ein mit zwei Querschrauben befestigter Marknagel, der die Knochenheilung unterstützt.
Jerome möchte ihn herausnehmen lassen. Bei einem erneuten Bruch wäre der durch den Nagel entstehende Schaden groß. Ein Risiko, das Jerome seit dem Unfall deutlich mehr beschäftigt, ist Steinschlaggefahr. Früher war es für ihn normal, wenn beim Felsklettern jemand von oben „Stein“ herabrief. Diese Gefahr bewertet Jerome seither nicht nur beim Eisklettern deutlich sensibler, sondern er lässt auch bei allen anderen Bergsportarten mehr Vorsicht walten.
Gute Vorbereitung ist aber nicht nur bei extremen Touren entscheidend. Arne empfiehlt auch beim Wandern Einstiegskurse zu besuchen, eine sorgfältige Tourenplanung, die passende Ausrüstung und – vielleicht das Wichtigste – die realistische Einschätzung der eigenen Grenzen.