Mehrere tausend Patienten werden jährlich in der onkologischen Abteilung des Dornbirner Krankenhauses behandelt. | Bild: https://www.pexels.com/photo/blue-and-silver-stetoscope-40568/

Ein Tag in der Onkologie:
„Gefühlt stirbt hier jeden Tag jemand“

Mehrere tausend Patienten werden jährlich in der onkologischen Abteilung des Dornbirner Krankenhauses behandelt. | Bild: https://www.pexels.com/photo/blue-and-silver-stetoscope-40568/

01 Jan 1970

Der Tod gehört im Krankenhaus zum Alltag. Vor allem aber in der Onkologie ist er ein ständiger Begleiter. Auch im Vorarlberger Krankenhaus Dornbirn in Österreich. Mit 69 Betten ist die Abteilung für Innere Medizin die größte des Krankenhauses, hierzu zählt auch die onkologische Tagesklinik. Mit rund 20 Ärzten, 70 Pflegekräften und Abteilungshelfern wird Tag für Tag versucht, dem Krebs den Kampf anzusagen. Für die Mitarbeiter ist das nicht leicht: Täglich erleben sie die Ängste der Patienten und das Leid der Angehörigen.

Um kurz vor acht Uhr morgens strömt der Geruch von Kaffee aus dem Schwesternzimmer in die Gänge des sechsten Stocks. Während sich Dr. Jürgen Ertl* gemeinsam mit anderen Ärzten und Pflegekräften auf den bevorstehenden Tag vorbereitet, tropft leise Kaffee aus der Kaffeemaschine. Die Fenster sind zum Lüften geöffnet, frische Morgenluft durchdringt den Raum. Alle sitzen gemeinsam an einem Tisch und tauschen sich über die Geschehnisse der Nacht aus. Das grelle Klingeln eines Diensttelefons stört die Runde. Ein Assistenzarzt klinkt sich aus dem Gespräch aus und nimmt ein Telefonat entgegen. Die Visite steht als erster Punkt auf der Tagesordnung der onkologischen Station.

Der 58-Jährige ist Oberarzt der Krebsstation. Die Onkologie befasst sich mit der Entstehung, Entwicklung und Behandlung von Tumorerkrankungen und ist Teildisziplin der inneren Medizin. Vor dem ersten Zimmer studiert Dr.Ertl die Krankenakte der Patientin hinter Tür B624. Diese umfasst Informationen zu Vorerkrankungen, Medikamenten, Allergien und Stand des Untersuchungsverlaufs. Der Tod ist in seinem Arbeitsalltag ein ständiger Begleiter: „Gefühlt stirbt hier jeden Tag jemand“, sagt er. Seit rund 30 Jahren arbeitet der Arzt in der Inneren Medizin, seit 20 Jahren hier im Krankenhaus Dornbirn. „Der Beruf als Onkologe kann wahnsinnig spannend sein“, sagt der Oberarzt. „Aber auch nach all den Berufsjahren wird der Umgang mit dem Tod nicht erträglicher“. Der Anblick der Betroffenen sei für ihn bis heute kein einfacher: „Gerade die gesamte Familie in dieser Situation sehen zu müssen, ist hart.“

Als sich die Türe öffnet, ist ein latenter Geruch von Desinfektionsmittel wahrzunehmen. Im Raum liegt eine 93-jährige alte Dame mit Schizophrenie und Wahnvorstellungen. In der Nacht habe sie oft Angstzustände. Laut Psychiater ist das alles jedoch im Rahmen des Alters. Während sich der Doktor mit der Patientin unterhält, ist im Hintergrund ein rhythmisches Tropfen der Infusion zu hören. Die Frau hängt am Sauerstoff, selbstständig kann sie nur sehr schwer atmen. Dr. Ertl verabreicht ihr ein Benzodiazepin, ein Beruhigungsmittel, um ihre Angstzustände etwas zu mildern. „Ich glaube, sie hat Angst zu sterben“, sagt er.

In den meisten Fällen begegnen Menschen dem Tod erst dann, wenn dieser im Bekannten- oder Familienkreis eintritt, oder sie selbst erkranken. Menschen wie Dr. Ertl begegnen dem Tod täglich. Sie müssen sich mit den Ängsten der Patienten und dem Leid der Angehörigen auseinandersetzen, Empathie zeigen, gleichzeitig jedoch auch professionelle Distanz wahren. Keine leichte Aufgabe. „Vor allem beim Tod von jungen onkologischen Patienten mit langer Betreuungszeit oder von einem Elternteil mit Kindern ist das wirklich schwer“, sagt der 58-Jährige. Vor allem aber in seiner Anfangszeit habe der Arzt Angst gehabt, falsche Entscheidungen für den Patienten zu treffen. „Das schwirrt einem eigentlich immer irgendwie im Hinterkopf herum“, sagt er. Auch das werde nicht zwingend einfacher mit den Jahren, denn je mehr berufliche Erfahrung, desto mehr sei das Bewusstsein dafür da, welche potentielle Fehler eintreten können. „Das ist einem als junger Assistenzarzt vielleicht nicht ganz so klar“, meint der Onkologe.  

Nicht jeder Krebs ist tödlich

Laut dem Bundesgesundheitsministerium erkranken jährlich etwa 476.000 Menschen neu an Krebs. So war im Jahre 2014 jeder vierte Todesfall durch Krebs bedingt. Für die meisten Todesfälle unter Männern war in diesem Jahr der Lungenkrebs verantwortlich. Zum Vergleich: An Herz-Kreislauf-Erkrankungen verstarben in diesem Zeitraum circa 338.000 Menschen. Insgesamt sei die häufigste Krebserkrankung bei Männern jedoch der Prostatakrebs, bei Frauen der Brustkrebs. Nach Angaben des statistischen Bundesamts verstarben im Jahr 2016 rund 230.700 Patienten an einem bösartigen Tumor.

Es gibt jedoch zwischen den vielen Todesfällen auch immer wieder unerwartete und untypische Krankenverläufe. „Ich hatte einmal einen Patienten, bei dem wir aus therapeutischer Sicht am Ende des Möglichen angelangt waren. Doch plötzlich verbesserter sich sein schlechter Allgemeinzustand. Er klarte auf und konnte stabil nach Hause geschickt werden. Heute kommt er in regelmäßigen Abständen zur Nachsorge“, sagt der Oberarzt. „Das glich fast schon einem Wunder.“ Im Hintergrund tönt seit Beginn der Visite ein permanentes Piepsen der Patientenrufanlage auf dem Flur der Station. Dieses gilt als Signal und Aufforderung für das Pflegepersonal, einem Patientenanliegen nachzukommen.

Krebs sei jedoch auch nicht gleich Krebs. Bei der gleichen Diagnose gebe es unterschiedliche Verläufe des Krankenbildes. Jeder reagiere individuell. Nicht jede Krebsart verurteile den Menschen zum Tode: „Ein Hodgkin-Lymphom zum Beispiel, die Erkrankung des Immunsystems mit Lymphknotenvergrößerung, hat bei früher Diagnosestellung eine Heilungschance von rund 95 Prozent“, erklärt Dr. Ertl.

Die Medizin – ein facettenreiches Fach

Der Oberarzt ist aber nicht ausschließlich in der onkologischen Tagesklinik tätig. Am frühen Nachmittag zum Beispiel verlegt er einen Patienten zur Herzkatheteruntersuchung in eine Spezialabteilung. Der 40-Jährige war mit Atemnot und Herzrhythmusstörungen sowie mit einem Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik eingewiesen worden. „Im Nachtdienst muss jeder Arzt alles können, egal auf welches Fach er spezialisiert ist“, wirft Dr. Ertl ein.

Besonders aber in der Onkologie sei es wichtig, sich viel Zeit zu nehmen. „Die Umgebung und Betreuung von Ärzten und Schwestern sind beim gesamten Behandlungsprozess enorm wichtig. Fühlt sich der Patient aus irgendwelchen Gründen nicht wohl, so ist es noch schwerer für ihn, sich zu erholen“, erklärt der Arzt.  Beim Blick aus dem Fenster fällt auf, dass im Minutentakt das Gebäude betreten und verlassen wird. Im Krankenhaus Dornbirn wurden 2017 ungefähr 54.000 Patienten behandelt, darunter fast 9.000 ambulante Patienten in der Abteilung des Oberarztes.

„Natürlich gibt es immer wieder Momente, in denen ich mich frage, ob und wie lange ich das Ganze hier noch machen will“, sagt Dr. Ertl. Nachdenklich blickt er auf die Akten, die auf seinem Schreibtisch liegen. Die Medizin habe aber neben all den Schattenseiten durchaus auch schöne Dinge an sich: „Die ständige Herausforderung, neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Medizin am Patienten umzusetzen, ist das, was unseren Beruf so interessant und faszinierend macht. Das abwechslungsreiche Tätigkeitsfeld mit viel Kontakt zum Menschen führt auch zu einem gewissen Maß an innerer Zufriedenheit, ein Zustand, der sich praktisch durch mein ganzes Berufsleben gezogen hat“, erzählt der 58-Jährige.  

Dem Oberarzt hilft es, seine freie Zeit mit Leuten zu verbringen, die nicht im medizinischen Beruf tätig sind, um den Gedanken an den Klinikalltag zu entkommen. Gespräche und Unternehmungen mit engen Freunden tun ihm sehr gut. „Dann kann ich wirklich abschalten“, sagt er. Für ihn sei es wichtig, die kranken Patienten nicht außerhalb seiner Tätigkeit gedanklich mit sich herumzutragen. „Im Dienst versuche ich voll da zu sein. Sobald ich das Krankenhaus verlasse, möchte ich das alles aber hinter mir lassen. Manchmal einfacher gesagt als getan“, erklärt der 58-Jährige. Er zieht seine Karte, die seine tägliche Arbeitszeit erfasst, über das Lesegerät vor dem Ausgang, steckt sie in seinen Geldbeutel und verlässt das Gebäude. Für heute ist sein Arbeitstag beendet.

*Der Name wurde aus Datenschutzgründen von der Redaktion geändert.

 

       

 

edit. live auf HORADS 88,6 und das jede Woche Donnerstag von 14 bis 15 Uhr. Schalte auch du ein! | Bild: Christopher Müller

edit. meets HORADS #7
In der Vergangenheit wühlen

edit. live auf HORADS 88,6 und das jede Woche Donnerstag von 14 bis 15 Uhr. Schalte auch du ein! | Bild: Christopher Müller

01 Jan 1970

In sechs Schritten um die Welt. Gar nicht mal unmöglich, denn im Schnitt brauchen wir nur eine Handvoll Schritte, um jeden x-beliebigen Menschen auf dieser Welt zu erreichen. Wir alle sind miteinander vernetzt, ob digital über WhatsApp oder klassisch analog über den Sportverein. Doch wie kommen wir darüber hinaus zusammen? Das und vieles mehr besprechen wir donnerstags von 14 bis 15 Uhr auf HORADS 88,6.

Woher ihre Uroma stammt, weiß Lea noch – darüber hinaus wird’s schwammig. Aber das ist nicht schlimm, Ahnenforschung boomt: Allein die Plattform MyHeritage hat 92 Millionen Nutzer weltweit. Auf Basis verschiedener Daten oder der eigenen DNA und mithilfe der Plattform ist es möglich, Rückschlüsse auf den eigenen Stammbaum zu ziehen. Doch was lässt uns in der Vergangenheit unserer Ahnen wühlen? Darum geht es in der siebten und letzten edit. meets HORADS Sendung für dieses Semester. Die Moderatorinnen Lea und Mira sprechen mit den edit. Redakteuren Irina und Denis, die mit zwei anderen Kommilitonen ein Video über Ahnenforschung produziert haben.

       
| | Art makes people laugh | Bild: Natascha Kratsch

Urban art
A glimpse in the grey

| | Art makes people laugh | Bild: Natascha Kratsch

01 Jan 1970

There are various ways to express creativity, especially in big cities. Artists bring life, light and joy into cities’ hearts, by realizing their visions. How are their installations contributing to the liveability of cities?

Grey streets, grey buildings, grey reflections on the windowpanes – high-rise blocks side by side interrupted by train stations. Walking through a city can be quite monotonous; one is even reminded of a dystopian movie scene. But then you turn around a corner and suddenly you catch a glimpse of bright colour in the grey. When getting closer you discover a wild and colourful artwork on the grey walls.

| | Wall of fame in Stuttgart | Bild: Florine Pfleger

Graffiti – colourful expressions of creativity, yet troublesome to some people, and mostly illegal. These ‘daubs’, as officials often refer to graffiti, are part of the art movement of urban art, which describes street art in urban regions. Since street artists all over the world would not let laws stop their creative flow, there has been a trend in cities towards embracing urban art as city art in recent years.

| | Graffiti in Stuttgart | Bild: Florine Pfleger

The artists can now spray their ideas on one of the 1884 legal graffiti walls around the world. Europe has become a pioneer when it comes to offering spaces to live out freedom of art, with 458 of these walls in Germany alone.

The Hall of Fame in Stuttgart – Bad Cannstatt, for example, is a spot of ever-changing artistic graffiti, a place to meet, talk and make art, no matter who you are.

| | Bild: Florine Pfleger | Audio: gekoone

One of the artists building this creative place is gekoone. He’s been in the scene for nearly ten years now and absolutely supports the development towards more and more legal places to spray and let out one’s creativity.

| | Bild: Florine Pfleger | Audio: gekoone

Not only the artists themselves enjoy their time at the Wall of Fame, but also the visitors. The Wall of Fame offers something to see for every taste and every liking, and nearly every week, regular visitors can spot new things.

Nevertheless street artists like gekoone claim that there is still a long way to go. These ‘Walls of Fame’ are mainly spread over North-Rhine Westphalia, Hessen and Baden-Wuerttemberg, when they should be found in every city all over the world.

| | Bild: Florine Pfleger | Audio: gekoone

Not only graffiti, however, but also street music, theatre, dance performances or installations bring life, light and creativity into cities’ hearts. Accompanying the trend towards embracing urban art, artists can now apply for implementing their projects right in the city centres. One example for such an installation, which went viral and is now implemented again and again all over the world, is Candy Chang’s Before I die. Following the death of a loved one, Candy Chang created it on the walls of an abandoned house in New Orleans, offering everyone the opportunity to stop and consider the things, which connect us. This project is one of Jenny Hefczyc’s favourite urban art installations. The artist, known as Jenny Jinya to her fans, has a passion for urban art, even though she’s not active in the scene yet.

| | Bild: beforeidieproject.com | Garry Glowacki, Bridge Prison Ministry, PAMA, and Brampton Downtown Development Corporation | Audio: Jenny Hefczyc

Urban artists clearly claim that their work brings life into grey cities and that it brings people together while giving them a moment to stop and breathe within the city’s hustle. For them, the answer on how to create liveable cities is easy – it’s art!

| | Bild: Natascha Kratsch | Audio: Jenny Hefczyc

Austria’s capital Vienna is the best example for such a liveable city, it was even named most liveable city in 2019 in Mercer’s widely known “Quality of Living Report”. This means it’s the tenth year running for the Austrian capital to top this ranking. Whilst providing a high level of security to its habitants and visitors, Vienna offers a huge variety of cultural and artsy experiences, too.

| | Bild: Natascha Kratsch | Audio: Jenny Hefczyc

To experience art in Vienna, however, it is not always necessary to visit one of the city’s many art galleries – the streets of Vienna are filled with artists and their creations on walls, bridges, trams and trains.

| | Melbourne street art lane | Bild: Natascha Kratsch
| | Street art in Vienna | Bild: Markus Pfalzgraf
| | Melbourne street art lane | Bild: Natascha Kratsch
| | Street art in Vienna | Bild: Markus Pfalzgraf

This spreading evolution is seen a huge contribution to cities liveability not only by artists, but also by young city planners like Philipp Nagel from Stuttgart. “At the moment, with a rather old committee to decide how free spaces in the city are used, places for art are rarely considered. But with the committee slowly becoming younger, we can imagine the freedom of art becoming a topic in the future”.

       

 

edit. live auf HORADS 88,6 und das jede Woche Donnerstag von 14 bis 15 Uhr. Schalte auch du ein! | Bild: Christopher Müller

edit. meets HORADS #6
Wenn Bälle und Besen fliegen

edit. live auf HORADS 88,6 und das jede Woche Donnerstag von 14 bis 15 Uhr. Schalte auch du ein! | Bild: Christopher Müller

01 Jan 1970

In sechs Schritten um die Welt. Gar nicht mal unmöglich, denn im Schnitt brauchen wir nur eine Handvoll Schritte, um jeden x-beliebigen Menschen auf dieser Welt zu erreichen. Wir alle sind miteinander vernetzt, ob digital über WhatsApp oder klassisch analog über den Sportverein. Doch wie kommen wir darüber hinaus zusammen? Das und vieles mehr besprechen wir donnerstags von 14 bis 15 Uhr auf HORADS 88,6.

Seit dem 7. Juni ist wieder Fußball-Weltmeisterschaft. Das dürfte Vielen in Deutschland entgangen sein, denn dieses Jahr kicken die Frauen – und Frauenfußball bekommt in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wenig Aufmerksamkeit. In der sechsten Sendung von edit. meets HORADS sprechen die Moderatoren Chris und Luisa darüber, weshalb Frauenfußball in anderen Ländern boomt, während bei uns die Stadien leer bleiben. Zu Gast im Studio ist Joel, der sich rund um das Thema Sport auskennt und Ideen hat, was sich ändern sollte. Außerdem geht es um die Randsportart Quidditch: Jana Mack hat darüber einen Artikel geschrieben und in einem Interview von ihrer Recherche und der Quidditch-Community erzählt. Ihr wollt mehr darüber erfahren, wie Sport verbindet? Dann hört rein!

       
Bea Jarczewski kümmert sich seit 25 Jahren um das Affenrevier in der Stuttgarter Wilhelma. | Bild: Tjorben Mattschull

Menschenaffen
Die Affenflüsterin

Bea Jarczewski kümmert sich seit 25 Jahren um das Affenrevier in der Stuttgarter Wilhelma. | Bild: Tjorben Mattschull

01 Jan 1970

Seit mehr als 60 Jahren leben Menschenaffen in der Stuttgarter Wilhelma. Jeden Tag kommen unzählige Besucher, um die Primaten zu bestaunen. Hinter den Kulissen sorgen Bea Jarczewski und ihr Team dafür, dass es den Tieren an Nichts fehlt. Zwischen den Tierpflegern und den Menschenaffen ist über die Jahre eine ganz besondere Verbindung entstanden.

Blauer Himmel und strahlende Sonne über der Stuttgarter Wilhelma. Gegen Mittag hat es bereits mehrere hundert Besucher jeden Alters in den Zoo gelockt. Im Herzen der großen Grünanlage im Stadtteil Bad Cannstatt befindet sich das Affengehege. Es ist 13 Uhr – die Gorillafütterung steht an. Zahlreiche Besucher stehen gedrängt an den Scheiben rund um das Außengehege. An den Zuschauern vorbei, mit großen Eimern voller Gemüse, gehen drei Tierpfleger auf ein Podest, von dem man das ganze Areal beobachten kann. Die Gorillas schauen auf und versammeln sich rasch in der freien Fläche vor den Pflegern. Von wegen nur Bananen: Paprika, Karotten und Sellerie stehen heute auf dem Speiseplan. In einem hohen Bogen fliegt das Gemüse nach und nach ins Gehege.

Dieses Jungtier hat einen gemütlichen Platz für einen Mittagsschlaf gefunden. | Bild: Tjorben Mattschull
Kibo ist das Gorillamännchen (auch Silberrücken genannt) des Harems und darf sich als Erster bedienen. | Bild: Tjorben Mattschull
Kibo hat seine Karotte noch nicht einmal aufgegessen und wartet schon auf weiteres Gemüse. | Bild: Tjorben Mattschull
Ein Jungtier auf der Suche nach Karotten, Sellerie und Paprika. | Bild: Tjorben Mattschull

Die Pfleger achten stets drauf, dass jeder der elf Gorillas in der Wilhelma ausreichend zu essen bekommt. Im Rampenlicht der Fütterung steht Kibo. Das 29 Jahre alte Gorillamännchen ist der Silberrücken des Harems. Er ist der Erste, der sich am frischen Gemüse bedient. Seelenruhig sitzt er aufrecht im Gras und beißt genüsslich in eine Paprika, während er eine weitere in seinen Armen bunkert. Nach und nach trauen auch die Weibchen und Jungtiere des Harems sich etwas von dem Gemüse zu schnappen. Ein Jungtier stolziert aufrecht mit beiden Händen voller Gemüse über die Wiese, ein anderes ist schon tief und fest im Mittagsschlaf auf dem Rücken seiner Mutter. Nach der Fütterung steigen die Tierpfleger von dem Podest und stellen sich zu den Besuchern, um Fragen rund um die Affen in der Wilhelma zu beantworten. Eine von ihnen ist Bea Jarczewski. Sie ist die Chefin des Affenreviers und arbeitet bereits seit 1994 als Tierpflegerin in der Wilhelma. Der Entschluss sich um die Menschenaffen zu kümmern stand schon früh fest: „Damals durfte man den Wunsch äußern, wo man gerne hin will. Bei mir war es immer schon das Affenrevier“, erzählt Bea. Ihr Tag mit den Affen startet bereits um 6 Uhr morgens. Zuerst sucht sie ihre Lieblings-Gorilla-Dame 'Undi' auf. Sobald die beiden sich sehen, brummelt Undi lautstark und Bea brummelt in Affenlauten zurück. „Das ist so unser "Guten Morgen". Man nimmt schon etwas diese Körpersprache in der Kommunikation an“, schmunzelt die Tierpflegerin.

Bereits seit 1958 leben Menschenaffen in der Wilhelma. Die ersten Jahre bewohnten die Primaten noch kleine Käfige, bis dann 1973 das inzwischen alte Menschenaffenhaus eröffnet wurde. Nach 55 Jahren Erfahrung in der Haltung von Menschenaffen und den aktuellen Haltungsrichtlinien der Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP) wurde 2013 eine ganz neue Anlage für die Gorillas und Bonobos eröffnet. Aktuell leben dort elf Gorillas und 19 Bonobos. Bei der Umsiedlung spielten die Tierpflegerinnen und Tierpfleger eine ganz wichtige Rolle. „Die Affen wussten ja, dass es eine neue Umgebung ist, aber die Pfleger blieben alle gleich. Man hat es einen paar Affen angemerkt: Okay neues Haus, aber du bist da, also alles halb so schlimm“, erinnert sich Bea.

Affe oder Menschenaffe? Das sind die Unterschiede!

Bis vor knapp drei Jahren hatte die Wilhelma auch noch eine eigene Aufzuchtstation für Waisen oder Affenbabys, die von der Mutter verstoßen wurden. Zwei Pfleger haben sich abwechselnd in zwölf-Stunden-Schichten um die Neugeborenen gekümmert. Diese Schichten waren auch für Bea nach jahrelanger Erfahrung immer wieder etwas Besonderes. „In den zwölf Stunden baut man einfach Wahnsinniges auf! Sobald ich zwei bis drei Mal die Flasche gegeben habe, schießt bei mir die Milch ein“, scherzt sie. Spätestens da baue man eine Bindung zu den Jungtieren auf. Es ist ein schmaler Grat für die Pfleger, die Affenbabys nicht wie ihre eigenen zu sehen. Sollte ein Affe nach der Aufzucht nicht von dem Harem angenommen werden, kann es in einen anderen Zoo abgegeben werden. „Wir versuchen natürlich die Handaufzucht nicht zu sehr zu vermenschlichen. Später geben wir noch einen Menschenaffen in einen anderen Zoo, der keine Ahnung hat, dass er überhaupt ein Gorilla ist“, ergänzt sie. Doch immer weniger Affenweibchen haben ihre Neugeborenen verstoßen, sodass die Aufzuchtstation geschlossen werden konnte. Das liegt mitunter an der Arbeit von Bea und ihrem Team, die alles daransetzen, dass eine natürliche Mutter-Kind-Bindung unter den Affen entsteht.

„Wir versuchen natürlich die Handaufzucht nicht zu sehr zu vermenschlichen. Später geben wir noch einen Menschenaffen in einen anderen Zoo, der keine Ahnung hat, dass er überhaupt ein Gorilla ist.“ – Bea Jarczewski, Tierpflegerin

Mehr als 300 Tage im Jahr sind die Tierpflegerinnen und Tierpfleger mit den Affen umgeben. Das prägt sowohl die Menschen, als auch die Affen. Bea berichtet, dass sie in ihrer Zeit als Tierpflegerin mal ein Jahr im Ausland verbracht hat. Nachdem sie wiederkam, setzte sie sich zusammen mit den Besuchern an die Scheibe neben ihr Lieblingsweibchen Undi. Sie erzählt es, als sei es gestern gewesen: „Wir hatten einfach nur Augenkontakt, sie hat sofort gemerkt: Dich kenn ich! Das war wirklich ein magischer Moment.“ Vor zwei Jahren spielte sich eine ähnliche Situation ab. Eine Frau aus Afrika kam zu Besuch, die das älteste Bonobo-Weibchen einst selbst aufgezogen hatte. Die beiden haben sich knapp 40 Jahre nicht gesehen, doch standen plötzlich nur wenige Meter voneinander entfernt. Die beiden tauschten ein paar Blicke aus. Erstmal geschah nichts. Aber was dann passierte, sorgt bei Bea Jarczewski heute noch für Gänsehaut. Die Frau begann mit dem Affen zu sprechen, genauso wie früher. Plötzlich gab es kein Halten mehr, das Weibchen erkannte die Stimme ihrer Pflegemutter sofort und lief strahlend auf die Frau zu. So etwas passiert häufiger in der Stuttgarter Wilhelma. Ein ergreifender Moment – vor allem für die Tierpfleger.

Mittlerweile sind die großen Eimer leer. Die Gorillas haben das ganze Gemüse aufgegessen und die Pfleger alle Fragen der Besucher beantwortet. Für Bea Jarczewski ist die Arbeit mit den Affen mehr als nur ein Beruf. „Morgens einstempeln, abends wieder ausstempeln, das geht hier einfach nicht“, sagt sie. Der Job lebe davon, dass eine ständige Bindung zu den Affen besteht. Auf der Arbeit, zu Hause oder im Urlaub – Immer! „Das hat alles mit Vertrauen zu tun, es ist ein Gefühl, dass man halt in sich haben muss“, stellt die Tierpflegerin fest.

       

 

Die Fotografin Rannvá Joensen am Hafen von Klaksvík. | Bild: Diana Mühlberger

Reportage
Färöer — Traditionen und neue Horizonte

Die Fotografin Rannvá Joensen am Hafen von Klaksvík. | Bild: Diana Mühlberger

01 Jan 1970

Irgendwo im Atlantik auf 62 Grad nördlicher Breite, zwischen Island und Norwegen und oberhalb von Großbritannien: dort liegen die Färöer-Inseln. Die Abgeschiedenheit der Inseln, die auf vielen Weltkarten einfach vergessen werden, stellt gerade für moderne Frauen ein schwieriges Lebensumfeld dar. 

Wind peitscht um ihr Gesicht, die Wellen lassen das Boot in die Höhe schießen, der Regen wird immer stärker, die Ankunft: ungewiss. Und doch nehmen ein kleines Mädchen und seine Großmutter die lange Reise auf sich, um von einem Ausflug zur Urgroßmutter zurückzukehren. Die größeren Schiffe, die sonst die Inseln Streymoy und Suðuroy miteinander verbinden, sind wegen des Wetters auf unbestimmte Zeit ausgefallen. Ein anderes Boot kommt deshalb den festsitzenden Menschen zu Hilfe. Das Mädchen sieht neben sich eine Braut in ihrem komplett durchnässten Brautkleid. Sie und ihr Mann sind gerade auf dem Weg in die Flitterwochen. An diesem eisigen Tag schaffen es die Großmutter und ihre Enkelin zurück auf die größte Insel Streymoy, wo sie per Anhalter zum nächsten kleinen Boot fahren, das sie auf ihre Heimatinsel Vágar bringt. Dort fahren die Einheimischen die Ankömmlinge in ihren privaten Autos nach Hause. „Ich hatte große Angst“, erinnert sich die heute 36-jährige Rannvá Joensen.

Ein Sturm solchen Ausmaßes ist sicherlich keine Seltenheit auf den Färöer-Inseln. Die raue Wirklichkeit des Wetters und wie abhängig die Menschen davon sind, wird einem erst bewusst, wenn man es selbst erlebt hat. In tiefhängende Wolken gehüllte Berge, neblige Landschaften mit geringer Sichtweite, Wind, der so stark sein kann, dass er einen in den Abgrund von einer Klippe zu schubsen vermag und Regen, der nie vorhergesehen werden kann. Das beschreibt das chaotische Wetter dort, bedingt durch das Zusammenkommen warmer und kalter Ströme. Obwohl die Durchschnittstemperatur im Sommer bei nur 11 Grad liegt, werden die Winter aber nie richtig eisig. Neben dem rauen Klima bedingt auch die Abgeschiedenheit des 50.000 Einwohner Archipels, dass viele Färingerinnen heutzutage den Inseln den Rücken kehren. Es gibt wenig Arbeit und Möglichkeiten auf der männerdominierten Inselgruppe. Was bewegt vor allem Frauen dazu wegzugehen, zu bleiben oder doch zurückzukommen?

Ein Land für Männer

In einem gemütlichen Café, das einzige in der mit rund 5.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Klaksvík, treffe ich die färingische Fotografin Rannvá zu einem Interview. Mit großen Augen und aufrechter Körperhaltung erzählt sie mir die Geschichte von ihrer „abenteuerlichen“ Reise zu ihrer Urgroßmutter und sagt, „das Wetter hier ist unberechenbar“. Aber nicht nur das Wetter, auch die Lebensumstände seien hart, insbesondere für Frauen. Für sie gibt es wenige Möglichkeiten der Weiterbildung und Arbeit auf den Färöer-Inseln, da Fischfang und Seefahrt das Haupteinkommen der meisten Färinger darstellt und viele Schiffe Frauen gar nicht mitnehmen. „Jeder hat in seinem Leben bereits irgendetwas mit Fisch zu tun gehabt.“ Für Frauen sei weder der Fischfang attraktiv, noch das alleinige Leben zuhause mit den Kindern, wenn die Männer meist mehrere Monate auf See sind. Hinzu komme, dass das Gehalt für Frauen deutlich niedriger sei und man zwei Einkommen brauche, um gut leben zu können, weil alles extrem teuer sei. Zwar sind die Färinger durch das Internet genauso gut verbunden und informiert wie der Rest der Welt, jedoch lässt der Umbruch zu einer moderneren Denkweise in manchen Hinsichten etwas auf sich warten.

Auf den Färöer ist eben alles noch unberührt und echt, sie liegen nur zeitlich gesehen etwas hinten. Erst seit ungefähr fünfzehn Jahren sind die Inseln durch kilometerlange Unterwasser- und Bergtunnel verbunden. Davor ist man, wie in Rannvás Geschichte, mit Booten von Insel zu Insel gefahren oder über hohe Berge gelaufen, um in den nächsten Ort zu gelangen. Die kleinen Orte schrumpfen teilweise noch weiter zurück, weil es die Menschen hauptsächlich in die Hauptstadt Tórshavn treibt, da dort die meisten Jobs zu finden sind. Es gibt aber auch Färinger, die vom anderen Ende der Inseln jeden Tag dort hin zur Arbeit fahren. Die Fahrt über die durch Straßen verbundenen Inseln dauert von West nach Ost zwei bis drei Stunden und von Norden nach Süden fährt man eine Stunde. Da es auch nur eine Universität gibt, ist es für viele üblich zum Studieren nach Kopenhagen zu gehen. „Die Zwanzig- bis Dreißigjährigen fehlen meist auf der Insel, weil sie das Land für viele Jahre verlassen, um zu studieren“, so war es auch bei ihr. Viele bleiben danach weg, doch manche kehren danach wieder zurück. Mit ihrem sechsjährigen Sohn kam auch Rannvá wieder, was sie anfangs selbst nicht ganz verstehen konnte: „In Dänemark gibt es so viele Möglichkeiten, warum bin ich ins Nichts zurückgekehrt?“

Zurück zu den Ursprüngen

Als alleinerziehende Mutter auf Jobsuche hat sie es nicht leicht, deshalb kommt sie anfangs bei ihren Eltern unter. Ohne Plan, ohne alles, aber doch aus einem klaren Grund ging sie zurück: Ihr Sohn soll die gleichen Freiheiten haben wie sie. Ihn in der Großstadt aufwachsen zu sehen, habe ihr das Herz gebrochen. Ständig müsse man aufpassen und alleine könne er nirgends hin. Sie erinnert sich an ihre eigene Kindheit und findet: „Man sollte seine Wurzeln und Sprache kennen.“ Auf den Färöer-Inseln seien die Kinder sicher und frei, stundenlang können sie alleine draußen spielen. Seit ihrer Rückkehr habe sie auch angefangen zu wandern und die Natur wieder neu zu genießen. „Wenn du deine Umgebung so sehr gewohnt bist, wirst du blind für die schönen Dinge, die direkt vor deiner Haustür liegen. Die Touristen haben mir die Augen geöffnet.“ Vielen geht es so wie Rannvá. Sie verstehen nicht, dass sie in einem einzigartigen Land leben und erst jetzt, da so viele Menschen anffangen die Inseln zu bereisen, verstärkt sich auch ihr Verhältnis zur Natur. 

Durch den wachsenden Tourismus fühlen sich viele Färinger jedoch bedroht und haben Angst, dass ihr friedliches Leben und die Natur irgendwann zerstört wird. Gleichzeitig ändere sich aber auch ihre Einstellung und sie sähen darin neue Chancen für Jobs. „Es kommt darauf an, wie du es betrachtest. Es gibt so viele Möglichkeiten, wenn es viele Dinge einfach noch nicht gibt.“ So ist Rannvá zu ihrem jetzigen Job als Fotografin und Tour-Guide gekommen. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner bietet sie Foto-Touren und Wanderungen zu den Sehenswürdigkeiten auf den Färöer und Island an. Auch wenn „Neid die Krankheit der Nation ist“, so Rannvá, da viele eingeschüchtert seien vom möglichen Erfolg ihrer Mitmenschen in so einer harten Welt, mache die große Hilfsbereitschaft die Menschen hier aus. Auch wenn das widersprüchlich erscheint, können mir viele Leute während meiner Reise bestätigen, dass Gastfreundlichkeit und Zusammenhalt die wichtigsten Werte der Färinger sind und dass es deshalb für jeden schwer sei das Land komplett zu verlassen.

Kein Ort liegt weiter als nur ein paar Kilometer vom Meer entfernt. | Bild: Diana Mühlberger
Die bunten Holzhäuser, sowie die mit Gras und Moos bewachsenen Häuser sind typisch für die färingische Architektur. | Bild: Diana Mühlberger
Rannvá Joensen zwischen alten traditionellen Häusern, die gerade restauriert werden. | Bild: Diana Mühlberger
Der Großteil der Bevölkerung ist gläubig und sehr konservativ. | Bild: Diana Mühlberger
Border Collies und Schafe laufen überall auf den Inseln frei herum. | Bild: Diana Mühlberger
       

 

Falk Sulek und die Kinder sind auf einem Entdeckungausflug in der Natur. | Bild: Mohammad Raouf Allaham

Kinder in der Natur
Mit Kindern raus ins Grüne

Falk Sulek und die Kinder sind auf einem Entdeckungausflug in der Natur. | Bild: Mohammad Raouf Allaham

01 Jan 1970

Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Klimaveränderung – in Deutschland wird gerade darüber diskutiert, wie wir die Ressourcen unserer Welt besser schützen und erhalten können. Doch die Sensibilisierung für unsere Umwelt sollte schon bei den Kleinsten anfangen: Sie sind unsere Zukunft.

Es ist sonnig und warm. Im Garten des Evangelischen Kindergarten „Arche Noah“ in Schwäbisch Hall sitzen zwei Mädchen und flechten aus Gänseblümchen kleine Kränze. Sie unterhalten sich. Die 5-jährige Esmiralda nimmt eine Blume in den Mund und meint: „Ich mag den Geschmack.“

Naturbildung im Kindergarten

Der Tag beginnt mit einem Ausflug des Kindergartens in die Natur. Falk Sulek, der Leiter des Kindergartens, verteilt Sicherheitswesten an alle Kinder. Bepackt mit einem Erste-Hilfe-Set, Getränken und einer Kamera macht sich er mit den Kindern auf den Weg in ein nahe gelegenes Waldstück. Wer unterwegs etwas Interessantes sieht, eine Blume, ein Tier oder einen besonderen Baum, darf sich die Kamera nehmen und ein Bild davon machen. Sulek möchte den Kindern so die Möglichkeit geben, die Natur zu entdecken und gewonnene Eindrücke fotografisch festzuhalten. Bei ihrem gemeinsamen Ausflug fallen den Kindern viele Fragen ein: Wie heißt diese Blume? Woher kommt das Wasser aus dem Fluss? Wie alt ist dieser Baum? Gemeinsam mit Herrn Sulek suchen sie nach den Antworten. Als ein Kind auf dem Boden einen Käfer entdeckt und alle zusammenruft, schauen die Kinder mit Herrn Sulek in einem Buch über Insekten und Käfer nach, wie das Tier heißen könnte. 

„Ich verstehe Bildung als sozialen Prozess. Kinder und Erwachsene lernen voneinander und miteinander.“ – Falk Sulek

Es gibt Kinder, die interessieren sich mehr für Haustiere, andere für Dinosaurier und wieder andere für Vulkane. Eines haben aber alle Kinder gemeinsam: Sie sind von Natur aus neugierig und wollen die Welt, die sie umgibt, entdecken und erforschen. Im evangelischen Kindergarten „Arche Noah“ werden die Themen der Kinder immer situationsorientiert und lebensweltbezogen aufgegriffen. Die Heilerziehungspflegerin und Mutter Antje Schwarz berichtet, wie ihr eigenes Kind Angst vor Füchsen hatte, weil es in einem Zeichentrickfilm im Fernsehen eine negative Darstellung des Tiers gesehen hatte. Daher ist es wichtig, mit Kindern über solche Themen zu reden, sich echte Füchse anzuschauen – wo sie leben, was sie essen – um so Ängste abzubauen und positive Erfahrungen mit der Natur entstehen zu lassen.

Die Blumenvielfalt im Garten gefällt Esmiralda sehr. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Gut ausgestattet mit Warnweste: Beim Waldausflug erzählt Mathilda von ihrem Lieblingstier. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Für Falk Sulek ist es wichtig, dass die Kinder in seiner Einrichtung mit der Natur in Berührung kommen. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Antje Schwarz ist selbst Mutter und legt Wert darauf, dass ihr Kind positive Erfahrungen mit der Natur hat. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Oskar sitzt unter einem Baum im Kindergarten. | Bild: Mohammad Raouf Allaham

Kinder als Natur-Entdecker

„Kinder brauchen die Natur als Entwicklungs- und Erfahrungsraum“, sagt Sulek. Er berichtet von der Bedeutung der Natur für die kindliche Entwicklung. Es ist für ihn Teil des Bildungsauftrages, dass Kinder bereits im Kindergarten die Möglichkeit finden, sich regelmäßig, vielfältig, ganzheitlich und mit allen Sinnen mit der Natur auseinandersetzen. Neben angeleiteten, naturpädagogischen Aktivitäten und Projekten braucht es auch Freiräume, in denen die Kinder eigenständig und ihrer Entwicklung entsprechend die Natur erforschen und erfahren können. Sulek ist dabei der Ansicht, dass Kinder, die schon in frühen Jahren die Bedeutung der Natur für sich selbst und für andere kennenlernen und erleben, auch in einem späteren Alter eher dazu neigen werden, respektvoll und nachhaltig mit der Natur und der Umwelt umzugehen. Die Bewahrung der Schöpfung und die Achtung der Natur sind deshalb bewusste Bestandteile der pädagogischen Konzeption seiner Einrichtung.

Unsere Zukunft

Wenn uns heute angesichts der anhaltenden Klimaveränderung, zunehmender Naturkatastrophen oder der durch Plastikmüll verunreinigten Meere und Ozeane immer bewusster wird, wie wichtig es für das Überleben aller ist, umweltschonend und nachhaltig zu leben, dann müssen wir auch einen Weg finden, wie wir dieses Bewusstsein auch nachhaltig an unsere Kinder weitergeben. Sie sind die Zukunft von morgen. Nur wenn unsere Kinder heute schon von klein auf lernen, wie essenziell und notwendig der Erhalt der Natur für uns ist, wird das Leben auf dieser Erde auch noch in der Zukunft Bestand haben. Im Orientierungsplan für die Kindergärten in Baden-Württemberg wurden vom zuständigen Kultusministerium verbindliche Bildungsziele in den einzelnen Bildungs- und Entwicklungsfeldern festgelegt. Einige Ziele unterstützen eine naturnahe und nachhaltig orientierte Pädagogik in vielfältiger und zukunftsweisender Form.

Naturpädagogisch relevante Ziele aus dem Orientierungsplan für die Kindergärten in Baden-Württemberg:

Kinder …

  1. ... staunen über Alltags- und Naturphänomene und werden sprachlich begleitet und bestärkt.
  2. ... stellen sich und ihrer Umwelt Fragen, auch philosophischer und religiöser Natur, und suchen nach Antworten.
  3. ... nehmen Eindrücke aus der Natur bewusst wahr und setzen sich damit auseinander.
  4. ... bringen sich zusammen mit anderen in die nachhaltige Gestaltung ihres sozialen und ökologischen Umfeldes ein.

Morgen geht es weiter

Zurück zu Esmiralda, die noch immer bei den Blumen im Garten des Kindergartens sitzt. Die Erzieherin Stefanie Laitenberger, die das Geschehen beobachtet, kommt hinzu. „Es gibt Blumen, die essbar sind. Ihr dürft gerne probieren, wie sie schmecken“, erklärt sie der 5-Jährigen.

Wie alle Kinder ist Esmiralda neugierig und will die Natur mit allen Sinnen erfahren – schmecken, sehen, hören, riechen, fühlen. Das macht Lust auf mehr, denn auch morgen wird es wieder viel Neues zu entdecken geben.

Naturpädagogik im Kindergarten: Ein Kind nimmt behutsam eine Raupe in die Hand. | Bild: Mohamad Raouf Allaham
Die Kinder entdecken und forschen im Sand. | Bild: Mohamad Raouf Allaham
Falk Sulek zeigt den Kindern den Wald. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Beim Waldausflug fotografieren die Kinder, was ihnen gut gefällt. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Stefanie, eine Erzieherin, mit den Kindern des Kindergartens. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
Die Kinder machen sich bereit für den Ausflug. | Bild: Mohammad Raouf Allaham
       

 

Die Rote Fahne ist ein politisches Identifikationsemblem sozialdemokratischer, sozialistischer und kommunistischer Bewegungen. | Bild: Jan Kraft

Extremismus
Antifaschismus – linksextrem oder demokratische Pflicht?

Die Rote Fahne ist ein politisches Identifikationsemblem sozialdemokratischer, sozialistischer und kommunistischer Bewegungen. | Bild: Jan Kraft

01 Jan 1970

Der Verfassungsschutz Sachsen führt das #wirsindmehr-Konzert als Beispiel für eine linksextreme Veranstaltung in ihrem Jahresbericht auf. Ist diese Ansicht tatsächlich berechtigt? Ein Kommentar.

65.000 Menschen fanden sich am 3. September 2018 bei der #wirsindmehr-Demonstration in Chemnitz ein. Diese Aktion war Antwort auf etliche Rechte, die Tage zuvor durch die Innenstadt der sächsischen Großstadt gezogen waren, um rechte Parolen zu brüllen und Menschen anderer Ethnien zu verfolgen. Anlass hierfür war der Mord an einem Deutsch-Kubaner, der an seinen Verletzungen verstarb, welche ihm zwei Asylbewerber zugefügt hatten.

Ein halbes Jahr später wurden Teile des Konzertes vom Verfassungsschutz Sachsen in seinem Jahresbericht als Beispiel aus der „linksextremistischen Musikszene“ genannt. Die Begründung hierfür war:

Exemplarisch dafür stehen die Auftritte […] der Band ‚Feine Sahne Fischfilet‘ aus Mecklenburg-Vorpommern bei der Veranstaltung ‚Wir sind mehr‘ am 3. September in Chemnitz vor 65.000 ganz überwiegend nicht extremistischen Zuschauern. Sowohl in Redebeiträgen als auch im Rahmen des Auftritts der Band ‚Feine Sahne Fischfilet‘ wurde das Publikum erfolgreich mit ‚Alerta, Alerta Antifascista!‘-Rufen zu ähnlichen Rufen animiert.

Die Begründung des Verfassungsschutzes, warum die #wirsindmehr-Demonstration als linksextremistisches Beispiel gewertet werden kann, ist also, der Auftritt der Band „Feine Sahne Fischfilet“ und der Ruf „Alerta, Alerta, Antifascista“.

„Alerta, Alerta, Antifascista“ bedeutet so viel wie: „Achtung, Achtung, hier kommen die Antifaschisten“. Die Gruppe „Antifaschistische Aktion“ (auch „Antifa“ genannt) nutzt diesen Ruf oftmals als Erkennungszeichen. Der Ursprung des Ausrufes soll im Italien der 1920er Jahre liegen. Die Gegner des Diktators Benito Mussolini, welche sich als „Antifaschisten“ bezeichneten, sollen diesen Ruf bei Demonstrationen gerufen haben.

Es ist durchaus normal, dass dieser Ruf eine negative Konnotation besitzt beziehungsweise mit dem Linksextremismus in Verbindung gesetzt wird. Allerdings sollte bedacht werden, dass Antifaschismus und Linksextremismus nicht gleichzusetzen sind. Jeder überzeugte Demokrat ist automatisch Antifaschist, denn die Werte der Demokratie stehen denen des Faschismus gegenüber. Jedoch ist nicht jeder Antifaschist auch Demokrat.

Der Verfassungsschutz Sachsens beschreibt Linksextremismus wie folgt:

Linksextremisten streben die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie und der freiheitlichen demokratischen Grundordnung an. Stattdessen wollen sie eine sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaft oder eine ‚herrschaftsfreie‘ anarchistische Gesellschaft etablieren.

Nicht alle 65.000 Besucher der #wirsindmehr-Aktion haben die Absicht, die Bundesrepublik Deutschland abzuschaffen. Einige der Besucher waren vermutlich eher wegen den Musikern dort und nicht unbedingt, um ein politisches Statement zu setzen. So verließen viele die Veranstaltung, nachdem die beiden Rapper „Marteria“ und „Casper“ aufgetreten waren, obwohl danach noch „Die Toten Hosen“ auftraten.

Der Verfassungsschutz Sachsen beschreibt in ihrem Abschlussbericht die Problematik, dass linksextremistische Musikgruppen die Möglichkeit bekommen, ihre Ideologie der breiten Öffentlichkeit indirekt aufzuzeigen, zu bewerben und damit zu normalisieren. Diese Ansicht des Verfassungsschutzes ist nachvollziehbar, allerdings ist fraglich, ob Bands wie „Feine Sahne Fischfilet“ oder auch die Rapgruppe „K.I.Z.“ tatsächlich linksextrem sind und ob Rufe gegen Faschisten als „Normalisierung von Linksextremismus“ gewertet werden können. Diese Bands rufen schließlich auf ihren Konzerten nicht dazu auf, Polizisten zu verprügeln oder auch Deutschland zu unterwandern.

Rufe gegen Rassisten, gegen Nationalsozialisten und gegen Faschisten sind nicht linksextrem. Zu diesem Schluss sollte jeder Demokrat kommen. Sich für die Grundwerte seines Landes einzusetzen und sich gegen Rechtsextremismus zu stellen ist nicht extrem. Auch nicht links. Es ist normal.

       

 

Inge Vetter arbeitet freiwillig in der Bücherei mit. | Bild: Ingrid Bonfert

Bücherei
Schlüssel zur Integration

Inge Vetter arbeitet freiwillig in der Bücherei mit. | Bild: Ingrid Bonfert

01 Jan 1970

In der ehrenamtlich geführten Bücherei Scharnhausen stehen die jungen LeserInnen an erster Stelle. Doch reicht das aus? Inwiefern kann Förderung und Integration in diesem Rahmen gelingen?

Die Leserin Sophia besucht gerne die Bücherei. Die Leserin Sophia kommt gerne in die Bücherei. | Bild: Ingrid Bonfert

Nachdem Sophia die Bücherei Scharnhausen „Die Eule“ betreten hat, fragt sie: „Basteln wir heute wieder etwas?“ Die Frage der neunjährigen Leserin ist nicht ganz unbegründet, denn diese Bücherei bietet einmal im Monat Vorlesen und Basteln an. Sophia geht in die dritte Klasse der örtlichen Grundschule von Scharnhausen. Sie besucht die Bücherei schon seit dem Kindergartenalter regelmäßig mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder.

Insgesamt 18 ehrenamtlich tätige Mitarbeiter halten hier den Ausleihbetrieb aufrecht und sind an drei Öffnungstagen in der Woche für die Leser da. Eine davon ist die Seniorin Inge Vetter. Sie wohnt schon lange in Scharnhausen und kennt die Bücherei daher in- und auswendig. Schon seit der Wiedereröffnung der Bücherei vor sieben Jahren ist sie mit im Team der Ehrenamtlichen.  

Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Altersgruppen bis 13 Jahren: „Wir wollen Kindern den Zugang zum Buch vermitteln“, das sei das Hauptziel des Teams der Freiwilligen, erläutert Vetter. Darin liege auch das Potenzial einer ausschließlich ehrenamtlich geführten Bücherei. Ein besonderes Anliegen des Teams ist es deshalb, Kinder zu integrieren und durch konkrete Maßnahmen zu fördern. Dabei gehen die MitarbeiterInnen auch gerne auf besondere Wünsche der Kinder ein.

Die Bücherei Scharnhausen, welche hauptsächlich von der Stadt Ostfildern finanziert und einem Förderverein getragen wird, hat dank einer Spende zweisprachige Kinderbücher in Deutsch-Türkisch, Deutsch-Arabisch und Deutsch-Russisch angeschafft. Doch diese werden im Moment noch eher von Kindern mit deutscher Muttersprache ausgeliehen, denen die Figuren bekannt sind. Die Zielgruppe der Leser mit Migrationshintergrund zeigt ein begrenztes Interesse an den Bilderbüchern: Häufig werden die Titel erst dann ausgeliehen, wenn die Ehrenamtlichen den Müttern oder Kindern bei der Suche helfen und auf die Zweisprachigkeit hinweisen.

Vor zwei Jahren gab es den Versuch, seitens der Bücherei, eine Vorlesestunde von einer Muttersprachlerin auf Türkisch zu veranstalten. Ziel der Vorlesestunden in der Fremdsprache sei es gewesen, Kindern und Müttern mit Migrationshintergrund den Zugang zum Buch möglich zu machen. Denn wenn Kinder ihre Muttersprache gut beherrschen, sind sie fähig eine neue Sprache zu lernen. Zu den Vorlesestunden auf Türkisch erschien trotz Werbung und Mund-zu-Mund-Propaganda in der Schule und den beiden Kindergärten keine einzige Person. Das war eine enttäuschende, ernüchternde Bilanz für das Team der Ehrenamtlichen, das konnte man während dem Bericht der Hauptverantwortlichen in der Teamsitzung spüren. Es bestand schnell Einigkeit darin, dass „man die Menschen nicht an den Haaren heranziehen kann.“ Dennoch lässt die Frage nicht nach, was die Gründe dafür sind, dass alle Bemühungen nichts geholfen haben. Lag es am Konzept und falschen Vorstellungen des Teams oder an unterschiedlichen Zugängen zur Kultur?

Die Vorlesestunde auf Deutsch kommt sehr gut an.

Die klassische Vorlesestunde auf Deutsch mit anschließendem Basteln wird gut angenommen. Die kleine, gemütlich in einem alten Fachwerkhaus gelegene Bücherei ist regelmäßig dienstags mit durchschnittlich siebzehn Kindern und deren (Groß-)Eltern proppenvoll. „Dabei werden Zuhören und die Motorik gefördert“, erklärt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Vetter. Neben der Vorlesestunde gibt es auch das japanische Erzähltheater Kamishibai, in welchem den Kindern die Märchen nähergebracht werden.

Kamishibai – das japanische Erzähltheater

Beim Kamishibai werden vom Erzähler Bilder aus klassischen Märchen in einen großen Bilderrahmen eingeschoben. Dabei entsteht eine Art Bühne und mit jedem neuen Bild steigt die Konzentration und Aufmerksamkeit der Kinder. Das ruhige bildgestützte Erzählen fördert bei den Kindern die Fähigkeit, Geschichten frei zu erzählen ohne den Faden zu verlieren.

Quelle: https://www.buecherei-scharnhausen.de/unsere-b%C3%BCcherei/veranstaltungen/

Die 78-Jährige hat bei den Veranstaltungen für Kinder beobachtet, „dass viele Kinder nicht in der Lage sind ruhig zu sitzen und zuzuhören“. Es stellt sich die Frage, warum dies so ist. Vetter vermutet: „Die Kinder sind es zum Teil nicht gewohnt, dass vorgelesen wird. Ein Stück weit lernen sie es bei uns, ein Stück weit in der Schule.“ Wenn die Bücherei vormittags für eine Schulklasse geöffnet wird, ist die Seniorin häufig vor Ort und hilft den SchülerInnen dabei, das passende Buch für deren Buchpräsentationen oder zum Lesen üben zu finden. Daher bekommt sie auch einen Einblick in den Lernfortschritt der Kinder. Ihrer Einschätzung nach brauchen etwa 50 Prozent der SchülerInnen einer Scharnhäuser Grundschulklasse eine spezielle Förderung. „Besonders für Kinder mit Migrationshintergrund und solche Kinder, die von zu Hause keinen Zugang zum Buch haben, ist es unheimlich schwer jetzt plötzlich vom Nichtlesen zum Buchlesen zu kommen.“

Unterschiedliche Vorlesegewohnheiten

Vetter glaubt, dass für die türkischstämmigen Mütter der Kontakt zur deutschen Sprache und Kultur nicht so wichtig ist und es bei den meisten Familien keine Vorlesegewohnheiten gibt. Und die Studie der Stiftung Lesen zum Thema Vorlesen im Kinderalltag aus dem Jahr 2008 gibt ihr recht: 29 Prozent der Eltern mit türkischsprachigem Migrationshintergrund gaben an ihren Kindern nie vorzulesen und 13 Prozent seltener. Allerdings ist die türkische Migrantengruppe diejenige, bei der am wenigsten vorgelesen wird. Familien mit russischen oder osteuropäischen Wurzeln lesen deutlich häufiger vor. Diese Ergebnisse zeigen, dass man nicht generalisieren sollte, davor warnt auch Vetter.

Dies signalisiert leider, dass die Integrationskraft einer von ausschließlich Ehrenamtlichen geführten Bücherei Grenzen kennt.

Sophia kommt auch heute noch gerne mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder in die Bücherei. Beim Lesen lernen in der ersten Klasse, hat ihr neben ihren Eltern auch eine Ehrenamtliche geholfen. Mittlerweile besucht sie die Bücherei hauptsächlich mit ihrer Schulklasse zusammen, wenn Vetter für die Drittklässler und ihre Lehrerin die Pforten öffnet und Ihnen hilft Bücher für ein Referat oder zum Lesen auszuleihen. Das letzte Mal hat sich Sophia ein Buch über Hamster ausgeliehen. Stolz erzählt sie:  „Jetzt weiß ich auch, dass mein Hamster sehr gerne Körner frisst.“

Sophia hat etwas über ihren Hamster gelernt. | Bild: Ingrid Bonfert
Sophia liest in ihrem Lieblingsbuch. | Bild: Ingrid Bonfert
Inge Vetter kennt und schätzt die Bücherei schon sehr lange. | Bild: Ingrid Bonfert
In der Bücherei wird viel gebastelt. | Bild: Ingrid Bonfert
       
Mit einem Dreh bringt er die Masse zum Ausrasten: DJs können die Stimmung ihrer Crowd durch kleinste Veränderungen im Tempo oder beim Arrangement zum Kochen bringen. | Bild: Angelina Neuwirth

Nachtleben
Wenn der Beat verbindet

Mit einem Dreh bringt er die Masse zum Ausrasten: DJs können die Stimmung ihrer Crowd durch kleinste Veränderungen im Tempo oder beim Arrangement zum Kochen bringen. | Bild: Angelina Neuwirth

01 Jan 1970

Freitagnacht, kurz nach 1 Uhr in der Stuttgarter Innenstadt: Das Nachtleben strebt seinen dröhnenden Höhepunkt an, in den Clubs der Stadt können die Menschen abschalten und sich der Musik hingeben. Vielfältige Verbindungen auf unterschiedlichen Ebenen entstehen – wie fühlt sich das an?

In regelmäßigen Abständen bricht zuckendes Licht den Raum, über den Tresen der Bar wird Glas um Glas geschoben. Mitgerissen vom Strom der Musik bewegen sich die tanzen Körper zum Beat, sind wie wehrlos dem Sog des Sets ausgeliefert. Jede Tempoänderung nimmt das Publikum mit Begeisterung auf, die Bewegungen werden schneller.

Schöpfer dieses Gefühls ist an diesem Abend DJ Danny Salas, der wie ein Marionettenspieler am Mischpult steht und die Clubgänger in einen Rauschzustand bringt. Angestachelt von der Stimmung der Crowd huschen seine Finger über die Knöpfe und Regler; sie bewegen sich geschmeidig, als tanzten sie zu ihrer ganz eigenen Melodie. Wie von einem Magneten angezogen, stehen die Menschen dem DJ zugewandt, lassen sich mitreißen von der Musik. 

DJ Danny Salas hat sichtlichen Spaß beim Auflegen. DJ Danny Salas hat schon früh seine Begeisterung für die Musik und das Auflegen entdeckt. | Bild: Daniel Hernandez Salas

Ein paar Stunden bevor die Bar „Romantica“ in der Hauptstädter Straße in kollektiver Ekstase versinkt, ist Danny Salas in Vorbereitungen für sein Set vertieft. Studiert hat er angewandte Medien, nun ist er Entrepreneur und Unterhalter – viel mehr als der DJ-Begriff zu erklären vermag. Wenn er von seinem Werdegang erzählt, taucht er ein ins Stuttgart der frühen 2000er Jahre, als die „Röhre“ noch ihren Platz am Wagenburgtunnel hielt und das Internet in den Kinderschuhen steckte. Zum ersten Mal in Berührung mit dem DJ-Kult kam der 30-Jährige, der bürgerlich Daniel Julian Hernandez Salas heißt, durch eine Radioshow. „Damals konnte man sich die Musik nicht einfach aus dem Internet ziehen, also stand ich mit zehn Jahren vor dem Radio und habe mit Tape die Radioshow mitgeschnitten“, erinnert sich Salas.

Nachdem er mit 14 Jahren seinen ersten eigenen Plattenspieler bekommen hatte, landete er mit 16 auf seinen ersten Raves im Stuttgarter Kultclub „Röhre“. „Ich war so begeistert, dass ich beim dritten oder vierten Mal zu den DJs gegangen bin, denen ein Highfive gegeben habe und gefragt habe, ob ich auch mal auflegen darf“, erinnert sich Danny und fügt hinzu: „Wenn du auflegen willst und keinen Namen in der Szene hast, musst du penetrant sein. Das war ich auch, und nach drei oder vier Monaten kam dann die Aussage, dass ich aufhören soll zu nerven und Material für zwei Stunden Warm-Up mitbringen soll.“ Das war seine Eintrittskarte in die Szene – mit 18 Jahren hatte er eine erste DJ-Performance in der „Röhre“ auf dem kleinen Mashup-Floor. Schnell entwickelte er ein „persönliches Faible“ für die Musikrichtung „UK Garage“.

How to DJ

beats-per-minute (bpm) – eine Einheit, um das Tempo eines Musikstücks zu beschreiben. In der elektronischen Musik rangieren diese Zahlen zwischen 60 bpm im HipHop und können bis zu 1000 bmp beim Splittercore gehen.

UK Garage – Musikrichtung aus Großbritannien und Sub-Genre der Housemusik. 

uplifting – Tracks mit euphoriesierendem Charakter, der durch eingängige Melodien, Pattern und Sequenzen erzeugt wird. Die dadurch ausgelöste Ekstase bringt den Hörer zum einen in einen meditativen Zustand, regt aber gleichzeitig auch zum Tanzen an. 

Zwölf Jahre später hat er von mehreren club residencys über eine eigene Veranstaltungsfirma so ziemlich alles vorzuweisen. Die Faszination dahinter sei „die kollektive Ekstase”, die seine Sets in den Menschen auslösen. „Wenn du vor Leuten spielst, ihnen deine Lieblingsmusik präsentierst und sie das genauso abfeiern wie du, gibt einem das eine gewisse Befriedigung. Auch wenn ich immer die gleichen Tracks spiele, erreiche ich neue Leute, ziehe sie in meinen Bann mit Musik, die ich ausgesucht habe – das ist ein kleiner Suchtfaktor“, beschreibt Salas.  

Wenn er auflegt, versucht er einen dramaturgischen Bogen zu spannen: Er starte mit seichten, vocallastigen Beats, die einen langsamen und harmonischen Rhythmus haben, arbeitet sich über perkussivere „uplifting tracks“ an die peak time heran und „dann darf es richtig knallen“, erklärt der DJ. Diese Beobachtung machte auch Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez: In seinem Werk „Musikalischer Rhythmus und seine wahrnehmungspsychologischen Grundlagen“ stellt er fest, dass DJs ihre Tracks so auswählen, dass sich das Tempo langsam steigert. Das hat auch einen Grund: Die Wissenschaft nimmt an, dass zwischen der Herzschlagfrequenz, körperlicher Anstrengung und der Geschwindigkeit von Musik ein Zusammenhang besteht, der als „Magneteffekt“ bezeichnet wird. Blinder Fleck bei vergleichbaren Studien ist aber, dass der Einfluss von Musik auf die Puls- und Atemfrequenz, da solche Effekte von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich auftreten und die Clubsituation für nähere Untersuchungen schwer nachzustellen ist.

Gemeinsames Tanzen stärkt die Gruppendynamik

Aber wie erkennt man hinter dem Mischpult überhaupt, ob dem Publikum das Set gefällt? „Jahrelange Erfahrungswerte”, so Salas. „Man lernt, die Leute zu lesen. Wenn sie deinen Mix feiern, tanzen sie heftig und euphorisch, sind dir zugewandt und schauen dich manchmal sogar erwartungsvoll an.“ Es sei ein Zusammenspiel aus ekstatischem Tanzen, dem Ausbleiben von Unterhaltungen „und natürlich wie sehr sie schwitzen – das ist ein Indikator dafür, wie viel sie sich bewegen“, erklärt der DJ.

Seine Beobachtungen werden unterstrichen von Kopiez‘ Forschungsergebnissen: Einer der auffälligsten Effekte von Musik auf den Menschen sind Bewegungen, die synchron zum Beat verlaufen. Durch diese Bewegungen wird in Gruppen ein stärkeres Gefühl von Zusammenhalt vermittelt – gemeinsames Tanzen ist also nichts anderes als eine Aktivität, um die Gruppendynamik zu stärken. Kopiez stellte außerdem fest, dass Menschen sich auch bei Tempoänderungen synchron zum Rhythmus der Musik bewegen können – eine Fähigkeit, die aus einer Zeit stammt, in der Menschen ihr Essen selbst erlegen mussten und die damit den Erfolg bei der Jagd ausmachte.  

Plattenspieler war gestern: Heutzutage sind Mischpulte hoch digitalisiert und nehmen den DJs beim Mischen viel Arbeit ab. | Bild: Angelina Neuwirth
Zu einem gelungenen Clubbesuch gehört auch das passende Ambiente. | Bild: Angelina Neuwirth
„Drück mich!”: Musik kann verschiedenste Emotionen im Menschen auslösen - hier war es wohl ein Überschuss an Freude. | Bild: Romantica
Hinter dem Mischpult ist der DJ Meister über eine Unzahl an Reglern und Knöpfen. | Bild: Angelina Neuwirth
So ein kleines Highfive zwischendurch tut dem DJ-Ego sicher auch gut. | Bild: Romantica
„Beim Social-Bounding-Verhalten ist Musik ein starker Trigger und Indikator für spezifische Gruppen.“  – Friedrich Platz

Musik kann also eine Art „sozialer Kitt“ sein und Menschen miteinander verbinden. Gleichzeitig ist hier aber Vorsicht geboten: „Musik macht uns angeblich zu einem besseren Menschen – so einfach ist es aber nicht“, erklärt Friedrich Platz, Professor an der Hochschule für Musik und bildende Kunst in Stuttgart. Er bezeichnet Musik als „wahnsinnig starken Trigger für gemeinsame Handlungen“ und erklärt, dass beispielsweise ein Abend im Club zu prosozialem Verhalten führe. Darunter versteht man Aktionen, die zwar der Gruppe – in diesem Fall im Club – zugutekommen, aber deshalb nicht zwingend ethisch oder moralisch korrekt sein müssen. Ein Beispiel dafür ist der Rechtsrock.

Man könne außerdem nicht pauschalisieren, warum wem von uns welche Musik gut gefällt, führt Platz weiter aus. Vor allem in Clubs und Bars komme es auf unterschiedliche äußere Faktoren an, die bestimmen, wie sehr man sich mit anderen Menschen verbunden fühlt. Ob und wie stark diese Verbindung ist, hänge von der Situation, der Person an sich und der gespielten Musik ab. „Die Zugehörigkeit zu einer gewissen Musikszene, sowie das Interagieren mit den Interpreten und dem weiteren Publikum im Konzert, spricht beim Menschen Belohnungssysteme an und schafft ein Wir-Gefühl“, erläutert der Professor für Musikpädagogik und -psychologie. Auch die starke immersive Soundsituation, die in Clubs gang und gäbe ist, trägt dem Gefühl der Verbundenheit bei: Die Menschen tauchen ein in das Geschehen und fühlen keine Distanz zu ihrer realen Umgebung.

Diese Erfahrung, die oft durch Drogen- oder Alkoholkonsum noch verstärkt wird, macht die Wirkung vor allem im Bereich der elektronischen Musik ähnlich sedativ wie aufputschend. Und genau das ist der Grund, weshalb die Leute gerne feiern gehen. Fragt man die Umstehenden, was sie in die Clubs und Bars der Stadt treibt, bildet sich schnell ein Konsens: Die Seele baumeln lassen, aus sich herausgehen, eine gute Zeit haben.

Bevor der neue Tag anbricht, geben die Gäste der „Romantica“ noch mal alles. DJ Danny Salas spielt nun Tracks mit hoher beats-per-minute-Zahl und treibt die Stimmung in der Bar so auf den Höhepunkt. Eine nennenswerte Korrelation zwischen einer mit der Stimmung verbundenen, erhöhten Herzfrequenz und der Geschwindigkeit der Musik besteht aber nicht: „Die basslastige Musik mag im Einzelfall zwar auf Organe wie das Herz und in der Folge auf die Atemfrequenz wirken, das aber nur sehr träge und in geringem Ausmaß. Beim Tanzen ist es die Aktivität selber, die den Kreislauf anregt und den Herzrhythmus beeinflusst“, erklärt Friedrich Platz.

Eine Studie der norwegischen Wissenschaftlerin Ragnhild Torvanger Solberg belegt die Aussagen von Platz weiter: Vor allem nachdem der Beat fällt – im Fachjargon wird auch von einem Drop gesprochen – sind bei Partygästen veränderte Bewegungsmuster festzustellen. Sie tanzen wilder und heftiger und erleben intensive körperliche Empfindungen wie Gänsehaut, ein Kribbeln im Körper und Schauder, die über den Rücken laufen. Unterstützt werden diese Wahrnehmungen durch das gemeinsame Tanzen, starke visuelle Reize und – in manchen Fällen – auch durch Drogenkonsum. 

Diese Reaktionen beschränken sich nicht nur auf die äußerliche und emotionale Ebene: Dr. Maria Witek, die an der Universität in Birmingham Forschungsbeauftragte für Musik ist, stellt die Vermutung an, dass besonders heftiges Tanzen im Club und das Hören von angenehmer Musik die Serotonin- und Dopamin-Ausschüttung ankurbelt. Dabei handelt es sich um Glückshormone, die das Belohnungssystem ansprechen.

Damit die Clubgänger nicht vollkommen außer Puste und wortwörtlich aufgeputscht heimgehen müssen, fährt Salas gegen 6 Uhr morgens die beat-per-minute-Zahl herunter. So kann die Partynacht entspannt ausklingen: Die letzten Tanzwütigen können sich noch einmal die Anstrengung der Woche aus den Gliedern schütteln, bevor sie dann zu sanften House-Klängen den Heimweg antreten. 

       

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