In jedem Zug befindet sich der abschreckende Hinweis gegen Schwarzfahrer | Bild: León Kottmann

edit.Puls Schwarzfahren in Stuttgart
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In jedem Zug befindet sich der abschreckende Hinweis gegen Schwarzfahrer | Bild: León Kottmann

14 Jan 2018

Schwarzfahren ist eine Straftat und doch weit verbreitet. Doch was bringt Leute überhaupt dazu, das Risiko einzugehen, sich strafbar zu machen? Sind finanzielle Gründe entscheidend oder ist es vielleicht sogar der Reiz des gefährlichen Spiels zwischen Jäger und Gejagtem?

In fast jeder Bahn sind sie mit an Bord: Schwarzfahrer. Vielleicht ist der ältere Mann dir gegenüber, der seine Blicke nervös durch das Abteil streifen lässt, einer davon. Oder der Typ neben dir, der mit dem Fuß entspannt zur Musik aus seinen Kopfhörern wippt. Oder aber du bist selbst das schwarze Schaf und hast deswegen diesen Artikel angeklickt.

Die meisten Schwarzfahrer findet man wenig überraschend bei jungen Männern. In einer Studie von SplendidResearch gaben 21 Prozent der 18- bis 29-Jährigen und 17 Prozent der Männer an, gelegentlich vorsätzlich ohne Ticket zu fahren. In dieses Muster passt auch Tim (22), Student aus Stuttgart und professioneller Schwarzfahrer aus Überzeugung. Tim fährt schon fünf Semester schwarz und hat vor, es weiter zu tun. Mal erwischt werden, sei dabei „voll im Budget“, erklärt er und rechnet prompt vor: „Ein Semesterticket kostet über 200 Euro, das heißt, wenn ich im Semester zweimal eine Strafe von 60 Euro zahlen muss, mache ich immer noch einen Gewinn von 80 Euro.“ Um solch kalkuliertes Schwarzfahren zu verhindern, droht die Bahn bei mehrmaligem Auffallen mit einer Anzeige, die mit einer hohen dreistelligen Geldstrafe enden kann. Eine solche Anzeige blieb Tim bis jetzt erspart, obwohl er schon des Öfteren erwischt wurde. Warum, weiß er selbst nicht, aber falls die Anzeige eines Tages kommen sollte, sei das für ihn auch verkraftbar bei dem Geld, was er bis dahin gespart habe.

Schwarzfahren per App

Nicht ganz so berechnend, aber nicht minder gerissen ist Chernya (50). Die Deutsch-Russin fährt seit August regelmäßig schwarz und benutzt dabei die VVS-App. Damit kann Sie während der Fahrt schnell ein Ticket kaufen, wenn Kontrolleure in der Bahn sind. Um diese zu bemerken, muss Sie allerdings aufmerksam sein: „Man kann nicht entspannt Bahn fahren und lesen oder spielen.“ Den Stress nehme sie in Kauf, weil sie sich ein Ticket nur schwer leisten könne. Das benötigte 3-Zonen Monatsticket kostet 112,50 Euro und somit ein Fünftel ihrer schmalen Rente. Obwohl sie durch Berufsunfähigkeit mit 49 in Frührente gehen musste, kann sie nicht das halb so teure Seniorenticket kaufen, weil das nur für Rentner ab 60 gilt. „Ich empfinde das als ungerecht“, sagt sie klar, auch wenn sie ab und zu Gewissensbisse hat: „Es ist nicht richtig, das verstehe ich schon, aber irgendwie muss ich auch schauen, wie ich in die Stadt komme.“ Als sie noch arbeitete, war Schwarzfahren für sie nie ein Thema, jetzt macht sie es regelmäßig und dank der App auch erfolgreich. „Mit dem heutigen Stand der App und ein bisschen Hirn kann man das sehr gut austricksen.“ Dreimal sei sie schon durch das kurzfristige Kaufen eines Online Tickets einer Strafe entgangen, erwischt worden sei sie noch nie.

Als ich Tim von diesem simplen Trick erzähle, antwortet er wissend: „Davon habe ich gehört, aber dafür ist mein Internet zu schlecht.“ Er bevorzugt deswegen eine andere gefährliche Methode: die Angabe falscher Personalien. Dabei erzählt er der Kontrolle glaubwürdig, er habe seinen Geldbeutel mit Ticket und Ausweis leider vergessen. Daraufhin wollen die Kontrolleure etwas sehen, was die falsche Identität untermauert. Dazu hatte Tim eine Zeit lang ein Ringbuch mit dem Namen einer erfundenen Person dabei, was den Kontrolleuren als Beweis reichte. Die Gefahr dabei ist, dass Tim hier nicht nur den Tatbestand der Erschleichung von Leistungen erfüllt, sondern auch den des Betrugs. Beides sind keine Ordnungswidrigkeiten, sondern Straftaten, die unter Umständen vor Gericht landen können. Zur Entlastung der Justiz, wird diskutiert, das zu ändern. Für Tim wäre das eine gute Nachricht. Doch auch wenn es weiterhin eine Straftat bleibt, wird das Tim nicht abschrecken.

Ticketautomaten sind für Schwarzfahrer nur zum Anlehnen gut. | Bild: León Kottmann

Hohe Preise als Ursache?

Auch Gewissensbisse hat Tim beim Schwarzfahren nicht: „Ich habe überhaupt keine moralischen Bedenken, weil der Service der Deutschen Bahn sehr zu wünschen übrig lässt“, erklärt er. Aufgrund der Monopolstellung fehle der Konkurrenzdruck. Deshalb seien die Preise zu hoch und der Service zu schlecht. Trotzdem ist Schwarzfahren als stiller Protest ungeeignet. Deswegen werden die Verkehrsbetriebe wohl kaum ihre Preispolitik ändern. Vor zwei Jahren machten sie einen Vorstoß in die andere Richtung und erhöhten die Strafe für Schwarzfahren von 40 auf 60 Euro. Doch diese Erhöhung brachte „keine signifikante Reduzierung der Schwarzfahrerquote“, so ein Bahnsprecher in der Stuttgarter Zeitung. Vielleicht wäre es Zeit, dem Schwarzfahren durch niedrigere Ticketpreise den Kampf anzusagen.

Der Trend geht jedoch in die andere Richtung. Unbemerkt hat die Bahn zum neuen Jahr nämlich die Preise erhöht. Ein normales 1-Zonen Ticket kostet 2,50 Euro statt 2,40 Euro, und auch der Preis für das Semesterticket wurde von 204 Euro auf 209 Euro angehoben. Zum Vergleich: Der bundesweite Durchschnitt lag 2017 laut einer Untersuchung des Verbraucherportals Netzsieger bei 163 Euro. Die Erhöhungen werden von VVS-Aufsichtsratsvorsitzendem Fritz Kuhn mit vielen Verbesserungen für die Kunden und der Inflationsrate begründet. So logisch das klingt, die richtige Strategie gegen Schwarzfahren ist das wohl nicht. Denn sowohl Tim als auch Chernya ändern bei billigeren Ticketpreisen ihre Einstellung. „Wenn ich weitere Strecken fahre, hole ich mir ein Baden-Württemberg-Ticket, das finde ich angemessen“, sagt Tim. Auch das Feinstaub-Ticket zum Kinderpreis ist ein Angebot, dass beide nutzen. Denn am entspanntesten fährt es sich eben doch mit Ticket.

| Bild: León Kottmann