Das Projekt „Wohnen für Hilfe“, ein Zusammenleben zwischen Generationen – funktioniert das? | Bild: Annelie Mack

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Das Projekt „Wohnen für Hilfe“, ein Zusammenleben zwischen Generationen – funktioniert das? | Bild: Annelie Mack

30 Jun 2019

Eine bezahlbare und zentrale Wohnung zu finden ist schwer, besonders mit dem Budget eines Studenten. Im Gegensatz dazu stehen viele Zimmer der älteren Generation leer, nachdem die Kinder ausgezogen oder der Partner verstorben ist. Diese können Oftmals Hilfe im Alltag brauchen. Schafft es das Projekt „Wohnen für Hilfe“ die Situation beider Parteien füreinander zu verbessern?

Wohnungsnot und hohe Mieten sind häufig Thema im Gespräch unter Studenten. Die Suche nach einem zentral gelegenen, sowie bezahlbaren Zimmer gestaltet sich heutzutage als Herausforderung. Gleichzeitig sind gerade in diesen Regionen viele Menschen hilfsbedürftig und haben im Optimalfall ein leer stehendes Zimmer. Das Statistische Bundesamt veröffentlichte 2017 den Bevölkerungsstand in Deutschland seit 1950. Dieser zeigt, dass in den 60er Jahren die Familien sehr kinderreich waren. Als Folge waren in den 90er Jahren viele Teile der Städte nur von älteren Paaren bewohnt. Kinderzimmer standen leer, während auf der anderen Seite Studenten mit der Wohnungsnot und den steigenden Mieten kämpften. Dieter Timmermann, Präsident des Deutschen Studentenwerks, thematisierte 2017 die Kosten eines Studiums.

 „Der Kostendruck auf die Studierenden nimmt zu, vor allem für das Wohnen. Die Miete bleibt der größte Ausgabeposten.“ – Dieter Timmermann, Präsident des Deutschen Studentenwerks (2017)

Studenten in Darmstadt erkannten bereits 1992 das Potenzial dieser Situation. Sie legten den Grundstein des Projekts  „Wohnen für Hilfe“ in Deutschland. Senioren bekommen Hilfe und Gesellschaft im Alltag von jungen Menschen, dafür bezahlen diese weniger Miete. Wie sich das Zusammenleben gestaltet und welche Aufgaben übernommen werden müssen, wird individuell vereinbart.

Wie kann an Wohnen für Hilfe teilgenommen werden?

  • Ansprechpartner und Vermittler sind Studentenwerke oder soziale Einrichtungen 
  • Vorstellungen und Anforderungen werden in einem detaillierten Fragebogen von beiden Parteien ausgefüllt
  • Vermittler der Wohnpartnerschaft bleiben Ansprechpartner bei Konflikten oder Fragen
  • Nach einem vierwöchigen Probezusammenleben können sich die Parteien für- oder gegeneinander entscheiden
  • Mieter und Vermieter schließen einen tragfähigen Arbeits- sowie Mietvertrag, Mindestdauer ist ein Jahr.
  • Durchschnittlich bleiben die Studenten zwei bis drei Jahre in der Wohnpartnerschaft.

Längst finden solche Partnerschaften nicht nur zwischen der älteren Generation und Studenten statt. Auch Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderungen sind in das Projekt involviert. Das Mithelfen kann Haushaltsaufgaben, Behördengänge oder gemeinsame Ausflüge beinhalten. Ausgenommen sind pflegerische Tätigkeiten jeglicher Art. Als Richtlinie gilt: Pro Quadratmeter bezogener Wohnfläche wird eine Stunde Hilfe pro Monat geleistet. Dazu besteht die Miete aus Nebenkosten wie Strom und Wasser. Heute, nach 27 Jahren, ist das Projekt in 20 Städten zu finden, darunter Stuttgart, Köln und Konstanz.

„Leider musste das Projekt ‚Wohnen für Hilfe‘ in Würzburg eingestellt werden, da keine Finanzierung mehr gefunden werden konnte.“ – Annette Graf, Projektleiterin in Würzburg (2019)

Das Projekt bietet Chancen die Wohnungsnot einzudämmen und ein Zusammenleben der Generationen zu fördern. Dennoch scheiterte es in Würzburg an der Finanzierung. Die Vermittlung der Studentenwerke oder sozialen Einrichtungen ist oftmals kostenfrei. Das Erhalten des Projekts rentiert sich nicht überall, da eine konstante Nachfrage nicht selbstverständlich ist. Nicht jeder kann sich vorstellen, solch eine Wohngemeinschaft zu führen. Vermieter haben, anstatt an dem Projekt teilzunehmen, auch die Option einer Haushaltshilfe. Bei einer Wohnpartnerschaft benötigt es Vertrauen, sich auf eine junge, fremde Person im Haushalt einzulassen. Für die Mieter ist Rücksichtnahme auf die Lebenssituation des anderen notwendig, dabei sind Kompromisse wichtig.

Diese werden in einem Miet- und Arbeitsvertrag miteinbezogen. Wenn der Vermieter gleichzeitig Arbeitgeber ist, bietet das Konfliktpotenzial. Es braucht eine "Buchführung" über die erbrachten Leistungen, um vorzubeugen, dass sich keiner benachteiligt fühlt. Auch ist es teilweise schwierig, Hilfe als Arbeit zu definieren. Die Frage nach der Unterscheidung von Gefälligkeiten und Arbeitszeit kann häufig aufkommen: Wenn ein Student für sich einkauft und dem Wohnpartner etwas mitbringt, zählt das als Einkaufshilfe und kann die Zeit abgerechnet werden? Wann ist Zusammen-Zeit-verbringen Arbeit und wann freundschaftliches Beieinandersein? Hier ist Kommunikation entscheidend, die auch scheitern und zu Unzufriedenheit führen kann. Finanziell lohnt es sich für die Vermieter nicht, da zusätzliche Kosten wie Versicherung und Lohnsteuer auf sie zukommen.

Mit diesen Faktoren wird man in einer Studenten-WG nicht konfrontiert. Betont werden muss, dass dieses Projekt die Wohnungsnot zwar lindert, aber nicht aus der Welt schafft. Ein Ausbau der Wohnheime wird trotz Wohnen für Hilfe“ von Studenten gefordert, da solch ein Zusammenleben nur eine kleine Gruppe an geeigneten und gewillten Personen anspricht. Trotz allem ist es eine Chance viel über sich, andere Generationen und das Zusammenleben zu erfahren. Lässt man sich darauf ein, kann mit Menschen in anderen Lebenslagen eine besondere Freundschaft geschlossen werden.