Wartemomente: Vor der Freude
Ich hasse Vorfreude. Jetzt ist es raus. Ich freue mich nämlich sooo sehr, dass ich nächtelang wachliege. Um drei Uhr morgens male ich mir den kommenden Urlaub bis ins kleinste Detail aus: das Meer, das in der Sonne türkis glitzert, die Möwen, die kreischend über meinem Kopf kreisen und mich um den Schlaf bringen, den salzigen Duft der Brandung, das Knirschen des Sandes unter meinen Füßen. Gedanklich bräune ich mich am Strand, während mir der Vollmond ins Gesicht scheint und mein Kopf dreht sich vor Müdigkeit wie ein Boot auf hoher See. Wenn es dann endlich soweit ist, reichen meine Augenringe bis zum Bauchnabel.
So viel zu: „Vorfreude ist die schönste Freude“. Wer hat sich den Quatsch überhaupt ausgedacht? Auf etwas hinzufiebern impliziert ja schon, sich schweißgebadet hin und her wälzen zu müssen. Da passe ich lieber. Auch weil ich meine Liebsten lieber im Arm habe, als ihnen via WhatsApp zu versichern, wie sehr ich mich freue. „Geh lieber wieder Schatz, dann kann ich mir vorstellen, wie schön es wäre, dich jetzt bei mir zu haben“. Da fragt man sich doch: Mögt ihr euch überhaupt? Nach dieser Logik wären Singles mit Partnerwunsch die glücklichsten Menschen der Welt. Sie dürfen sich ja im Bestfall ein ganzes Leben auf ihren Traumprinzen, oder ihre Traumprinzessin, freuen.
Wofür der ganze Hype?
Ich habe gelesen, dass Vorfreude den Wert einer Sache steigern soll. So funktioniert Werbung: Je länger die Promophase, desto größer die Nachfrage. Aber wenn etwas erst Werbung braucht, um wertvoll für mich zu werden, dann ist es wohl die falsche Sache. Der falsche Urlaub, der falsche Partner. Und wenn ich mir das neue SSIO-Album nur anhöre, weil sein Gesicht seit Wochen auf meiner For-You-Page herumspukt, dann bin ich eigentlich gar kein Fan. Das ist keine Vorfreude, das ist Hype. Wenn ich Musik wirklich liebe, will ich sie jetzt sofort hören. Nicht übermorgen, nicht in einem Monat.
Wenn etwas von Bedeutung ist, braucht es keinen Hype, keine Inszenierung und keine monatelange Ankündigung. Meine schönsten Momente sind nicht geplant, sie sind einfach da, wie das Grinsen auf dem Gesicht, wenn wir unseren Lieblingsmenschen sehen. Echte Freude ist im Hier und Jetzt. Sie ist da, wenn ich nach dem Sport völlig verschwitzt einer alten Bekannten in die Arme laufe, und ich mich trotzdem zu einem schnellen Drink überreden lasse. Wenn wir Stunden später immer noch an der Bar sitzen und uns die Bäuche vor Lachen halten müssen. Und das, obwohl am nächsten Tag etwas Schönes ansteht. Oder gerade deswegen, denn morgen kommt ohnehin.
Vorfreude ist für mich nichts weiter als ein Zeitraum: der Zeitraum VOR der Freude. Ein Warteraum mit harten Stühlen und einer schäbigen Tapete. Außer dem leisen Brummen der Klimaanlage passiert hier nichts, die echte Freude wartet vor der Türe. Also gehe ich nach draußen, und halte mein Gesicht in die Sonne.
Lust auf mehr?
Dieser Artikel ist Teil der Kolumne „Wartemomente“. Weitere Kolumnenfolgen findest du hier:
„Wer bleibt, bekommt die Quittung“
„Die Stunde Null, an der wir hängen“
„Pendelverkehr im Wartezimmer“
„Wie viel Kultur passt in eine S-Bahn?“
„Ich warte, also bin ich (deutsch)“
„Bahnhofs-Crush und blöde Typen“