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Social Media
„Ich bin eine von euch“

Diese fünf Abgeordneten des baden-württembergischen Landtages sind überzeugt, dass soziale Medien die politische Transparenz fördern. | Bild: Collage erstellt von Sofia Lüßmann

Social Media „Ich bin eine von euch“

Diese fünf Abgeordneten des baden-württembergischen Landtages sind überzeugt, dass soziale Medien die politische Transparenz fördern. | Bild: Collage erstellt von Sofia Lüßmann
 

03 Dec 2021

„Die da oben” – sind uns Politiker*innen wirklich so fremd? Sechs Abgeordnete der Landesparlamente haben eine Mission: die Politik transparenter zu gestalten. Doch was verbirgt sich hinter der digitalen Bürgernähe?

Sofia Lüßmann

Crossmedia-Redaktion / Public Relations
seit Sommersemester 2021
PolitikNachaltigkeit

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Handy raus, Kamera an und los geht’s: es ist Montagmorgen und Aminata Touré, Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtages, gibt ihren Instagram-Follower*innen Einblicke in die politische Agenda der bevorstehenden Woche. Die Story beginnt wie immer mit einem gut gelaunten „Moin”. Ob Plenarsitzungen, Bürotermine oder Interviews – der Terminkalender ist streng getaktet. Mit ihrer Strategie hofft Aminata Touré, die Politik durchsichtiger zu gestalten und junge Wähler*innen für politische Themen zu begeistern.

Wie Aminata Touré geht es vielen Politiker*innen des Landes. Auch die Abgeordneten des baden-württembergischen Landtages eilen von Meeting zu Meeting. Wer den politischen Alltag verfolgen möchte, muss stehts einen Blick auf die Instagram-Profile der Politiker*innen werfen. „Mit meinem Instagram-Account möchte ich zeigen, wie es im Landtag von Baden-Württemberg aussieht, was dort passiert und welche Aufgaben mich täglich erwarten”, erklärt der CDU-Abgeordnete Matthias Miller. „Wir leben in einer Zeit, in der man wissen will, mit wem man es zu tun hat”.

Matthias Miller ist damit nicht der Einzige, der die sozialen Medien als eine Chance für politische Transparenz sieht. Auch seine Kolleg*innen des baden-württembergischen Landtages Cindy Holmberg (Grüne), Friedrich Haag (FDP), Jonas Weber (SPD) und Daniel Lindenschmid (AfD) setzen auf Erreichbarkeit und Transparenz. „Instagram ist besonders für junge Wähler*innen eine Möglichkeit, barrierefrei und unkompliziert Einsichten in die Politik zu erhalten”, erkennt Friedrich Haag. „Soziale Medien geben erste Impulse und helfen, sich zu orientieren”. Ob in der Bahn, auf dem Weg nach Hause oder in der Uni: ruckzuck und ohne Parteiveranstaltung zeigen soziale Medien den Alltag der Politiker*innen. 

„Wir leben in einer Zeit, in der man wissen will, mit wem man es zu tun hat” – Matthias Miller

Wer Feeds von langweiligen Plenardebatten und Haushaltssitzungen erwartet, der täuscht sich. Rhythmisch im Takt schnipst Jonas Weber (SPD) in seinem „Happy Halloween”-Reel und zeigt sich von seiner privaten Seite – legere in Schürze und mit Mixstab in der Hand.

Ein Like hier, ein Kommentar dort 

Scrollen, Liken, Kommentieren. Das britischen Marktforschungsunternehmen Global Web Index fand heraus, dass der Deutsche durchschnittlich 84 Minuten am Tag auf Instagram, Twitter und Co verbringt. Die Umfrage des Meinungsforschunginstituts YOUGOV im Auftrag des Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) zeigt: besonders junge Bürger*innen nutzen sowohl die traditionellen als auch die neuen digitalen Möglichkeiten, um sich über Politik zu informieren und daran zu beteiligen. Nutzer*innen schätzen vor allem die Informationsfunktion der Instagram-Profile und hoffen auf eine politische Orientierungshilfe. 

Soziale Medien spielen eine bedeutende Rolle für die politische Bildung von Jugendlichen | Bild: Sofia Lüßmann

Das Kommunikationsinstrument: Soziale Medien

Die sozialen Medien spielen als Kommunikationsinstrument von Parteien und politischen Akteur*innen eine entscheidende Rolle. Ihre Kernaufgaben sind die Vermittlung von Informationen, Interaktion mit relevanten Bezugsgruppen sowie die Einbindung von Bürger*innen in öffentliche Diskurse. Fabian Haun ist Politikwissenschaftler und seit 2018 geschäftsführender Gesellschafter der Public Affairs-Beratung ‘elfnullelf‘. „Am Beispiel von Amerika zeigte sich, dass Barack Obama seine zweite Wahlperiode eindeutig mithilfe der sozialen Medien für sich gewinnen konnte. Auch in Deutschland spiegelte sich solch ein Phänomen während der Bundestagswahl 2021 wider”.  Die „strategische Intimität” bewegt sich auf der emotionalen Ebene. Sie stellt Politiker*innen authentisch und bürgernah dar, wodurch positive Emotionen geweckt werden. „Insbesondere Instagram stärkt dadurch die Erststimme der Kandidat*innen”, erklärt Fabian Haun. „Das Erreichen der jungen Bürger*innen wird durch digitale Plattformen gestärkt”, bestätigt die Journalistik- und Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw der Universität Hamburg. „Sogenannte „Snack-News” werden immer wichtiger. Das bedeutet, dass die Menschen möglichst schnell und nebenbei informiert werden wollen, und dann reichen in Zeiten von Smartphones häufig Überschriften”.  

Kontaktaufbau. Ein Ziel, das durch verschiedene Kommunikationsinstrumente, wie Instagram-Umfragen, Stories oder Live-Formaten möglich ist. Politiker*innen interagieren mit potentiellen Wähler*innen und bauen zwischenmenschlichen Kontakt auf. Plötzlich fühlen wir uns mit der Person vertraut. 

Schnelllebig. Spaßig. Essenziell. 

#Digitalvorort hat Jonas Weber (SPD) in Corona-Zeiten ins Leben gerufen. „Die Pandemie fordert auch uns Politiker*innen, neue Wege des Bürger*innen-Kontakts zu finden. Dank meinem Format ‚#digitalvorort‘ habe ich den alten Charakter des Bürger*innen-Gesprächs in das digitale Zeitalter transferiert. Trotz der Kontaktbeschränkungen konnte ich einen digitalen Dialog mit Bürger*innen des Ortes führen und deren Fragen über die Instagram-Story beantworten”.

„Ich bin eine von euch. Ich bin eine von der Gesellschaft”  – Cindy Holmberg

Ein Teesorten-Post von Matthias Miller (CDU), das Story-Highlight der SPD-Katze „Honey”, oder die Wochenvorschau von Cindy Holmberg (Grüne): Instagram ist eine Plattform, die nicht nur Inhalte vermittelt – sondern den Abgeordneten auch unglaublich Spaß macht. „Es ist sehr wichtig, dass die Menschen sehen, dass wir Menschen sind. Es darf nicht heißen, das sind die Politiker*innen. Ich bin eine von euch. Ich bin eine von der Gesellschaft”, betont die Politikerin Cindy Holmberg. 

Das erste Story-Highlight von Daniel Lindenschmid zeigt: neben der Politik spielt der AfD-Abgeordnete gelegentlich Fußball. Auch er hat seit Mai 2021 einen Instagram-Account. Seiner Meinung nach wird das Internet den direkten Kontakt nie ersetzten. „Man muss gezielt nach Inhalten und Themen suchen. Die sozialen Medien präsentieren aufgrund der algorithmischen Personalisierung auch nur die Themen, für die man sich interessiert – und das ist einseitig", erklärt Lindenschmid. „Demokratie bedeutet, dass nicht nur die Mehrheitsmeinung im Internet vertreten wird. Junge Wähler*innen wollen neutral informiert werden, und nicht Tag und Nacht mit einem Thema bespielt werden”.

Ein Foto für das Instagram-Feed von Friedrich Haag (FDP) (links). | Bild: Friedrich Haag
Ein Selfie vom Landesparteitag der SPD. V.l.n.r: Jonas Weber, Lina Seitz, Daniel Born | Bild: Jonas Weber
Matthias Miller (CDU) bereitet sich auf die kalte Jahreszeit vor | Bild: Matthias Miller
Cindy Holmberg (Grüne) gibt Einblicke in ihren politischen Alltag | Bild: Cindy Holmberg
Daniel Lindenschmid (AfD) macht ein Selfi für seine Instagram-Follower*innen | Bild: Daniel Lindenschmid

Transparenz ist ein „wichtiger Aspekt, um das Verhältnis zwischen der Gesellschaft und dem Misstrauen gegenüber der Politik abzubauen”, betont Holmberg. Soziale Medien sind eine von vielen Arten der politischen Kommunikation. Eine demokratische Gesellschaft kann nur bestehen, wenn beide Seiten miteinander agieren und kommunizieren.

Ob die Abgeordneten des baden-württembergischen Landtages oder Aminata Touré – die Politiker*innen sind sich einig: Social-Media-Plattformen ermöglichen einen Blick hinter die Kulissen. „Wir können mehr sein. Politik kann mehr sein“, davon ist Aminata Touré überzeugt.