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Musik und Sprache
ESC: Kulturelle Vielfalt oder viel fehlt?

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist das größte Live-Musik-Event der Welt. | Bild: EBU / Andres Putting

Musik und Sprache ESC: Kulturelle Vielfalt oder viel fehlt?

Der Eurovision Song Contest (ESC) ist das größte Live-Musik-Event der Welt. | Bild: EBU / Andres Putting
 

25 Jun 2021

Osteuropäische Akzente klingen nicht so sexy und die englische Sprache kann schlechte Songs auch nicht mehr retten? In einem Interview erklärt uns Dr. Irving Wolther, wieso der Eurovision Song Contest (ESC) von Liedern in der Landessprache profitiert.

Sara Rozic

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Vanessa Stagen

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Irving Wolther alias „Dr. Eurovision“ studierte Sprach- und Kulturwissenschaften und promovierte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover über den Eurovision Song Contest. Zudem schreibt er als freier Autor für eurovision.de.

Auf welcher Sprache sollten die teilnehmenden Länder deiner Meinung nach singen?

Die Teilnehmer sollten in der Sprache singen, in der sie sich am besten ausdrücken können. Für mich als Fan macht es keinen Unterschied. Ich finde Dänisch genauso cool wie Hebräisch oder Portugiesisch, aber die meisten Leute sind damit nicht vertraut und für sie klingt es seltsam. Unter Umständen kann es also ein Nachteil sein, in der Muttersprache zu singen. 

Von 1966 bis 1972 musste man in der Landessprache singen. Danach gab es einige Lockerungen – 1999 wurden die Sprachregelungen komplett aufgehoben. Was hältst du davon?

Ich persönlich würde mir wünschen, in einem bestimmten Zeitraum mindestens ein Lied in der Landessprache einreichen zu müssen. Es liegt ja beispielsweise nicht an der Sprache, dass die Spanier so erfolglos sind – Spanisch klingt sehr melodisch. Sie haben einfach kein Händchen für die richtige Songauswahl.

Der Eurovision Song Contest ist ein internationaler Musikwettbewerb und findet seit 1956 jährlich (mit Ausnahme von 2020) im Land des Vorjahressiegers statt. 

Alle Mitgliedsländer der Europäischen Rundfunkunion (EBU) dürfen am ESC teilnehmen. Dazu gehören auch einige nichteuropäische Länder wie zum Beispiel Israel oder Aserbaidschan. Bislang haben insgesamt 52 Länder mitgemacht.

Dieses Jahr sangen im Finale 18 Länder auf Englisch und nur acht in der Landessprache. 

Dass so viele Länder auf Englisch singen, ist damit verbunden, dass man sich damit größere Erfolgschancen ausrechnet. Grundsätzlich ist es aber nicht nachvollziehbar, warum zum Beispiel eine aserbaidschanische Sängerin in einer Sprache singt, die sie nicht einmal richtig sprechen kann.

Weshalb hat sie es dennoch gemacht?

Wahrscheinlich mit der Hoffnung, sich mit dem Song auf dem internationalen Markt platzieren zu können. Dabei herrscht immer noch der Irrglaube, dass jeder Englisch versteht. Doch Untersuchungen zeigen ganz klar, dass die Leute gar nicht auf die Songtexte achten. Mir hat ein rumänischer Sänger in einem Interview mal erzählt: „Wir singen nicht auf Englisch, damit uns die Menschen verstehen. Wir singen auf Englisch, damit die Menschen erkennen, dass Rumänien ein zivilisiertes Land ist.“

Man singt also auf Englisch, um international bekannt zu werden, doch am Ende ist das oft gar nicht der Fall?

Genau, warum auch? Wenn es nicht die Sprache ist, in der man sich auch sonst musikalisch ausdrückt, dann kann man keine Emotionen transportieren. Man versteht ja überhaupt nicht, was man da genau singt. Auf dem angelsächsischen Markt haben starke Akzente, wie beispielsweise beim diesjährigen Lied von Aserbaidschan, keinen Erfolg. Ich wüsste nicht, dass osteuropäische Akzente dort als besonders sexy wahrgenommen würden. Aber auch Franzosen, die auf Englisch singen, klingen nicht sonderlich toll. Um jeden Preis auf Englisch singen zu müssen, halte ich für unsinnig.

Lieder mit englischen Songtexten haben also keine besseren Chancen.​

So ist es, ich habe das mal ausgerechnet. Nicht nur für den Sieg, sondern auch für die Punktzahl bringt es nichts. Im Durchschnitt kriegen die Songs auf Landessprache sogar mehr Punkte als die auf Englisch. Am wenigsten Chancen hat man allerdings, wenn man beides mischt.

Dr. Irving Wolther mit schaut auf mit Musiknoten befüllte Reagenzgläser. Dr. Irving Wolther – Der Experte, wenn es um den ESC geht. | Bild: NDR / Christian Spielmann

Welche Rolle hat der ESC in deiner Kindheit gespielt? 

Tatsächlich beruht das Ganze bei mir auf meiner Zweistaatlichkeit. Meine Mutter ist Französin und ich „musste“ mit ihr immer den ESC gucken, zumindest bis Frankreich gesungen hat. Ich erinnere mich noch, wie sie 1976 wütend durch die Wohnung lief und auf die Engländer schimpfte, die den Franzosen den Sieg „gestohlen“ hatten. Und da hab’ ich plötzlich gemerkt, dass dieser Wettbewerb etwas mit Menschen macht, das ich so nicht kannte. 

Was hat dich daran am meisten fasziniert?

Ich fand die Sprachenvielfalt toll und der ESC hat in den Vorstellungsvideos der einzelnen Länder oft mit Klischees gearbeitet, mit denen ich als Kind etwas anfangen konnte. Skifahren in Finnland und Milch und Honig in Israel. Das alles hat meine Fantasie getriggert und mir ein Stück weit die Welt geöffnet. Damals gab es ja gar nicht so viele Möglichkeiten, sich mit anderen Sprachen und Kulturen auseinanderzusetzen. Außerdem hat der ESC meine Begeisterung für Fremdsprachen geweckt. Ich habe mir vorgenommen, all diese Sprachen zu lernen und in all diese Länder zu reisen. Für die Länder von 1979 hab’ ich das auch geschafft. Da war ich überall.

Was macht den Wettbewerb zu etwas Besonderem?

Der ESC ist ein ideales Mittel, um die Leute mit gesellschaftlichen Themen zu konfrontieren. Zum Beispiel gibt es des Öfteren versteckte, kulturelle Botschaften in den einzelnen Liedern. Das fasziniert mich bis heute, auch wenn ich mit der Musik nicht immer etwas anfangen kann.

Die Frage aller Fragen: Hast du dich schon mal für einen deutschen Auftritt geschämt?

Permanent! (lacht)

Deutschland war mal wieder das Schlusslicht: Mit „I Don’t Feel Hate“ wurde Jendrik immerhin vorletzter. | Bild: EBU / Thomas Hanses
Der nächste ESC findet in Italien statt: Die Rockband „Måneskin“ holte sich den Sieg mit ihrem italienischen Hit „Zitti e Buoni“ („Leise und brav“). | Bild: EBU / Thomas Hanses
Frankreich war dieses Jahr französischer denn je – Barbara Pravi überzeugte mit dem Chanson "Voilà" und wurde Zweite. | Bild: EBU / Thomas Hanses
Albina stellte ihr Heimatland Kroatien mit dem englischsprachigen Lied „Tick-Tock“ vor, bei dem sie einen Teil auf Kroatisch sang – sie schaffte es nicht ins Finale. | Bild: EBU / Thomas Hanses
Efendi stellte Aserbaidschan mit dem englischsprachigen Lied „Mata Hari“ vor, obwohl sie nicht fließend Englisch spricht – sie landete im Finale auf Platz 20. | Bild: EBU / Thomas Hanses
Die Top fünf des diesjährigen ESC sangen in ihrer Landessprache. | Bild: EBU / Thomas Hanses

Wie wäre es mit einer künstlichen Sprache?

Auf insgesamt 58 Sprachen wurde bereits beim ESC gesungen, Esperanto zählt allerdings nicht dazu. Was es mit dieser außergewöhnlichen Sprache auf sich hat, kannst du dir in folgendem Podcast von edit.Erklärt anhören.