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Impfschäden
Wie eine Spritze das Leben verändern kann

Über 63 Millionen Menschen in Deutschland sind bereits gegen das Corona-Virus geimpft. Langfristige Nebenwirkungen werden nur selten gemeldet. | Bild: Nina Reischuck

Impfschäden Wie eine Spritze das Leben verändern kann

Über 63 Millionen Menschen in Deutschland sind bereits gegen das Corona-Virus geimpft. Langfristige Nebenwirkungen werden nur selten gemeldet. | Bild: Nina Reischuck
 

12 May 2022

Vor mehr als 15 Monaten wurde Njomeza gegen Corona geimpft. Seitdem ist nichts mehr so wie es war. Eine starke Impfreaktion stellt ihr Leben komplett auf den Kopf. Was Njomeza erlebt hat, ist sehr selten, kommt aber vor.

Nina Reischuck

Crossmedia-Redaktion/Public Relations
seit Wintersemester 2021

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Dienstagmorgen, 10 Uhr. Ich bin mit Njomeza zu einem Zoom Meeting verabredet. Mein Telefon klingelt. „Ich bin noch mal eingeschlafen, es wird etwas später, tut mir leid!“ Fünfzehn Minuten später sitzt mir eine müde 35-Jährige online gegenüber. Sie strahlt so eine positive Energie aus, kann über ihre Verspätung herzhaft lachen. Ihr Lachen begleitet uns das ganze Interview. Ich merke schnell: Njomeza ist eine Powerfrau. Und trotzdem wirkt sie erschöpft, aber das liegt nicht etwa an der Uhrzeit. Seit Februar 2021 leidet sie unter den Nebenwirkungen ihrer Corona-Impfung.

Februar 2021

Njomeza ist in den letzten Zügen ihrer Ausbildung zur Pflegefachfrau in Heilbronn. Durch ihre Arbeit wird sie einer der priorisierten Gruppen für den begehrten Corona-Impfstoff zugeordnet.  Es ist ein Samstag, als die damals noch 34-Jährige ihre zweite Impfung mit dem BioNTech-Impfstoff bekommt. Direkt nach der Impfung merkt sie, wie ihr Arm ganz warm wird und die Wärme bis in ihren Nacken streut. Sie denkt sich nichts weiter dabei, ihren Kolleg*innen geht es ja auch gut. Mit jeder Minute merkt sie aber, wie ihr langsam immer schlechter wird. Ihre Beine werden schwer und sie hat Probleme sie zu kontrollieren, erzählt sie mir.

Mit dem Auto nachhause zu fahren, traut sie sich in ihrem Zustand nicht mehr, ihr Mann holt sie ab. Zuhause fällt sie sofort ins Bett. Sie erzählt mir, wie ihre Arbeitskollegin ihr noch geraten hatte, eine Schmerztablette zu nehmen und sie diesen Rat befolgt hat. Darüber kann sie heute nur lachen, eine Schmerztablette hätte ihr ohnehin nichts gebracht. Am nächsten Tag fühlt sie sich zuerst besser, aber als sie im Bad nach ihrer Tagescreme greifen will, merkt sie, dass sie ihren Arm nicht richtig kontrollieren kann. Sie beschließt ins Krankenhaus zu fahren.

Seitdem ist alles anders

Was Njomeza in den nächsten Tagen erlebt, ist eine heftige Impfreaktion. „Mein Immunsystem ist einfach Amok gelaufen.“ Das Robert-Koch-Institut unterscheidet zwischen üblichen Impfreaktionen und sehr seltenen Impfkomplikationen. Impfreaktionen, zum Beispiel grippeähnliche Symptome, sind typische Beschwerden, die meist kurz nach der Schutzimpfung auftreten und nur wenige Tage anhalten. Impfkomplikationen hingegen sind unerwünschte, schwere Nebenwirkungen, die über eine übliche Impfreaktion hinausgehen. Sie sind meldepflichtig und müssen, so wie es bei Njomeza ausführlich gemacht wurde, dokumentiert werden. 

Njomeza vor der Impfung, ein lebensfroher und offener Mensch | Bild: Privat
Njomeza nach der Impfung im Krankenhaus | Bild: Privat

Die häufigsten Symptome bei einer Impfkomplikation nach der Corona-Impfung sind Symptome, die dem Chronischen Fatigue-Syndrom (CFS) ähneln. Also Schwindel, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Unkonzentriertheit und Gedächtnisstörungen. Das Paul-Ehrlich-Institut hat bis jetzt deutschlandweit insgesamt 41 Verdachtsfälle von CFS im Zusammenhang mit einer Covid-19-Impfung erfasst. Eine der wenigen Anlaufstelle für Betroffene ist derzeit das Uniklinikum Gießen und Marburg. Hier arbeiten Wissenschaftler am sogenannten Post-Vac-Syndrom. So haben die Patienten selbst ihre Long-Covid-Symptome, die erst nach der Impfung auftreten, getauft. Die Wissenschaftler der Uniklinik Gießen/Marburg gehen von deutschlandweit 25.000 Betroffenen aus.

 

Unter einem Impfschaden versteht man „die gesundheitliche und wirtschaftliche Folge einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung durch die Schutzimpfung.“ (§ 2 IfSG)

Auf ihren ersten Krankenhausaufenthalt folgen noch 31 weitere. Die Diagnose: Verdacht auf Impfreaktion mit leichter halbseitiger Lähmung. Im späteren Verlauf wird daraus eine chronisch entzündete Schädigung der Nerven, die motorische, sensible Funktionen im Körper übernehmen. Sie hat deswegen oft ein Taubheitsgefühl und Kribbeln in den Beinen, Armen, Fingern und Händen. Müdigkeit, Schmerzen, Gleichgewichtsstörungen und Gangunsicherheit sind ebenfalls Symptome. 

Njomeza ist nicht im Stande zu arbeiten, fühlt sich ständig neben der Spur, ist vergesslich. Einfache Aufgaben wie Duschen fallen ihr schwer, sie kann sich nicht mehr richtig um ihre Kinder kümmern, vergisst teilweise Gespräche. Sie ist vorerst krankgeschrieben, im April wird ihr gekündigt. Auch einen Reha-Aufenthalt hat die 35-Jährige bereits hinter sich. Dort bekommt sie mehrmals vermittelt, dass ihre Symptome doch nur psychosomatisch seien, dass sie sich das alles einbilde und gar nicht gesund werden möchte. Diese Aussagen setzten ihr am meisten zu, sagt sie. Für Njomeza hat sich aber im Gegensatz zu diesen Vorwürfen, dass das alles nur in ihrem Kopf passieren würde, ihr komplettes Leben vom einen auf den anderen Tag verändert. Sie erzählt mir, wie sie oft im Rollstuhl sitzen musste. Dabei sollte sie diejenige sein, die den Rollstuhl schiebt und nicht selbst darin sitzen.

„Ich bin diejenige, die den Rollstuhl schieben sollte, nicht diejenige, die im Rollstuhl sitzt.“ – Njomeza, 35

Vor einer erneuten Corona-Impfung wird ihr abgeraten. Es besteht das Risiko einer Verschlechterung ihrer Erkrankung. Njomeza bereut den Schritt zur Impfung. Sie macht deutlich, dass sie keine Impfgegnerin sei, im Gegenteil: Sie hat sich mit gutem Gewissen und für ihren eigenen Schutz impfen lassen. „Aber dass eine Impfung, die mich hätte schützen sollen, mir solche gesundheitlichen Komplikationen bereitet, hätte ich mir nie erträumt.“

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Zahlen zur Corona-Schutzimpfung, Stand 22.04.22 | Bild: Nina Reischuck

Auch 16 Monate später leidet Njomeza unter den Folgen. Sie beschreibt ihre Symptome wie Schübe, in denen sie als Folge Cortison einnehmen muss. Dann kann sie erstmal gar nichts machen, sie ist zu schwach. Anfang August läuft zusätzlich ihr Krankengeld, das sie aktuell bezieht, aus. Wie es weiter geht und von was sie dann leben soll, weiß sie nicht. Aber den Kopf in den Sand zu stecken, ist für Njomeza keine Option. Im Gegenteil: „Das ist nicht mein Leben und dem werde ich mich nicht fügen.“ Sie kämpft weiter und lässt sich nicht unterkriegen.