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Ein Slogan, der eindeutig ist: Die Kulturbranche kämpft deutschlandweit ums Überleben. | Bild: Julia Kunert | Graffiti: Moritz Vachenauer und Sebastian Müh

Politik&Aktion Coronakrise
Kultur im Lockdown: Leider nicht systemrelevant?

Ein Slogan, der eindeutig ist: Die Kulturbranche kämpft deutschlandweit ums Überleben. | Bild: Julia Kunert | Graffiti: Moritz Vachenauer und Sebastian Müh

20 Dec 2020

#OhneUnsWirdsStill: Seit März 2020 befindet sich die deutsche Kulturbranche im Corona-bedingten „Lockdown” – so lange wie kaum eine andere Branche. Frustriert und in finanzieller Not fragen sich viele Branchenvertreter*innen: Sind wir überhaupt systemrelevant?

Julia Kunert

CR/PR
seit Sommersemester 2020
AuslandPolitik und AktionKulturMusik

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„Wir haben ein Berufsverbot, das ist ganz klar.” Mascha Winkels, Frontsängerin der Kölner Band „Frau Winzig”, und ihre Bandkollegen stecken wortwörtlich fest. Die einzige Möglichkeit, ihren Beruf aktuell ausüben zu können, besteht darin, sich in ihrem Tonstudio einzuschließen und Songs zu schreiben. Songs, die wahrscheinlich nie jemand hören wird. Der Drummer der Band, Merlin Zambra, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Der Beruf Live-Musiker*in fällt nicht nur dieses Jahr weg, sondern vielleicht noch das ganze nächste Jahr.” 

Die Corona-Pandemie hat die Band stark getroffen: Nur zwei Konzerte konnten die Musiker*innen dieses Jahr spielen. Neben den finanziellen Einbußen ist ihnen auch der Plattenvertrag weggefallen. 

Wenn du noch mehr darüber wissen willst, wie „Frau Winzig“ die Corona-Zeit erlebt und warum Kultur systemrelevant ist, kannst du dir hier das ganze Interview anhören.

So wie „Frau Winzig” ringen gerade rund 1,2 Millionen Menschen, die ihr Geld sonst hauptsächlich in der Kreativwirtschaft verdienen, um ihre Existenz – das hat die Initiative Kultur und Kreativwirtschaft ausgerechnet. Der „Lockdown light“ brachte im November viele Kulturstätten wieder zum Stillstand. Schulen, Einzelhandelsgeschäfte und das produzierende Gewerbe hingegen dürfen mit den bestehenden Hygienekonzepten noch sechs Wochen weiterarbeiten. Für viele Künstler*innen und Branchenvertreter*innen liegt die Antwort auf der Hand: Kunst und Kultur sind in Deutschland nicht systemrelevant. Doch stimmt das?

Der Begriff „Systemrelevanz“ stammt ursprünglich aus der Finanz- und Wirtschaftsbranche. Die deutsche Bundesregierung definiert im ähnlichen Sinne den Begriff „kritische Infrastrukturen“.
KRITIS sind Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden. 

Im Bereich Kultur und Medien nennt die Bundesregierung folgende Teilmärkte: Rundfunk (Fernsehen und Radio), gedruckte und elektronische Presse, Kulturgut und symbolträchtige Bauwerke. 

Quelle: Deutscher Bundestag

| Bild: Julia Kunert, erstellt mit canva

Eine Branche, viele Gesichter

Kunst und Kultur: Auf dem ersten Blick scheint die Branche für Bildung und Freizeit zuständig. Doch oft wird vergessen: Die Branche ist auch wirtschaftlich relevant. 
Im Vergleich mit anderen Wirtschaftssektoren liegt die Kultur- und Kreativwirtschaft ungefähr auf dem Niveau der Maschinenbau-Branche und noch vor dem Finanzdienstleistungssektor, dem Energiesektor und der chemischen Industrie. Zwar erwirtschaften die verschiedenen Teilmärkte der Branche unterschiedlich hohe Umsätze, doch alle Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft müssen 2020 mit Umsatzeinbrüchen rechnen. Die von den Kontaktbeschränkungen am stärksten betroffenen Teilmärkte Musik und Darstellende sowie Bildende Kunst prognostizieren Umsatzeinbrüche von bis zu 75 Prozent. Hinzu kommt, dass vor allem hinter diesen Teilmärkten noch eine zweite Branche steht, die von der Corona-Pandemie stark geschädigt wird: die Veranstaltungswirtschaft, die sechstgrößte Wirtschaftsbranche Deutschlands.

„Wenn man über die Künstler und die Musiker spricht, sollte man auch über alle, die dahinter stecken, sprechen, die das Ganze am Leben erhalten.“ – Merlin Zambra, Drummer bei "Frau Winzig"

Eventmanager*innen, Tontechniker*innen und viele mehr sind durch die Pandemie stark eingeschränkt. Doch wie versucht die Politik, Betroffenen zu helfen?

Infografik: ausgewählte Hilfsmaßnahmen für die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Corona-Pandemie | Bild: Julia Kunert, erstellt mit canva

Zu lange zu realitätsfern?

Kulturstaatsministerin Monika Grütters sicherte der Kulturbranche schon am Anfang der Pandemie ihre Unterstützung zu. Eigentlich ist Kultur zu großen Teilen Ländersache. Das regelt Artikel 30 im Grundgesetz für die Kulturhoheit. 

Doch die Corona-Pandemie beeinträchtigt das deutsche Kulturleben in so großem Maße, dass einheitliche Förderungen durch den Bund notwendig sind. Im Laufe der Pandemie entwickelte die Bundesregierung etappenweise verschiedene Finanzhilfen, um die kulturelle Infrastruktur aufrechtzuerhalten (siehe Infografik). Viele der Hilfen, wie das Programm „Neustart Kultur“ oder die Überbrückungshilfe II, stellen Gelder für die Erhaltung von kulturellen Infrastruktureinrichtungen bereit und decken Betriebskosten. Das ist zwar wichtig, bringt aber vor allem die vielen Soloselbstständigen der Branche in die Bredouille, denn hohe Betriebskosten haben sie nicht. Das erkannte auch Wirtschaftsminister Olaf Scholz und versuchte, die Überbrückungshilfe III auch für Soloselbstständige zugänglich zu machen: 5.000 Euro für den Zeitraum Dezember bis Juni als „unbürokratischen Zuschuss“ können freischaffende Künstler*innen nun beantragen.

Dennoch empfinden viele Betroffene die Hilfen als zu spät. Laut Christian Dietzel, dem Pressesprecher des Aktionsbündnisses „Alarmstufe Rot“, beging die Politik mit ihren Rettungsmaßnahmen zwei Fehler: Die Politiker*innen hätten nicht erkannt, dass es die Veranstaltungsbranche gibt und diese besonders vom Veranstaltungsverbot betroffen ist. Außerdem herrsche in den verschiedenen Ministerien keine Vorstellung davon, wie heterogen, komplex und bedürfnisorientiert die Branche sei. Alarmstufe Rot engagierte sich seit Mitte Juni, um durch zahlreiche Landesdemonstrationen und Social-Media-Aktionen auf die prekäre Lage der Kultur- und Veranstaltungsbranche aufmerksam zu machen. Erst die Protestaktionen des Bündnisses hätten bewirkt, dass die Bundesregierung mit Betroffenen in Kontakt trat, um gemeinsam die jetzt geltenden Wirtschaftshilfen zu erarbeiten, erklärt Christian Dietzel. Der Bundesregierung fehlte es jedoch zuvor an konkreten Ansprechpartnern, da die Veranstaltungswirtschaft sich zuvor nie politisch engagiert habe. „Das ist alles jetzt in der Pandemie-Zeit neu entstanden, sodass die Ministerien das Problem hatten: Wer ist denn eigentlich Ansprechpartner der Kreativwirtschaft?”, entgegnet Martin Rabanus, der Sprecher für Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, den Vorwürfen.

Hoffnung für die Zukunft?

Die Krise erst mal finanziell überleben – darüber sind Politik und Kulturschaffende sich einig. Doch was kommt danach? Martin Rabanus bedauert die Schließung der Kultureinrichtungen zwar, sieht diesen Schritt jedoch als logische Maßnahme, wenn man bestimmte Infrastruktureinrichtungen wie Schulen, Kindertagesstätten und den ÖPNV offen halten will. Außerdem betont der SPD-Politiker, dass die Schließung der Kulturstätten nicht mit fehlender Systemrelevanz gleichzusetzen sei. Das viele Publikum, auf das die Live-Kultur abziele, sei in Pandemie-Zeiten einfach nicht zumutbar.

Doch wie könnte es in Zukunft mit der Kulturbranche weitergehen?

Eine Frage – zwei Meinungen

Ist Kunst und Kultur in Deutschland systemrelevant? Darauf gibt es keine einfache Antwort. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe führt Kultur und Medien in der Corona-Pandemie offiziell als „kritische Infrastruktur auf. Auch im Infektionsschutzgesetz gibt es eine Neuerung:

Aber wird die Kulturbranche in der Corona-Pandemie wirklich als systemrelevant anerkannt? Die Diskussionsparteien sind hierbei verschiedener Meinungen. Deutschland kümmert sich in der Pandemie um seine Kulturbranche – und die Schließung der Kulturstätten beruht auf den Pandemie-bedingten Kontaktbeschränkungen. Dennoch fehlte es lange Zeit an bedarfsorientierten, schnellen Wirtschaftshilfen, sodass Branchenvertreter*innen wie Alarmstufe Rot jetzt schon enorme Insolvenzen befürchten: In einer repräsentativen Umfrage mit 1.000 Unternehmen gaben 23 Prozent der Befragten an, Mitte Dezember faktisch insolvent zu sein. Besonders die Monate November und Dezember sind laut dem Aktionsbündnis für die Kultur- und Veranstaltungswirtschaft besonders ertragreich – und genau in diesen Monaten konnte das Kulturleben dieses Jahr nicht stattfinden. Das umfangreiche Maßnahmenpaket für November und Dezember steht in den Startlöchern – und es wird sich zeigen, ob die starken Maßnahmen endlich Wirkung zeigen.

Alle Interviews entstanden im Zeitraum Mitte November bis Anfang Dezember. Auf aktuellere Informationen konnten die Protagonist*innen daher nicht eingehen.