Der Service im Flugzeug ist nur eine von vielen Aufgaben, die Kristin als Stewardess erledigen muss. | Bild: Symbolbild Shutterstock

Interviews Nur Kellner*innen in der Luft?
I believe I can fly...

Der Service im Flugzeug ist nur eine von vielen Aufgaben, die Kristin als Stewardess erledigen muss. | Bild: Symbolbild Shutterstock

17 Aug 2020

Reisen zum eigenen Beruf zu machen ist wohl für viele junge Menschen DER Traum. Und genau diesen Traum durfte Kristin nach ihrem Abitur leben. Sie arbeitete für knapp eineinhalb Jahre als Stewardess bei einer Fluggesellschaft.
Warum Flugbegleiter*innen jedoch viel mehr sind als bloß „Saftschubsen“ in 10.000 Metern Höhe erzählt sie im Interview.

 

Franziska Nistler

4. Semester
seit Sommersemester 2019/20

Zum Autorenprofil

Wenn man eineinhalb Jahre so viel reist wie du, hat man bestimmt auch einige Geschichten zu erzählen. Wenn du darauf zurückblickst, welche Situationen sind dir in Erinnerung geblieben?

Kleinigkeiten, die mir in Erinnerung geblieben sind, wie die Geschichte auf einem Tel Aviv Flug, als mich ein kleines jüdisches Kind, das neben seinen streng orthodoxen Eltern saß, angesprochen hat mit "Is coke kosher?".

Wie hast du reagiert?

Ich war total perplex und auch nicht so ganz vertraut mit den Regelungen von koscheren Nahrungsmitteln. Ich habe mich in dem Moment auch einfach gewundert, warum das Kind nicht einfach seine Eltern fragt oder warum die Eltern nicht einspringen, wenn sie sehen, dass ich überfragt bin.

Und ist Cola nun koscher?

Ja, ist es wirklich! Ich habe dann einfach auf der Flasche versucht es nachzulesen und da stand es tatsächlich drauf.

Wenn wir jetzt schon bei anderen Kulturen und Religionen sind, wie sind dir generell die Kulturunterschiede bewusst geworden?

Mir ist zum Beispiel aufgefallen, dass bei chinesischen Reisegruppen wirklich so gut wie gar keiner Englisch spricht. Oftmals war es so, dass es einen Reiseführer gab, der zwanzig Chinesen betreute und auch für die ganze Gruppe bestellt hat. Das konnte dann natürlich ziemlich laut werden.

Wie konntet ihr euch dann überhaupt verständigen?

Wenn Chinesen allein gereist sind oder eben kein englischsprechender Reiseführer dabei war, haben sie immer versucht mir durch Zeigen oder Körpersprache zu vermitteln, was sie wollen. Für mich war das spannend zu sehen, wie man sich anders behelfen kann, wenn man eben nicht dieselbe Sprache spricht.

Ist das auf Dauer nicht wahnsinnig nervenaufreibend, wenn man immer nur erahnen kann, was die Person gegenüber von einem möchte?

Man muss sich auf jeden Fall darauf einlassen können! Ich muss aber sagen, dass ich das eigentlich immer sehr lustig fand. Sie haben sich total gefreut, wenn ich dann am Ende, das gebracht habe, was sie wollten.

"Europäische Menschen sind wohl einfach ein Highlight für Chinesen."

Was genau meinst du mit „Highlight“?

(Sie schmunzelt). Als ich gerade fertig war mit dem Service und Pause hatte, kam ein älteres chinesisches Ehepaar zu mir nach hinten in die Galley, also die Bordküche. Ich hatte gesehen, dass die ältere Frau ihr Handy in der Hand hat und vermutete einfach, dass sie nur ein paar Bilder vom Flugzeug machen möchte. Die „Oma“ hat mich dann aber einfach in den Arm genommen und Bilder mit mir gemacht! Danach haben sie getauscht und der Opa war an der Reihe und plötzlich kam dann die ganze Reisegruppe für ein Photoshooting zu mir nach hinten. Das war einfach nur richtig süß und ich habe mich gefreut, dass die sich alle so freuen und man sich so gut versteht, obwohl man kein einziges Wort miteinander sprechen konnte.

Da geht einem ja echt das Herz auf! In solchen Momenten bist du bestimmt einfach nur froh, diese Erfahrungen in deinem Beruf machen zu können. Jetzt mal vom einen ins andere Extrem: Hat sich ein Passagier dir gegenüber schon einmal richtig unverschämt verhalten?

(Sie muss lachen). Oh ja! Das ist die Lieblingsgeschichte meiner Freunde. Sie ist zum einen echt ekelhaft, aber auch sehr lustig. Im Nachhinein kann ich darüber lachen.

Meine letzte Mahlzeit liegt schon einige Stunden zurück, ich bin bereit sie zu hören!

Ich war eingeteilt für einen Flug nach Moskau und ich muss dazu sagen, dass es mein erster Flug überhaupt nach Russland war. Vor dem Flug bekommen wir dann meistens Infos, was uns auf dem Flug alles erwarten kann und da habe ich dann gelesen, dass bei Russland-Flügen doppelt so viel Alkohol wie sonst geladen wird.

„Da habe ich dann gelesen, dass bei Russland-Flügen doppelt so viel Alkohol wie sonst geladen wird.“

Krasse Vorurteile!

Total! In dem Moment dachte ich mir nur „Ob das wohl wegkommt…?“. Auf dem Flug war es dann allerdings wirklich so, dass bereits nach der Hälfte des Fluges fast der ganze Alkohol leer war…

Wie lang geht der Flug insgesamt?

(Sie lacht auf). Drei Stunden.

Das Vorurteil wurde also in deinem Fall wirklich bestätigt. Und dann?

Bier und Wein waren also komplett leer und harten Alkohol gab es noch ein wenig. Dann hat jemand den Serviceknopf an seinem Sitz betätigt und ich bin nach vorne zu dem Passagier gegangen. Da es ein Nachtflug war, war es sehr dunkel in der Kabine. Der Passagier hat mir dann einen Becher in die Hand gedrückt. In dem Moment habe ich mich noch gefragt, wieso der Becher denn komplett voll ist. Ich bin dann also mit dem Becher zurück in die Galley gelaufen, wo es dann auch wieder Licht gab und ich weiß nur noch, wie meine Kollegen aufschrien und zu mir sagten "Oh mein Gott, wieso nimmst du denn den Becher? Der ist ja voller Kotze!".

 

„Oh mein Gott, wieso nimmst du denn den Becher? Der ist ja voller Kotze!“

In dem Moment habe ich es erst realisiert und auch gerochen! Der Becher war wirklich randvoll und ich dachte nur „eine kleine Turbulenz auf dem Flug und das hätte echt böse ausgehen können für mich“. Auf der anderen Seite war ich zugegebenermaßen auch ein wenig beeindruckt, da die Becher im Flugzeug ja wirklich nicht groß sind und der Passagier in seinem Zustand dafür ziemlich treffsicher war. Fünf Minuten später klingelte der gleiche Mann erneut und als ich daraufhin bei ihm war, bekam ich einfach nur ein „Bacardi.“ zu hören. Den brachte ich ihm natürlich nicht!

Ich bin immer noch total sprachlos… Wenn du von so einer Geschichte erzählst, frage ich mich, wie gut man denn während der Stewardess-Ausbildung auf den Flug vorbereitet wird?

Es wird sehr darauf geachtet, dass man lernt mit den Gefahrensituationen, die in einem Flugzeug entstehen können, umzugehen. Das geht von Feuer löschen über Erste Hilfe bis hin zu Passagieren, die man wegen ihrer Flugangst beruhigen muss.

 

„Der Service steht da eher im Hintergrund.“

Die größte Herausforderung beim Fliegen ist jedoch der Wechsel in verschiedene Zeitzonen und das Arbeiten in der Nacht. Es ist eben nun mal keinen Beruf, bei dem man von Montag bis Freitag arbeitet und am Wochenende frei hat. Man wird aus seinem Rhythmus komplett rausgeworfen. Ich arbeite sowohl tagsüber als auch nachts. Egal ob unter der Woche oder am Wochenende und das hat mich schon sehr belastet.

Wie viel Zeit bleibt dir denn dann überhaupt zwischen den einzelnen Destinationen, um dich zu erholen?

Unsere Firma achtet darauf, dass wir genügend Zeit bekommen, uns auszuruhen. Das ist dann zum Beispiel so: Wenn man nach China fliegt, ist man etwa zehn Stunden unterwegs und hat dort um die 48 Stunden Aufenthalt. Nach dem zehnstündigen Rückflug hat man dann auch mindestens drei Tage frei. Jeder Tag und jeder Monat können eben anders aussehen. Man weiß erst eine Woche bevor der neue Monat beginnt, wie man im kommenden Monat arbeiten wird. Da kann es dann sein, dass man nach Westen oder nach Osten fliegt, dass man tagsüber fliegt, dass man nachts fliegt… Man hat quasi gar nichts, woran man sich halten kann.

  „Man weiß nur: Ich werde fliegen, aber wann und wohin, weiß man eigentlich nicht.“