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Migration
Rom: Die Unsichtbaren

Millionen Flüchtlinge kommen jedes Jahr nach Italien. Die einzige Unterstützung, die sie erhalten, ist von freiwilligen Organisationen. | Bild: Martina Coluccia

Migration Rom: Die Unsichtbaren

Millionen Flüchtlinge kommen jedes Jahr nach Italien. Die einzige Unterstützung, die sie erhalten, ist von freiwilligen Organisationen. | Bild: Martina Coluccia
 

30 Aug 2021

Neben Millionen Touristen*innen kommen auch Millionen Flüchtlinge in die Ewige Stadt. Sie sind auf der Suche nach einer besseren Zukunft, doch was sie hier vorfinden, ist viel Hass und Verachtung.

Martina Coluccia

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Rom die „Ewige Stadt“ ist ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen*innen aus aller Welt. Als Zentrum für Kultur, Kunst und gutes Essen gehört sie zu meinen Lieblingsstädten. Jedes Jahr wird diese prächtige Stadt von ungefähr 15 Millionen Touristen*innen besucht, die sich durch die alten Straßen des Zentrums wagen oder das berühmte Kolosseum besuchen. Ich selbst war oft in Rom, da ein Teil meiner Familie dort lebt. Diesen Sommer bin ich dahin gereist, um Zeit mit ihnen zu verbringen, doch was ich in dieser Woche erlebt habe, geht weit über das touristische Rom hinaus.

Kurzgefasst, Rom hat mir eine Seite gezeigt, die weiter weg vom Trevi-Brunnen oder vom Petersplatz entfernt ist, es hat mir das wahre Rom gezeigt, von den Menschen, die Tag für Tag ums Überleben kämpfen, die „Unsichtbaren“.

Während meines Aufenthaltes in Rom bin ich auf eine Freiwilligenorganisation gestoßen, die seit 2015 Flüchtlingen hilft, eine Heimat zu finden und ein neues Leben abseits von Kriegen, Armut und Angst zu beginnen. Die Organisation Baobab Experience ist das erste „Willkommen“: Flüchtlinge kommen oft direkt von den Landehäfen an. Viele sind Kriegsflüchtlinge, Menschen auf der Flucht vor Hungersnöten, Opfer von Folter und Menschenhandel in Haftanstalten in Libyen oder anderen Grenzländern. Andere sind Transitpassagiere auf dem Weg in ein anderes EU-Land. Bei ihrer Ankunft in Rom finden sie keine Unterstützung und werden auf der Straße zurückgelassen.

Baobab Experience fungiert als Infopoint und erste Anlaufstelle. Die Organisation bietet den Schutzsuchenden eine Notunterkunft mit Zelten, Schlafsäcken, Kissen und Decken. Außerdem erhalten sie hier auch medizinische und psychologische Hilfe. Der Ansprechpartner von Baobab Experience hat er sich als sehr engagiert und bereit gezeigt, die Geschichten und Herausforderungen, denen sich diese Menschen überall stellen müssen, mit mir zu teilen.

Dort angekommen sah ich, wie vor einem Gebäude mindestens 20 junge Männer warteten. Nachdem ich mich vorgestellt hatte, zeigten sie mir sofort die Tür und die Freiwilligen, die sich im Gebäude befanden. Beim Betreten wurde mir bewusst, dass einige Freiwillige die Männer auch in Italienisch unterrichten. Es gelang mir, einen Freiwilligen abzufangen und mit ihm ins Gespräch zu kommen. Murphy ist seit einigen Monaten Volontär bei Baobab, studiert Psychologie in Rom und hilft den Schutzsuchenden jeden Tag. Die Freiwilligen treffen sich täglich von 18 bis 20 Uhr, um Kleidung, Essen und alles, was sonst noch gebraucht werden könnte, zu verteilen. Ich war am Tag der Sprachkurse dort. Murphy erklärt mir auch, dass die Organisation in mehreren Bereichen agiert: Baobab for Jobs, Baobab for Care, Baobab for Housing. Baobab for Jobs bietet den Migranten Unterstützung bei der Ermittlung beruflicher Fähigkeiten. Dies geschieht, indem sie den beruflichen Werdegang rekonstruieren und einen Lebenslauf erstellen. Anhand dieser Daten konzipieren sie spezifische Schulungsmaßnahmen, um den Arbeitsmarkt mit besseren Fähigkeiten, Kenntnissen und einem entsprechenden Nachweis adressieren zu können. Murphy betont mehrfach, dass diese Jungs oft außerhalb Roms und in verschiedenen Bereichen arbeiten. Dies nehmen sie auf sich, um so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln. Während er mir weiter erklärt, wie die Organisation funktioniert, werden wir von einem Jungen Mitte 20 unterbrochen, der ungeduldig fragt, wann das Essen verteilt wird. Murphy antwortet, es sei noch früh und das Essen sei unterwegs, leider müsse er sich noch gedulden. Er erklärt mir, dass viele dieser Flüchtlinge den ganzen Tag nichts gegessen haben. Viele der Menschen, die bei Baobab ankommen, haben Verletzungen oder Schmerzen von der Reise. Hier werden sie medizinisch und psychologisch betreut. Murphy selbst teilt sein psychologisches Wissen als Unterstützung, um diesen Menschen zu helfen.

Außerdem bietet die Organisation Praktika, Ausbildungen, Jobsuche, Immatrikulation an einer Universität, Arbeitsvermittlung, damit jeder ein unabhängiger und eigenverantwortlicher Mensch werden kann. In diesem Zusammenhang wurde die Einrichtung „Baohaus“ gegründet. Das ermöglicht – mit Mitteln aus Solidaritätsbeiträgen und dank eines von der Haiku Lugano Foundation geförderten Projekts – die Unterbringung und soziale Integration von Migranten, die nach Kriterien der Fragilität und des Selbstbestimmungspotentials ausgewählt wurden. Der voraussichtliche Aufenthalt beträgt sechs Monate, in denen Bedingungen für wirtschaftliche Selbstständigkeit geschaffen werden, die Verschiebungen und den Eintritt neuer Gäste ermöglichen. Alle Aufgaben, die theoretisch der Staat übernehmen sollte. Andrea der Präsident von Baobab teilt mit mir seine Empörung über den Umgang des Staates mit dem Thema "Migration". Und so, erzählt er mir die Geschichte von Abou.

Abous Erfahrung

Abou* ist gerade 18 Jahre alt geworden, als er beschließt, Libyen zu verlassen, sein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land. Zusammen mit drei jüngeren Freunden verlässt er sich auf das Meer und fährt auf einem provisorischen Boot voller Menschen wie er. Sie eint alle die Hoffnung auf ein würdigeres Leben. Die Reise ist nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte: Sie ist lang, anstrengend und nach 3 Tagen Fahrt beginnt das Beiboot Wasser aufzunehmen. Sie sind den Wellen ausgeliefert und fast vollständig unter Wasser, als sie von einem humanitären Schiff von Open Arms gerettet werden. Nach dem Aussteigen wird Abou in einen Bus gesetzt. Allein. Er wird von seinen Freunden getrennt, weil er der einzige Erwachsene in der Gruppe ist. Abou ist für ein großes sizilianisches Zentrum in der Provinz Syrakus bestimmt: Er wird hier monatelang bleiben und darauf warten, dass die Dokumente vorgelegt oder zumindest zu den Ämtern begleitet werden, wo er Asyl beantragen kann. Zu viel Zeit vergeht und Abou will nicht mehr unsichtbar sein. Er beschließt, sich wieder auf den Weg zu einer besseren Realität zu machen, die seine menschliche und rechtliche Würde anerkennt und in der sein Traum von Freiheit und Selbstbestimmung wahr werden kann. Er kommt in Holland an. Später wird er nach Belgien gehen, dann nach Deutschland. Doch alle drei Male schafft er es, gerade die Zeit zu bleiben, um die Anerkennung des Flüchtlingsstatus und den Mechanismus der sozialen Eingliederung zu erleben. Er wird aber systematisch nach Italien zurückgeschickt, dem Land, in dem viele Asylsuchende wohl oder übel erstmals in die Europäische Union einreisen. Abou kommt im Alter von 20 Jahren bei Baobab Experience an, nachdem er dreimal nach Italien zurückgeschickt wurde. Nachdem sie eine Notunterkunft gefunden haben, begleiten sie ihn im Einwanderungsamt in Rom, bitten um einen dringenden Empfang im Asylbewerberkreis, dann im Stadtkreis, in der Präfektur und in der Gemeinde Rom. Keine Chance. Abou wird weiterhin von den zuständigen institutionellen Kreisen ignoriert. Aber die Zeit vergeht und in der Hand hat er nur noch ein Stück Papier mit einem zukünftigen Datum, immer weiter entfernt, immer aufschiebbar.

"Ich kann nicht hierbleiben. Ich verschwende meine Zeit, eine Zeit, die ich nicht zurück haben werde. Ich möchte mein Leben leben, studieren, arbeiten, ich möchte nicht für immer eine Last sein." – Abou

Abou beschließt, wieder zu gehen: "Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt". Das Anwaltsteam von Baobab Experience bereitet einen Brief an die Einwanderungsbehörde von Deutschland vor, wohin Abou zurückkehren möchte: Sie erzählen seine Geschichte, sie bezeugen die in Italien erlittene Behandlung, das Fehlen jeglicher Aufnahme, den Zustand der Verlassenheit und legen dar, warum Deutschland ihm die Möglichkeiten gewähren kann und muss, die ihm in Italien verwehrt werden. Abou kam in Deutschland an, überbrachte den Brief und die Unterlagen des Polizeipräsidiums Rom. Dies stellt einen eindeutigen Beweis für ein unwürdiges System dar, in dem keine Aufnahme erfolgt und der Aufenthaltstitel für Asylanträge über Monate oder sogar Jahre nur schwer anerkannt werden kann. Dieses Mal hat Abou gewonnen, dank seiner Stärke und seiner Hartnäckigkeit.

Tatsächlich beschließt Deutschland dieses Mal, die Zuständigkeit für Abous Antrag auf Schutz zu beanspruchen. Italien hat sich dazu nicht fähig gezeigt. Heute studiert und arbeitet Abou in Deutschland.

Abou ist einer der vielen Menschen, die aufgrund der unmenschlichen Bedingungen, der nicht erfolgten Aufnahme, gezwungen wurden, Italien zu verlassen. Der Bundesgerichtshof in Deutschland bestätigte zwei regionale Urteile, in denen festgestellt wurde, dass Asylbewerber aus Italien nicht abgelehnt werden können, weil sie hierzulande „einer ernsthaften Gefahr unmenschlicher und erniedrigender Behandlung“ ausgesetzt sind. Die Gründe für das Urteil zeigen Italien als das, was es ist: ein Land, in dem die Rechte von Asylbewerbern und Flüchtlingen systematisch missachtet und mit Füßen getreten werden. Flüchtlinge haben das Recht auf Aufnahme und Schutz. Sie verdienen ein menschenwürdiges Leben fernab des Landes, das sie zur Flucht gezwungen hat. Solange Italien diesen Schutz nicht garantieren kann, ist es richtig, dass die Menschen woanders Anerkennung ihrer Rechte finden und nicht dorthin zurückgeschickt werden, wo nur die Straße auf sie wartet.

Zwei sehr berührende Geschichten, die aber im Detail den ganzen Horror widerspiegeln, den diese Menschen durchmachen mussten. | Bild: Martina Coluccia / Inhalt: Baobab Experience

Als ich mit einigen der Wartenden im Gespräch kam, merkte ich, wie distanziert sie waren. Sie wollten mit mir reden, aber nicht über ihre Vergangenheit und nicht über alles, was ihnen passiert war. Verständlich. Ich konnte die Angst in ihren Augen sehen. Nachdem ich mit den Freiwilligen gesprochen hatte, verstand ich, warum sie mir nicht vertrauten. Da ich über sie schrieb, befürchteten sie, dass die Aufmerksamkeit, die sie durch meine Reportage erhalten, Probleme mit dem Staat verursachen könnte. Die Aufnahmezentren von Baobab Experience wurden in sechs Jahren 41-mal geräumt. Es gab immer andere Ausreden. Bevor es in dieser winzigen Einbahnstraße platziert wurde, befand sich das Zentrum von Baobab in einer ganz anderen Gegend von Rom. Diese war größer und zugänglicher. Für die Freiwilligen war es viel einfacher, Zelte und Unterkünfte für Flüchtlinge aufzubauen, was mittlerweile nicht mehr möglich ist. Der Grund für diese letzte Räumung, war, dass durch die Verteilung von Essen und Kleidung zu viele Menschen sich gleichzeitig da befanden. Ein sehr relevantes Problem bei dieser Pandemie, und all das obwohl einige geimpft waren und andere Masken trugen. Der Verein prangert an, dass die Dokumente von Migranten und Flüchtlingen, die Tische für die Essensausgabe und das persönliche Eigentum der Obdachlosen weggeworfen wurden. In einem Beitrag von Federica Angeli, die Delegierte der Bürgermeisterin für die Vororte, feiert und unterstreicht sie die Wiederaneignung eines Platzes und die Tatsache, dass er mit Blumen und Pflanzen ästhetisch ansprechender wird. Umso die „unangenehme“ Ästhetik und den Anblick der dort stationierten Obdachlosen zu vergessen.

Plötzlich werden wir wieder unterbrochen. Diesmal durch eine Lieferung eines anderen Freiwilligen. Endlich ist das Essen da. Eine Aufbewahrungsbox voller Spaghetti mit Tomatensauce und eine Tüte voller Brot. Nach ungeduldigem Warten stellen sich alle an den Tisch, auf den der Volontär das Essen gestellt hat und bedienen sich. Ich verstehe, dass es für mich an der Zeit ist zu gehen und sie in Ruhe das wohlverdiente Essen genießen zu lassen.

Was ich bei dieser Erfahrung nie vergessen werde, sind wahrscheinlich die leeren, aber ängstlichen Blicke dieser Leute. Sie fliehen nicht nur aus Ländern mit Krieg und Gewalt, sondern erfahren bei ihrer Ankunft nur noch Hass und Verachtung. Migration sollte nicht als Notfall betrachtet werden, sondern als kontinuierliches und normales Phänomen in unserer Gesellschaft Ein Phänomen, das nicht mit Angst betrachtet, sondern mit Solidarität und Wertschätzung akzeptiert werden sollte. Der Staat selbst sollte die Pflicht haben, in eine einladende und sicherere Gesellschaft zu investieren.

* Namen wurden geändert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.