Menü
Integration in Deutschland | Bild: Sabrina Späth

Kultur&Gemeinschaft Integration
„Ich wollte nicht meine Heimat verlassen.“

Integration in Deutschland | Bild: Sabrina Späth

20 May 2021

Die "Flüchtlingskrise" ist bei vielen Menschen wieder in Vergessenheit geraten. Doch wie geht es den geflüchteten Menschen heute, fünf Jahre danach? Welchen Herausforderungen sind sie hier begegnet? - Zwei Geschichten einer geglückten Integration

Sabrina Späth

Medienwirtschaft
seit Wintersemester 2018
Flüchtlingsintegration

Zum Profil

Stell dir vor, du verlierst von heute auf morgen dein bisheriges Leben, deine Heimat und alles was du kennst. Nach einer undenkbaren Reise kommst du in ein fremdes Land, dessen Sprache du nicht sprichst. Du fängst komplett neu an. Und dann sollst du dich irgendwie integrieren und dich in die Gesellschaft einfügen. Klingt unmöglich? Vor genau dieser Situation standen Mohadese und Hiba, als sie vor einigen Jahren nach Deutschland kamen. 

Es ist das Jahr 2016. Mohadese (19) kommt in München an. Die Stadt ist an diesem Tag wie leergefegt. Sie fragt sich, ob hier überhaupt Menschen leben. Bei sich trägt sie alles, was ihr von ihrem alten Leben noch bleibt. Was die Zukunft mit sich bringt weiß sie nicht. Zum Glück ist sie nicht alleine und hat ihre Geschwister und ihre Mutter bei sich. 

Die Familie wird zuerst in einem Camp registriert. Dort waren die Mitarbeiter*innen vom Militär sehr offen und freundlich. Ihnen wurde gleich gesagt, dass sie in Sicherheit sind und sie keine Angst haben müssen. Die Stimmung dort war gut: „Sie waren auch manchmal lustig und haben Witze gemacht.“

Nach einem kurzen Aufenthalt in München ging es weiter nach Heidelberg. Weil sich die Familie nicht sicher war, ob sie nicht doch lieber nach Österreich zu Bekannten gehen, wurden sie ohne Weiteres aus dem Camp verwiesen. Da sie aber nicht wussten, wie sie überhaupt nach Österreich kommen sollten, wollten sie wieder in das Camp zurück, wo man sie einfach nicht mehr hereingelassen hat.

Durch Zufall kam ein Taxifahrer bei ihnen vorbei, der sie dann zum Roten Kreuz brachte. Dort waren die Mitarbeiter*innen sehr hilfsbereit und leiteten sie weiter nach Mannheim in eine weitere Unterkunft. Auch da gab es viele „gute Leute, die uns geholfen haben“.

Nach ein paar weiteren Umzügen leben sie jetzt in der Nähe von Stuttgart, wo sie sich mittlerweile gut eingelebt haben. 

2016 wurden laut Statista über 745.000 Asylanträge gestellt. Seit dem geht die Anzahl der Anträge immer weiter zurück, was auch daran liegt, dass Länder ihre Grenzen schließen und keine Menschen mehr aufnehmen oder durchreisen lassen.

„Ich habe mich immer geschämt zu reden“ – Mohadese Sulaymany

Der Einstieg in die Schule war für Mohadese eine große Herausforderung. Es war sehr schwer für sie sich zurechtzufinden, weil alle in ihrer Klasse schon Deutsch sprechen konnten. Aus Angst einen Fehler zu machen und dafür ausgelacht zu werden, hat sie nur sehr wenig gesprochen. Dadurch fand sie keinen Anschluss zu anderen Mitschüler*innen, erst nach einiger Zeit wurde das dann besser. Die Lehrkräfte haben sie beim Deutsch lernen gut unterstützt und immer nachgefragt, ob sie noch Hilfe oder Erklärungen benötigt.

Eine weitere große Hilfe bei der Integration war für sie ein Partnerschaftsprogramm von der Kubus e.v. Organisation. Dort hat sie Karate gelernt, an vielen Ausflügen teilgenommen und bei vielen Projekten mit gemacht. In einem Projekt hat sie Schulen besucht und dort ihre Geschichte erzählt, um Aufklärung und Verständnis zu schaffen. 

Mohadese erinnert sich an die Feste in ihrer Heimat: Sie blickt auf die Straße. Die Stadt ist an jeder Ecke geschmückt. Überall sind Blumen. Alle Leute sind draußen und feiern. „Das ist ein bisschen so wie hier an Weihnachten“. So beschreibt sie die Feste, die sie als Kind mit ihrer Familie gefeiert hat. Diese fehlen ihr hier in Deutschland besonders.

Doch auch in Zukunft möchte sie hier bleiben - sie schätzt das geregelte Leben in Deutschland sehr. „Man hat Freiheit und Sicherheit.“

„Ich wollte zurückkehren, obwohl das keine Option war.“ – Hibatullah Altaya

Auch Hiba (25) kam 2015 mit Teilen ihrer Familie nach Deutschland. Für sie war es sehr schwer hier her zu kommen, denn das wollte sie gar nicht. Diese Entscheidung wurde ihr durch die schlimmen Umstände und die fehlende Perspektive genommen. Sie fühlte sich daher nach ihrer Ankunft sehr fremd und unwohl. Sie wollte lieber wieder zurückkehren, obwohl das keine Option war.

Hiba mit einer syrischen Flagge vor dem Berliner Fernsehturm | Bild: Hibatullah Altaya

Hiba läuft durch den Gang in der Unterkunft. Die Wände sind grün gestrichen. Sie geht in ihr kleines Zimmer. Darin stehen vier Betten. Eins davon ist ihr Bett, die anderen gehören dem Rest der Familie. In diesem kleinen Raum ist an Privatsphäre oder Platz um sich zu entfalten nicht zu denken. Das Unterkunftsheim allgemein ist sehr voll, alle Betten und Zimmer sind belegt. 

Doch noch ein größeres Problem war die Sprache und Kommunikation. Da Hiba bei ihrer Ankunft noch kein Wort Deutsch konnte, war es sehr schwer sich zurecht zu finden. Dinge, die für uns alltäglich sind, waren in ihrer Situation unvorstellbar. „Es ist sehr sehr schwierig. Man versteht nichts, man kann nicht einkaufen, man kann nicht zum Arzt gehen“. Glücklicherweise kann Hiba Englisch sprechen, was ihr sehr weitergeholfen hat. Sie konnte dadurch auch anderen Leuten im Heim durch ihre Übersetzungen helfen und hat so begonnen, sich ehrenamtlich für andere Menschen zu engagieren. 

Auch die Sozialarbeiter*innen vor Ort waren „sehr nett und sehr hilfreich“. Es gab auch viele ehrenamtliche Helfer*innen, was sehr schön war und zusätzlich ein Gefühl willkommen zu sein erzeugt hat. Mit einigen von den Leuten dort ist sie bis heute noch gut befreundet.

Hiba vor der Berliner Mauer Hiba vor der Berliner Mauer | Bild: Hibatullah Altaya

Nachdem sie dann die Aufenthaltserlaubnis erhalten hatten, zogen sie von Berlin nach Stuttgart. Dort lebte schon ein Bruder von Hiba, der einige Zeit vor Ihnen nach Deutschland gekommen ist. Der Moment, als ihre Mutter nach vielen Jahren ihr Kind wieder in die Arme schließen konnte, ist bis heute eine besondere Erinnerung, an die Hiba gerne zurückdenkt. 

Ende 2019 lebten laut der United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) ca. 1,15 Millionen "anerkannte Flüchtlinge" in Deutschland. Der Status "anerkannt" bedeutet, dass diese Menschen eine gültige Asyl Aufenthaltsbescheinigung haben.

Doch leider werden diese Menschen nicht immer und von allen wirklich "anerkannt". So gehören auch zu Hibas Erinnerungen rassistische Äußerungen. Besonders fremde Leute auf der Straße und in der Öffentlichkeit beleidigen sie durch böse Kommentare zu Geflüchteten oder ihrem Kopftuch. Solche Diskriminierungen sorgen dann wieder dafür, dass sie sich sehr fremd und unwohl fühlt. Mit der Zeit hat sie gelernt, das schnell wieder zu vergessen und nicht an sich heranzulassen. Sie ist stärker als solche Kommentare. Glücklicherweise passiert so etwas nur sehr selten und gehört nicht zum Alltag.

„Die Sprache ist der Schlüssel“ – Hibatullah Altaya

Die Deutschkurse waren ein maßgeblicher Teil der Integration.

Denn erst nachdem Hiba Deutsch sprechen kann, fühlt sie sich wohl und integriert. Sie kann sich problemlos unterhalten und verständigen und all die Dinge machen, die vorher wegen der Sprachbarriere nicht möglich waren. Sie konnte nun auch ihr Studium beginnen, bei dem sie mittlerweile im zweiten Semester ist. Da sie in Damaskus schon begonnen hatte Kindergartenwissenschaft zu studieren, hat sie sich hier für den Studiengang Sozialarbeit entschieden. Das Studium in Damaskus konnte sie durch den Krieg und die Flucht nicht weiterführen.

In ihrer Freizeit engagiert sie sich in vielzähligen sozialen Projekten und möchte so Anderen helfen. Mit Kindern arbeitet sie besonders gerne zusammen und organisiert da viele Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel Weihnachtsbacken oder Ausflüge.

Hiba als Volunteer bei einer Charity Veranstaltung | Bild: Hibatullah Altaya

Obwohl sie ihre Heimat in Syrien sehr vermisst, ist für Hiba ihre Heimat jetzt dort, wo ihre Familie ist, denn das ist für sie das Wichtigste. Mittlerweile hat sie sich an die Lebenssituation und den Lebensstil hier so gewöhnt, dass sie hier in Deutschland bleiben möchte, auch wenn es eine Möglichkeit zur Rückkehr geben würde.