Ob zu viert oder fünft: Gerade einmal drei Prozent der Deutschen können sich eine polyamore Partnerschaft vorstellen. | Symbolbild | Bild: Maura Münter

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Ist mehr wirklich mehr?

Ob zu viert oder fünft: Gerade einmal drei Prozent der Deutschen können sich eine polyamore Partnerschaft vorstellen. | Symbolbild | Bild: Maura Münter

13 Dec 2018

Eifersucht, Seitensprünge und fehlendes Vertrauen  – in der klassischen Zweierbeziehung sind diese Probleme beinahe programmiert. Doch was ist die Alternative? Auf der Suche nach Gründen für eine Liebesbeziehung mit mehr als nur einem Partner.

Im tristen Raum des modernisierten Bauernhauses blendet das grelle Licht. Vor uns ein Stuhlkreis. Nacheinander trudeln einige Personen ein. Eine Frau begrüßt ihr Gegenüber mit einem Lächeln und den Worten: „Du bist mir aber sympathisch!”, neben ihr ein Mann, der ihr Partner zu sein scheint. Sofort ertappen wir uns bei dem beschämenden Gedanken: „Ob die wohl alle was miteinander haben?” – Aber nein, sie sind ja keine Swinger, sondern polyamor. Aber was genau bedeutet es, so zu lieben?

Begriffserklärung

  • Polyamorie: Eine Liebesbeziehung mit mehr als einer Person, bei der alle Partner voneinander wissen.  

  • Monogamie: Eine Liebesbeziehung mit nur einem Partner, die sexuell exklusiv ist.

Das monatlich in Stuttgart stattfindende Polyamorie-Treffen umfasst rund 30 Teilnehmer jeden Alters. Singles, Paare sowie Eltern diskutieren dort über ihre Eindrücke und Erfahrungen.

Eine von ihnen ist Christine*. Die 61-Jährige ist seit 35 Jahren glücklich verheiratet, hat zwei Kinder mit ihrem Ehemann und lebt seit neunzehn Jahren polyamor. Wie es dazu kam? Christine lächelt und erklärt, dass ihr Mann und sie glücklicherweise gleichzeitig neue Partner kennenlernten, was es natürlich einfacher gemacht habe. Trotzdem betont sie: „Klar war es ein Risiko, die Beziehung zu öffnen.”

Auf die Frage, wie ihr Umfeld auf diesen neuen Lebensstil reagierte, erzählt sie von erschreckend negativen Reaktionen: „Enge Freunde, die sehr religiös sind, haben einfach den Kontakt zu mir abgebrochen. Das liegt sicherlich auch an meiner Generation.”  Einfach sei das nicht gewesen, weshalb auch der entferntere Freundes- und Bekanntenkreis nicht genau Bescheid wisse. „Mir ist es egal, was die Leute denken. Diese Einstellung hätte ich gerne schon früher gehabt.” fügt sie hinzu.

Die 23-jährige YouTuberin Poppy (@poppypolyamorie) aus Wien hatte eine solche Denkweise tatsächlich schon viel früher und sieht keinen Konflikt zwischen ihrem christlichen Glauben und dem alternativen Liebesmodell. Nach einer gescheiterten monogamen Partnerschaft merkte sie mit 16, dass sie gerne mehrere Menschen lieben möchte, was durchweg positiv aufgenommen wurde. Nachdem ihr größeres Beziehungskonstrukt mit vier Partnern Anfang des Jahres in die Brüche ging, hat sie aktuell nur noch zwei.

Noch immer sind Zweisamkeit und Heirat stark verbreitete Ideale, auch in Deutschland. Dennoch hat sich, laut einer Umfrage der Online-Partnervermittlung Parship, jeder fünfte Deutsche schon auf einen Seitensprung eingelassen. Doch wie ist es mit der damit verbundenen Eifersucht, die in monogamen Beziehungen gerne als Liebesbeweis bezeichnet wird? Poppy erklärt, sie selbst sei noch nie „blind” eifersüchtig gewesen. Trotzdem habe ihr derzeitiger Freund anfangs damit zu kämpfen gehabt. Durch viele Gespräche und Ehrlichkeit hätten sie diese Phase aber gemeinsam überwunden.

So einfach wie es klingt, ist es jedoch nicht immer. Christine meint mit bedauernder Stimme: „Bei einer Poly-Partnerschaft mit vier oder fünf Personen reicht einer, der ein Problem mit dem Konstrukt hat und das Ganze kommt ins Wanken.”

„Freiheit und Sicherheit widersprechen sich nicht.” – Poppy

Für beide steht fest: kein Partner steht über dem anderen. Bei einem Szenario wie einem Unfall, bei dem beide Partner ins Krankenhaus müssten, gäbe es keinen eindeutigen Favoriten. Doch Poppy ergänzt: „Man muss realistisch sein, wenn man mit einem Partner schon jahrelang zusammen ist und Verantwortung teilt, dann hat dieser natürlich eine bestimmte Stellung. Doch das bedeutet nicht, dass jemand anderes nicht ebenso wichtig werden kann.”

Allein ein Partner ist für viele Menschen schon eine organisatorische Herausforderung. Poppy führte während ihrer Vierer-Poly-Beziehung sogar einen Google-Kalender: „Alle haben mir ihre Termine gesagt und ich habe einfach abgewogen, was für wen passt. Ich mag es zu organisieren, also hat mich das nicht wirklich gestresst, sondern eher Spaß gemacht.” Auch Christine und ihr Mann schreiben sich Zettel oder Notizen in den Kalender am Kühlschrank, wenn sie bei ihren Partnern sind. „Feste wie Weihnachten verbringe ich natürlich mit meiner Familie, mein Freund war sogar auch schon mit dabei.” Anfangs waren ihre Kinder zwar sehr skeptisch, haben sich aber mittlerweile an die Situation gewöhnt.

Ob sie ebenfalls heiraten oder Kinder bekommen möchte, lässt Poppy offen, verrät dann aber: „Ich bin einer Hochzeit nicht abgeneigt, da es einfach auch rechtliche Vorteile mit sich bringt und mir die Vorstellung einer romantischen Zeremonie gefällt. Ich mag den Gedanken aber nicht, dass ich dies dann nur mit einer einzigen Person teilen kann.”
Christine ist glücklich über ihre Ehe und möchte das Leben als Poly keineswegs missen: „Mein Mann und ich verstehen uns, seit wir poly sind, viel besser, weil man sich einfach intensiver miteinander und mit sich selbst auseinandersetzen muss. Vielleicht wären wir sonst auch gar nicht mehr zusammen.”

„Für mich ist der Ursprungsgedanke von poly, dass man eine Art Gemeinschaft oder Netzwerk ist.” – Christine

Für Christine und Poppy ist klar: Polyamorie ist der einzige Beziehungsstil, der für sie infrage kommt. Wenn dieses Modell die Lösung ist, warum leben dann nicht mehr Menschen poly?

Aus Christines Sicht besteht sehr viel Unwissen. Einige hätten nicht das Interesse, sich mit sich selbst derart auseinanderzusetzen oder schlichtweg Angst. Das findet sie schade, denn sie erlebe immer wieder, wie monogame Paare sich trennen oder unglücklich zusammen blieben, anstatt es zu wagen, andere Beziehungsmodelle auszuprobieren. Was sie am Poly-Leben besonders schätze, wollen wir abschließend wissen: „Es hat mir viele Horizonte geöffnet. Ich habe ganz neue Einsichten und Eindrücke bekommen”, sagt sie mit strahlenden Augen. Auch die 23-jährige Poppy kann das nur bestätigen.

Am Ende des Poly-Treffs, auf dem reflektiert und empathisch über verschiedenste Themen diskutiert und philosophiert wurde, sind unsere anfänglichen Vorurteile wie weggeblasen. Christine bestätigt und fügt hinzu: „Mein Freund sagt immer, diejenigen, die zum Poly-Treff kommen, sind die Crème de la Crème der reflektierten Menschen.”

Ein Herz kombiniert mit einem Unendlichkeitszeichen als Symbol für die Polyamorie. | Bild: Maura Münter, Paulina Jarosinska

*Name von der Redaktion geändert