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Wirtschaft&Forschung

Kostenbeteiligung für Heimkinder
Einer für mich, drei fürs Jugendamt

Aktuell wird die Kostenbeteiligung von Heim- und Pflegekindern im Bundestag diskutiert. Ob sich wirklich etwas ändert, bleibt abzuwarten. | Bild: Lorena Boß

Kostenbeteiligung für Heimkinder Einer für mich, drei fürs Jugendamt

Aktuell wird die Kostenbeteiligung von Heim- und Pflegekindern im Bundestag diskutiert. Ob sich wirklich etwas ändert, bleibt abzuwarten. | Bild: Lorena Boß
 

06 Dec 2019

Arbeiten für einen Bruchteil des eigentlichen Gehalts. So geht es nicht nur Melissa sondern auch vielen anderen Heimkindern in Deutschland. Denn die müssen, wenn sie arbeiten, 75 Prozent ihres Gehalts an das Jugendamt abgeben. Eine Frage, drei Meinungen - Wie gerecht ist diese Kostenbeteiligung?

Lorena Boß

Crossmedia-Redaktion/ Public Relations
seit Sommersemester 2019
GesellschaftPolitik

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Melissa* ist sauer. Sie steht jeden Morgen um 5.30 Uhr auf, arbeitet acht Stunden am Tag und verdient absolut nichts. Die etwa 700 Euro, die sie theoretisch verdient, muss sie vollständig an das Jugendamt abgeben und das Monat für Monat. Dabei würde sie sich so gerne etwas Geld ansparen, um ihrem Papa und ihr Flüge in den Libanon kaufen zu können. Beide haben ihre Familie dort zehn Jahre lang nicht gesehen. „Das macht mich richtig traurig, dass ich meine Eltern nicht unterstützen kann, obwohl ich arbeite wie jeder andere“.

Diese Kostenbeteiligung muss man immer dann zahlen, wenn man im Heim oder in einer Pflegefamilie lebt und einer regelmäßigen Arbeit nachgeht. Wer zwei Wochen auf dem Oktoberfest kellnert, muss also keine Abgaben zahlen. Wer jeden Freitag hinter der Bar steht oder eine Ausbildung macht, hingegen schon, das erklärt Marc Glinker vom Stuttgarter Jugendamt. Ausnahmen gibt es im kulturellen und sozialen Bereich, wie zum Beispiel bei der Tätigkeit als Jugendtrainer. Meistens schwankt der Kostenbeitrag aber zwischen 50 und 100 Prozent. Schon oft wurde im Bundestag über diesen Paragraphen aus dem Sozialgesetzbuch diskutiert, wirklich verändert hat sich bisher aber nichts.

Auszüge aus dem Sozialgesetzbuch zur aktuellen gesetzlichen Situation. - Erstellt mit Piktochart | Bild: Lorena Boß
Um wie viel man die Abgaben senken kann, lässt der Gesetzgeber offen. | Bild: Lorena Boß
Heimkinder müssen erstmal Steuern und Sozialabgaben zahlen, von dem bereinigten Gehalt werden dann die 75% abgezogen. | Bild: Lorena Boß
Bei einer geförderten Ausbildung steigt der Kostenbeitrag sogar auf 100%. | Bild: Lorena Boß

Im November haben Grüne und Linke zusammen die Abschaffung des Kostenbeitrags von Heim- und Pflegekindern beantragt. Union, SPD, FDP und AfD haben einer Streichung der Beiträge jedoch nicht zugestimmt, stattdessen wird jetzt über eine Senkung der Kostenheranziehung debattiert. Da es sowohl in Berlin als auch bei den Betroffenen und den Jugendämtern Diskussionsbedarf gibt, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie gerechtfertigt sind diese 75 Prozent Kostenbeitrag überhaupt?

Katja Dörner, stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin für Kinder und Familienpolitik der Grünen, hat dazu eine ganz klare Meinung. Kein Kind solle für seine Lage verantwortlich gemacht werden. Laut Katja Dörner macht man aber genau das, wenn man ihnen zwei Drittel ihres Gehalts abzieht und die Jugendlichen die Kosten ihrer Miete selbst zahlen müssen. Sie könnten nichts dafür, dass sie familiäre Probleme haben.

„Wir dürfen gerade diesen jungen Menschen nicht noch zusätzlich Knüppel zwischen die Beine werfen.“ – Katja Dörner

Die Grünen-Politikerin erklärt außerdem, man könne sich keine größeren Projekte leisten, wie die Kaution der ersten Wohnung, einen Führerschein oder den ersten Kühlschrank. Für sie steht ganz klar fest: „Das darf nicht so bleiben.“

Marc Glinker arbeitet beim Stuttgarter Jugendamt und ist in einigen Punkten anderer Meinung. Es gibt für die jungen Menschen gewisse Nebenleistungen. Wenn man beispielsweise den Führerschein für seine Ausbildung braucht, unterstützt das Jugendamt die Jugendlichen mit maximal 1000 Euro. Auch Klassenfahrten, Bahntickets zum Arbeitsplatz oder für Familienheimfahrten übernimmt das Jugendamt.

Die Jugendlichen müssten also zwar 75 Prozent ihres Gehaltes abgeben, damit sei dann aber fast alles bezahlt, inklusive Miete, Essen und Hygieneartikel. Wenn dann spätestens mit 21 Jahren die Jugendhilfe endet und man eine eigene Wohnung suchen muss, gibt es Unterstützungsmöglichkeiten zur Erstausstattung, wie beispielsweise dem ersten Kühlschrank.

Sonderaufwendungen an Weihnachten

  • Anspruch auf Weihnachtshilfe haben Minderjährige und junge Volljährige, die Leistungen im Rahmen der Jugendhilfe in einer stationären Wohnform beziehungsweise in einer fremden Familie erhalten.
  • Die Weihnachtsbeihilfe beträgt 31 Euro und soll dazu verwendet werden, den jungen Menschen ein persönliches Geschenk zu machen.

Empfehlungen der KVJS (Kommunalverband für Jugend und Soziales) zu den Sonderaufwendungen im Rahmen des Kinder- und Jugendhilfegesetzes

 

„Über die Höhe eines Kostenbeitrags kann man streiten, aber komplett abschaffen ist in meinen Augen nicht fair.“ – Marc Glinker

Das hat laut Marc Glinker auch etwas mit Pädagogik zu tun. Für alle Sozialleistungen in Deutschland muss man etwas dazugeben: „Es entspricht einfach nicht der Realität, dass alles bezahlt wird.“ Trotz all dem bleibt am Ende nur ein Bruchteil des Gehalts übrig. Einige Heimkinder gehen deshalb erst gar nicht arbeiten, was natürlich nicht Ziel des Ganzen ist, wie Marc Glinker weiter erklärt.

Melissa ist 16 und hat gerade ihre Ausbildung zur Fachpraktikerin in der Küche angefangen. Sie muss sogar 100 Prozent ihres Gehalts abtreten. Jugendliche mit einer Lernschwäche können eine geförderte Ausbildung machen, müssen dann aber ihr gesamtes Gehalt abgeben, genau wie Melissa. Sie wiederum findet das unfair, weil sie weder etwas dafür könne, dass sie in einer Wohngruppe lebt noch dafür, dass sie eine geförderte Ausbildung mache. Als sie von den 100 Prozent Kostenbeteiligung erfahren hat, war ihr erster Gedanke abzubrechen. Mittlerweile sagt sie aber, sie braucht diese Ausbildung, um sich irgendwann ihren größten Wunsch erfüllen zu können.

„Ich finde das ist eigentlich eine Schweinerei, ich arbeite jeden Tag acht Stunden und kriege nicht einen Cent.“ – Melissa

Es fehle einfach die Motivation jeden Tag aufs Neue in die Schule und zur Arbeit zu gehen und am Ende kein Geld zu bekommen. Das, was Melissa vom Jugendamt im Monat zur Verfügung gestellt bekommt, reicht gerade so für Klamotten und den ein oder anderen Kinobesuch.

Der Traum, ihrem Vater und sich Flugtickets zur Familie in den Libanon kaufen zu können, rückt bei den 100 Prozent Kostenbeteiligung aber erstmal in weite Ferne. „Ich will einfach irgendwann meinem Papa sagen: Wir fahren jetzt! Und genau deshalb arbeite ich und hoffe, dass sich da jetzt bald etwas ändert.“

* Der Name wurde aus redaktionellen Gründen geändert.