E-Kennzeichen, Ladesäulen, Parkplätze für Elektroautos: E-Automobilität schlägt sich in verschiedenen Formen im Stadtbild von Stuttgart nieder. | Bild: Domenic Wassiljew

edit.Challenge Quo vadis E-Automobilität?
Korinna, reicht der Akku noch bis zum Bäcker?

E-Kennzeichen, Ladesäulen, Parkplätze für Elektroautos: E-Automobilität schlägt sich in verschiedenen Formen im Stadtbild von Stuttgart nieder. | Bild: Domenic Wassiljew

05 Dec 2019

»Klimaschutz ist Menschenschutz!«, dachten sich die Studentin Korinna und ihr Vater Thomas und gaben einen Smart EQ bei Mercedes in Auftrag. Aber ist das E-Auto mehr als nur umweltschonend – oder vielleicht nicht mal das? Und wie schlägt sich das Elektroauto im Alltag?

Die Batterieanzeige sinkt schneller als die Restkilometer im Navi, das Marzipan-Herz vom Autohaus ist schon aufgegessen – Korinna hat Stress. Es ist Oktober 2019. Um Blutproben quer durch Kiel zum Labor ihres Vaters Thomas transportieren zu können, soll ein E-Auto her. Der entsprechende Starkstromanschluss an der Fassade ist längst vorhanden. Bereits letztes Jahr sollte es soweit sein, doch ohne Schnellladefunktion über Nacht nur 30 Prozent Akku? Keine Chance! Mittlerweile lädt sich der lackfrische Smart Fortwo in der Mittagspause in einer Stunde voll auf. Kinderkrankheit überwunden?

Zurück zu Korinna: Früh am Morgen schon fährt sie mit dem Zug nach Lübeck, um beim dortigen Mercedes-Benz-Center das voll elektrifizierte, fahrbare Gefährt abzuholen und am 85 Kilometer entfernten Medizinischen Versorgungszentrum abzustellen. Mit 100 Kilometern effektiver Reichweite dank Autobahn-Vollbelastung! Mittlerweile ist es Mittag. Die Studentin steht auf einem verlassenen Rastplatz irgendwo zwischen Lübeck und Kiel und googelt bereits seit 15 Minuten nach der nächsten Ladesäule und der richtigen App – das Internet ist scheiße!

Wenn alles gut geht, streift sie kurz Eutin, um dann mit halbwegs vollem Akku die restlichen 45 Kilometer so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Wieder im Auto fehlen bereits fünf weitere Kilometer auf der Reichweitenanzeige – durch das Stehen hat sich der Wagen entladen. Als sie schlussendlich in Eutin ankam, hat sich bereits ein anderer Smart neben die Ladesäule gefläzt und saugt fiepend Strom. „Ich versuch jetzt einfach durchzufahren und lass mich ansonsten kurz vor Kiel abholen“, flucht sie. Doch die Jungfernfahrt glückt. Ganz knapp! „Ich hätte mir besser vorher eine Ladestation rausgesucht“, mahnt sie. Nicht nur im Norden ist es schwierig, Ladestationen auf Anhieb zu finden. In der nachfolgenden Karte werden alle Ladesäulen der baden-württembergischen Landeshauptstadt aufgezeigt:

Hinweis: Die Zahl in den Punkten steht für die Anzahl der Ladestationen vor Ort.

Das Konzept der Elektroautos hat also seine Stärken und Schwächen. Das sieht auch Kai Schweizer, Autohändler aus Ludwigsburg, so. Durch das Feinstaubproblem in Stuttgart sind Elektrofahrzeuge hier natürlich besonders beliebt. Jedoch trügt der Schein, dass der Elektromotor den Diesel- und Benzinmotoren so weit voraus ist. Viele Elektrofahrzeuge sind bis zu 98 Prozent recyclebar und auch das Parken und Laden ist wesentlich günstiger. In der Herstellung dagegen sind die E-Autos weiterhin viel zu CO2-intensiv. Kai ist sich sicher:

„Da wird es definitiv noch eine ganze Weile dauern, bis ein vollständig umweltfreundliches Auto auf den Markt kommt“. – Kai Schweizer

Bis dahin gibt es einiges zu beachten, wenn man mit einem solchen Gefährt unterwegs ist:

Mit Carsharing-Apps wie car2go wird das Automieten einfach: Mietstatus, Ladestand des Autos und Fahrtzeit sind auf einen Blick zu sehen. | Bild: Carolin Gelb
E-Autos werden genauso geladen wie ein herkömmliches Smartphone. Das passende Kabel liegt natürlich bei jedem Automodell dabei. | Bild: Domenic Wassiljew

Kai stimmt Korinna zu und deutet die bisherige Reichweite der E-Autos als große Challenge. Zwar ist Stuttgart mit Ladesäulen super ausgestattet, doch in anderen Teilen Deutschlands sind nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft lange nicht so viele Ladeplätze vorhanden. Man kann sich also nicht darauf verlassen, immer eine Ladesäule zu finden, wenn man eine braucht. „Viele E-Auto-Interessenten sind da sehr blauäugig“, erzählt Kai, „die sagen dann halt: Na ja, ich hab 'nen Aldi um die Ecke, da kann ich ja kostenlos laden“. So einfach ist es in den meisten Fällen jedoch nicht.

Korinna hat die Tankschwierigkeiten zumindest gelöst. Doch schon taucht das nächste Problem zwischen den parkenden Autos auf: Passanten, die schnell die Straße queren und die Motorengeräusche des Flüster- Flitzers kaum hören. Welche Motorengeräusche auch? Deswegen ist seit 1. Juli 2019 ein zusätzliches Geräusch bis zu einer Geschwindigkeit von 20 km/h Pflicht. Danach übertönen selbst bei modernen Verbrennern die Abrollgeräusche der Reifen den Motorenlärm. Beim Auto von Korinna fehlt diese Soundeinheit aber komplett und Mercedes weigert sich bis zum heutigen Tag nachzurüsten. „Einem Fahrer ist am selben Tag genau das Gleiche passiert“, mahnt sie.

Es wird also viel gearbeitet an der Technologie der Umweltautos. Betont werden muss aber, dass große technische Entwicklungen vor allem eins brauchen: Zeit. Es ist eben nicht möglich, alles auf einmal einzurichten. Kai kritisiert: „Menschen in unserer Gesellschaft wollen alles sofort haben und können keine Geduld aufbringen“. Die Zeit wird zeigen, welche Technologien eine strahlende Zukunft haben und welche klanglos floppen werden. „Deshalb lohnt sich auch der Kauf eines Elektroautos noch nicht“, rät Kai. Dafür sind die Anschaffungskosten des Autos aktuell zu hoch und die Technik zu sprunghaft. Weitere Einschätzungen von Kai und Erfahrungen von E-Auto-Fahrerin Korinna halten die Punkte in der Grafik bereit:

Wenn man aber doch mal ein Auto braucht, um die Bierkästen nach Hause zu schaffen, ist car2go eine gute Alternative. So macht es zumindest Korinna. Man ist umweltschonend unterwegs, hat keine Anschaffungskosten und die App zeigt die nächste Ladestation immer an. Auch die Bedienung ist kinderleicht. Bezahlen kann man entweder im Minutentarif oder je nach gebuchter Zeitflatrate. Auch der Akkuladestand wird sowohl in der App als auch im Auto angezeigt, sodass man immer einen guten Überblick hat. Allerdings sind auch diese Elektroautos wieder sehr leise – der Motorstart fällt nur durch ein einzelnes Piepen auf, und auch während des Fahrens nimmt man kaum Motorgeräusche wahr.

Vor dem Kauf eines E-Autos haben potenzielle Kunden also einiges zu bedenken. Die folgende Infografik kann ein erster Anhaltspunkt sein:

Quelle: Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, Kraftfahrt-Bundesamt, Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle | Bild: Domenic Wassiljew

Neben einer Anhebung der Kaufprämie ab 2021 auf 6.000 Euro sieht das Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung unter anderem 50.000 neue Ladepunkte in den kommenden zwei Jahren vor. Aber was ist mit den anderen Firmenwagen des Kieler Labors von Korinnas Vater? Werden sie irgendwann auch durch E-Autos ersetzt? „In fünf bis sechs Jahren vielleicht, wenn die Ladeinfrastruktur besser ausgebaut ist und es nicht jedes Jahr bessere Modelle gibt“, meint Korinna. Und so ist das Thema E-Auto bei Korinna und Thomas erst mal wieder vom Tisch.