Data Klimawandel und Artensterben
"Unser Haus brennt"

22 Feb 2019

Greta Thunberg ist die Klimaaktivistin des Jahres. „Unser Haus brennt“, sagte die Teenagerin kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos und spricht dabei vom Klimawandel. Was ist dran? Wo brennt es denn? Ein Blick auf die Arktis.

Greta Thunberg ist der Name, der seit Anfang des Jahres weltweit durchs Netz kursiert. Greta ist erst 16 Jahre alt, witmet sich aber bereits mit Leib und Seele dem Klimaschutz. Erst kürzlich sprach sie auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sich jährlich internationale Wirtschaftsgrößen zusammenfinden. Die junge Schwedin bleibt ihrem Publikum vor allem mit den folgenden Sätzen im Gedächtnis: "Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre. Unser Haus brennt!"

Unser Haus brennt. Damit benutzt Greta, die bereits vergangenen Sommer drei Wochen lang die Schule schwänzte, um für eine bessere Klimapolitik ihrer Regierung zu demonstrieren, eine Metapher, die zum Nachdenken anregt.

Denn ist es nicht so? Schon damals in der Schule geriet niemand mehr in Panik, wenn der Feueralarm losging – ist ja eh nur wieder eine Übung. Ist das mit dem Klimawandel ähnlich? Verstehen wir erst, was passiert, wenn bereits alles in Schutt und Asche liegt?

Eisbären halb ausgestorben?

Dass die Erderwärmung bereits Konsequenzen hat, ist Tatsache: „Mehr als 26.500 Arten sind vom Aussterben bedroht. Das sind mehr als 27% aller untersuchten Arten“ so prangt ein Claim in Großschrift auf der Homepage der Roten Liste IUCN. Die Weltnaturschutzunion veröffentlicht weltweit Listen vom Aussterben gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Der Eisbär, welcher wissenschaftlich auch Ursus maritimus genannt wird und in der arktischen Wildnis zuhause ist, ist eine davon.

Die tatsächliche Zahl aller in der Arktis lebenden Eisbären ist selbst der IUCN nicht bekannt. Laut Schätzungen der Non-Profit-Organisation WWF existieren weltweit noch etwa 22.000 bis 31.000 der Tiere. Diese verteilen sich auf 19 voneinander getrennte Populationen und vier Ökoregionen.

Seit dem Jahr 2000 ist die bekannte Population der Spezies in der Beauford See in Alaska und im Nordwesten Kanadas allerdings um ganze 40 Prozent zurückgegangen. 2004 wurden noch 1500 Eisbären gezählt. Zuletzt waren es, laut Fachzeitschrift Ecological Applications, nur noch 900. Auf IUCNs roter Liste wird der Polarbär als „verwundbar“ klassifiziert. Damit liegt er genau in der Mitte von „nicht berücksichtigt“ und „ausgestorben“. Halb ausgestorben, also?

Das CO2 ist Schuld

Der durch uns Menschen verursachte Klimawandel macht dem Verwandten des Braunbäres schwer zu schaffen. „Das Ökosystem der Eisbären verändert sich derart schnell, dass den Tieren kaum Zeit bleibt, sich anzupassen“, so WWF Deutschland. Um es klarer zu formulieren: Der Boden unter ihren Pfoten schwindet. Das Eis geht immer schneller und immer weiter zurück – und das nicht erst seit gestern.

Hauptverantwortlich dafür ist das bereits in der Atmosphäre abgelagerte CO2, das zu einem Treibhauseffekt führt. Im Durchschnitt betrachtet, haben Treibhausemissionen jedoch aktuell einen Abwärtstrend – zumindest was Europa angeht.

Die durchschnittliche CO2-Äquivalente zeigt zwar über die Jahre zwischen 1990 und 2016 immer mal leichte Schwankungen, insgesamt betrachtet gibt es aber eine deutlich sinkende Tendenz. | Bild: EUA

Das Eis schmilzt

Laut dem Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Polar- und Meeresforschung ist die Situation in der Arktis dennoch nicht verwunderlich. Die Arktis erwärme sich noch viel schneller als der Rest der Welt. Sie sei sozusagen das Epizentrum der globalen Erwärmung, mit Erwärmungsraten, die mindestens beim Doppelten des globalen Erwärmungswertes liegen.

Vorallem das Meereis in der Arktis habe sich sehr stark verändert, seit das Institut dort Satellitenmessungen durchführt, erklärt Renate Treffeisen, Leiterin des Klimabüros für Polargebiete und Meeresspiegelanstieg. „Die Klimaforscher des AWI befassen sich intensiv mit der Abnahme des Meereises. Insgesamt ist das Volumen des arktischen Meereises, das sich aus der Fläche und der Dicke der Eismassen errechnet, seit Anfang der 1980er Jahre durchschnittlich um mehr als neun Prozent pro Dekade zurückgegangen.“ Oder anders gesagt: Die Fläche des arktischen Meereises sei seit Beginn der Satellitenmessungen im Jahr 1978 um mehr als 30 Prozent geschrumpft. „Außerdem ist das Eis heute deutlich dünner“, so Renate Treffeisen.

Während die Meereisfläche 1979 noch über 15,2 Mio. km betrug, so sank sie 2005 mit 13,65 Mio. km Fläche erstmals unter die 14 Mio.-Kilometermarke und gelang, trotz stetigen Schwankungen, seitdem auch nicht mehr darüber. | Bild: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung
Bei einer Erwärmung von 2°C wird die Arktis laut unserer Prognose einmal alle 10 Jahre im Sommer eisfrei sein. – Dr. Renate Treffeisen

Kein Meereis, keine Eisbären

Der Rückgang der Eisbärpopulation hänge mit dem Rückgang des Meereises zusammen. „Durch das fehlende Eis wird den Tieren die Habitatsgrundlage genommen und das Finden von Beute wird erschwert“. Zudem müssten die Eisbären immer größer werdende Distanzen durch Schwimmen überbrücken, welches die Gefahr des Ertrinkens und des Verhungerns erhöhe. Die Säugetiere leben von ihren Fettreserven und das Überleben wird zur Herausforderung.

Noch dazu sei das Meereis als Region für die Fortpflanzung der Tiere wichtig und die reduzierte Beute würde sich auf die Kondition von Muttertieren auswirken. Ob diese damit überhaupt zu gesunden Geburten fähig seien bzw. den Nachwuchs aufziehen könnten – um so die nächste Generation zu sichern – sei daher unsicher.

Doch nicht nur der Eisbär ist betroffen. Auch andere Faktoren wie z.B. die sich verschlechternde Luftqualität, könne sich negativ auf die Gesundheit der Tiere auswirken. „Ob die Tiere auf Dauer vor dem Aussterben bewahrt werden können, bleibt also abzuwarten“, so Treffeisen.

Auch das Ökosystem in der Antarktis ändere sich mit der Zeit durch Veränderungen des Klimas. Dabei sei bisher zu beobachten gewesen, dass einige vom Meereis und vom Krill abhängige Pinguinarten rückläufige Trends in ihren Populationen aufweisen, andere Arten jedoch über einen kurzen Zeitraum zugenommen haben, da diese eisfreie Flächen bevorzugen und von anderer Beute abhängig sind.

Was die Eisbären angeht, so tendieren die momentanen Entwicklungen jedoch zu einem Rückgang der Populationen. Inwiefern Eisbären gegebenenfalls in den Gebieten Grönlands, Kanadas, Alaskas usw. ohne Meereis überleben können, werde die Zukunft zeigen. Das hänge einerseits davon ab, wie schwerwiegend die klimatischen Veränderungen sein werden und anderseits davon, wie anpassungsfähig das arktische Ökosystem ist.

Demnach hat Greta Thunberg wohl nicht ganz Unrecht. Unser Haus brennt vielleicht noch nicht. Aber anderenorts da brennt es.