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Zeitumstellung
Zeiger vor oder zurück?

MEINUNG
Ein Merkspruch zur Zeitumstellung: Im Sommer stellen wir die Gartenmöbel vor das Haus, im Winter zurück. | Bild: Theresa Fürst

Zeitumstellung Zeiger vor oder zurück?

Ein Merkspruch zur Zeitumstellung: Im Sommer stellen wir die Gartenmöbel vor das Haus, im Winter zurück. | Bild: Theresa Fürst
 

22 Mar 2022

Auf den Zeiger geht sie uns allen und ihr letztes Stündlein sollte längst geschlagen haben: Die Zeitumstellung. Ihre Abschaffung hatte die EU bereits 2019 beschlossen – trotzdem ändert sich nichts. Ein Kommentar.

Theresa Fürst

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2020
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Am Sonntag ist es wieder so weit: Die Uhren werden auf die Sommerzeit vorgestellt. Ein Vorteil: So hat der Tag hat nur 23 Stunden – eine Stunde weniger, um sich zu ärgern, dass der Zeitenwechsel immer noch nicht abgeschafft wurde. Kaum einer kann sich merken, in welche Richtung wir überhaupt drehen. Um Klarheit zu schaffen: Im Frühling stellen wir unsere Uhren eine Stunde vor, von zwei auf drei Uhr, und schlafen damit eine Stunde kürzer. Morgens ist es erst später hell, abends dafür länger dunkel. Im Herbst ist es umgekehrt. Als Merkhilfe dient diese Eselsbrücke: Im Sommer stellen wir die Gartenmöbel vor das Haus, im Winter zurück. Doch trotz symbolischer Merkhilfe bleibt die Zeitumstellung eines: chaotisch.

Eine Merkhilfe erleichtert die Zeitumstellung. | Bild: Genial.ly

Seit 1980 drehen wir an der Uhr, ursprünglich um Energie zu sparen und das Tageslicht besser nutzen zu können. Tatsächlich wird etwas Strom gespart: Laut der Zeitschrift Wirtschaftsdienst führt die Zeitumstellung in Deutschland zu einer Ersparnis von knapp einem Prozent des jährlichen Stromverbrauchs privater Haushalte. Eine fünfköpfige Familie spart durch die Zeitumstellung rund 11 Euro jährlich im Vergleich zu permanenter Winterzeit, die als Normalzeit oder auch Mitteleuropäische Zeit (MEZ) gilt. Und dafür drehen wir seit über vierzig Jahren am Zeiger? Viel mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung. Stellt man diese minimale Einsparung den negativen Folgen gegenüber, zweifelt man durchaus, ob sich das Uhrenchaos lohnt. Die Zeitschrift Wirtschaftsdienst empfiehlt daher einen Wechsel zur dauerhaften Sommerzeit. Private Haushalte könnten jährlich rund 383 Millionen Euro einsparen – die fünfköpfige Familie knapp 17 Euro.

Auswirkungen auf den Organismus

Zudem warnen Forscher*innen seit Jahren vor der körperlichen Belastung der Zeitumstellung. Der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen wird gestört. Viele sind weniger belastbar, müde und fühlen sich schlapp. Der Organismus gerät durch den Zeitenwechsel in eine Art „Social Jetlag”, der unsere hochpräzise innere Uhr durcheinanderbringt. Unser Körper orientiert sich schließlich am Sonnenlicht, nicht an der Uhrzeit. Auch für Autofahrer*innen steigt mit der Umstellung auf die Winterzeit die Gefahr von Wildunfällen. Der Feierabendverkehr fällt in die Dämmerung, wenn viele Tiere unterwegs sind.

Die Problematik der EU

In einer Abstimmung des EU-Parlaments im März 2019 einigte man sich auf eine Abschaffung des Zeitenwechsels ab 2021. Trotzdem haben wir auch im vergangenen Herbst am Zeiger gedreht. Der ewige Prozess um eine simple Frage zeigt die Grundsatzproblematik der EU: 27 Meinungen ziehen selten an einem Strang. Es braucht Kompromisse und viel Zeit, um zu einer Lösung zu kommen. Zwar ist die Mehrheit der EU-Staaten für ein Ende der Zeitumstellung, doch auf welche Zeit umgestellt werden soll, steht noch zur Debatte. Länder an den Rändern der Zeitzone trifft es stärker: Im Winter würde in Spanien bei dauerhafter Sommerzeit die Sonne erst um zehn Uhr aufgehen. In Polen wäre es bei permanenter Winterzeit im Sommer um drei Uhr morgens hell. Diese Extreme werden durch die Umstellung gedämpft. Und wenn jeder selbst an der Uhr dreht? Chaos wäre angesagt. Würde jedes Land eigenständig entscheiden, hätte das massive Folgen für Pendler*innen an den Landesgrenzen oder den Bahn- und Flugverkehr. Die Gefahr eines Flickenteppichs besteht: Wenn sich die Länder nicht einigen, hätten wir in Europa verschiedene Zeitzonen. Das will auch niemand.

Doch – soll sich deshalb gar nichts ändern? Allein der eigenen Glaubwürdigkeit wegen sollte die EU den halbjährlichen Zeitenwechsel endlich abschaffen. Seit 2019 steht das Versprechen – einen Schlussstrich zieht allerdings keiner. Dem einen wird es zu spät hell, dem anderen zu früh dunkel. Doch nach drei Jahren Beratung und hohlen Floskeln ist die Zeit gekommen. Und die vergeht in der Tat sehr langsam, wenn es um die Zeitumstellung geht.