13 Fragen

Von der Bubble ins Gespräch

Jo Schück sieht sich als Moderator in der Verantwortung, Meinungen abzuwägen und Mittelwege darzustellen.
13. Febr. 2023
Im ZDF-Format 13 Fragen diskutieren Betroffene und Expert*innen konfliktgeladene Themen und versuchen, einen Kompromiss zu finden. Wie funktioniert konstruktiver Meinungsaustausch? Jo Schück, Journalist und Moderator der Sendung, gibt im Gespräch Einblicke.

Jo Schück (*1980 in Fürth) begann seine journalistische Laufbahn beim Radio. Mit einem Volontariat beim ZDF kam er 2007 zum Fernsehen und wurde hier später Politik-Redakteur. Seit 2014 moderiert er das Kulturmagazin aspekte. Das Debattenformat 13 Fragen hostet Jo Schück seit seiner Premiere im Jahr 2020. Des Weiteren ist er Podcaster und Autor.

Jo, hast Du den Eindruck, dass die Gesellschaft heutzutage gespalten ist und alle in ihren eigenen Filter-Bubbles gefangen sind?

Nein – überhaupt nicht. Ich halte den Terminus „gespaltene Gesellschaft“ für vollkommen verfehlt, weil er de facto nicht stimmt. Man kann sich Meinungsumfragen zu allem Möglichen anschauen und wird dabei immer wieder feststellen: Es gibt einen abgespaltenen Teil, aber in vielen Fragen ist sich die sogenannte Mehrheitsgesellschaft relativ einig. Klar debattieren und streiten verschiedene gesellschaftspolitische Strömungen, aber eine gespaltene Gesellschaft haben wir nicht. Trotzdem müssen wir bei vielen Themen besser ins Gespräch kommen, als es zum Beispiel in den Medien passiert.

Egal, ob du jetzt mit dem Hartz-IV-Empfänger aus Bochum, der Kinderkrankenschwester aus Leipzig oder dem Bundespräsidenten sprichst – am Ende des Tages wollen alle gehört werden.

Jo Schück

Wie hat der digitale Meinungsaustausch die Aufgaben von Journalist*innen verändert?

Seitdem es digitale Medien gibt, hat sich die öffentliche Meinung einer anderen Dynamik unterworfen. Der öffentliche Diskurs speist sich daraus, was auf sozialen Plattformen stattfindet. Ich bin ja nicht nur 13 Fragen-Moderator, sondern auch Reporter für aspekte: Immer wieder habe ich den Eindruck, dass die Menschen ein großes Bedürfnis danach haben, sich persönlich zu begegnen und miteinander zu sprechen. 


Es ist die Aufgabe von Journalist*innen, Leuten eine Stimme zu geben, die ansonsten vielleicht untergehen würden – zurzeit mehr denn je. Manchmal hilft es wirklich, einfach nur zuzuhören. Das klingt so banal, ist aber meiner Erfahrung nach genau das richtige Mittel. Egal, ob du jetzt mit dem Hartz-IV-Empfänger aus Bochum, der Kinderkrankenschwester aus Leipzig oder dem Bundespräsidenten sprichst – am Ende des Tages wollen alle gehört werden.

Die Debatte als ZDF-Format: Bei 13 Fragen stellen sich sechs Teilnehmende einem aktuellen gesellschaftlichen Thema. Aufgeteilt in zwei Parteien mit gegensätzlichen Haltungen diskutieren sie unterschiedliche Aspekte des Themas, gegliedert in 13 Fragen. Durch die Felder des Spielfelds und die eigene Positionierung im Feld können die Teilnehmenden ihre Zustimmung oder Ablehnung zu den Äußerungen ihrer Mitstreitenden ausdrücken. Ziel der Sendung ist es, einen Kompromiss zu finden.

Das Format wird abwechselnd von Jo Schück und Salwa Houmsi moderiert und ist in der ZDF-Mediathek und auf dem YouTube Kanal unbubble zu finden.

13 Fragen ist dafür ein gutes Beispiel. Das Format wurde mit dem Blauen Panther ausgezeichnet. Die Jury sagte: „13 Fragen ist ein erfolgreicher Versuch, der Debattenkultur in Deutschland eine neue und überraschende Richtung aufzuzeigen. Es präsentiert ein wichtiges Beispiel für konstruktiven, also lösungsorientierten Journalismus, der gerade in diesen bewegten Zeiten dringend von Nöten ist.“ 

Welchen besonderen Herausforderungen muss sich der konstruktive Journalismus stellen? Zum Beispiel bei 13 Fragen?

Ich weiß gar nicht mehr, bei welcher Folge es war, aber einmal haben wir uns Trolle eingefangen. Egal bei welchem Thema versuchen die, die Kommentare zu kapern und die Diskussionen kaputt zu machen. Das ist so ähnlich wie der Spruch: „Mit einem Rechtsradikalen über Rassismus zu diskutieren, ist wie mit einer Taube Schach zu spielen. Erstmal kackt sie dir aufs Feld und danach räumt sie die Figuren ab.“ Wenn jemand nur alles kaputt machen will, dann hast du keine Chance, vor allem wenn diejenigen so laut und einflussreich sind.


Durch das Feedback des Publikums merke ich bei 13 Fragen aber immer wieder, dass lösungsorientiertes Diskutieren funktioniert. Es gibt da wirklich einen Bedarf. So viele Leute zeigen sich glücklich und sagen: „Endlich diskutiert ihr auch mal die Grautöne. Und nicht jeder mit dem Knüppel in der Hand, sondern vielleicht eher mit dem kleinen Florett.“

Worin siehst du deine wichtigste Aufgabe als Moderator?

Ich habe mal ein Interview gegeben, in dem es auch um 13 Fragen ging. Es erschien unter dem Titel: „Der Kompromissonkel vom ZDF“. Das sollte ein bisschen hämisch klingen. Ich habe das aber als großes Kompliment aufgenommen. Ich glaube zwar nicht, dass jede Moderation das Ziel haben muss, zueinander zu führen. Und dass, obwohl das Wort „Moderation“ bedeutet, verschiedene Meinungen abzuwägen und einen Mittelweg aufzuzeigen. Aber grundsätzlich sehe ich mich als öffentlich-rechtlicher Moderator schon in der Rolle des Vermittlers. Meine Aufgabe ist es, die Haltung anderer Leute klarzumachen und Argumentationsketten zu verdeutlichen. So können sich die Zuschauer*innen im besten Fall eine eigene Meinung bilden. Durch den Programmauftrag bei den Öffentlich-Rechtlichen ist es unser Job, die Demokratie zu stärken. Und ich glaube, in einer Demokratie bleibt es nicht aus, dass Meinungen aufeinanderprallen und moderiert werden müssen. Wir brauchen davon mehr.

Es ist natürlich etwas anderes, wenn man über Prostitution spricht und dann steht eine Prostituierte da und erzählt, wie sie es erlebt. Das verändert die eigene Sicht auf ein Thema.

Jo Schück

Was ist besonders bei der Moderation von 13 Fragen?

Die Aufgabe der Moderation ist es, den Spielball am Laufen zu halten. Ich vergleiche das manchmal mit einem Tennisfeld: Es sind zwei Mannschaften und der Ball fliegt immer hin und her. Manchmal geht er aber ganz weit hoch oder fliegt schon fast aus dem Feld. Dann ist es mein Job, den Ball zu nehmen und wieder ins Feld zu werfen, damit eine Mannschaft überhaupt die Chance hat, den Ball zu retournieren.

Wenn Diskussionen abdriften, liegt der Ball weit weg vom Feld und keiner weiß, wo er hinspielen soll. Als Moderator oder Moderatorin muss man in diesen Momenten verstehen: „Was willst du eigentlich sagen?“, „Was sagst du?“ und „Wie muss ich es verpacken, damit die Gegenseite darauf auch reagieren kann?“

Es ist cool, wenn ich als Moderator nicht eingreifen muss, weil die Diskussionsparteien sich die Bälle so hin und her spielen. Das ist natürlich der Idealfall, aber tatsächlich eher selten.

Die Kandidat*innen gehen mit individuellen Meinungen in die Diskussion und verlassen sie im besten Fall mit neuen Blickwinkeln. Wie oft kommt es vor, dass du selbst mit neuen Sichtweisen aus einer Folge gehst?

Das ist fast immer der Fall! Im Vorfeld mache ich mir grobe Notizen, was ich am Ende einer Folge zusammenfassend sagen möchte. Ich denke die Diskussion durch, wäge verschiedene Argumente ab und bilde mir dann selbst eine Meinung. Die spielt auf dem Spielfeld natürlich keine Rolle. Mein Resümee muss ich aber trotzdem oft nochmal neu formulieren, weil es nach der Diskussion nicht mehr meiner Meinung entspricht – besonders, wenn keine schwarz-weiß Diskussion geführt wurde, sondern sich viele Schattierungen in der Debatte gezeigt haben. Es ist natürlich etwas anderes, wenn man über Prostitution spricht und dann steht eine Prostituierte da und erzählt, wie sie es erlebt. Das verändert die eigene Sicht auf ein Thema und da geht es mir genauso wie den Diskussionsteilnehmenden.

Welche Tipps kannst du uns als angehende Journalist*innen geben? Insbesondere in Richtung Moderation?

Für mich persönlich war es hilfreich, dass ich nie Moderator werden wollte und der Fokus meiner Ausbildung auf dem Journalismus lag. Moderation lernt man am besten durchs Machen. Ich habe im Campus-TV an der Uni Mainz angefangen, das mal auszuprobieren – und meine Moderation war schon echt kacke (lacht). Ich glaube, ich habe mich seitdem ein bisschen weiterentwickelt. 
Ich warne aber davor, mit einem zu naiven Traum an die Sache heranzugehen. Diese „Joko-und-Klaas-Karrieren“ sind einfach wahnsinnig selten. Es muss viel mehr zusammenkommen als Moderationshandwerk und ein bisschen Quatsch in der Birne. Ich rate dazu, sich selbst zu fragen: „Will ich einfach nur vor der Kamera stehen oder habe ich Bock, journalistisch unterwegs zu sein? “ Um vor der Kamera zu stehen, braucht es nämlich heutzutage nur einen YouTube-Kanal. Ansonsten empfehle ich, das journalistische Handwerk so gut wie möglich zu lernen. So viele Moderationsplätze gibt es einfach nicht. Sollte es mit der Moderation nicht funktionieren, kann man dann trotzdem in jeder Art von Medium sein Geld verdienen.

Dieses Interview haben wir am 25.01.2023 im Rahmen der Gesprächsreihe „Der Wandel im Journalismus“ geführt. Studierende des Studiengangs Crossmedia-Redaktion/Public Relations hatten die Gelegenheit, Fragen an den Gast zu stellen.