Obdachlosigkeit

Ein Europa ohne Dächer

Obdachlose werden oft nicht gern gesehen – trotzdem sind sie ein Teil unserer Gesellschaft, den wir respektieren müssen.
18. Mai 2018

Immer mehr Europäer kommen nach Deutschland und erhoffen sich ein besseres Leben. Armut, Sprachdefizite und Arbeitslosigkeit führen dazu, dass sie wohnungslos werden. So ergeht es auch Svetlozar Makev aus Bulgarien. Was sollte sich also am deutschen Hilfesystem ändern, damit Menschen wie er einen leichteren Start haben?

Es ist 7:05 Uhr. Svetlozar Makev betritt die Tagesstätte für Wohnungslose der Caritas Stuttgart. Die Nacht hat er – wie viele andere auch – in seinem Auto verbracht. Er wirkt müde und bedrückt. Doch hier bekommt er alles, was er braucht: warmes Essen, Kleidung, medizinische Versorgung und eine Dusche.

Makev ist 60 Jahre alt und kam vor eineinhalb Jahren von Bulgarien nach Stuttgart. Er ist einer von vielen wohnungslosen Unionsbürgern, die beim Caritasverband Stuttgart Hilfe finden. Die Zahl der Hilfesuchenden hat sich mehr als verdoppelt. Der Verband zählte im Jahr 2008 rund 300 Betroffene. Acht Jahre später waren es schon über 850 Männer und Frauen. Menschen wie Svetlozar, die in der Tagesstätte ein- und ausgehen, sind oftmals nicht statistisch erfasst. Eine bundeseinheitliche Wohnungsnotfall-Berichterstattung gibt es nicht. Deshalb ist unklar, wie viele tatsächlich das Schicksal von Svetlozar teilen.

Ein Grund für die Wanderungen innerhalb der Europäischen Union sei vor allem der Arbeitsmarkt, bestätigt Harald Wohlmann, Leiter der Abteilung „Armut, Wohnungsnot und Schulden“ vom Caritasverband Stuttgart. Arbeit zu finden, das ist auch das Ziel von Makev. Der Bulgare ist gelernter KFZ-Mechaniker. „Von solchen Menschen kann unser Land profitieren, solange sie eine abgeschlossene Berufsausbildung mitbringen und bereit sind, die deutsche Sprache zu lernen“, sagt Wohlmann. Bundesweit fehlen derzeit knapp eine halbe Million qualifizierte Fachkräfte, wie eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) zeigt.

Die erste große Hürde ist die deutsche Sprache

Doch nicht jeder, der nach Deutschland kommt, schafft es, Arbeit zu finden. Den Menschen fehlen zum Beispiel Berufsqualifikationen oder sie haben es schwer, eine neue Sprache zu lernen. Verständigungsprobleme gibt es auch in der Wohnungslosenhilfe. Kai Koch, Mitarbeiter der Tagesstätte, erklärt, welche Folgen diese mit sich bringen.

Auch Svetlozar Makev scheitert an der Sprachbarriere – trotz gutem Deutsch. Laut Jobcenter würden seine Sprachkenntnisse nicht ausreichen, sagt er. Problem dabei: Ohne einen Arbeitsvertrag oder Familienangehörige, die in Deutschland leben und arbeiten, hat Svetlozar keinen Leistungsanspruch. Das heißt, er kann weder auf Kosten des Staates untergebracht werden, noch bekommt er finanzielle Unterstützung. Er erhält lediglich Grundlegendes wie Essen und Kleidung in der Tagesstätte.

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Wenn EU-Bürger aus dem Ausland zu uns nach Deutschland kommen, haben sie unterschiedliche Rechte und müssen mehrere Hürden überwinden. | Quelle: Lea Dillmann

Dabei müsse jeder Mensch gleichbehandelt werden und das Recht auf eine Unterkunft haben – unabhängig von dessen Nationalität, sagt Emma Nolan. Sie ist Kommunikationsmanagerin von FEANTSA (European Federation of National Organizations Working with the Homeless). FEANTSA ist eine Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Obdachlosigkeit in ganz Europa zu verhindern. Sie vermittelt dabei zwischen über 130 Mitgliedsorganisationen aus 30 europäischen Ländern. Die meisten davon sind nationale und regionale Non-Profit-Organisationen. Durch FEANTSA haben sie ein Netzwerk, in dem sie sich über bisherige Erfolge und Strategien im Kampf gegen die Obdachlosigkeit austauschen können. Außerdem lernen sie die unterschiedlichen Kulturen Europas kennen und wissen besser mit den ausländischen Obdachlosen im eigenen Land umzugehen. 

"In the end we think that every single person is equal and has the right to access basic services."

 

Emma Nolan, FEANTSA

Ein von der FEANTSA gefördertes Projekt heißt „Housing First“. In Finnland wird es schon seit längerer Zeit durchgeführt – mit Erfolg: Vor 30 Jahren gab es rund 18.000 Obdachlose in Finnland. 2016 waren es nur noch 6.644 Menschen. 

Das Prinzip ist einfach: Man gibt obdachlosen Menschen eigenen Wohnraum, um von dort alle weiteren Probleme zu lösen. Eine Unterbringung ist in dem Fall nicht das Ziel im Kampf gegen Obdachlosigkeit, sondern der Beginn. In den eigenen vier Wänden können sich die Betroffenen ganz auf ihre Zukunft konzentrieren: Arbeit finden und sich weiterbilden. Erst dann gelingt der Einstieg in einen geregelten Arbeitsalltag und den Menschen wird zu mehr Eigenständigkeit und Eigenverantwortung verholfen.

Das ist auch Svetlozars größter Wunsch. Durch eine eigene Wohnung hätte er die Chance, Teil der Gesellschaft zu werden und sein Deutsch zu verbessern. Allein könne er die hohen Mietpreise in Süddeutschland nicht stemmen, betont er. Die Notunterbringungen der Wohnungslosenhilfen seien oft überfüllt. Man teile sich zu viert ein Zimmer, Privatsphäre habe keiner, berichtet er. Er befinde sich in einem endlosen Kreislauf: kein Job, keine Wohnung. Keine Wohnung, kein Job. Die Sprachdefizite bleiben. Trotzdem komme eine Rcükkehr nach Bulgarien für ihn erstmal nicht infrage, denn dort sehe er keine Perspektive mehr. Hier in Stuttgart gehe es ihm soweit gut – auch wenn sein einziger Rückzugsort sein Auto ist.