Stündlich werden Millennials mit Informationen zugemüllt, dabei ist uns das meiste egal, oder? | Symbolfoto: Maura Münter

edit.Edge Generation Y
Tolerant oder gleichgültig?

Stündlich werden Millennials mit Informationen zugemüllt, dabei ist uns das meiste egal, oder? | Symbolfoto: Maura Münter

12 Jan 2019

Zum Feiern gibt’s eine Line Speed, Bali ist die zweite Heimat und die offene Beziehung schon längst normal. Uns Millennials kann nichts mehr wirklich schocken – denn nichts ist mehr außergewöhnlich. Dabei ist unsere Toleranz keine Entscheidung, sondern der Schwimmring im Meer der Vielfalt. Schwimmst du schon oder treibst du noch?

Drogen, Depression oder Homosexualität machen uns nicht ungewöhnlich, sondern interessant. Jobs wie Influencer, oder der regelmäßige Besuch beim Psychotherapeuten gehören zum Alltag wie die News über verrückte Machthaber wie Donald Trump und Kim Jong-un. Terroranschläge sind zwar grausam und schüren Angst, doch langanhaltende Auswirkungen haben sie nicht auf uns. Wir strömen weiter unbeeindruckt auf Massenveranstaltungen wie realitätsferne Festivals und Beyoncé-Konzerte. Für die sogenannten Millennials ist das alles normal – alles cool – alles okay.

Die Generation Y, die von circa 1980 bis 2000 Geborenen, zu denen auch ich gehöre, leben eine Realität so bunt wie der Regenbogen und so vielfältig wie ihre Fingerabdrücke. Die älteren Generationen bezeichnen uns oft als oberflächlich und uninteressiert. Von den Medien und der Gesellschaft werden wir dennoch als die bisher toleranteste Generation betitelt.

Doch sind wir so offen, wie wir uns geben? Oder ist uns einfach alles egal, weil wir nur auf uns selbst achten und die Vielfalt der Welt gewohnt sind?

„Kann uns tatsächlich nichts mehr schocken, ist nichts mehr wirklich „edgy“? Ich sage: Doch!“

Ja, die meisten von uns sind grundsätzlich sehr tolerant und das ist auch gut so! Wir finden es nicht besonders verwunderlich, wenn sich Profi-Fußballer wie Thomas Hitzlsperger öffentlich als schwul outen. Wir feiern ihn sogar dafür und tragen #Diversity auf unseren T-Shirts. Doch wie ist es, wenn der beste Freund auf Männer steht oder die kleine Schwester anfängt, Gras zu rauchen und ein Tattoo möchte?

Oftmals stellt sich dann schnell heraus, wer wirklich authentisch tolerant ist und nicht nur auf der Welle der Generation mitschwimmt. Es zeigt sich eine bis dahin unsichtbare Linie, die unsere scheinbar schrankenlose Toleranz begrenzt. Geht es um uns oder unser direktes Umfeld, wird die Aufgeschlossenheit auf die Probe gestellt und Gesichter werden entlarvt. Wir werden skeptisch und sind gezwungen, uns mit unseren tief verwurzelten Werten und Vorstellungen zu konfrontieren, und sehen uns inneren Widersprüchen gegenüber. Es ist nun nicht mehr etwas, das im Abstand zu uns stattfindet, das wir in unseren „I don‘t care“-Toleranz-Pool ablegen können, sondern es trifft unausweichlich unsere Gefühle. Außerdem sind wir von möglichen Veränderungen und Auswirkungen direkt betroffen. Denn Toleranz ist oft nur ein erstes Schutzschild, um im schnelllebigen und vom Überfluss geprägten Alltag zurechtzukommen.

In einer Welt, in der das Außergewöhnliche für uns Alltag geworden ist, sind wir gezwungen in der tosenden Informationsflut aus Kriegsberichten, genveränderten Babys und sinnbefreiter Unterhaltung, die täglich über uns hereinbricht, gnadenlos zu filtern. Das heißt auch, dass wir uns eben erst dann mit manchen Dingen beschäftigen können, wenn sie uns direkt betreffen und auch erst dann merken, wie groß unsere Toleranz wirklich ist. Definieren wir allerdings unsere Werte, Standpunkte und Moralvorstellungen und erkunden unsere Grenzen der Toleranz, so lernen wir uns selbst besser kennen.

Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter
Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter
Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter
Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter
Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter
Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter
Millennials erzählen, was für sie noch außergewöhnlich ist. | Foto: Maura Münter