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Modedesign
„Wir sind Künstler - wir berichten.“

Alexander Rajswich. Mitbegründer und Headdesigner von Parker Skins. | Bild: Parker Skins

Modedesign „Wir sind Künstler - wir berichten.“

Alexander Rajswich. Mitbegründer und Headdesigner von Parker Skins. | Bild: Parker Skins
 

14 Apr 2021

Zusammen mit seinem Cousin gründet Alexander Rajswich das Modelabel „Parker Skins“. Um das zu finanzieren, bricht er die Schule ab. Doch nicht alles verläuft nach Plan. Im Gegenteil. Über Kunst & Kultur, Flucht & Vertrauen und die Verwirklichung eines Traums.

Niclas Reichelt

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
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Alex, du hast mit 17 Jahren dein Modelabel "Parker Skins" gegründet. Jetzt bist du 22.
Welche Rolle spielt Mode heute für dich?

Viel. Auch wenn du dich nicht in der Szene bewegst oder dich nicht dafür interessierst, gibt es ja trotzdem immer einen gewissen Stil, nach dem du dich kleidest. Für mich ist das der Grundbegriff von Mode. So wie du dich anziehst, wirst du auch wahrgenommen. Kleider machen Leute.
Ob man also will oder nicht, es spielt eigentlich für jeden eine große Rolle.

Passt man sich charakterlich seiner Kleidung an?

Definitiv. Vor allem entwickelt man sich durch die Wahl seiner Kleidung auch persönlich weiter.
Wenn du anfängst, neue Kleidung auszuprobieren, von der du vorher dachtest, du seist nicht der Typ dafür, dann hast du dadurch ja bereits eine gewisse Persönlichkeitsentwicklung hinter dir.

Euer Kollektiv „269“ beinhaltet ja nicht nur dich als Designer, sondern auch Models, Rapper & Producer. Wie hängen Mode und Musik für dich zusammen?

Eng, sehr eng. Das sind zwei Parallelen, die sich nebeneinander ausstrecken. Vor allem bei unserer Gruppe kann man das erkennen. Wir hören unsere Musik und ziehen uns dementsprechend an.

Was macht euer Kollektiv denn aus?

Einer unserer Slogans heißt „Create Culture“. Wir leben nach einer Kultur, nach einer Ideologie. An die passen wir alles an. Zusammen verfolgen wir diesen einen Lebensstil, den wir repräsentieren: Unseren Zusammenhalt als Gruppe, unsere Kleidung, unsere Musik - unsere Kultur.
Die feiert zwar nicht jeder, aber für uns funktioniert sie.

Was wird denn kritisiert?

Wir kriegen oft gesagt, unsere Designs seien zu krass. Das würde nicht jeder kaufen. Aber das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen das an die Leute verkaufen, die unsere Kultur verstehen und auch leben. Wenn wir jemandem Kleidung zu Promotionszwecken schicken, der das dann auf Instagram präsentiert, aber überhaupt nicht fühlt – dann macht das keinen Spaß und bringt auch nichts.
Es müssen halt auch einfach die richtigen Leute sein.

Was meint ihr mit Slogans wie: "Fuck Clothes - we make Pieces"?

Jedes einzelne Kleidungsstück von uns ist tatsächlich ein eigenständiges Kunstwerk. Da steckt wochenlange Arbeit drin, speziell nur für dieses Design. Deswegen sehen wir das auch nicht als Kollektion. Jedes einzelne Stück ist mit Liebe gemacht.

Ihr arbeitet viel mit „dunklem“ Stil und präsentiert dabei oft eine eher negative Weltsicht.

Das liegt vor allem daran, dass wir tatsächlich viel negativ sehen. Das Leben ist manchmal nicht leicht für uns. Wir haben viel Scheiße gesehen, die Hälfte darf ich hier nicht mal erzählen. Wenn du dir unsere Sachen anschaust, verstehst du, dass dahinter eine Message steckt. Wir verleihen damit unseren Gefühlen Ausdruck. Gleichzeitig muss ich sagen: Wir wollen hier nichts verändern.
Wir sind keine Politiker. Wir sind Künstler. Wir berichten.

Und worüber?

Über unsere Erfahrungen. Unsere Sicht auf die Dinge. Es herrscht viel Unverständnis auf der Welt. Das versuchen wir mit unserer Kleidung darzustellen.

Mode und Musik. Mit dem Rapper "Nik $ix" hatte die Gruppe schon mehrere gemeinsame Projekte. | Bild: Parker Skins
"Controlling the System" - Fotoshooting der neuen Designs im eigenen Studio. | Bild: Parker Skins
"Wake up". Viele Motive knüpfen an besondere Filme an. Hier eine Hommage an den Kultfilm "Donnie Darko". | Bild: Parker Skins

Wie kamst du denn zur Mode?

Als ich 17 war, hat mir mein Cousin erzählt, dass er, zusammen mit einem Freund, plant eine Marke zu gründen. Ich habe ihm spontan ein paar Entwürfe geschickt, ihm hats gut gefallen und ich war dabei. Anfangs war das Ganze zwar noch eher eine Ausrede dafür, dass wir uns getroffen und gechillt haben, aber mit der Zeit ist dann ein Konzept entstanden. Eine Weile später, so in der elften Klasse, ging es mir dann nicht wirklich gut. Ich hatte hart mit mir zu kämpfen. Keine Lust mehr auf Schule, keine Lust auf ein Studium. Kunst hätte mich vielleicht interessiert, aber das hätte sich wohl nicht gelohnt. Eigentlich hatten wir ja einen Plan. Das Einzige, was fehlte, war Geld.
Also bin ich arbeiten gegangen.

Und das hat gut geklappt?

Naja. Das meiste Geld haben wir einfach für Party, Alkohol und Drogen ausgegeben. Für Erfahrungen. Das war ne wilde Zeit. Im Hinterkopf war zwar immer der Gedanke: „Wir sind Parker Skins.“ - aber Kleidung haben wir nicht so wirklich gemacht. Wir haben zwar viel Geld in die erste Kollektion gesteckt, aber die hat sich halt kaum verkauft. Dann haben wir nur noch gechillt. Ein Jahr lang. Es ging immer weiter bergab. Wir sind hart abgestürzt. Die ganzen Drogen haben uns einfach kaputtgemacht. Wir waren am Boden. So weit, dass wir uns gesagt haben:
Wenn sich jetzt nichts ändert, gehen wir entweder in den Knast oder wir gehen drauf.

Und was war die Lösung?

Wir haben auf alles geschissen und sind nach Barcelona abgehauen. Wir sind einfach geflüchtet. Für drei Monate nach Spanien. Da haben wir gesagt: „Okay, wir müssen Parker Skins wieder ankurbeln. Das ist der einzige Plan, den wir haben.“ Wir haben versucht, ein Mindset zu entwickeln, haben einen Plan mit Zielen entworfen und geschaut was wir für diese Ziele alles brauchen.
Dann sind wir zurückgekommen und haben sofort losgelegt.

War das nicht eher eine Flucht aus der Realität?

Definitiv. Aber das war der einzige Weg für uns. Wenn es dir so richtig schlecht geht, suchst du nach Möglichkeiten, das zu ändern. Du suchst nach Lösungen. Und wenn es für dich die einzige Lösung ist, dass du die Schule abbrichst oder eben nach Barcelona gehst, dann muss das halt so sein. Ich musste diesen Abstand damals gewinnen und mal ausatmen. Und das hat geholfen. Das hat krass geholfen. In dem Moment muss man an sich selbst denken. Egal ob das Stress mit Freunden, Eltern oder der Partnerin bedeutet. Manchmal muss es einfach sein. Du musst dich fragen: Gehst du den Schritt oder gehst du ihn nicht? Ich bin ihn damals gegangen und kann sagen: Ich bereue nichts. Solange du einen Plan hast und weitermachst, ist alles gut. Dann brauchst du nur Geduld und Vertrauen in dich selbst.

"Fuck clothes we make pieces". Mitglieder des Kollektivs "269" vor der ersten eigenen Plakatwerbetafel. | Bild: Parker Skins

Welche Tipps würdest du jemandem geben, der sich selbstständig machen will?

Du brauchst Wissen. Viel Wissen über strukturelle Abläufe, Arbeitsamt, Finanzamt, Steuern und so weiter. Der Staat hilft dir zwar, aber er erwartet auch, dass du das alles eigenständig regelst. Außerdem Geduld. Stell dich drauf ein, dass es lange dauern wird. Aber wenn du dran festhältst, dann klappt das schon. Du musst einfach dazu bereit sein, Tag und Nacht zu arbeiten. Such dir ein Team, such dir Leute, denen du vertraust und die die gleichen Ziele haben wie du. Nur dann kann der Plan aufgehen. Das bringt mich gleich zum wichtigsten Punkt. Auch wenn manchmal die Kraft fehlt: Halt dich an den Plan. Das wird dich weiterbringen.

Wer oder was inspiriert dich?

Meine Leute. Jeder Einzelne. Jeder hat seine Eigenschaften, seine Stärken und Schwächen. Die schaue ich mir an und lerne daraus. Ich wüsste nicht, wie ich mich ohne sie entwickelt hätte. Gleichzeitig höre ich dabei aber immer auf mich selbst und schaue, was mein Instinkt mir sagt.

Und aus modischer Sicht?

RAF Simons zum Beispiel. Seine Designs haben auch etwas sehr Eigenständiges, Merkwürdiges, was dir im ersten Moment nicht ganz erklärbar erscheint. Man muss erst mal nachdenken, um die Kunst dahinter zu erkennen. Ansonsten achte ich viel auf Details. Einfach Kleinigkeiten, die ich mir rauspicke. Dabei versuche ich aber immer auch eine gewisse Distanz zu bewahren, sodass ich meinen eigenen Stil entwickeln kann.

Wohin entwickelt sich deiner Meinung nach Mode?

Im Designerbereich wird wohl viel mit neuen Technologien gearbeitet werden. Also zum Beispiel Thermotechnik, bei der sich die Farbe des Stoffes durch Temperatureinflüsse ändert. Ansonsten hat Social Media natürlich einen großen Einfluss. Es gibt immer neue Marken – viele kleine Studios mit eigenem Konzept. Da musst du dich natürlich ranhalten, um hervorzustechen. Aber die Entwicklung finde ich gut. Je größer die Konkurrenz auf dem Markt ist, desto eher steigert sich auch die Qualität.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Nächstes Jahr wollen wir nach Köln umziehen und dort unseren Standort aufbauen. Das Highlight ist aber im September. Da findet eine Fashion Show in Mailand statt, mit Laufsteg, Models, Journalisten und allem drum und dran. Darauf liegt momentan der Fokus. Wir haben hier ne ganze Kiste voller italienischer Stoffe, die dafür präpariert, geschnitten und bedruckt werden müssen. Bis September müssen wir also liefern. Und dann kann wirklich alles passieren.

Zum Abschluss: Deine Lebensweisheit?

Die Welt gehört dir, weil du die Welt bist