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Interview
„Ohne Kunst wäre ich wahrscheinlich nicht mehr da.“

Ravel (21) lebt sowohl von als auch für die Kunst. | Bild: Raphael Salim

Interview „Ohne Kunst wäre ich wahrscheinlich nicht mehr da.“

Ravel (21) lebt sowohl von als auch für die Kunst. | Bild: Raphael Salim
 

14 May 2021

Seine abstrakten, fliegenden Figuren sorgen in der Bonner Kunstszene für Aufsehen. Der junge Künstler Ravel spricht über seine große Leidenschaft: die Kunst, Probleme in der Schule, Corona und seine Visionen für die Zukunft.

Timon Herwig

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Wintersemester 2019
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Du malst Leinwände, sprühst Graffiti, bringst nachhaltige Mode raus, kümmerst dich um mehrere Social-Media-Accounts und tätowierst neuerdings auch noch.
Wie würdest du selbst deinen Beruf bezeichnen?

Künstler. Vollblut-Künstler. Ich mache einfach alles was mit Kunst zu tun hat.

Was macht dir von den ganzen Sachen am meisten Spaß?

Alles macht gleich viel Bock. Weil alles dasselbe ist, nur auf anderen Oberflächen. Es ist wie ein Graffiti, das ich male, nur auf Menschen oder T-Shirts. Dieses Schöpferische ist überall zu finden.

Zusammen mit Aaron Künsting bildest du das Künstlerduo Ravel x Harro.
Wie kam die enge Partnerschaft mit Aaron zustande?

Das war ein fließender Übergang. Wir kennen uns vom Graffiti sprühen. Mit der Zeit wurde die Freundschaft enger. Seit wir zusammen in dieser Bonner Altbauvilla wohnen und arbeiten, haben wir die Zeit echt gut genutzt. Unzählige Leinwände gemalt. Vor Corona haben wir fast jeden Monat eine Ausstellung gemacht.

Aber ihr seid nicht mehr draußen zum Sprayen unterwegs.

Nein. Das ist uns das Risiko echt nicht wert. Wir haben mittlerweile viel zu verlieren. Wenn unsere Computer, auf denen alle Designs drauf sind, eingezogen werden, dann ist alles futsch, was unser Leben gerade ausmacht.

„Die Bilder sind wie Schutzengel für mich.“ – Ravel

Wie teilt sich eure Zusammenarbeit auf?

Wir ergänzen uns gut. Er denkt und arbeitet viel strukturierter als ich. Ich bin sprunghafter. Das sieht man auch in unserer Kunst. Aaron kann richtig anpacken. Er hat diesen Spachtel in der Hand und bringt Struktur in Sachen. Er macht die abstrakte Komposition. Das ist bei den meisten Projekten praktisch die Farbgebung im Hintergrund. Ich male dazu dann meine fliegenden Figuren. Dabei reagiere ich darauf, was er vorgibt. Ich sehe in seiner Struktur meine Figuren und kann die dann auch umsetzen. Das ist dann vermutlich das Künstlerische in mir, meine „Begabung“.

Beschreib mal eure Werke.

Es ist schöne Kunst, die beruhigt.
Ich setze auch nur Figuren um, die mich selbst irgendwie runterbringen. Da geh ich nicht auf Thematiken ein. Ich kann dir alles malen, was du dir nicht vorstellen kannst.
Das ist einfach ein Zusammenspiel von Farben und Figuren, die möglichst ästhetisch zusammenstehen. Unsere Werke sollen einen aus der schnelllebigen Welt, mit den ganzen Problemen, die uns um die Ohren schweben, herausholen. Mein Zimmer hängt voll mit Bildern. Es beruhigt mich einfach, die Kunst um mich zu haben. Die Bilder sind wie Schutzengel für mich.

Was ist Kunst für dich?

Alles ist Kunst. Das hat kein Ende, das hat keinen Anfang. Kunst gibt's schon immer, Kunst wird es immer geben. Für manche ist Kunst die Spiegelung der menschlichen Psyche, aber für mich ist sie weitaus mehr als das. Für mich ist Kunst Therapie. In ganz, ganz schwierigen Zeiten war Kunst alles für mich. Das ist meine Rettung gewesen. Ohne Kunst wäre ich wahrscheinlich nicht mehr da. Das hat mir alles gegeben. Alles worüber ich rede kommt daher! Ich kann mir nicht vorstellen, jemals nicht zu malen. Ein Leben ohne Kreativität wäre für mich nicht lebenswert.

Das Künstlerduo Ravel x Harro. (links Aaron Künsting, rechts Raphael Salim) | Bild: Raphael Salim
Frauen und Musik inspirieren den jungen Künstler besonders. | Bild: Raphael Salim
Ravel befindet sich ganz in seinem Element. | Bild: Raphael Salim
Die beiden Künstler in ihrem Wohnhaus und Atelier, einer Bonner Altbauvilla. | Bild: Raphael Salim
Der auf vielen Bildern zu sehende hochhackige Schuh ist eine Anlehnung an alte Schallplatten-Cover aus der Funk-Musik, auf denen sowohl Männer als auch Frauen hohe Absätze trugen. | Bild: Raphael Salim
Im Atelier arbeitet Ravel auch mal mit ausgefallenen Stoffen. | Bild: Raphael Salim
Diese Fotomontage zeigt eine eher ungewöhnliche Transportmethode. | Bild: Raphael Salim
„Unsere Bilder soll man sich mit Freude aufhängen und ansehen.“ | Bild: Raphael Salim

Woher nimmst du diesen Antrieb?

Vieles hat sich bei mir aus einer Unzufriedenheit entwickelt. Ich möchte daher etwas verändern. Die nachhaltige Mode ist dabei nur ein kleiner Teil. Ich will vor allem mit meiner Kunst Einfluss nehmen. Kunst ermöglicht es, bewusst in die Zukunft zu denken. Mein Anspruch ist, mit meiner Kunst etwas zu bewegen. Ich hoffe, ich bleibe immer dabei und folge immer genau dieser Vision: Die Welt so positiv zu hinterlassen, wie es nur geht.

Du warst unzufrieden damit, wie du in der Schule behandelt wurdest.

Ich war ein verhaltensauffälliges Kind. ADHS oder sonst was. Nach jeder Stunde hat mein Lehrer einen Smiley eingekreist, wie ich mich benommen hab. Dabei hatte ich ganz andere Probleme zu der Zeit. Meine Mutter war schwer krank und dann haben sich meine Eltern auch noch getrennt. Keiner hat gefragt, wie es mir geht. Hauptsache so ein Smiley-System, dass der Junge die Fresse hält. Das ist so bescheuert. Ich würd gerne irgendwann ne Stiftung für verhaltensauffällige Kinder gründen. So Leute müssen gefördert, anstatt gebrochen zu werden.

Wie kamst du letztendlich zu dem Entschluss, selbstständiger Künstler zu werden?

Ich hatte keine Wahl. Seit ich zwölf bin, habe ich mit kleinen Jobs mein Taschengeld aufgebessert – im Weinberg und so. Wenn ich da geschuftet hab, war ich so depressiv. Ich konnte das einfach nicht. Auch mit Schule kam ich nicht klar. Ich kam mit Garnichts klar, außer mit Kunst. Ich hab meinen Eltern zu Liebe wirklich versucht irgendwas Vernünftiges zu machen, aber es ging einfach nicht.

Gab es einen konkreten Moment, in dem dir das klargeworden ist?

Als ich zu meiner Lehrerin an der Fachhochschule gesagt hab, dass ich Künstler werden möchte, meinte sie nur: „Nein, das wird nichts. Das kannst du nicht!“ Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Ich bin von da abgehauen und nie mehr wiedergekommen. Hab mir gesagt: „Scheiß drauf, du ziehst das jetzt durch.“ Und hab es seitdem tatsächlich irgendwie durchgezogen.

Und wie lebt es sich nun als freischaffender Künstler?

Phasenweise. Durch unsere Ausstellungen wurden Leute auf uns aufmerksam. Da kommt natürlich auch mal was rein! Momentan lebe ich dafür von der Hand in den Mund. Aber ich genieße das sehr. Natürlich habe ich derzeit viel weniger Geld und weiß auch nicht, wann ich das nächste Mal wieder welches verdiene. Aber irgendwie macht mir das manchmal auch Spaß, so zu leben. Ich male dann anders. Wenn man Geld hat, kann man nicht so gut kreativ sein.

Kannst du denn gut mit Geld umgehen?

Haha nein. Ich werfe es zum Fenster raus.

„Unsere Kunst lebt davon, dass Menschen sie sehen. Die Energie musst du spüren.“ – Ravel

Hast du schon mal darüber nachgedacht einen einfacheren Weg zu gehen?

Wenn du das tust, was du liebst, dann gibt es keinen „einfacheren“ Weg. Egal, ob du Geld hast oder nicht. Warum soll ich nicht das tun, was ich liebe? Eigentlich will ich nur glücklich sein und glücklich sein, heißt: das zu tun, wobei du glücklich bist. Und das ist bei mir eben Kunst. Ich lebe momentan echt meinen Traum.

Corona hat dir dabei ganz schön Wind aus den Segeln genommen.

Übertrieben. Das war ein sehr maues Jahr. Wir hatten alles komplett mit Ausstellungen voll geplant. Waren bei Galeristen im Gespräch. Haben uns in Bonn die Basis geschaffen und wollten jetzt den nächsten Schritt nach Köln und Düsseldorf machen. Da ist jetzt einfach überall Stillstand. Unsere Kunst lebt davon, dass Menschen sie sehen. Nicht nur im Internet. Die Energie musst du spüren.

Hatte die Coronakrise denn auch was Positives an sich?

Auf jeden Fall. Ich war vorher so krank unterwegs. Völlig unter Strom. Ich war ein halbes Jahr nur im Rausch, 24/7, Arbeiten oder Party. Wenn ich so weitergemacht hätte, wär ich irgendwann umgekippt. Außerdem hab ich wieder viel mehr gemalt. Ich habe meine Liebe zur Kunst wiedergefunden. Die ist mir durch die ganzen Ablenkungen ein bisschen flöten gegangen.

Wie alt warst du, als du dein erstes Geld mit Kunst verdient hast?

Ich hab schon früh verstanden, dass ich mit Kunst Geld verdienen kann. Schon in der Schule hab ich meinen Mitschülern für ein paar Euro Bilder für den Kunstunterricht gemalt. Die sollten mal schauen, ob sie die Bilder noch haben, die werden irgendwann mal viel wert sein. Hoffentlich…

Was waren deine größten Projekte bisher?

Ein riesiges Wandgemälde für Greenpeace und demnächst die Alnatura Filiale in Bonn-Beuel.

Nicht schlecht.

Jo. Meine Lehrerin würde wahrscheinlich große Augen machen.

Der bislang schönste Moment, deiner noch jungen Karriere war?

Definitiv unsere erste Ausstellung.
Meine Mutter sagt mir zwar immer noch: „Such dir nen Nebenjob!“ Aber das war der Punkt, wo es bei den Leuten in meinem Umfeld ‚Klick gemacht‘ hat. Da wusste ich: „Jetzt glauben Sie's. Jetzt glauben Sie mir, dass es klappt!“

Das ist das erste Interview, das du jemals gegeben hast.
Welchen Satz möchtest du unbedingt noch darinstehen haben?

Das ist jetzt an mich gerichtet, wenn ich das selbst irgendwann später nochmal lesen werde:
„Ravel, ich hoffe, du hast mindestens ein Bild für eine Millionen Baum-Pflanzungen verkauft.“
Das ist doch mal ne Vision.

Das Greenpeace Mural, anlässlich des 75. Jahrestags von Hiroshima und Nagasaki, prangt an einer Grundschule in der Bonner Altstadt. | Bild: Raphael Salim
So könnte die Alnatura Filiale in Bonn-Beuel bald aussehen. | Bild: Raphael Salim
Zu Beginn der Pandemie kleidet Ravel berühmte Statuen in Bonn mit Corona-Masken aus übriggebliebenen Stoffresten ein. Damit will er Aufmerksamkeit für Künstler erregen. | Bild: Raphael Salim
Neben den Bildern wird auf den Ausstellungen des Duos auch Ravels Mode präsentiert. | Bild: Raphael Salim
Mit dem Tätowieren hat der Künstler eine neue Nebentätigkeit sowie Inspirationsquelle gefunden. | Bild: Raphael Salim
Eine der Skizzen, mit der sich Ravel an einer Kunstakademie beworben hat. | Bild: Raphael Salim