Viele interessiert es, wie es sich anfühlt zu sterben. Menschen die eine Nahtoderfahrung erlebt haben, können die Reise zwischen Leben und Tod beschreiben. (Symbolbild) | Bild: Cordula Friz

Interviews Nahtoderfahrung
Sein zweiter Geburtstag

Viele interessiert es, wie es sich anfühlt zu sterben. Menschen die eine Nahtoderfahrung erlebt haben, können die Reise zwischen Leben und Tod beschreiben. (Symbolbild) | Bild: Cordula Friz

29 May 2019

Was passiert, wenn wir sterben? Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Oder doch? Menschen, die sich schon in einer lebensbedrohlichen Lage befanden, berichten in Nahtoderfahrungen oftmals von denselben Phänomenen. Einer von ihnen ist Volker. Er kann sich auch noch nach Jahren genau an sein Nahtoderlebnis erinnern.

Du hattest vor 17 Jahren einen schweren Unfall. Was ist passiert?

Ich bin freitagmittags mit dem Motorrad von der Arbeit nach Hause gefahren. Vor mir hatte sich plötzlich auf der Autobahn ein Stau gebildet. Ich wollte von der rechten Spur auf die mittlere wechseln, aber ich habe zu spät reagiert und bin somit auf die Heckklappe eines Mercedes-Taxi-Kombi gefahren. Mich hat es überschlagen und in die Mittelleitplanke der Autobahn geschleudert. Dort lag ich dann.

Wann hattest du deine Nahtoderfahrung?

Als ich vom Motorrad geflogen bin. Es spielte sich in Bruchteilen von Sekunden ein Kopfkino in mir ab. Mein ganzes Leben wurde als Film gezeigt. Als ich dann auf der Straße lag, hat nichts wehgetan. Ich hatte einen Tunnelblick und alles fühlte sich warm und angenehm an. Ich sah helle, bunte Farben am Ende des Tunnels. So etwas hatte ich noch nie gesehen, das war ein Farberlebnis. Ich fühlte mich wohl.

Was hast du noch empfunden?

Eine Mischung aus Schock, Wohlgefühl, Traurigkeit und Glück. Wie kann man das sagen – da kamen irgendwie alle Gefühle auf einmal. Ich spürte Wärme und hatte keine Angst, was danach passiert. Der Zustand war nicht unangenehm.

Wusstest du in diesem Moment, dass dein Leben zu Ende gehen könnte?

Der Tunnel, den ich sah, war irgendwie weit weg und doch nah. Ich dachte in diesem Moment, dass mein Leben nicht zu Ende gehen darf. Ich muss noch sehen, wie meine Kinder groß werden und leben.

Wann war deine Nahtoderfahrung vorbei?

Als der Notarzt kam und die Ärztin gesagt hat: „Jetzt volles Programm“. Der Krankenwagen und ein Hubschrauber wurden gerufen. Ich habe alles mitbekommen und hatte keine Schmerzen. Vermutlich hatte ich viel Adrenalin in mir, weil ich gar nichts gespürt habe. Viele Lastwagenfahrer sind vorbeigefahren und haben ihre Hörner tuten lassen, die dachten ich bin tot. Mir wurden die Klamotten aufgeschnitten, ich wurde reanimiert und mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen.

Kamen dir bekannte Menschen in deiner Nahtoderfahrung vor?

Ja, meine Frau und meine beiden Kinder.

Was war dein erster Gedanke, als du wieder etwas klarer wurdest?

Ich lag auf der Intensivstation und mir wurde klar: Es ist etwas passiert. Viele Untersuchungen wurden durchgeführt. Meine Frau war auf einem Geburtstag, auf den ich nach der Arbeit auch gehen wollte. Ich musste eine Salzlösung einatmen, damit das Wasser, das sich durch den Aufprall in meiner Lunge gesammelt hatte, wieder rauskommt. Als ich wieder ein bisschen sprechen konnte, habe ich röchelnd gesagt, dass man meine Frau doch bitte anrufen soll.

Hast du dich im Aufwachraum sofort an die Nahtoderfahrung erinnert?

Das ist ein bleibender Eindruck. Ich weiß es heute noch, 17 Jahre später. Das ist ein Gefühl oder Erlebnis, welches mir immer im Kopf bleiben wird.

Symbolbild Himmel Der Aufstieg in den Himmel, die Begegnung mit Verstorbenen oder das Gefühl von Schmerzlosigkeit gelten als typische Formen eines Nahtoderlebnisses. (Symbolbild) | Bild: Cordula Friz

Wie kannst du dir die Nahtoderfahrung erklären?

Mag sein, dass das viele Adrenalin, welches der Körper vermutlich in so einem Schockzustand ausstößt, auch mit dazu beiträgt, dass man sich eigentlich gar nicht schlecht fühlt und einem nichts wehtut. Vielleicht soll die Erfahrung einem auch zeigen, dass es nicht schmerzhaft ist zu sterben und dass es einen Übergang in etwas anderes gibt.

Du bist evangelisch, getauft und konfirmiert. Denkst du, eine Nahtoderfahrung hat eine Verbindung zu einer religiösen Einstellung?

Eher nicht. Ich bin dadurch nicht religiöser oder weniger religiös geworden.

Wie war vor deinem Unfall dein Standpunkt zu Nahtodberichten?

Ich habe durch Medien und Filme von Nahtoderfahrungen gehört, aber ich habe mir nie davon ein Bild machen können. Als ich das am eigenen Leib erfahren habe, stimmen die Berichte irgendwie überein. Ungefähr sind es immer dieselben Formen, wenn man von Nahtoderfahrungen hört.

Wem hast du von deiner Erfahrung berichtet?

Meiner Frau. Meine Kinder waren noch zu jung, um das zu verstehen. Wenn man mich gefragt hat, habe ich meine Erfahrung dem einen oder anderen erzählt. Aber eigentlich möchte man ja das Ganze für sich behalten, da es ein persönliches Erlebnis war.

Kritker halten solche Erfahrungen für Unfug. Was entgegnest du diesen Kritikern?

Ich habe es selbst erlebt, und für mich ist das kein Hokuspokus. Kritiker können diese Meinung nicht teilen, da sie es nicht erlebt haben. Aber wenn einem das ganze Leben in Bruchteilen von Sekunden im Gehirn abgespielt wird, mit klaren und deutlichen Bildern­­­­. So etwas kann man sich nicht einbilden.

Was glaubst du, hat dein Unfall mit deiner Familie gemacht?

Ich weiß es nicht, aber ich denke in dem Zeitraum war der Zusammenhalt sehr groß. Meine Frau hat sich um mich gekümmert, hat mich gefüttert und musste mir auf dem Klo helfen. Ich konnte durch meine gebrochenen Arme auch nicht selbstständig trinken. Wie ein kleines Kind, wie ein Baby. Nicht jeder Mensch kann einem anderen den Hintern putzen, deshalb werde ich nie die Achtung vor meiner Frau verlieren.

Denkst du oft an den Unfall?

Nein. Ich spüre aber jeden Tag meine Blessuren. Seit 2002 ging es gesundheitlich bergab. Du bist ein junger Mann und dann fühlst du dich manchmal einfach wie ein 70-Jähriger, weil Körperteile nicht mehr so funktionieren, wie sie eigentlich sollten.

Und an die Nahtoderfahrung?

Ab und zu. Spätestens jedes Jahr, an meinem zweiten Geburtstag. Seit 17 Jahren nehme ich mir an dem Unfalltag frei, um den Tag zu würdigen.

Hat die Nahtoderfahrung dir die Angst vor dem Tod genommen?

Kann man so sagen. Das Leben ist genial und mit dem Tod ist alles vorbei. Alles was ich mir erarbeitet habe: Familie, den Wohlstand, meine Arbeitsstelle, dass ich jedes Jahr in den Urlaub gehen kann und dass es mir und meiner Familie gut geht. Was wäre, wenn: Dann hätte ich die ganzen Jahre mit meiner Familie und die schönen Tage nicht mit ihnen verbringen können. Ich hätte meine Kinder nicht aufwachsen sehen.

„Ich habe Respekt vor dem Tod, weil das Leben einfach so schön ist.“ – Volker

Wie hat das Nahtoderlebnis dein Leben verändert?

In Situationen, in denen man denkt, es geht einfach nicht mehr weiter, muss man sich erinnern, dass alles viel schlimmer sein könnte. Ich brach mir Brustwirbelknochen, aber hatte Glück: Zwei Wirbel weiter oben und ich säße schon seit 17 Jahren im Rollstuhl. Ich bin mit ungefähr 100 Kilometern pro Stunde auf ein stehendes Hindernis gefahren. Wie ein Vogel oder eine Mücke, die auf eine Scheibe klatscht. Normalerweise müsste man da tot sein. Ein Arzt meinte zu mir: „Wie konnten sie das überleben? Sie haben mehrere Schutzengel.“ Man muss dankbar sein, dass man lebt. Auch wenn mal etwas schiefläuft: Es gibt im Leben immer Höhen und Tiefen. Der Mensch bekommt Schicksalsschläge, welche er nicht gebrauchen kann, aber er bekommt sie.