Die Leonhardstraße ist das Zentrum der Stuttgarter Rotlichtszene. | Bild: Nicola Haller

edit.Yourope Sexarbeit in Europa
Anschaffen abschaffen?

Die Leonhardstraße ist das Zentrum der Stuttgarter Rotlichtszene. | Bild: Nicola Haller

17 May 2018

Sex gegen Geld – ein altes Geschäftsmodell. Was passiert, wenn das Gesetz dieses Modell verbietet? Schärfere Strafen drängen das Gewerbe in vielen europäischen Ländern in den Untergrund. Betroffene Frauen fürchten um ihre Existenz. Melissa folgte dem Weg in ein „einfaches“ Leben. Sie war selbst Prostituierte.

Girl's, Girl's, Girl's – die Aufschrift der schwarzen Leuchtreklame sticht ins Auge. Die schmale Gasse wirkt irgendwie verlassen; im Inneren der Gebäude spielt sich für viele europäische Frauen der Alltag ab. 30 Euro bezahlt ein Freier für 20 Minuten Standardsex. Im Stuttgarter Bohnenviertel hat Melissa zweieinhalb Jahre lang gewohnt und gearbeitet. Sie ist 23 Jahre alt; vor vier Jahren kam sie nach Deutschland – zum Anschaffen. Familie und Freunde ließ sie in ihrer Heimat Rumänien zurück. Dort ist Prostitution illegal und steht unter Strafe.

In einem Stuttgarter Laufhaus bot Melissa nicht nur ihre Dienste an, hier war sie auch zu Hause. | Bild: Jennifer Nedorna

Die meisten Frauen im Rotlichtgewerbe kommen wie Melissa aus osteuropäischen Ländern. Der Grund dafür? Prostitution ist in ihren Heimatländern verboten; den Prostituierten drohen Geld- oder Haftstrafen. Häufig gehören die betroffenen Frauen nationalen Minderheiten an und sind nicht sehr gut gebildet. Im eigenen Land finden sie keine Arbeit. In einem fremden Land reichen die Sprachkenntnisse nicht einmal für die Pflegebranche aus. Melissa verließ ihre Heimat in der Hoffnung auf ein einfaches Leben. Heute lebt sie mit einem deutschen Mann zusammen. Nebenbei arbeitet sie in einer Bar. Die Erfahrung gemacht zu haben, bereut Melissa nicht.

Vor allem in Deutschland sind die Verdienstchancen in diesem Beruf hoch. Seit 2002 gibt es hier eines der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas. Prostitution wird seither als normaler Beruf angesehen und gilt nicht mehr als sittenwidrig. Trotz aufgeklärter Gesetzeslage ist die Sexarbeit ein gesellschaftlich stigmatisierendes Thema.

Was tut Deutschland für Sexarbeiter?

Kondompflicht für Freier, Anmeldepflicht und Gesundheitsberatung für Prostituierte – das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 bringt einige Neuerungen mit sich. Es soll Sexarbeitern mehr Schutz bieten und bessere Kontrollmöglichkeiten in der Branche einräumen. Betroffene sehen das neue Gesetz jedoch kritisch.

„Die Benutzung von Kondomen in der Prostitution gesetzlich zu verankern, geht am eigentlichen Problem vorbei.“ – Charlie Hansen, Generalsekretärin Berufsverband Sexarbeit

Vielmehr sei dies eine Frage von Aufklärung und Prävention. Eine grundsätzliche Kondompflicht für Freier führe zu der Assoziation der Prostitution mit Geschlechtskrankheiten und damit zu einer noch größeren gesellschaftlichen Stigmatisierung des Berufsbildes, die ohnehin ein Problem darstelle.

Praktisch alle Frauen arbeiten unter einem Künstlernamen. Melissa und eine Vielzahl anderer Frauen tun alles, um ihre Tätigkeit in der Öffentlichkeit zu vertuschen. Viele soziale Kontakte habe man in der Branche nicht. Die Frauen verbringen 90 Prozent der Zeit in den Bordellen, verrät Melissa. Die einzigen Kontakte knüpfte sie im Fitnessstudio. Wenn sie hier nach ihrem Beruf gefragt wurde, gab sie an, in einem Restaurant als Bedienung zu arbeiten. Dieselbe Information bekamen auch Familie und Bekannte in der Heimat.

„Manchmal denke ich selbst, dass ich als Bedienung arbeite.“ – Melissa

Die mit dem Prostituiertenschutzgesetz eingeführte Anmeldepflicht für Prostituierte führe zu einem Zwangsouting. Daraus folgen unüberblickbare Konsequenzen. Es müsse für Sexarbeitende und deren Familien möglich sein ein normales Leben zu führen. Kinder müssen früh Ausgrenzung erfahren; keiner möchte zu Besuch kommen, wenn die Mama eine „Hure“ ist. Das sei definitiv kein tragbarer Zustand, sagt Charlie Hansen. Der Versuch Prostituierte zu schützen, schlägt hier scheinbar fehl.

Auch die Nachbarländer versuchen, Ordnung in das dunkle Gewerbe zu bringen. Freier in Frankreich müssen mit einer Strafe von 1.500 Euro rechnen, wenn sie eine Prostituierte ansprechen oder besuchen; in Wiederholungsfällen fällt die Strafe deutlich höher aus. Das französische Prostitutionsgesetz bestraft seit 2016 Kunden statt Dienstleister.

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Rechtslage in europäischen Ländern | Bild: Jennifer Nedorna

Sexarbeit in einer Grauzone

Rund 40.000 Sexarbeiter schätzt man in Frankreich. Das Anbieten sexueller Dienste ist legal, darf allerdings nicht im öffentlichen Raum stattfinden. Nicht für alle Betroffenen wirkt sich das positiv aus. Weil die Angst vor der Polizei Freier abschreckt, müssen Prostituierte noch mehr im Verborgenen arbeiten. Wünsche von Kunden, die früher abgelehnt wurden, müssen heute angenommen werden – aus Angst um die eigene Existenz. Eine weitere Folge der Freierbestrafung: Sextourismus in Grenzgebieten. Um Strafen zu umgehen, treffen sich Kunden und Prostituierte an der Grenze.

Die erste Autobahnausfahrt nach der spanisch-französischen Grenze – La Jonquera, Katalonien. Das kleine Dorf repräsentiert die Auswirkungen der Gesetzeslage in Frankreich. Die ersten Eindrücke, die man hier einfängt? Prostituierte. Deren Kundschaft? Zu 90 Prozent französische Freier. La Jonquera ist nicht nur für das größte Bordell Europas bekannt; es gilt selbst als das „Bordell Frankreichs“.

Gegen Prostitution heißt nicht immer für Prostituierte. Die Tätigkeit in verschiedenen Ländern zu kriminalisieren, verstärke nicht nur die Arbeit in einer Grauzone. Es bedrohe außerdem die Existenz tausender Frauen. Viele von ihnen seien auf ihren Beruf angewiesen. Vor allem Frauen aus osteuropäischen Ländern werden von Medien und Gesellschaft oft als Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel dargestellt. Die Heimat zu verlassen, um für die Familien ein besseres Leben zu schaffen, sei eine Frage von unfassbarem Mut und Selbstbewusstsein. Das verdiene Respekt und Hochachtung, unterstreicht Charlie Hansen.