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Wenn die Heimat nicht mehr das Zuhause ist

Laut dem United Nations High Commissioner for Refugees waren Ende 2020 über 82 Millionen Menschen auf der Flucht. | Bild: Felix Gayer

Integration Wenn die Heimat nicht mehr das Zuhause ist

Laut dem United Nations High Commissioner for Refugees waren Ende 2020 über 82 Millionen Menschen auf der Flucht. | Bild: Felix Gayer
 

21 Jan 2022

Neustart in der Fremde. Nur das Wichtigste in einem Rucksack. Für uns unvorstellbar, für Geflüchtete Realität. Doch allein müssen sie ihren neuen Weg nicht bewältigen – Organisationen wie ArrivalAid in Stuttgart begleiten diese Menschen. Ein Beitrag über gelebte Nächstenliebe.

Sina Peller

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Zwei Hochzeitsfotos, ein bisschen was zu Essen und Kleidung. Das war alles. Nurollah Afzali und seine Frau liefen los. Aus Afghanistan in den Iran und sechs Jahre später dann über die Balkanroute nach Deutschland. Zu gefährlich war es den Beiden unter der Herrschaft der Taliban in ihrer Heimat. Die Nächte verbrachten sie teilweise an Gleisen, Straßen – im Nirgendwo.

40 Tage dauerte die Reise vom Iran nach Deutschland. Unterwegs waren sie zu Fuß, per Bus, Boot und Taxi. „Jetzt nach sechs Jahren, wenn ich mir das überlege, kann ich das selbst nicht glauben, wie ich das geschafft habe“, meint Nurollah Afzali. Und teilt seine ganz persönliche Geschichte. Eine, an der ArrivalAid und Martin Rubin mitgeschrieben haben. 

Rubin ist Leiter von ArrivalAid Stuttgart – einer gemeinnützigen Organisation, die Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund beim Ankommen in Deutschland unterstützt. Aktiv ist sie in München, Frankfurt, Köln und Düsseldorf - seit Ende 2016 auch in Stuttgart. Dort haben 46 Prozent aller Einwohner*innen eine Migrationsgeschichte.

„Der Geflüchtete ist ein Mensch, er ist jetzt hier und wir haben die Chance [...] ihn positiv für unser Gemeinwohl einzusetzen.“  – Martin Rubin, ArrivalAid

Martin Rubin, der eigentlich aus der IT-Branche kommt, war 2021 das erste Mal als Vollzeitkraft bei ArrivalAid im Einsatz. Sein Team besteht aus ca. 80 hauptsächlich ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Sie wollen dafür sorgen, dass Stuttgart zum rettenden Hafen wird. Vorbildcharakter in Sachen Integration hat die Stadt am Neckar schon. Mit Berufsintegrationslotsen für Asylsuchende, dem Refugee Radio des FreienRadio Stuttgarts, der MiMi: der Gewaltprävention von Migranten für Migranten oder eben auch ArrivalAid. 

In Baden-Württemberg werden nach Bayern und Nordrhein-Westfalen die drittmeisten Asylanträge gestellt. Knapp über 15.000 Erstanträge waren es im letzten Jahr. „Also im Prinzip ist mir angesichts der gesellschaftlichen oder auch wirtschaftlichen Entwicklung, die wir haben, eigentlich egal, ob der Mensch jetzt ein Recht auf Asyl hat oder nicht. Ist meine persönliche Meinung“, sagt Martin Rubin und schiebt hinterher: „Der Geflüchtete ist ein Mensch, er ist jetzt hier und wir haben die Chance was mit ihm zu machen, und zwar ihn positiv für unser Gemeinwohl einzusetzen.“ 

Das tun sie bei ArrivalAid, Tag für Tag. Ein Projekt, das dabei heraussticht: „DU schaffst das!“ Dabei wirken Menschen mit, die vor einigen Jahren selbst geflüchtet sind und sich erfolgreich in Stuttgart eingelebt haben. Jetzt berichten und helfen sie anderen Männern und Frauen, denselben Weg zu gehen. Gemeinsam werden Schulen, Messen oder Veranstaltungen besucht, Vorurteile ab- und Selbstvertrauen aufgebaut.

Die Geflüchteten sprechen über ihre Erfahrungen und geben Tipps zur gelungenen Integration. | Bild: Martin Rubin, ArrivalAid
Zwanzig ehrenamtliche Helferinnen und Helfer kamen dieses Jahr zu ArrivalAid Stuttgart dazu. | Bild: Martin Rubin, ArrivalAid
Die meisten, die jetzt Vorträge halten, lernten die deutsche Sprache erst vor wenigen Jahren. | Bild: Martin Rubin, ArrivalAid

Alle Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer, die da vorne stehen und von ihrer Geschichte erzählen, haben selbst bei null angefangen. Menschen, die erst in Stuttgart Lesen gelernt und nie eine Schule von innen gesehen haben. Menschen, die vielleicht gerade mal ihren eigenen Namen auf ein Blatt Papier kritzeln konnten und die jetzt, fünf bis sechs Jahre später, vom Geflüchteten zum Vorbild für andere Geflüchtete geworden sind. 

So wie Nurollah Afzali: Nach Stationen in Passau, Karlsruhe, Heidelberg und Nürnberg ist er in Stuttgart gelandet. Die Anhörungen beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat ArrivalAid begleitet und so auch dafür gesorgt, dass es beruflich weiter ging. „Meine Frau arbeitet als Hauswirtschaftlerin und ich habe die Ausbildung als Kfz-Mechatroniker gemacht“, erzählt er. Auch die Sprache war eine große Barriere. Die beiden konnten kein Wort Deutsch und Englisch, mussten alles neu lernen. Mittlerweile ist Vieles anders. „Jetzt, nach sechs Jahren, fühlen wir uns eigentlich ganz wohl. Wir sind froh, dass wir in Stuttgart leben.“

Afzali ist ein Beispiel dafür, wie gelebte Integration funktionieren kann. Seit 2015 steigt die Zahl der Flüchtlinge, die in Stuttgart eine Ausbildung machen, stetig an. Eine Entwicklung, die die Stadt mit dem Modellprojekt „Stuttgarter Ausbildungsmanagement“ an acht Berufsschulen in Stuttgart weiterführen will. Ausbildungsbegleitende Hilfen oder zusätzliche Sprachförderungen sollen dazu beitragen, dass junge Menschen hier eine gute Integrationsgrundlage finden. 

Auch die Helferinnen und Helfer von Arrival Aid sind bei der Jobsuche für die Menschen da. 33 Prozent aller Gespräche im Jahr 2021 - es waren mehr als doppelt so viele wie im Jahr davor - haben sie rund um das Thema Beruf und Jobfindung geführt. Den größten Teil der Arbeit mit 41 Prozent machen aber nach wie vor Anhörungs- und Klagebegleitungen aus. „Ich habe da so einen Brief bekommen und muss zum Gericht“ – so beschreibt Martin Rubin die Anliegen der Männer und Frauen, die zu ihnen kommen. Dann wird gemeinsam angepackt. Auch wenn Enttäuschung, Frustration, Angst und Perspektivlosigkeit ständige Begleiter sind.

„Dass die Menschen hier so riesige Leistungen bringen, dass ihnen andere Menschen so wichtig sind, das finde ich einfach toll.“  – Nurollah Afzali, Geflüchteter

Wer bei ArrivalAid selbst helfen möchte, braucht vor allem eins: Geduld sowie ein offenes Ohr. In Schulungen wird den angehenden Helferinnen und Helfern dann Alles vermittelt, was für die Beratungsgespräche wichtig ist. 

„Dass die Menschen hier so riesige Leistungen bringen, dass ihnen andere Menschen so wichtig sind, das finde ich einfach toll. So kenne ich Stuttgart. Das ist wunderbar“, meint Nurollah Afzali gegen Ende des Gespräches. Die klischeebehaftete, schwäbische Sparsamkeit, auf die Nächstenliebe hat sie bei ArrivalAid definitiv keine Auswirkung. Und vielleicht haben sich zu den Hochzeitsbildern, die er auf seiner Flucht mitgenommen hat, mittlerweile auch schon welche vom Fernsehturm oder dem Schlossplatz dazu gesellt.

Das Stuttgarter Integrationsmodell

Die erfolgreiche Integration von Nurollah Afzali ist für Stuttgart nichts Ungewöhnliches. Die Landeshauptstadt gilt mit ihrem Integrationsmodell und ihrer Einstellung zur Einwanderung als Vorreiter für ganz Deutschland. Doch wie genau funktioniert der Stuttgarter Weg? Wie definiert man Integration? Und was ist eigentlich ein Welcome Center? Gemeinsam mit der Bürgermeisterin für Soziales und Integration in Stuttgart, Dr. Alexandra Sußmann, klären unsere Redakteurinnen Karolina Bischoff und Hümeyra Tukat diese Fragen in der edit.erklärt-Podcast Folge: „Welcome in Stuttgart – Das Stuttgarter Integrationsmodell“.

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