„Viele Frauen haben kleinere Dinge getan, aber dennoch ihr Leben riskiert“
Marseille, 1943: Über die kargen Flure des Frauengefängnisses Les Baumettes hallt der Klang von Stimmengewirr. Unter den Symptomen akuter Gelbsucht wird Melanie Berger, unter ihren Mitstreiter*innen unter dem Decknamen „Nelly“ bekannt, in das Gefängnisspital eingeliefert. Was die Gefängniswächter, die die geschwächte „Nelly“ mit strammem Schritt und hartem Tonfall zur Krankenstation begleiten, nicht erahnen: Nur wenige Tage später wird die wegen „kommunistischer und anarchistischer Aktivität“ verurteilte Österreicherin dem Gefangenentrakt des Krankenhauses La Conception entkommen.
Die Bezeichnung „Résistance“ ist ein Sammelbegriff für französische, belgische und luxemburgische Widerstandsbewegungen gegen die deutsche Besatzungsmacht und das Vichy-Regime im zweiten Weltkrieg. Unter dem Auftrag des Generals Charles de Gaulle organisierte der Präfekt Jean Moulin am 27. Mai 1943 ein Treffen mit den führenden Kräften der acht größten Widerstandsgruppen, sowie sechs Parteivertretern und zwei Gewerkschaftsführern. Das Resultat dieser historischen Zusammenkunft war die Gründung des Conseil National de la Résistance (CNR), die den Zusammenschluss der Widerstandsgruppen darstellen sollte.
Laut Berger-Volle selbst hängt die mangelnde Würdigung weiblicher Widerstandskämpferinnen mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau zu Zeiten während und nach des zweiten Weltkriegs zusammen. Diese unzureichende Anerkennung ließe sich sogar bis in die internen Strukturen der Widerstandsgruppen zurückverfolgen. „Auch in unserer Gruppe gab es Männer, die wenig Vertrauen zu Frauen gehabt haben“, erinnert sie sich. „Was übersehen wurde: Viele Frauen haben kleinere Dinge getan, aber dennoch ihr Leben riskiert“, erklärt sie.
Zwischen Untergrundarbeit und fehlender Anerkennung
Den Forschungen der Historikerin Claire Andrieu zufolge lag der Frauenanteil in der Résistance bei etwa 12 Prozent. Ihr Beitrag sei dabei nicht zwingend geringer gewesen als der der Männer, sondern durch patriarchal geprägte Nachkriegsnarrative und lückenhafte Aufarbeitungen unsichtbar gemacht worden. „Meist waren ja erstmal die Söhne im Widerstand. Allerdings kam es sehr selten vor, dass Söhne im Widerstand waren, ohne dass es deren Mütter wussten“, erzählt auch Berger-Volle. Auch wenn sich viele Frauen selbst nicht aktiv am Widerstand beteiligt hätten, schufen sie die Rahmenbedingungen dafür, dass ihre Söhne oder Männer in den Widerstand eintreten konnten. „Andere haben vielleicht nicht selbst geschossen, aber sie haben etwa im Kinderwagen Waffen transportiert“, fügt sie hinzu. Denn obwohl Frauen durchaus an paramilitärischen Aktionen und Sabotage beteiligt waren, stellte ihre oftmals unterschätzte soziale Stellung zugleich eine Waffe dar: Unter dem Schleier der vermeintlichen Harmlosigkeit agierte eine Vielzahl der Widerstandskämpferinnen als Kurierinnen oder Fluchthelferinnen im Hinter- und Untergrund. Sie übermittelten Botschaften, transportierten Waffen oder geheime Dokumente – und erregten dabei im öffentlichen Raum kaum Aufmerksamkeit.
Im Hinblick auf die historische Würdigung der Résistance-Frauen sei diese strategische Arbeit im Hintergrund laut der Wissenschaftlerin Marie-Claire Patron jedoch ein zweischneidiges Schwert. Die öffentliche Unsichtbarkeit löste sich auch nach 1945 nicht auf, nicht zuletzt aufgrund der französischen Nachkriegskonstruktion, die Patron in ihrer Arbeit „The Unsung Heroines of the French Resistance“ aufschlüsselt: Der sogenannte „gaullische Mythos“ begriff die Résistance als eine einheitliche, patriotische Bewegung, die den hohen Anteil ausländischer Kämpfer*innen ausblendete und Frauen an den Rand drängte. Dabei ist die Résistance als eine heterogene, komplexe Bewegung zu verstehen, die sich aus politisch ausgerichteten „mouvements“, geheimdienstlich-operativ arbeitenden „réseaux“, sowie unzähligen Strömungen, Netzwerken und Gruppen zusammensetzte.
Die Anfänge einer Widerstandskämpferin
Melanie Berger-Volle, die damals noch Melanie Berger heißt, ist 13 Jahre alt, als sie den Revolutionären Kommunisten Österreich (RKÖ) beitritt. Ihre Aufrufe und Forderungen verbreitet die linke Gruppierung schwerpunktmäßig über Flugblätter und die illegale Zeitung „Bolschewik“. „Die Gruppe war klein, sie bestand höchstens aus 15 Mitgliedern“, so Berger-Volle, die in einer jüdischen Familie in Wien aufwuchs.
„Zum Beispiel, dass Kinder in meiner Klasse hungerten und nie Essen mithatten, während andere so viel besaßen, dass sie Essen wegschmeißen konnten. Dieser Unterschied zwischen Arm und Reich hat mich schon erschüttert, als ich noch sehr klein war“, erzählt sie. Ihr Widerstand beginnt mit kleinen Aktionen innerhalb der RKÖ, bei denen sie mit Botschaften beschriftete Zettel an Häuserwände klebt – zunächst gegen den aufkommenden Faschismus in Österreich, später auch gegen Hitler. Als sich die politische Lage in Österreich verschärft und die Nazis nach dem „Anschluss“ im Mai 1938 beginnen, das Land zu „arisieren“, überlegen Bergers Eltern, nach Ungarn zu fliehen. Währenddessen haben die Revolutionären Kommunisten ein anderes Ziel vor Augen: Frankreich. Gemeinsam mit zwei Bekannten aus der RKÖ tritt Berger die Reise an, die sich jedoch schnell als herausfordernd entpuppt: An der Grenze zu Belgien werden ihre beiden Begleiter festgenommen, während sie plötzlich auf sich allein gestellt ist – und sich fortan als Zimmermädchen durchschlägt.
Durch Zufall lernt sie in einem Restaurant in Belgien den RKÖ-Mitbegründer Georg Scheuer kennen, später trifft sie Franz Lederer und den „Bolschewik“-Mitbegründer Karl Fischer. Gemeinsam mit Scheuer gelingt ihr dann 1939 die Flucht nach Frankreich.
In Frankreich hat sie großes Glück, denn ihr wird eine Aufenthaltserlaubnis zugeteilt. Lange Aufenthalte an einem Ort sind jedoch aufgrund der konstanten politischen Verfolgung unmöglich: Kurz nach der Kriegserklärung Frankreichs an Deutschlands wird Melanie Berger von der Präfektur in Paris nach Clermond-Ferrand befohlen, wo sie sich zu melden hat. Es wird die Zeit, in der sie den Klebstoff darstellt, der die RKÖ zusammenhält. Untergetaucht oder inhaftiert zerstreuen sich die Mitglieder der Gruppe, während Melanie Lebenszeichen sammelt und versucht, Zuversicht zu stiften. Über einen Brief von Franz Lederer erfährt sie schließlich vom neuen Genossen Ignaz Duhl, der als Redakteur an verbotenen Untergrundzeitungen arbeitet. Einer Person, die im Zusammenspiel mit anderen eine überlebenswichtige Rolle im späteren Verlauf ihres Schicksals einnehmen wird. Mit der Vereinnahmung Frankreichs durch die deutschen Soldaten bleibt Berger weiterhin auf der Flucht. Nachdem sie im Sommer 1940 mit Scheuer, Fischer und dem RKÖ-Genossen Gustav Gronich in einem verlassenen Bauernhof bei Montauban untertauchen konnte, folgt dann Anfang 1942 der Wendepunkt: Jeanne Katzenstein, die von Scheuer als Schreibkraft engagiert wird, verrät im Polizeiverhör Melanie Bergers Namen und Standort. Sie wird festgenommen – doch trotz wiederholter Versprechen auf Arbeitspapiere oder Freilassung schweigt sie standhaft. In den folgenden Verhören wird Berger-Volle geschlagen, geohrfeigt und getreten, bevor sie fünf Tage später ins Gefängnis von Toulouse verlegt wird.
Eine Befreiung, die Geschichte schreibt
Inhaftiert in Toulouse sei ihr das erste Mal der Gedanke gekommen, zu fliehen. „Da war eines Tages ein deutscher Offizier reinmarschiert und hat mit lautem Befehlston und einem Papier, das er vorzeigte, eine Französin herausgeholt, offenbar seine Freundin“, so Berger-Volle. „Das könnte auch bei mir klappen, dachte ich.“ Dank einer im Krankenrevier beschäftigten Genossin, die mit der Versorgung eingelieferter Häftlinge betraut ist und Verbindungen ins Gefängnis unterhält – Berger ist inzwischen in eine Haftanstalt in Marseille verlegt – gelingt es ihr, eine Botschaft zu schmuggeln und die anderen über ihren Plan zu informieren. „Anfangs waren vor allem die Männer skeptisch, es war ein großes Risiko“, erklärt Berger-Volle. Schließlich arbeiten Scheuer, Duhl, Gronich und Charlotte Israel dennoch gemeinsam mit einem unbekannten deutschen Wehrmachtssoldat einen Befreiungsplan aus. Ein Bekannter von Scheuer, der in der Ausweisfabrikation tätig ist, fertigt für Berger einen gefälschten Ausweis an, damit sie nach der Flucht eine neue Identität annehmen kann. Der Plan: Verkleidet als Gestapotrupp soll die Inhaftierte im Zuge eines inszenierten Verhörs befreit werden.
Dabei liegt Melanie Berger zum Zeitpunkt der Aktion mit akuter Gelbsucht und hohem Fieber im Krankenhaustrakt. Nachdem um 12 Uhr ein Taxi vor dem Eingang hält, dessen Fahrer von den Widerstandskämpfer*innen eingeschüchtert wurde, gelangt Scheuer in den oberen Stock – und gibt das Startsignal. Als Melanie aus der Ferne deutsche Befehle wahrnimmt, ist sie zunächst unsicher, ob es sich dabei um die Gestapo oder ihre Freund*innen handelt – bis Gustav Gronich mit schwarzer Aktentasche hervortritt. Er beginnt das Kreuzverhör, während Charlotte Israel als deutsche Zivilbeamtin auftritt. Als die Krankenschwestern herbeieilen und eine Quittung für Berger-Volles Freilassung verlangen, gelingt es Gustav Gronich durch seinen entschlossenen Auftritt, die Herausgabe der Quittung zu verweigern und die Illusion eines Verhörs aufrechtzuerhalten. Schließlich salutierten die Milizionäre am Eingang, und Berger wird von Duhl und Gronich ins wartende Taxi befördert – sie ist frei.
Die Illusion der Freiheit
Doch als wahrhaftige Freiheit kann man Bergers Zustand nicht bezeichnen. In Lyon, wo sie nach ihrer Gefängnisflucht untertaucht, wimmelt es von deutschen Gestapo-Leuten. Selbst nach der Befreiung von Paris im Sommer 1944 sei es schwierig geblieben, erinnert sich Berger-Volle: "Wir konnten uns nicht gleich legalisieren und lebten erstmal noch mit den gefälschten Pässen.“ Am Tag der Befreiung sei es ihr nicht einmal möglich gewesen, auf die Straße zu gehen und mitzujubeln. „Das ging nicht, weil mein Französisch nicht gut war, ich hatte einen furchtbaren deutschen Akzent. Zu dem Zeitpunkt wäre das sehr gefährlich gewesen“, erzählt sie. Man hätte sie als Deutsche – vermutlich sogar als Hitler-Sympathisantin – missverstehen können. „Ich hätte kaum jemandem erklären können, dass ich im Widerstand gewesen bin.“ Nach dem Kriegsende zerbricht die kleine, aber dennoch resiliente Gruppe der RKÖ zunehmend an den Spuren des Krieges. Ignaz Duhl war bereits 1943 von der Gestapo verhaftet und von den Nazis umgebracht worden. Charlotte Israel zog nach dem Krieg nach Genf, wo sie früh verstarb. Mit Georg Scheuer allerdings pflegt Berger-Volle eine Freundschaft bis zu seinem Tod, auch zu Gustav Gronich bleibt der Kontakt bestehen.
Résistance – bis zum Lebensende
Als eine der wenigen bis heute lebenden Zeitzeug*innen ist die 104-Jährige nach wie vor darum bemüht, zur Erinnerungskultur beizutragen und junge Generationen aufzuklären. Sie führt Gespräche in Schulen, gibt Interviews und trug 2024 das Olympische Feuer in Saint Étienne – ein Symbol für Frieden und Einheit. Dabei bezieht die mit der Ehrenmedaille der Landeshauptstadt Wien und dem Légion-d’Honneur-Orden ausgezeichnete Österreicherin immer wieder Stellung zu tagespolitischen Debatten, beispielsweise dem Rechtsruck in Europa. Denn obwohl sich das Ende des Zweiten Weltkriegs 2025 zum 80. Mal jährt und die damalige Gruppe um die RKÖ längst durch Schicksalsschläge und den natürlichen Verlauf des Lebens getrennt wurde, sei ihr klar: Die Welt zu einem gerechteren Ort zu machen und klare Haltung gegen Faschismus zu beziehen, ist ein Anliegen, für das sie bis heute einsteht. Wenn möglich, sogar bis zum Ende ihres Lebens. Insbesondere betont sie dabei die Macht, die zwischenmenschlicher Vernetzung innewohnt: „Auch kleine Gruppen können etwas ausrichten. Die Solidarität in unserer Gruppe damals, die war für mich einmalig“, erklärt Berger-Volle. „Entscheidend ist: Nicht verzagen! Und nicht geduckt leben: Gerade bleiben.“
Für diesen Beitrag haben wir eine soziale Netzwerkanalyse durchgeführt. Untersucht wurden die Verbindungen zwischen den Widerstandskämpfer*innen und ihren Organisationen, sowie männlichen Widerstandskämpfern, die im direkten Verhältnis zu den Frauen standen.
Unsere Analyse beruht auf der Recherche öffentlich zugänglicher Daten über die jeweiligen Personen und Organisationen. Insbesondere digitale Archive, wie die Website „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand oder der Datenbanken des Mauthausen Memorials und des Musée de la Résistance en Ligne stellten wichtige Quellen für unseren Datenzugang dar.
Hier sind alle der Daten zu finden, die wir für unsere Analyse verwendet haben.
Ein besonderes Dankeschön gilt an dieser Stelle Melanie Berger-Volle und Nils Klawitter. Die gesamte Geschichte der Widerstandskämpferin wird in seinem Buch „Die kleine Sache Widerstand“ nacherzählt.