Das Kreuzfahrtschiff „MSC Magnifica“ sitzt auf dem Meer fest. | Bild: Yixiu Wang

Kultur&Identität Kreuzfahrt
Gefangen auf hoher See

Das Kreuzfahrtschiff „MSC Magnifica“ sitzt auf dem Meer fest. | Bild: Yixiu Wang

27 Jun 2020

Eine Weltreise mit dem Kreuzfahrtschiff. Für rund 2.500 Gäste hätte es eine unvergesslich schöne Zeit werden sollen. Stattdessen durften sie aufgrund der Corona-Pandemie 41 Tage lang in keinem einzigen Hafen anlegen. Für Besatzungsmitglied Yixiu Wang wurde die Zeit zu einer psychischen Belastungsprobe.

„Bis Februar war ich im Traumland. Ich hatte keine Ahnung, warum die Leute zu Hause so viel Panik machten“, erzählt Yixiu Wang. Seit Mai 2018 arbeitet die 30-jährige Belgierin als Entertainerin für die MSC Kreuzfahrtgesellschaft. Am 5. Januar 2020 begann sie ihre zweite Weltreise auf der „MSC Magnifica“. Zwei Monate lang verlief die Fahrt ohne große Probleme. Über die Auswirkungen der Corona-Pandemie machten sich an Bord nur die wenigsten ernsthafte Gedanken. Kurz vor Sydney dann der Schock: Das Schiff durfte nicht mehr im Hafen anlegen.

Der Hafen von Sydney. Die Aussicht vom Schiff auf den Hafen von Sydney. | Bild: Yixiu Wang

Über die Lautsprecher des Schiffs ertönte am darauffolgenden Morgen die Stimme des Kapitäns Roberto Leotta. Seine Botschaft war deutlich: Die Weltreise ist frühzeitig beendet. Wer das Schiff verlassen und nach Hause fliegen wollte, hatte zu diesem Zeitpunkt noch die Möglichkeit dazu. In Anspruch nahm dieses Angebot jedoch nur ein Bruchteil der Gäste. Die verbleibenden Urlauber*innen und Crewmitglieder steuerten darauffolgend auf Fremantle zu, eine Hafenstadt nahe der australischen Großstadt Perth.

„Dann waren wir zwei oder drei Wochen im Nirgendwo, ohne zu wissen, wo wir hin sollen.“ – Yixiu Wang

Trotz der schlechten Internetverbindung auf hoher See versuchten einige Leute, mehrmals täglich an Nachrichten zu kommen. Es dauerte nicht lange, bis zum Thema Corona unterschiedlichste Informationen kursierten und die Verunsicherung an Bord spürbar zunahm. Währenddessen bemühten sich Wang und ihr Entertainment-Team darum, die gute Laune unter den Gästen aufrecht zu erhalten. „Wir befürchteten, dass die Gäste sich große Sorgen machen würden, sobald wir unsere Aktivitäten einstellen“, so Wang.

Yixiu Wang steht in ihrer Uniform unter einem „MSC Magnifica“ Schild. Yixiu Wang als Entertainerin bei der Arbeit. | Bild: Yixiu Wang

„Normalerweise gibt es in einer solchen Situation stark unterschiedliche Reaktionen“, erklärt Dennis Wekwert. Der 29-Jährige arbeitet als Psychologe im Bereich der Berufs-Rehabilitation und hilft Menschen mit Beeinträchtigungen, den Weg zurück in das Arbeitsleben zu finden.

In diesem spezifischen Fall würden einige Leute versuchen, sich der Freiheitseinschränkung zu widersetzen und durch eigenes Handeln die Kontrolle zu behalten – das sogenannte Reaktanzphänomen. Andere wiederum würden sich zurückziehen und die Situation über sich ergehen lassen. „Aus meiner Sicht ist es ein primärer Faktor für die Gäste, wie sich die Crew verhält“, sagt Wekwert. Je höher die Zahl an unterschiedlichen Informationsquellen, desto höher sei auch die Gefahr der Verunsicherung an Bord, so der Psychologe. Die Crew müsse in diesem Szenario die Initiative ergreifen und verlässliche Informationen vermitteln, damit sich die Gäste orientieren können.

Neuer Plan sorgt für höhere Belastung der Passagier*innen

Am 23. März entschied sich das Unternehmen dafür, Dubai als neue Endstation anzusteuern. Von dort aus sollten die Gäste sicher nach Hause gebracht werden. Auf halber Strecke folgte jedoch ein erneuter Rückschlag: Die Autoritäten in Dubai verkündeten unerwartet die Schließung ihres Hafens für internationale Schiffe. Die „Magnifica“ musste daraufhin nach Fremantle zurückkehren. Um alternative Ziele anzusteuern, befand sich zu wenig Vorrat an Bord. Dies sei der schlimmste Moment für sie gewesen, berichtet Wang. 

„Zu diesem Zeitpunkt begann ich die Tage zu zählen, bis wir endlich irgendwo an Land gehen durften.“ – Yixiu Wang

Währenddessen spitzte sich die Situation an Bord zu: Die Crew hatte vermehrt mit Beschwerden der Gäste zu kämpfen. „Irgendwann lächelt man einfach nur noch, auch wenn man es nicht so meint“, sagt Wang. Obwohl sich alle Personen in derselben unüberschaubaren Situation befanden, waren die Crewmitglieder dennoch für die Gäste verantwortlich. „Aus meiner Sicht war das Team daher einer höheren Belastung ausgesetzt als die Reisenden“, erklärt Wekwert. Der Körper befinde sich zunächst unter Anspannung und brauche seine Energiereserven auf, bis er in die Resignation wechsle und die Situation weniger kritisch bewerte. Die Besatzung und Gäste mussten jedoch keine Angst um die eigene Gesundheit haben, da niemand an Bord mit COVID-19 infiziert war. Aus diesem Grund trat laut Wekwert auch keine panische Reaktion auf der „Magnifica“ ein.

Herausforderung: Kulturelle Vielfalt

Nachdem das Schiff in Fremantle Treibstoff und Lebensmittelvorräte aufgestockt hatte, stand das neue Ziel der Route fest. „Schon als wir nach Australien umkehren mussten, wusste ich, dass nach Europa fahren die einzige Option ist.“, sagt Wang. Einige Gäste hätten dabei die Neuigkeiten aufmerksam und mit Bedacht verfolgt, während andere immer ängstlicher wurden.

Die Zusammenfassung der Reise und extra Fakten. | Bild: Isabel Haller

„In dieser Situation haben wir es nicht nur mit kulturellen Unterschieden zu tun, sondern auch mit ganzen Ländern, die ihr Denken und Handeln nach diversen, teils gegensätzlichen Werten und Normen ausrichten“, erklärt Wekwert. Ebenso würden die unterschiedlichen Religionen eine entscheidende Rolle spielen. „Es geht hier nicht nur darum, die Situation an die vielen Kulturen anzupassen, sondern jeden Einzelnen individuell mit seinen Ängsten und Unsicherheiten abzuholen“, sagt Wekwert.

Ein direkter Vergleich zwischen Personen, die auf einem Schiff eingesperrt sind und denen, die an Land festsitzen, ist laut dem Psychologen wenig sinnvoll, da dieses spezielle Feld wissenschaftlich noch nicht ausreichend erforscht sei. Anzumerken sei jedoch, dass sich fehlende Nähe zu Bekannten und Verwandten unter Umständen negativ auf den psychischen Zustand eines Menschen auswirke. „In der Raumfahrt wurde das ‚Whiteout Phänomen‘ erforscht, wonach die psychische Belastung steigt, wenn die Erde für längere Zeit außer Sicht gerät. Das Ganze lässt sich ein Stück weit mit der Situation auf dem Meer vergleichen, wenn man lange Zeit nur noch Wasser um sich herum sieht“, sagt Wekwert.

Die Aussicht vom Schiff aufs Meer. Die „MSC Magnifica“ mitten auf dem Meer. | Bild: Yixiu Wang

Am 20. April legte die „MSC Magnifica“ schließlich außerplanmäßig im Hafen von Marseille an – als eines der letzten drei umherreisenden Kreuzfahrtschiffe weltweit. Trotz der anderthalb Monate langen Ausnahmesituation behält Wang die Zeit an Bord als wertvolle Erfahrung in Erinnerung. Für sie bleibt die Arbeit auf dem Kreuzfahrtschiff weiterhin ein Traumjob. „Auch wenn es noch eine Weile dauert – sobald es möglich ist, werde ich meine dritte Weltreise sicher antreten“, sagt Wang.