Oftmals weichen Personen beim Meinungsaustausch auf nicht-für-die-Diskussion-relevante-Themen aus. So manipulieren sie ihren Gesprächspartner. | Bild: Symbolbild Shutterstock

Blickwinkel In Zeiten von "Whataboutism"
"Und was ist mit...?"

Oftmals weichen Personen beim Meinungsaustausch auf nicht-für-die-Diskussion-relevante-Themen aus. So manipulieren sie ihren Gesprächspartner. | Bild: Symbolbild Shutterstock

02 Sep 2020

Viele Menschen gehen bei einer Diskussion in die Offensive, wenn ihnen kein gutes Gegenargument einfällt. Ganz nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ wird, ohne auf die Meinung des Diskussionspartners einzugehen, das Thema gewechselt. Diese Technik wurde nicht erst vor kurzem erfunden, aber nun hat sie einen Namen: „Whataboutism“.

Franziska Nistler

4. Semester
seit Sommersemester 2019/20

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Wenn ich mir auf sozialen Netzwerken die Kommentarspalten ansehe, fällt mir immer häufiger auf, wie wenig sachliche Diskussionen sich unter den Beiträgen befinden. Spätestens seit den #blacklivesmatter Demonstrationen und den erschreckenden Videos vom Tod des Amerikaners George Floyd, dürfte der „Whataboutism“ vielen Menschen wieder ins Auge gesprungen sein. „Aber was ist denn mit dem Rassismus gegenüber Weißen?“

2020 hat hoffentlich jeder verstanden, dass Diskriminierung strukturelle Benachteiligung ist. Wer also zu einer Gruppe gehört, die standardmäßig in einer Gesellschaft die Macht hat, wie zum Beispiel Weiße, kann als Gruppe nicht rassistisch diskriminiert werden.

 

"Anderen geht es auch schlecht..."

Der „Whataboutism“ relativiert ein existierendes Problem, wie dass dunkelhäutige Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden und lenkt so vom Ausgangsthema ab. Menschen, die sich einfach auf ein anderes Thema beziehen, wenn sie sich in die Ecke gedrängt fühlen und ihnen die Argumente ausgehen, gab es schon immer und wird es auch immer geben.  Diese Strategie fällt nur jetzt mehr auf, weil sie im Internet von anonymen Nutzern ständig gelesen werden kann und nicht nur in Diskussionen gehört wird. Beim „Whataboutism“ werden Gegenfragen oder Gegenargumente hervorgebracht, deren inhaltlicher Bezug zum eigentlichen Argument fehlt. Diese abzulenkende Gesprächstechnik sieht man häufig in emotional aufgeladenen Diskussionen in sozialen Netzwerken und in der Politik.

Ein anderes Beispiel für die Gesprächsmanipulation sind Aussagen wie: „Was ist mit Sexismus gegenüber Männern?“ Auf Instagram habe ich viele Beiträge gesehen, die von Sexismus gegenüber Frauen am Arbeitsplatz, der Gender Pay Gap und der Frauenquote handeln. Mindestens genauso viele Kommentare gibt es wenn es darum geht, dass Rechtsextreme besonders gewaltbereit sind. Daraufhin werden Vergleichsbeispiele gebracht, wie: "Aber was ist mit den Linken?", um die Gewalttaten auf der Gegenseite herunterzuspielen. Dasselbe gilt für Kommentare wie: „Beschäftigt euch mal lieber mit der Lage in Syrien. Da ist es schlimmer.“ Der „Whataboutism“ will permanent ablenken mit dem Gedanken, dass es anderen auch schlecht oder sogar noch schlechter geht.

Dabei will man doch mit der Ausgangsproblematik nie andere Probleme in den Schatten stellen, sondern lediglich spezifisch auf ein wichtiges Thema aufmerksam machen. Das eine Problem schließt das andere auch nicht aus. Man kann sich sowohl mit Rassismus, als auch mit der Lage in Syrien beschäftigen. Das Argument ist dabei nicht, dass alle Frauen oder dunkelhäutige Menschen zu jeder Zeit diskriminiert werden und damit den Opferstatus lebenslänglich gepachtet haben, sondern man will verdeutlichen, dass es überall auf der Welt immer wieder ähnliche Machtstrukturen sind, die Menschen davon abhalten, ein freies Leben zu führen.

 

Nichts als ein Ablenkungsmanöver

Für die meisten Menschen ist die Diskussion durch das Anwenden des „Whataboutism“ abgeschlossen. Sie weisen auf die Missstände auf Seiten des Kritikers hin und bringen somit ein Totschlagargument. Die „Gegenargumente“ müssen dabei nicht grundsätzlich falsch sein, aber sie verlagern den Fokus und verhindern so eine tiefergehende Diskussion.

Viele Menschen, die vielleicht etwas Passendes und Brauchbares zur Argumentation beisteuern könnten, werden durch solche Vergleiche nur abgeschreckt, ihre Meinung zu äußern. Es ist ermüdend mitanzusehen, wie sich Menschen immer wieder mit der gleichen Argumentationskette herumschlagen müssen. Wenn man beispielsweise erwähnt, dass es in Filmen doppelt so viele männliche, wie weibliche Rollen gibt, dann bekommt man oft zu hören: "Aber was ist mit den Männern, die Erzieher werden wollen und nicht eingestellt werden?"

 

Die Jagd nach Aufmerksamkeit

Durch einen Themenwechsel anstelle eines guten Gegenarguments bekomme ich den Eindruck vermittelt, dass manche Menschen es nicht hinnehmen können, wenn ein bestimmtes Thema im Mittelpunkt steht. Sie ertragen es nicht, dass nicht gleichzeitig auf alle anderen Dinge, die in der Welt passieren, eingegangen werden kann. Das Verwenden des „Whataboutism“ bedeutet nicht, dass man Problematiken aufdeckt, die „unter den Teppich gekehrt“ werden sollten, sondern man versucht Argumente zu entkräften, indem man dem Gegner das gleiche Verhalten vorwirft.

 

Finde den Fehler (nur nicht bei dir selbst)

Die Problematik mit dem „Whataboutism“ ist auch, dass egal wie viele gute Dinge eine Person leistet, die Menschen immer mit dem Zeigefinger auf andere vorhandene Makel hinweisen und lauthals protestieren: „Aber was ist mit…?“ Ein gutes Beispiel dafür ist mir vor einiger Zeit in der Instagram Story von Bonnie Strange aufgefallen. Sie ist unter anderem Moderatorin und Influencerin. Sie teilte ihren Followern in ihrer Story mit, dass rein pflanzliche Ernährung im Vergleich zu tierischer Ernährung gesünder ist. Damit wollte Bonnie lediglich zum Nachdenken anregen, warum Hunde beispielsweise als süß angesehen werden und alle entsetzt wären, wenn diese liebenswürdigen Wesen auf den Teller kommen würden, wo hingegen Schweine aber als Mahlzeit zubereitet werden können.

Bonnie Strange raucht seit vielen Jahren und macht auch auf ihren sozialen Plattformen kein Geheimnis daraus. Deshalb kommentierten viele ihrer Follower den „Aufruf“ zum gesünder leben mit: „Aber was ist mit dem Rauchen? Das ist auch ungesund.“ Dass Rauchen gesund sein soll, hat die Moderatorin niemals behauptet, dennoch wollen Menschen mit diesem Argument alles, was sie zu einem gesünderen und umweltfreundlicheren Leben beiträgt, damit zunichtemachen.

Ebenfalls sehr beliebt waren die Kommentare „Du fliegst aber auch in den Urlaub…“, wenn es darum geht, dass Bonnie Strange einen umweltbewussten Lebensstil befürworten will. Viele Menschen fühlen sich in ihrem Lebensstil durch Bonnies Aussage angegriffen und wollen deshalb mit einer Gegenfrage kontern. Sie sehen ausschließlich eine Bedrohung, selbst wenn die meisten wissen, dass Bonnie Strange mit ihrem Hinweis richtig liegt.

Anstatt das eigene Verhalten zu hinterfragen oder zu verändern, wird durch die gezielte Fragetechnik von denjenigen, die die Nachhaltigkeit vorantreiben, noch mehr verlangt. Sachlicher und für den Beitrag wertvoller Input wird von solchen Kommentaren verdrängt. Diese erschweren den Lesern den themenbezogenen Meinungsaustausch mit anderen.

 

"What about... a change?!"

Wieso sich mit einem Thema kritisch auseinandersetzen, wenn man auch einfach ein ganz neues Fass aufmachen kann? "Du bist Feministin und gegen Geschlechterrollen? Aber was ist mit deiner Schminke?" Diese Gegenfragetechnik gibt es schon lange, der einzige Unterschied zu vorher ist, dass es nun einen Begriff für den Diskussionskiller gibt. Die Problematik, dass immer öfter auf andere nicht-für-die-Diskussion-relevante-Themen ausgewichen wird, bleibt.

Schade eigentlich, dass die Meisten immer nur dann auf andere Missstände in der Welt hinweisen, wenn sie merken, dass sie gegen die gute sachliche Argumentation der Kritiker nicht ankommen. Ich wäre froh, wenn bestimmte Themen und Problematiken nicht nur angeschnitten werden, weil sie als Ablenkung von der eigenen Unwissenheit dienen sollen. Es gibt viele wichtige Themen, über die diskutiert werden kann und auch muss. Jede Problematik sollte dabei aber einen bestimmten Raum einnehmen dürfen und nicht nur als Einschub verwendet werden.

Viel besser wäre es dagegen, wenn man sich die Meinung des anderen anhört und wirklich versucht zu verstehen, warum jemand dieser Meinung ist. Durch die Anonymität im Internet trauen sich viele Menschen, ihre Meinung einfach direkt und ohne große Überlegung zu äußern. Trotzdem sollte man sich selbst hinterfragen, warum man sich von manchen Kommentaren angegriffen fühlt. Unpassende Äußerungen sind eine Antwort darauf, aber vielleicht hat der andere Diskussionspartner auch einfach recht mit seiner Aussage. Sich eingestehen zu können, dass jemand anderes im Recht ist und man selbst falsch liegt oder sich geirrt hat, kann eine Diskussion viel weiterbringen als der „Whataboutism“.

Angriff ist also nicht immer die beste Verteidigung, denn der Sinn einer Diskussion ist nicht, dass man einfach nur gegen den anderen feuert, um sich selbst gut dastehen zu lassen. Es geht darum, anderen Meinungen gegenüber offener zu werden, die andere Seite zu verstehen und sich selbst mehr Wissen über ein Thema anzueignen. Wer „Whataboutism“ betreibt, hat das nicht verstanden oder noch viel schlimmer: Dem ist eine aufschlussreiche Diskussion schlichtweg egal.