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Albertina Pangula. | Bild: Nhi Hoang

Sex&Identität Rassismus
Wenn Fremde dir das Deutschsein absprechen

Albertina Pangula. | Bild: Nhi Hoang

20 Dec 2020

Albertina Pangula (23) wuchs im fränkischen Nürnberg auf und studiert heute an der Universität Passau Medien und Kommunikation. Wie fühlt es sich an, als Schwarze Frau in einer weißen Mehrheitsgesellschaft zu leben? Ein Interview.

Nhi Hoang

Crossmedia Publishing & Management
seit Wintersemester 2020/ 2021
KulturSozialesGesellschaft

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Albertina, wie nimmst du dich selbst wahr? 

Ich sehe und bezeichne mich zu 100 Prozent als Schwarz. Gleichzeitig bin ich aber auch afrodeutsch. Darin sehe ich die Vermischung meiner afrikanischen Wurzeln mit meiner deutschen Seite. Jedoch gibt mir meine schwarze Haut auch viele Nachteile. Denn mir fehlen gewisse Privilegien, die weiße Deutsche besitzen.

Interaktive Grafik: Warum „Schwarz“ großgeschrieben wird. | Bild: Nhi Hoang

Welche wären das?

Viele Menschen gehen von Grund auf davon aus, dass ich nicht deutsch sein kann. Heißt, sie denken, ich wäre eine ausländische Frau, die hier nach Asyl sucht. Sie glauben, ich sei eine Frau, die die deutsche Sprache nicht einmal beherrscht. Wenn Menschen mich das erste Mal sehen, haben sie mir gegenüber sehr viele Vorurteile und sprechen mir das Deutschsein ab.

Wann wurdest du zum ersten Mal mit Rassismus konfrontiert?

Das war an meinem ersten Schultag in Nürnberg. Meine Lehrerin sagte mir, dass ich mich neben ein Mädchen namens Hermine setzen sollte. Dazu muss ich erwähnen, dass ich sie noch nie gesehen hatte. Als Hermine kurz darauf das Klassenzimmer betrat, sah ich den Grund: Hermine war auch Schwarz. Dachte meine Lehrerin ernsthaft, dass ich mich in der Klasse nur wohlfühlen kann, wenn ich unter „meinesgleichen“ sitze? Das war meine erste Erfahrung, bei der ich mir dachte: „Okay, irgendwie bist du anders“. 

Als noch alles gut war: Albertina mit zwei Jahren. | Bild: Albertina Pangula

Welche Erfahrung hat dich bis heute am stärksten getroffen?

Das war zu meiner Studienzeit in Passau. Ich wollte mit dem Bus nach Hause fahren, in dem sich auch ein Kontrolleur befand. Als ich an ihm vorbeilief, rief er laut „Stopp!“ und er riss mir plötzlich die Fahrkarte aus der Hand. Dabei hat er genau geprüft, ob sie noch gültig war. Ich war in diesem Moment einfach nur schockiert. Vor allem, weil er die Personen vor mir – alle waren weiß – nicht kontrolliert hat. Daraufhin habe ich meine Karte zurückgerissen und ihn gefragt, warum er mich als Einzige kontrollieren musste. Er entgegnete daraufhin nur, dass er selbst entscheiden kann, wen er kontrollieren möchte. Rückblickend empfinde ich diese Erfahrung als Racial Profiling.

Racial Profiling:

Racial Profiling bezeichnet polizeiliche Maßnahmen und Maßnahmen von anderen Sicherheits-, Einwanderungs- und Zollbeamt*innen, wie Identitätskontrollen, Befragungen, Überwachungen, Durchsuchungen oder auch Verhaftungen, die nicht auf einer konkreten Verdachtsgrundlage oder Gefahr erfolgen, sondern allein aufgrund von rassifizierten oder ethnisierten Merkmalen – insbesondere Hautfarbe. (Quelle: bpb)

Hat dein Schwarzsein deine Selbstwahrnehmung beeinflusst?

Zur Schulzeit war ich davon überzeugt, dass ich im Vergleich zu meinen Klassenkameradinnen unattraktiv war. Eben aufgrund meiner Hautfarbe. Ich dachte mir: „Ich kann nicht hübsch sein, weil ich dunkel bin“. Mein Denken kam dabei von der eigenen, Schwarzen Community. In dieser gibt es leider auch rassistische Schönheitsideale – also Colorism. Beispielsweise unterscheidet man zwischen „Dark Skin“ und „Light Skin“. Es fielen dann Aussagen wie: „Wenn du eine Dark-Skin-Frau bist, bist du weniger begehrenswert als eine Light Skin-Frau“, da letztere „europäischere“ Gesichtszüge haben.

Colorism:

Colorism basiert auf rassistischen Strukturen und Denkmustern, jedoch bildet hier die „Farbe“, also die Schattierung der Haut, die Grundlage für die Bevorzugung oder Benachteiligung einer Person. Dabei werden Menschen mit hellerem Hautton (Light Skin) favorisiert und Menschen mit dunklerer Haut (Dark Skin) diskriminiert.  (Quelle: Missy Magazin)

Gibt es auch problematische Aussagen außerhalb der Community?

Ein Bekannter sagte mir einmal: „Du weißt schon, dass weiße Typen nicht auf Schwarze Mädels stehen?“ Ein Anderer wiederum meinte zu mir: „Nicht böse gemeint, aber ich finde, viele Schwarze Frauen sehen einfach aus wie Affen.“  Oder was auch schon vorkam: „Du bist echt hübsch für eine Schwarze.“ Da frage ich mich: Heißt das, dass alle Schwarzen Frauen hässlich sind? Und ich bin von den Hässlichen noch ganz okay? Ich kann und werde solche Aussagen nie nachvollziehen können.

Werden Schwarze Frauen deiner Meinung nach unzureichend in den Medien dargestellt?

In meiner Jugendzeit gab es leider gar keine positive Repräsentation, was dunkle Schönheitsideale anging. Im Fernsehen sah ich keine Frau, die wie ich aussah und die gleichzeitig als schön angesehen wurde. Schwarze Frauen wurden leider in vielen Filmen als Drogenabhängige gezeigt. Ab 2015 wurden sie als Geflüchtete dargestellt. Dabei ging man nie darauf ein, dass diese Frauen auch Schönheiten oder starke Persönlichkeiten sein könnten.

„Solche Dinge haben mir als Kind die Fähigkeit genommen, zu träumen.“ – Albertina Pangula

Auch in Büchern werden Schwarze allgemein unterrepräsentiert. Weil unsere Mehrheitsgesellschaft weiß ist. Wenn in einem Buch ein Hauptcharakter beschrieben wird, denken wir automatisch an eine weiße Person. Ohne dass zuvor die Hautfarbe beschrieben wurde.

Wie stehst du heute zu deiner Schwarzen Identität?

Ich bin sehr stolz darauf. Auch, wenn sich dieser Stolz langsam aus meiner Selbstakzeptanz entwickeln musste. Ich habe dann zum Beispiel zu mir gesagt: „Du wirst niemals natürliche, glatte Haare haben. Deine Haare sind Afro-Haare und lerne, sie so zu lieben, wie sie sind. Denn sie sind ein Teil von dir. Und etwas zu verdrängen, das zu dir gehört, ist ungesund.“

Früher glättete Albertina ihre Haare mit chemischen Mitteln. | Bild: Albertina Pangula
Heute trägt sie ihren Afro mit Stolz. | Bild: Nhi Hoang

Hast du einen Wunsch an die weiße Mehrheitsgesellschaft?

Informiert euch über Rassismus. Lest Bücher oder hört euch Podcasts von Schwarzen oder PoC an. Führt Unterhaltungen mit ihnen. Seid euch aber bewusst, dass nicht jede Person gerne von ihren Erfahrungen erzählt. Denn sie sind schmerzhaft und traurig. Und auch ich habe Erfahrungen gemacht, bei denen ich weinen könnte, wenn ich an sie zurückdenke. Ich setze mich mit meinem Schwarzsein auseinander, weil ich es muss. Weil ich jeden Tag damit konfrontiert werde. Aber wie wäre es, wenn ihr euch mit eurem Weißsein kritisch auseinandersetzt? 

PoC:

People of Color ist eine internationale Selbstbezeichnung von/für Menschen mit Rassismuserfahrungen. Der Begriff markiert eine politische gesellschaftliche Position und versteht sich als emanzipatorisch und solidarisch. Er positioniert sich gegen Spaltungsversuche durch Rassismus und Kulturalisierung sowie gegen diskriminierende Fremdbezeichnungen durch die weiße Mehrheitsgesellschaft. (Quelle: Amnesty International)