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Reportage
Mein Selbstversuch einer Therapie: Ein Besuch im Insektarium

Die Schmetterlingshalle in der Stuttgarter Wilhelma beherbergt eine bunte Vielfalt an Schmetterlingen. | Bild: Kübra Kilic

Reportage Mein Selbstversuch einer Therapie: Ein Besuch im Insektarium

Die Schmetterlingshalle in der Stuttgarter Wilhelma beherbergt eine bunte Vielfalt an Schmetterlingen. | Bild: Kübra Kilic
 

12 Aug 2021

Angst vor Spinnen ist relativ weit verbreitet – immerhin fünf Prozent der Deutschen leiden daran. Etwas ungewöhnlich, doch meine Angst beschränkt sich auf Schmetterlinge. In einem Selbstversuch stelle ich mich meiner langjährigen Phobie.

Kübra Kilic

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2020

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Da ist sie schon wieder: Die Situation, die ich in meinem Leben am meisten versuche zu vermeiden. Mein Denkvermögen verabschiedet sich für einen kurzen Augenblick. Ich empfinde das dringende Gefühl, meine Ohren ganz fest zu zuhalten, ja meinen ganzen Körper zu verdecken und loszurennen. Ich bin angespannt, meine Handflächen werden warm und schwitzig. Meine Augen und mein gesamtes Ich suchen nichts weiter als die Flucht. Gleichzeitig schwirrt mir der Gedanke im Kopf, dass ich mich nicht blamieren darf.

"Wie kann man vor einem so schönen Lebewesen mit einer so kurzen Lebensdauer Angst haben?" – Aliye Avsar, meine Mutter

Doch ich habe mich bewusst dazu entschieden, hier zu sein. Mich meiner Angst zu stellen. Eine Angst, die viele nicht nachvollziehen können – ja, sogar belächeln und nicht verstehen, wie man, ein Zitat meiner Mutter „vor so einem kleinen schönen Lebewesen mit einer so kurzen Lebensdauer“, Angst haben kann. Während die meisten Menschen fasziniert von ihrem Aussehen, dem Farbspiel und den verschiedenen Mustern sind, lösen Schmetterlinge große Panik in mir aus. Die Furcht vor Schmetterlingen wird auch „Lepidopteraphobie“ genannt. Diese Angst schränkt mich in meinem Alltag sehr ein – besonders im Sommer. Deshalb möchte ich mich ihr stellen. Ich besuche die Wilhelma in Stuttgart. Dort gibt es ein Schmetterlingshaus.

Kindheitstrauma

Aus meiner Kindheit kann ich mich an eine Situation erinnern, die heute allein durch die Erinnerung, dieselben Gefühle und Ängste in mir auslöst. Es war ein sonniger Tag. Ich müsste vier oder fünf Jahre alt gewesen sein. Meine Eltern und ich wohnten damals in einem hellgrünen Mehrfamilienhaus in einem kleinen Dorf in Hessen. Ich befand mich im Gemeinschaftsgarten auf der Hinterseite des mehrstöckigen Hauses, wo viele dunkelgrüne Balkone auf mich herabschauten. Meine Erinnerungen an diesen Moment sind etwas verzerrt. Die Sonne schien auf meine dunkelbraunen Haare und mein Kopf wurde ganz warm. Und da spürte ich ein Krabbeln, auf meinem Kopf bewegte sich etwas. Ich glitt langsam mit meiner Handfläche über meinen Kopf und da setzte sich das Ding auch schon direkt zwischen meine Finger. Ein dunkler Nachtfalter in meiner Hand. Ich kann mich an meine Panik und einen lauten Schrei erinnern – das ist aber auch schon alles. Ich nehme an, dass mich dieser eine Vorfall als Kind traumatisiert hat und seither tief in meinem Inneren sitzt. So erkläre ich mir jedenfalls meine Phobie – eine Form der Angststörung.

Das Warten wird zur Qual

Corona bedingt darf sich aktuell nur eine gewisse Personenanzahl im Insektarium gleichzeitig aufhalten. Zwei Sicherheitsangestellte bewachen jeweils den Ein- und Ausgang und geben grünes Licht, sobald man eintreten darf. Irgendwie beruhigt mich das etwas, weniger Leute, vor denen ich mich blamieren könnte und mehr Platz zum Ausweichen. Die Schlange vor dem Eingang scheint endlos und sie wird immer länger. Größtenteils Familien mit Kleinkindern und Kinderwägen. Meine beste Freundin Julia und ich stellen uns an. Sie unterstützt mich bei meinem Selbstversuch. Doch das Warten in der Schlange fördert meine Nervosität nur noch mehr. Ich nutze die Zeit, um auf andere Gedanken zu kommen und wappne mich mit Jacke und Haarband. Aus für mich unerklärlichen Gründen verspüre ich bei einer Begegnung mit einem Schmetterling das starke Bedürfnis, meine Ohren zu bedecken. Es kribbelt, gleichzeitig fühlt es sich an wie eine offene Wunde, die dringend geschützt werden muss. Phobische Reaktionen können bei jedem Menschen anders aussehen und Angststörungen verschiedene körperliche Beschwerden verursachen. Mein Haarband verdeckt meine Ohren, ich finde Schutz darin.

Sommerzeit, Schmetterlingszeit

Meine eigentliche Lieblingsjahreszeit ist für mich gleichzeitig mit meiner größten Angst verbunden. Die Hauptflugzeit der meisten heimischen Schmetterlingsarten ist im Früh- bis Spätsommer. Spaziergänge tagsüber in der Natur gestalten sich durch die vielen herum flatternden Tagfalter manchmal als eine Herausforderung. Wenn ich an Sommerabenden mit Freund*innen in eine Bar gehe und wir uns für eine Sitzmöglichkeit im Außenbereich entscheiden, suche ich absichtlich einen Platz weit entfernt von Außenbeleuchtungen. Denn Nachtfalter, umgangssprachlich auch bekannt als Motten, versammeln sich gerne am Licht. Das liegt in ihrer Natur, da sie sich eigentlich am Mond, ihrer natürlichen Lichtquelle, orientieren und diese von künstlicher Beleuchtung nicht unterscheiden können.

Zwischen Furcht und Frieden

Das Insektarium in der Stuttgarter Wilhelma verteilt sich auf drei Räume. Der erste und dritte Raum ist den verschiedenen Insekten und Spinnentieren gewidmet. Tausendfüßer sowie Spinnen und Skorpione aus aller Welt finden hier in artgerechten Terrarien ein Zuhause. Der mittlere Raum: das Schmetterlingshaus. Wenn ich meine Angst für einen Moment ausblende, strahlt dieser Raum eigentlich eine Gelassenheit, einen gewissen Frieden und eine angenehme Ruhe aus. Tropisch, heimisch und vor allem bunt. Die vielfältige Bepflanzung verwandelt dieses Gewächshaus in einen botanischen Garten. Durch die Glasbekleidung an Wand und Decke wird der Raum lichtdurchflutet. In der Mitte befinden sich ein paar Sitzbänke. Eigentlich könnte man sich für einen Moment setzen und diesen besonderen Raum auf sich wirken lassen. Gleichzeitig ist es dort sommerbedingt sehr warm. Mit dickem Haarband, OP-Maske, einem Jäckchen und vor allem meiner großen Aufregung komme ich umso mehr ins Schwitzen.

Die direkte Konfrontation

In Deutschland gehören Angststörungen zu den häufigsten psychischen Störungen. Dementsprechend gibt es eine Reihe an Therapiemöglichkeiten. Eine gängige Therapieform ist die Konfrontationstherapie. Die Idee dieser Therapie besteht darin, dass Betroffene ihre Angst durch direkte Konfrontation irgendwann ablegen können. Durch langsames Herantasten an die Angstsituation oder an das gefürchtete Objekt können zum Beispiel körperliche Symptome mit der Zeit nachlassen. Mein Besuch im Insektarium ist ein erster Versuch, mich selbst zu therapieren. Ein Tag vor dem Besuch habe ich mir Gedanken über den groben Ablauf gemacht und mich versucht, mental etwas vorzubereiten. Von Anfang an stand für mich fest: ich werde den Raum verlassen, sobald es mir zu viel wird. Ich wollte wissen, ob ich mein Verhalten unter extremen Stressbedingungen kontrollieren kann. Herausfinden, wie lange ich es dort aushalte – mich aber gleichzeitig nicht schlecht fühlen, wenn es nur wenige Sekunden werden. Mit den Tieren in Berührung kommen, das kommt für mich nicht in Frage. Davon bin ich noch weit entfernt.

Von der Raupe zum Schmetterling: In diesem Terrarium findet die Metamorphose statt. | Bild: Kübra Kilic
Die Weiße Baumnymphe, ein Edelfalter. | Bild: Kübra Kilic
Ein Glashäuschen im Glashaus: das Terrarium ermöglicht mir, näher an die Tiere zu gehen. | Bild: Kübra Kilic
Die Pflanzenauswahl im Schmetterlingshaus richtet sich danach, was die Raupen nicht gerne fressen. So bleibt hier die Pflanzenwelt bestehen. | Bild: Kübra Kilic

Ein erster Schritt

Beim Eintreten kommen meine gewohnten Ängste hoch. Zurückhaltend und sehr vorsichtig habe ich mich in die Halle getraut. Dann sehe ich mich um. In meiner Vorstellung habe ich mit mehr Schmetterlingen gerechnet. Die Anzahl der Tiere hält sich im Verhältnis zur Raumgröße in Grenzen – das kommt mir gelegen. Ich habe genug Ausweichmöglichkeiten. Mein Freundin Julia ist als eine Vertrauensperson eine große Stütze. Sie läuft an meiner Seite und stellt sich vor mich, sobald ein Schmetterling in meine Richtung fliegt. Langsam, aber sicher beruhige ich mich etwas. Ich gewöhne mich an die Situation und spüre, wie sich mein Körper von der Anspannung loslöst und sich etwas lockert.

Ungefähr eine Viertelstunde konnte ich mich zwischen den Schmetterlingen aufhalten. Auch so nah an die Tiere gehen, dass ich ein paar Fotos schießen, aber einen für mich gesunden Abstand zu ihnen wahren konnte. Ich bin stolz auf mich. Mit diesem Besuch gelang es mir, meine Angst etwas einzudämmen. Der erste Schmetterling nach meinem Selbstversuch, der auf dem Balkon an mir vorbei flatterte, löste nicht die zuvor gewohnte Panik in mir aus. Ich blieb ruhiger als sonst. Allerdings ist die Angst nicht vollständig weg. Nach wie vor werde ich Schmetterlinge auf meiner Handfläche nicht begrüßen können.

Mit der Zeit traute ich mich trotz meiner Phobie, Fotos von den Schmetterlingen zu machen. | Bild: Kübra Kilic