Gesellschaft 2 Minuten

Wenn die Kundschaft mitarbeiten muss

Ein Mann bezahlt an einer Selbstbedienungskasse.
Immer öfter zu sehen: Mehr als 10.300 Läden in Deutschland sind bereits mit Selbstbedienungskassen ausgestattet. | Quelle: REWE
14. Jan. 2026

„Der Kunde ist König“ war einmal. Als Kundschaft hilft man zunehmend selbst mit, an der Kasse, aber auch im Restaurant, im Alltag. Was beim Zusammenbau der Ikea-Möbel begonnen hat, kostet unserer Gesellschaft Menschlichkeit und macht sie unsozialer. Ein Kommentar. 

Ein freundliches Wort an der Kasse, ein Lächeln, eventuell ein kurzes Gespräch und zum Schluss „Schönen Tag noch“.  Diese kleinen Gesten machen den Unterschied zwischen dem stupiden Abarbeiten einer Einkaufsliste und einer echten menschlichen Begegnung mit freundlichem Kassenpersonal aus. Genau jene sozialen Momente sind für die Gesellschaft essenziell. Doch Unternehmen lagern zunehmend Aufgaben an Konsumentinnen und Konsumenten aus: Selbstbedienungskassen (SB-Kassen) sind bereits in jedem 18. Geschäft im Einzelhandel zu finden. 

Die Menschlichkeit leidet darunter am meisten. Ältere Personen, die den ganzen Tag sonst niemanden treffen, erleben durch die Interaktion an der Kasse ein Highlight sozialer Teilhabe. Selbstbedienungskassen fördern die Vereinsamung unserer Gesellschaft. Auch die Zahlen zeigen ein deutliches Bild: Die Anzahl der Selbstbedienungskassen in deutschen Läden hat sich von 2023 bis 2025 mehr als verdoppelt. Dort, wo wir unsere täglichen Einkäufe erledigen, stehen besonders viele Selbstbedienungskassen: im Lebensmittelhandel. Zwei Drittel aller SB-Kassen stehen dort. 

Der Vorteil dieser technischen Neuheiten liegt auf der Hand, denn sie können den Einkauf verschnellern. Und ja, die sogenannten Self-Checkout-Kassen können schneller sein, aber eigentlich nur, wenn man drei Artikel kauft. Doch einen ganzen Einkaufswagen voll mit Lebensmitteln selbst einscannen? Dies wäre allein durch die begrenzten Ablageflächen beinahe unmöglich. Hier ist dann jede Zeitersparnis Geschichte. Dies gilt auch für Kleidungsgeschäfte. Hier müssen zusätzlich Warensicherungsetiketten entfernt werden, was als Kundschaft naturgemäß länger dauert, als wenn es geübte Mitarbeitende erledigen.

Besonders bei jungen Menschen ist die Akzeptanz für das freiwillige Mithelfen im Supermarkt groß. 17 Prozent der 18- bis 24-Jährigen geben an, dass sie nicht nur gelegentlich, sondern immer Selbstbedienungskassen nutzen. „Praktisch“ sind SB-Kassen auch für jene Menschen, die den sozialen Kontakt scheuen. Dieser minimale Komfortgewinn für wenige steht jedoch in keinem Verhältnis zu dem, was als Gesellschaft verloren geht: Arbeitsplätze verschwinden, Ladendiebstähle steigen. 

Von Seiten der Hersteller dieser Terminals geht es um die Verringerung der Anzahl an Interaktionen von Mitarbeitenden, Kundinnen und Kunden. Das Einkaufen werde dadurch einfacher. Doch diese Argumentation verbirgt die wahren Gründe: Es geht um Kosteneinsparungen und Gewinnmaximierung. Es ist die systematische Umwandlung von der Kundschaft zu unbezahlten Hilfskräften. 

Der digitalisierte Alltag spielt eine immer größere Rolle: Künstliche Intelligenz bedroht Arbeitsplätze, Social Media frisst wertvolle Zeit und Cyber-Betrug gehört zum täglichen Leben. Es braucht so viel Menschlichkeit wie möglich, da es genug digitale Sorgen und Ängste gibt. Sich beim nächsten Supermarktbesuch aktiv gegen eine Selbstbedienungskasse zu entscheiden, bedeutet, sich für mehr Menschlichkeit einzusetzen. Sonst verkommen die Kundinnen und Kunden von heute zu Mägden und Knechten der Supermärkte. 

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