Left on read: Warum unsere Jugend zunehmend rechts wählt
„Der arme Landwirt.“ Die Schülerin eines Wirtschaftsleistungskurses an einem Böblinger Gymnasium hat die Schlagzeile gelesen – mehr braucht sie nicht. Ein Landwirt, verhaftet bei einem Bauernprotest.
Die Lehrerin schickt sie zur Recherche. Zwei Minuten später: „Oh. Ja, nein, doch nicht der arme Landwirt.“ Er sei handgreiflich geworden. Er habe das Gesetz gebrochen. Gelächter in der Klasse. Die Pädagogin lächelt nicht. Was lustig klingt, ist ihr Alltag. Und ein Symptom für etwas, das weit über ein einzelnes Klassenzimmer hinausgeht.
Das Kreuz mit den Lautesten
Laut einer Erhebung von Infratest dimap im Auftrag der Tagesschau stieg der AfD-Zuspruch bei Erstwählenden in Baden-Württemberg 2026 auf 15 Prozent. Ein Zuwachs von neun Prozentpunkten. Mehr als doppelt so viel wie noch 2021. Begünstigt wird dieser Trend vermutlich auch durch das neue Wahlalter ab 16 Jahren. Doch wie zeigt sich diese Entwicklung im Landkreis Böblingen? Der Sprung vom TikTok-Feed in die Region ist kurz: In einer der wirtschaftsstärksten Regionen Baden-Württembergs mit enger Bindung an die Automobilindustrie bekommen abstrakte Zukunftsängste schnell ein konkretes Gesicht.
„Viele Jugendliche haben das Vertrauen in die Regierung verloren“, so die Lehrerin an einem Böblinger Gymnasium. Wer überfordert sei, greife nach klaren Grenzen, die Populist*innen online lieferten. Doch der Ursprung liege oft schon am Esstisch. Ein Schüler gibt zu: „Wir lassen uns stark vom Umfeld beeinflussen. Unsere Meinung hängt oft davon ab, was die Eltern wählen oder Freunde sagen.“ Wenn im Unterricht jedoch jemand kontroverse Ansichten äußere, folge Gegenwind. Abweichende Meinungen würden „glattgebügelt“, sagt sie. Wie viele wirklich so denken, bleibt offen.
Fragt man die Jugendlichen der elften Klasse direkt, wird der Frust greifbar. „Wir sind keine Zielgruppe, weil wir nicht ‚die‘ Wähler sind“, so ein Schüler. Ein anderer ergänzt: „Die AfD findet für komplizierte Probleme einfache Lösungen. Die TikTok-Videos bleiben einfach im Kopf.“ Doch es geht nicht nur um Kanäle, sondern um Existenzangst. Ein Schüler sorgt sich um seine Zukunft in der Automobilbranche. Er sehe Stellenabbau statt Jobsicherheit. Manche Parteien, kritisiert er, würden sich zu sehr auf Nachhaltigkeit fokussieren und vergäßen die Wirtschaft.
Raus aus der Berliner Blase
Marc Biadacz, direkt gewählter Bundestagsabgeordneter der Christlich Demokratischen Union (CDU) für den Landkreis Böblingen und Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Arbeit und Soziales, kennt dieses Gefühl.
Während populistische Parteien früher Randerscheinungen waren, besetzen sie heute erfolgreich die sozialen Medien. Sein Schlüssel: Präsenz vor Ort statt Berliner Blase. „Man muss den Menschen in die Augen schauen und mit ihnen direkt ins Gespräch kommen. Nur so versteht man wirklich, was sie fühlen.“ Offen benennt er, was Populist*innen Zulauf verschafft: Wer regiere, müsse kompromiss- und gesprächsbereit sein und Ergebnisse liefern. „Alles andere stärkt den Nährboden für Populist*innen.“ Auch die Zusammenarbeit mit politischen Influencer*innen stehe auf seiner Agenda.
Stefan Belz, Oberbürgermeister von Böblingen (Grüne), teilt die Diagnose. Wahlplakate würden Sichtbarkeit im öffentlichen Raum schaffen, reichten allein aber längst nicht mehr aus. „Wer junge Menschen erreichen will, muss digital, schnell und glaubwürdig präsent sein.“ Die Sorge um die berufliche Zukunft lese er nicht als Verweigerung gegenüber Klimapolitik, sondern als berechtigte Frage der nächsten Generation. „Nachhaltigkeit und sichere Arbeitsplätze dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, betont Belz. Gerade in einer Automobilregion wie Böblingen müssten ökologische Modernisierung und industrielle Stärke zusammengedacht werden. Wer hier keine überzeugenden Antworten liefere, öffne Populist*innen die Tür.
Jung, engagiert – und ausgebremst
Enzo Gaeta ist das jüngste Gemeinderatsmitglied in Böblingen. Er gehört der Fraktionsgemeinschaft aus Sozialdemokratischer Partei Deutschlands (SPD) und der Linken an. Auf Instagram teilt er seine Arbeit als Kommunalpolitiker. „Die Interessen der Jugendlichen kommen viel zu wenig im Gemeinderat vor“, kritisiert er. Als Beweis diene der marode Skaterplatz der Stadt: Während in Böblingen noch diskutiert und geprüft worden sei, hätten Nachbargemeinden rasch neue Anlagen gebaut. Die Jugendlichen wichen nun dorthin aus. „Hier wurde Vertrauen verspielt“, so Gaeta. Eine engere Zusammenarbeit mit dem Jugendgemeinderat hätte diesen Vertrauensverlust vermieden. Doch Gaetas Engagement stößt an strukturelle Grenzen. Als Erzieher in Schichtarbeit könne er an Terminen vor 16 Uhr kaum teilnehmen. Wer in Vollzeit ohne Homeoffice arbeite, sei aus der Kommunalpolitik oft ausgeschlossen. Ein Strukturproblem, das junge Stimmen fernhalte.
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Der Wunsch aus dem Klassenzimmer fasst es zusammen: „Ich würde mir wünschen, dass nicht nur Alte Politik machen.“ Gaeta antwortet darauf direkt: „Ich wünsche mir auch endlich mehr Mitstreiter in meinem Alter. Aber es liegt an euch, in den Parteien aktiv zu werden.“ „Wenn man unzufrieden ist, wechselt man auf die andere Seite und hofft, dass die Alternative die Rettung ist“, resümiert ein Schüler. Im Wirtschaftsleistungskurs hat die Lehrerin das Gelächter über den vermeintlich armen Landwirt längst verdaut. Beim nächsten Artikel lehrt sie wieder Quellenkritik, statt Schlagzeilen vorschnell zu übernehmen. Die Botschaft der Jugendlichen ist klar: Sie wollen gehört werden. Ob die Politik darauf Antworten findet, bleibt offen.