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Die Menschenproblematik der Stadttauben

Ein Taubenschlag im Stadtgarten an der Universität Stuttgart | Quelle: Luca Beil
15. Juli 2026

Krankheitsüberträger, die überall ihren Kot hinterlassen - den Tauben werden so allerlei Schandtaten, die ihr nachgesagt werden. Unsere Voreingenommenheit ihr gegenüber sagt mehr über uns Menschen aus als über die Taube. Ein Kommentar.

„Taubenproblematik“ – ein Lieblingswort der Stadtplaner*innen und Lokaljournalist*innen das nahezu inflationär genutzt wird. Der Mensch sieht die Stadtvögel als lästig an: Taubenkot, der von Denkmälern und Gebäuden gereinigt werden muss. Das laute Gurren überall, nicht zu vergessen das Übertragen von Krankheiten. Das Problem liegt jedoch nicht auf Seiten der Taube – sondern der des Menschen. 

Wer sich die Mühe macht, etwas Hintergrundrecherche zu betreiben, der findet schnell heraus, dass hinter der Geschichte der abwertend benannten „Ratte der Lüfte” mehr steckt. Die Columba Livia, oder auch Felsentaube ist die Vorfahrin der Haustauben. Und von der verwilderten Haustaube stammt unsere heutige Stadttaube ab. Wie genau sie domestiziert wurde, lässt sich nur vermuten. Die Ironie angesichts des Hasses, den die Taube heute erfährt: Sie war eines der frühesten Haustiere des Menschen. Erste Hinweise der Domestizierung finden sich bereits 5000 v. Chr. in Ägypten und Mesopotamien. Genutzt wurde sie unter anderem für ihr Fleisch, ihre Eier und Federn. Aber sie waren auch Überbringer von Briefen. Das Symbol des Friedens wurde zwischen 1914 und 1918 von nahezu allen großen Kriegsparteien als Brieftaube genutzt, sodass knapp 200.000 Tauben am Ersten Weltkrieg beteiligt waren. Gezielte Zucht passte die Tiere immer mehr an die Bedürfnisse und Lebensbedingungen der Menschen an. Im Zuge der Industrialisierung zogen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Zu Anfang des 20 Jahrhunderts war das Hobby der Taubenhaltung noch beliebt und nützlich zugleich: Tauben wurden als Nahrungsmittel und Überbringer von Briefen genutzt. Doch der technische Fortschritt löste sie ab. Telekommunikation und Massentierhaltung machte die Taube nutzlos, Taubenhaltung rentierte sich immer weniger. Der Bund der Felsentaube und des Menschen hielt nur bis Mitte des 20 Jahrhunderts an. Ihre Nahrung verlagerte sich von Körnern zu Essensresten der Stadtmenschen. Eines der ersten Haustiere wurde selbst überlassen.

Die Ratte der Lüfte

Ihr Ruf eilt unseren einstigen Freunden voraus. Die Annahme sie sei ein Krankheitsüberträger liegt bei dem ungepflegten Zustand der Vögel wohl nahe. Denn: „Du bist, was du isst“. Und da Körner und Getreide in Städten rar sind, essen Tauben das, was sie auf der Straße vorfinden. Brotkrümel, oder verschimmelte Essensreste schwächen ihr Immunsystem und führen zu Erkrankungen. Die sind allerdings oft Wirtsspezifisch, können also nur die Taube befallen. Eine Studie der Erna Graff Stiftung belegt: Das Risiko der Übertragung verschiedener Erreger ist gering, teilweise sogar bei null. Die Sorge um Ansteckung ist unbegründet. Doch es bleibt nicht bei Vorurteilen: Auch mit Hass der Menschen in Form von Nadelspikes oder Netzen haben Tauben zu kämpfen. Mögliche Lebensräume schrumpfen dadurch, sie sind gezwungen enger zusammenzurücken. Das wiederum erweckt bei uns Anschein, es gäbe sie en masse. 

„Du bist, was du isst“
Philosoph Ludwig Feuerbach

Doch damit hört das Elend der Tauben noch nicht auf. Ihr Überfluss in Städten ist dem Brutzwang verschuldet, denn unabhängig von Nahrung und Lebensraum brüten Tauben mehrmals im Jahr. Schuld daran? Der Mensch. Denn über Jahrhunderte wurde den Tieren dieser Brutzwang angezüchtet. 

Die Suppe auslöffeln, die man sich eingebrockt hat

Jede Stadt sollte sich darum kümmern Taubenschläge einzurichten. Denn obwohl sich niemand in der Verantwortung sieht, sind wir Menschen für die Taube zuständig. Wir domestizierten sie, nur um sie im Stich zu lassen. Das Verhalten, das unsere Vorfahren den Tieren anzüchteten, kann nicht rückgängig gemacht werden. Taubenschläge sind eine mögliche Lösung. In Städten mit Taubenschlägen verlagert sich der Taubenbestand in die Schläge und verbringt hier seine meiste Zeit. Das Kotproblem ist somit behoben und es gibt weniger herumlungernde Tauben in der Stadt. Eine Maßnahme für tiergerechte Kontrolle der Überpopulation ist das Ersetzen der Eier mit Gips- oder Plastikeiern. Die Tauben brüten die Attrappen, in dieser Zeit legen sie keine Eier. So wird das rasante Vermehren der Tiere ausgebremst. Respekt und Sorge, das ist, was Tauben verdienen. Wir haben es zwar längst vergessen, jedoch waren die missverstandenen Tiere ursprünglich unsere Freunde.

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