Nadja Najib in ihrem Restaurant "das Maria" in München. | Bild: Brigitte Buck

Interviews Selbstverwirklichung
Von der Juristin zur Gastronomin

Nadja Najib in ihrem Restaurant "das Maria" in München. | Bild: Brigitte Buck

10 Aug 2020

Nadja Najib betreibt seit 2013 das orientalische Restaurant Maria in München. Davor war die studierte Juristin als Projektleiterin im Verwaltungsteam Stuttgart 21 tätig. Die Gastronomin erzählt von naiven Entscheidungen und dem Selbstvertrauen, alles hinzuschmeißen. 

Brigitte Buck

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
seit März 2019
Interviews StadtlebenKultur Gesellschaft

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Warum verlässt man einen gut bezahlten Beamtenjob für die Gastronomie? Nadja Najib hat elf Jahre lang als Juristin gearbeitet und genau das getan. Ein Gespräch über Durchhaltevermögen, finanzielle Sichherheit und Glückseligkeit im Berufsleben. 

Wie lange hast du gebraucht um deinen Wunsch vom eigenen Lokal in die Realität umzusetzen?

18 Jahre. Die Entscheidung musste erst volljährig werden. (lacht) 

Wann kam dir der Gedanke zum ersten Mal?

Anfang der Neunziger. Bevor ich überhaupt mit dem Jurastudium angefangen habe. Im zweiten Semester war dann der Running Gag: „Wenn das mit der Juristerei nicht klappt, dann machst du einfach ein Restaurant auf.“ Ich hab damals schon häufig Freunde zum Essen eingeladen und bei mir haben regelmäßig Partys ohne konkreten Grund stattgefunden, einfach weil ich Bock hatte zu kochen und den Leuten was Gutes zu tun. 

Du wolltest also schon immer in die Gastronomie? 

Nein, eigentlich wollte ich Lehrerin werden. Das war mein großer Traum, als ich selber noch in die Schule gegangen bin. Mein größtes Vorbild war damals mein Französischlehrer. Der war irgendwie anders – der hat uns ernst genommen und respektiert und das fand ich toll. In seine Fußstapfen wollte ich treten. In der zwölften Klasse hat er mich dann gefragt, was ich später werden will. Da hab ich gesagt: „Ja Lehrerin, so wie du.“ 

Und dann? 

War er völlig entsetzt und meinte, es wäre ein ganz fürchterlicher Beruf und ich solle das auf gar keinen Fall machen. Er war der Meinung, ich soll Jura studieren. „Das passt zu dir.“ Das hat sich dann in meinen Kopf gefressen. Der kannte mich schließlich schon jahrelang und man war ja damals noch jung und klein und kein fertiger, reifer Mensch, der sagen kann: „So ein Quatsch, nur weil der das sagt, muss ich das noch lange nicht gut finden.“ Außerdem wollte ich so unbedingt gerne nach Heidelberg gehen und da gab es nur die klassischen Studiengänge wie Medizin, BWL, Psychologie, Jura – und dann habe ich das halt mal gemacht. Nichts ahnend, dass wenn ich das „halt mal mache“, ich es dann auch nicht wieder hinschmeiße. Dazu bin ich wiederum auch nicht der Typ. 

Deine Entscheidung Juristin zu werden, war also von diesem Lehrer abhängig? 

Ja, komplett. 

Du hast dann beide Staatsexamen gemacht und sieben Jahre lang studiert. 

Ich habe damals viel darüber nachgedacht, das Studium einfach abzubrechen, aber mich wahrscheinlich nicht getraut. Trotzdem habe ich mich hinterher oft so ein bisschen über mich selbst geärgert, dass ich nicht mehr darüber nachgedacht oder mich besser informiert habe. Dass ich da so ein bisschen naiv treudoof reingestolpert bin. Es war für mich einfach nicht die Materie, mit der ich mich langfristig beschäftigen wollte. Aber dann ist man im Studium irgendwann so weit vorangeschritten, dass man sagt: „Jetzt hab ich’s schon fast geschafft, jetzt mach ich’s auch noch fertig.“ Aber gefallen hat’s mir nicht. Ich fand’s einfach furchtbar langweilig. 

Trotzdem hast du anschließend als verbeamtete Juristin erst für das Land Baden-Württemberg und später für den Freistaat Bayern in der Verwaltung gearbeitet. Warum?

Stuttgart 21. Das war mein erstes Projekt. Damit habe ich angefangen. Mit so einer Fülle an verschiedenen Tätigkeiten und Aspekten. Vor allen Dingen aber mit der Arbeit im Team und nicht einfach in irgendeinem stillen Kämmerlein: in so einem Hasenstallbüro von so einem Durchschnittsbeamten. Ich war zwar am Anfang meiner Karriere selbst noch ein Häschen, aber das hätte ich mir nicht angetan. Bei Stuttgart 21 hat allerdings neben dem Juristischen ein Großteil an Organisation dahintergesteckt, und was zu organisieren war immer etwas, das ich gerne gemacht habe. Deshalb bin ich diesen Weg dann auch weitergegangen und hab es relativ lange damit ausgehalten.

Wie lange? 

Acht Jahre. 

Erfolgreiche Jahre?

Ja, ich war am Schluss die Projektleiterin im Projektteam Stuttgart 21. Weil ich diesen Job mit dem gleichen Ehrgeiz und der gleichen Leidenschaft gemacht habe, die ich auch für einen anderen aufgebracht hätte. Ich finde es einfach nicht in Ordnung, nur weil mir langweilig ist, auf Standgas zu arbeiten. Nichtsdestotrotz hatte ich immer das Gefühl, dass wenn ich etwas machen würde, was ich wirklich liebe – ich es für alle um mich herum und für mich selbst noch viel gewinnbringender tun könnte. Dieses Gefühl blieb immer bei mir.

Beamtin auf Lebenszeit und Projektleiterin für eines der teuersten Bauprojekte Deutschlands – heißt: gesicherter Job, gutes Einkommen, steile Karriere. Warum gibt man das alles auf? 

Weil irgendwann einfach der Punkt erreicht war, an dem ich sagen musste: „Das war’s. Mehr schaff ich nicht. Ich kann nicht einen noch größeren Anteil meines Lebens in etwas investieren, das von Anfang an nicht das Richtige war.“ Finanzielle Sicherheit ist das Eine, aber Glückseligkeit das Andere – und die ist auch nicht in Geld aufzuwiegen. 

Woran erkennt man, dass es an der Zeit ist, aufzuhören?

Es ist ein bisschen so: Man wacht nachts auf und weiß es. 

Du bist dann 2005 von Heidelberg nach München gezogen.

Erstmal, um mich räumlich zu verändern. Ich habe angefangen, parallel zu meinem Beamtenjob in der Gastronomie zu arbeiten und mich nach Lokalen umzuschauen. Das ist was, wo man nicht kompromissfähig sein kann: Es muss die richtige Location, am richtigen Ort, zum richtigen Preis und vor allem mit dem richtigen Karma sein. Und die Kombination ist mir nicht sofort über den Weg gelaufen. War wahrscheinlich auch gut so. Hätte mich damals vielleicht so ein bisschen überfordert. Ich hab da noch ein paar Jahre gebraucht, um mich zu dem Menschen zu entwickeln, der sagt: „Ich schmeiß jetzt wirklich alles hin.“ Um dieses Selbstvertrauen zu finden, als führende Person in einen Bereich zu gehen, den man davor nur als Mitarbeiter kannte. 

Sieben Jahre später hast du (d)eine perfekte Kombination gefunden: Das Maria. 

Vier Monate vorher hab ich gesagt: „Okay, es funktioniert so nicht. Ich muss, wenn ich das richtige Lokal finden will, jetzt aus der Rechtswissenschaft aussteigen. Sonst habe ich nie genug Zeit, nie genug Energie und nie genug Konzentration für dieses Thema. Sonst mache ich das immer nur so ein bisschen und suche immer nur so ein bisschen aber suche nie intensiv genug.“ Ich hab also gekündigt und eine Woche nachdem ich raus war, kam das Maria ums Eck. Es war also ganz klar: Ich musste das Alte sein lassen, um das Neue anzufangen. Die Erkenntnis war genau die Richtige und die ging voll auf. 

Wie hat sich die Zeit nach der Eröffnung für dich angefühlt? 

Am Anfang hab ich manchmal 18 Stunden am Tag gearbeitet. Da hatte ich überhaupt gar keine Gelegenheit irgendwas zu realisieren – weil das alles so krass aufgesogen hat. Aber oft, nachdem ich nachts noch gebacken habe und es affenspät war, bin ich auf die Treppenstufe im Laden gesessen und hab alles so ein bisschen wirken lassen. Schon fast in Trance. Alleine, im Dunkeln und mit meinem Bier in der Hand: Mein eigener Laden. „Es ist jetzt soweit. Ich bin da hingekommen, wo ich wollte. Ich hab‘s endlich geschafft.“ Das musste ich mir echt ganz krass bewusst machen. 

Ist das dein Ziel, dieses Gefühl nicht mehr zu verlieren? 

Ja, ich persönlich möchte nie mehr Lebenszeit mit etwas verschwenden, was mich quält oder langweilt. Ich brauche jetzt nicht unbedingt das 17. Lokal und es muss auch nicht jeder in München wissen, dass ich Frau Maria bin. Das ist mir total wurscht. Ich möchte, dass wir noch viele Jahre mit einem Erfolg, der uns glücklich macht, das Maria betreiben können. Dass wir Spaß haben und uns dabei immer ein bisschen weiterentwickeln. 

Gibt es einen Moment, der das beschreibt? 

Wie wir alle nach so einer krassen Sonntagsschicht im Frühling, wo’s so richtig knallt und wir unter mega Druck arbeiten, am Ende des Tages auf der Terrasse sitzen und uns freuen, dass wir das gerockt haben. Das ist Zufriedenheitsgefühl-Maria. 

Hast du es jemals bereut 18 Jahre lang darauf gewartet zu haben? 

Nein. Dieser Werdegang war total wichtig für mich. Nicht nur weil ich Berufs- und Lebenserfahrung sammeln konnte, um eine erfolgreiche Gastronomin zu werden. Sondern weil ich dadurch auch finanziell ausgerüstet war. Deshalb hat diese ganze lange Zeit trotzdem eine sehr große Daseinsberechtigung und war zwingend auf meinem Weg hierher.