Das Staatstheater Stuttgart | Bild: Franziska Horwath

edit.Puls Hinter den Kulissen an den Stuttgarter Staatstheatern
Unbekannter Applaus

Das Staatstheater Stuttgart | Bild: Franziska Horwath

24 Jan 2018

Das Publikum steht auf und klatscht − minutenlang. Die Schauspieler verbeugen sich.  
Doch wem gilt dieser Applaus? Wir haben drei Menschen begleitet, die die Begeisterung hinter der Bühne in Empfang nehmen und waren fasziniert von der vielfältigen Theaterwelt. 

Überall hängen auf Stoff gemalte Gemälde; wir befinden uns im Malsaal der Stuttgarter Staatstheater. Er ist riesig, so groß, dass wir die Leiterin des Malsaales, Lisa Fuß, erst nicht entdecken. Lisa ist gelernte Bühnen- und Szenenmalerin und war lange als Theatermalerin tätig. „Theatermaler schlagen sich nicht mit der Ideenfindung rum, sondern nur mit der Umsetzung.“ Als Leitung hat sie engen Kontakt mit den Bühnenbildnern. Sie bespricht mit ihnen mehrere Monate vor der Premiere, wie die Pläne umgesetzt werden können. Das Bühnenbild wird oft nicht bewusst wahrgenommen, es hat allerdings eine Wirkung, durch die ein Theaterstück erst vollkommen wird. Daher ist die Materialauswahl ein sehr wichtiger Faktor und eine große Herausforderung. „Wie imitiere ich Backsteinfassaden, Rostflecken oder Beton?“

Lisa - Leiterin des Malsaales | Bild: Franziska Horwath

Jeder Quadratmeter zählt

Die Koordination zwischen den Gewerken gehört als Leitung auch zu Lisas Aufgaben, da oft mehrere Premieren gleichzeitig stattfinden. Sie muss jeden Quadratmeter im Malsaal perfekt ausnutzen, um möglichst effizient arbeiten zu können. „Wenn auf Stellwänden gearbeitet werden soll, müssen diese von der Schreinerei angefertigt werden, somit kommen diese erst sechs bis acht Wochen vor der Premiere in den Malsaal.“ Da das Bühnenbild schon bei den Proben benötigt wird, haben die Bühnenmaler ca. drei Wochen Zeit die Wände zu bearbeiten und fertigzustellen. All das muss bei der Planung berücksichtigt werden. Während also im Theatersaal applaudiert wird, arbeitet Lisa Fuß mit ihrem Team schon am nächsten Bühnenbild.

Zwischen Glitzer und Grusel

Die Farbpalette, mit der Andrea Weyh arbeitet, erinnert ein wenig an einen Wasserfarbkasten. Andrea arbeitet als Maskenbildnerin an den Staatstheatern. „Alles, was im Gesicht passiert und wie es einen Menschen verändern kann, macht mir besonders Freude.“ Das Herstellen von Perücken und das Modellieren von Masken gehört auch zu ihren Aufgaben.

 

Maskenbildnerin Andrea | Bild: Franziska Horwath

Die Maskenbildner besprechen sechs Wochen vor Vorstellungsbeginn mit dem Kostümbildner die Looks der Darsteller. Somit wissen alle genau, was sie zu tun haben, bevor sie das erste Mal den Pinsel in die Hand nehmen. Zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn richtet Andrea ihren Schminkplatz ein und legt alle Materialien bereit. Dann hat sie knapp 90 Minuten Zeit die Künstler in ihre Charaktere zu verwandeln.

Besonders gerne schminkt sie Aufwendiges. „Orpheus in der Unterwelt finde ich klasse. Hier passiert viel mit Glitzer, aber es hat auch einen gewissen Gruselfaktor.“  Hierbei ist ein gutes Zeitmanagement besonders wichtig. „Die Vorstellung fängt keine halbe Stunde später an, nur weil die Maske nicht fertig ist.“

Andrea ist für die Darsteller oft die letzte Station bevor sie auf die Bühne gehen, deshalb zählt es auch immer wieder zu ihrer Aufgabe, den Künstlern ein bisschen ihrer Aufregung zu nehmen.

Andrea zeigt uns, wie man eine Schnittwunde schminkt

Der unsichtbare Helfer

Alexandru Petria hilft den Darstellern, wenn sie ihren Text oder ihren Einsatz vergessen. Sein Arbeitsplatz befindet sich mitten auf der Bühne: im Souffleurkasten. Er ist Maestro Suggeritore an der Stuttgarter Oper.

Der Souffleur ist ein Mitarbeiter des Theaters, der den Schauspielern ihren Text vorsagt, wenn sie ihn vergessen haben. Während der Vorstellung befindet er sich meist im Souffleurkasten, der sich zwischen Orchestergraben und Bühne befindet.

Ein Maestro Suggeritore ist eine Mischform aus Souffleur und Co-Dirigent. Er übernimmt Zeichengebung für Tempo sowie Dynamik, er souffliert den Opernsängern  den Text und gibt ihnen die Zeichen zu ihren Einsätzen.

„Es gibt eine tolle Beziehung zwischen den verschiedenen Abteilungen − es ist wie eine sehr große Familie.“ – Alexandru Petria

Alexandru hat Violine, Klavier und Orgel studiert, außerdem ist er Dirigent. Zudem kann er sieben Sprachen sprechen, was eine wichtige Voraussetzung für einen Maestro Suggeritore ist. Opern werden oft in Originalsprache aufgeführt. Da dies aber meist nicht die Muttersprache der Darsteller ist, hilft Alexandru ihnen bei der richtigen Aussprache.  Ein weiterer Vorteil eines Maestro Suggeritore ist, dass er durch seine Ausbildung als Dirigent die frühen Proben betreuen kann, wenn die Dirigenten nicht vor Ort sein können. Alexandru muss die Texte bei den ersten Proben perfekt beherrschen, deshalb beginnt seine Arbeit schon bis zu sechs Monate vorher.

Alexandru − Maestro Suggeritore | Bild: Franziska Horwath

Lisa, Andrea und Alexandru sind froh, nicht selbst auf der Bühne stehen zu müssen. „Es ist ein Qualitätsmerkmal, wenn unsere Arbeit während der Vorstellung nicht bewusst wahrgenommen wird“, sagt Lisa. Die Anerkennung ihrer Arbeit spüren sie aber auch hinter dem Vorhang. 

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