Der Kampf mit der Schizophrenie | Bild: Stock Photo

Interviews Wenn der Geist erkrankt
„Sie sagen, ich soll ein Messer nehmen und Dich abstechen“

Der Kampf mit der Schizophrenie | Bild: Stock Photo

11 Jul 2018

Immer mehr Deutsche sind psychisch krank. Jeder neunte AOK-Versicherte in Baden-Württemberg wurde 2016 wegen einer Depression behandelt. Für die 27-jährige Lisa (Name geändert) sind besonders schwere Fälle Alltag. Sie arbeitet als Sozialpädagogin in einer Wohngruppe für psychisch Kranke. Die elf Männer, die sie betreut, sind hauptsächlich schizophren. Einige davon haben gemordet oder vergewaltigt. Ein Gespräch über einen Job voller Aggressionen, Verständnis und Respekt.

Ein Stück Wiese, weit und breit keine Menschenseele. Hier treffen wir uns. Lisa sitzt mir gegenüber, während es nur so aus ihr heraussprudelt. Sie redet gerne über ihren Job – das merke ich sofort. Ihre Herzlichkeit gibt mir das Gefühl, sie schon lange zu kennen. Eine lebhafte Frau, die stärker nicht sein könnte.

Neun Stunden am Tag zwischen schizophrenen Mördern und Vergewaltigern.

Das ist mein Job. Wobei man nicht sagen kann, dass wir nur Mörder und Vergewaltiger in der Einrichtung haben. Manche sind auch schizophren und nicht straffällig geworden. Einige Fälle gibt es allerdings schon. Einer hat zum Beispiel seine Mutter erstochen. Der andere seine Lebensgefährtin und Ex-Lebensgefährtin.

Wie verkraftest Du das?

Also am Anfang war es für mich total hart – das muss ich schon sagen. Mir hilft es sehr, wenn ich nach Hause komme und kurz den Tag reflektieren kann. Das mache ich mit einer Person, die mir sehr nahe steht. Mir wird dann auch immer wieder klar: Die Männer sind ganz liebe Menschen, obwohl sie schlimme Sachen getan haben. Sie können – auch wenn das manche nicht verstehen – nichts für ihre Krankheit. Sie werden von ihr gesteuert. Einfach ist meine Arbeit trotzdem nicht. Ich stecke viel Kraft in meinen Job, bekomme von den Männern aber nur wenig zurück. Als ich noch mit Behinderten zusammengearbeitet habe, war das anders. Dieses „Zurückbekommen“ ist eigentlich das, was mich glücklich macht.

Also musstest Du Dich erst an die extreme Situation gewöhnen? 

Ja, das war schwierig. Man kann für die Männer drei Tage lang das „Engele“ sein und plötzlich läuft für sie – doof gesagt – einmal ‘ne Ameise quer. Dann ist alles kacke. Sie haben sich einfach nicht im Griff und werden auch mir gegenüber schnell aggressiv. Das ist echt heftig. Mittlerweile stehe ich allerdings da und finde es wahnsinnig interessant. Ich nutze jede Chance, um mit ihnen spazieren zu gehen. Ich will rauskriegen, was ihnen die Stimmen in ihrem Kopf sagen. Das ist echt spannend, auch wenn ich manchmal schlucken muss. Zum Beispiel, wenn einer meint: „Lisa, sie sagen, ich soll ein Messer nehmen und dich abstechen.“

Was war denn das Extremste, was Dir bei der Arbeit passiert ist?

Da fallen mir zwei Situationen ein. Einmal hatten wir einen Bewohner, der stark drogenabhängig war. Mit ihm war es total schwierig. Wenn er in den Entzug kam, haute er ein paar Tage später wieder ab und kam vollgepumpt mit Heroin und Kokain zurück. Das war, blöd gesagt, die schönste Zeit – da war er am entspanntesten. Als er dann wieder auf Entzug war, ist er völlig ausgerastet. Er hat sich zum Beispiel den Fuß gebrochen, weil er gegen die Tür getreten hat. Wir haben ihn dann ins Krankenhaus gefahren. Danach hat er gedroht, uns mit Aids anzustecken und wollte mit den Krücken auf uns losgehen. War nicht so schön.

Das klingt sehr heftig.

 Ja, aber noch extremer war das mit dem Mädchen. Das ist erst vor kurzem passiert, da hatte ich in einer anderen Gruppe ausgeholfen. Bei uns wurde eine 19-jährige eingeliefert – sie hatte die Diagnose „chronisch suizidal“. Ich wusste gar nicht, dass sowas überhaupt geht. Mit 19. Sie nutzt jede Chance, um sich zu strangulieren oder Sachen zu schlucken, um sich etwas anzutun. Sterben will sie aber eigentlich nicht. In ihrem Zimmer ist alles abgesichert und sie hat auch nur ein reißfestes Kleid an. Darunter keine Unterwäsche – nix. Vier mal am Tag darf sie raus. Dafür bekommt sie dann Kleider – wenn sie wieder im Zimmer ist, muss sie die aber wieder ausziehen und rausgeben. Einmal hat sie sich ausgezogen und die Socken schon so komisch neben sich drapiert. Dann ging alles ganz schnell. Plötzlich hatte sie sich die Socke um den Hals geschnürt und ganz fest zugeknotet. Ich bin dann raus – wir lassen ihr diesen kurzen Moment, den sie durch ihre Krankheit braucht. Dieses Gefühl. Sie hat ihre paar Minuten, in denen sie das sozusagen erleben darf. Das ist so unbegreiflich. Wir holen in der Zeit eine Schere, um ihr das aufzuschneiden.

Denkst Du, dass man eine gewisse Art Mensch sein muss, um diesen Beruf ausüben zu können?

Ich habe früher immer gedacht: „Oh Gott, ich kann das nicht!“ Das ist nur die Angst davor, die Hemmschwelle zu überwinden. Man muss aber schon psychisch stabil sein. Es wurden viele Azubis gekündigt, weil sie es nicht packen. Elf Männer. Wenn du dich da als Frau nicht durchsetzen kannst, hast du verloren. Streng und konsequent muss man sein. Das bringt Vertrauen. Ich mache jeden Scherz mit - aber nein ist bei mir nein. Angst habe ich nicht vor ihnen, aber Respekt. Diese Männer sind eben unberechenbar. Erst ist alles gut, man gibt ihnen die Medikamente und plötzlich schmeißt einer ein Glas gegen die Wand.

Was machst du denn, wenn einer aggressiv wird und du alleine bist?

Wir haben ein Alarmsystem, das über Pager funktioniert. Wenn einer ausrastet, muss man schnell handeln und den Alarm drücken. Dadurch wird eine Person geschickt. Die rennt dann. Auf dem Gelände sind wir alle gleich geschult. Wir wissen, wie wir uns verhalten und welche Griffe wir anwenden müssen. Dazu fällt mir noch eine Situation ein. Einmal kam ein Bewohner in das Esszimmer und war sehr aggressiv. Er hat dann einen anderen Bewohner gegen die Wand gedrückt und niedergeschlagen. Ich habe dann dem Auszubildenden geschrien, er soll den Alarm drücken – ich selbst hatte keinen Pager dabei.  

Gibt es bei Dir überhaupt einen typischen Arbeitstag?

Oh, typisch gibt es eigentlich nicht. Ich checke Medikamente, wir machen Ausflüge mit den Männern und betreuen sie. Typisch für jeden Tag ist eigentlich nur, dass wir sie grundsätzlich motivieren und ihnen in den Arsch treten müssen - wenn man das so sagen darf. Die Männer sind sehr träge und wollen am liebsten gar nichts machen. Sie sitzen am liebsten im Raucherzimmer und unterhalten sich mit den Menschen in ihren Köpfen.

Wie bist Du denn zu diesem Beruf gekommen?

Soziale Arbeit wollte ich schon immer machen. Ich habe auch während der Schulzeit in viele Bereiche reingeschnuppert. Der Ausbildungsbetrieb hat sich dann für ein Duales Studium angeboten. Also habe ich erstmal Soziale Arbeit studiert und dort mit geistig Behinderten zusammengearbeitet. Nach dem Studium hat mich der Betrieb dann gleich übernommen – diesmal aber im Bereich der psychischen Erkrankung. Das fand ich super – eine neue Erfahrung.

Weißt Du denn schon, ob Du dort dein ganzes Leben lang arbeiten willst? 

Ja, das weiß ich. Und zwar, dass ich es nicht für immer machen möchte. Es ist total interessant, was ich hier jeden Tag erlebe und das hat mich auch enorm weitergebracht. Ich habe von den Männern vor allem über mich selbst viel gelernt. Nämlich, auch mal nein sagen zu können – das ist mir früher sehr schwer gefallen. Dort musste ich das lernen. Trotzdem stecke ich so viel Energie in meinen Job und bekomme von den Männern nur wenig zurück. Das ist schon hart. Bei meiner Ausbildungstelle war das anders. Behinderte Menschen geben einem sehr viel zurück. Und das ist eigentlich das, was mich glücklich macht.