Rosemarie und Günther bei ihrer Hochzeit 1960. | Bild: Unbekannt

Reportagen Demenz
Das Leben mit den Vergessenden

Rosemarie und Günther bei ihrer Hochzeit 1960. | Bild: Unbekannt

17 Oct 2018

Demenz, Alzheimer, Gedächtnisverlust. Es ist eine Horrorvorstellung seine Erinnerungen zu verlieren. Sie vergisst – er kümmert sich um sie. Kann ein Ehepaar nach 60 gemeinsamen Jahren noch seinen Alltag ändern und die Beziehung dem Vergessen trotzen?

„Ich sag immer, das ist ein lebendiger Toter“. In Günther Jonas‘ Worten schwingen Enttäuschung und Bitterkeit mit. Die Gespräche mit seiner Frau Rosemarie sind weggefallen. „Ich kann mich nicht mehr mit ihr unterhalten, sie kann ja nicht mehr richtig reden. Wenn sie…“, es fällt ihm schwer die richtigen Worte zu finden „Das ist alles… alles nur Blabla. Da ist kein Sinn- da ist nichts mehr dahinter.“

Rosemarie und Günther haben Südamerika bereist, in Bolivien an einer Hochzeit teilgenommen und sind 20 Jahre lang regelmäßig nach Ungarn gefahren, um in einer Heiltherme dem Alltag zu entfliehen. Diese Erinnerungen sind für Günther alles – für Rosemarie sind sie nichts mehr. Sie hat Alzheimer.

Es ist der 11. Januar 1956. Drei Jungen gehen in ein Textilgeschäft, nicht um etwas zu kaufen, sondern um mit den Mädchen zu quatschen, die dort arbeiten. Der 21-jährige Günther Jonas hat ein Mädchen genauer ins Auge gefasst: Rosemarie, damals 17 Jahre alt. Vier Jahre später heiraten sie, danach folgt das erste Kind.

„Stefan!“, eine Frauenstimme ruft durch ein alt eingerichtetes Wohnzimmer. Die Fensterbänke stehen leer. Früher hat hier mal eine Blume neben der anderen gestanden. Ohne sie wirkt das Zimmer kahl. „Ja?“, antwortet Günther Jonas, 83 Jahre alt. Er weiß, dass er gemeint ist. Es ist Rosemarie von der er gerufen wird. Sie hat damals die Blumen gekauft und sich um sie gekümmert, doch seit ihrer Demenz, scheint sie kein Interesse mehr daran zu haben. Vom Sofa aus fragt sie ihn: „Bleibst du da?“ Günther, in den Fernsehsessel gesunken antwortet ruhig: „Jo“. Rosemarie reißt ihre Augen weit auf. „Da bleibst du!“, ruft sie ihm entgegen, als würde sie Angst haben, dass er gehen und für immer verschwinden würde. Doch in ihrem Befehlston liegt ein Hauch von Erleichterung.

Und Günther wird bleiben. Er hat keine andere Wahl, denn sie braucht ihn.

Der deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge, leben rund 1,7 Millionen Menschen mit Demenz. Zwei Drittel davon sind auf die Alzheimer-Krankheit zurückzuführen, bei der Veränderungen im Gehirn die Demenz auslösen. Bei über 90-Jährigen liegt die Erkrankungsrate bei über 40 Prozent. Je fortgeschrittener die Krankheit, auf desto mehr Hilfe sind die Erkrankten angewiesen, um den Alltag zu bewältigen. Diese Aufgabe fällt meist den Angehörigen zu. Der Umgang mit Demenzkranken ist eine besondere Herausforderung. Ein oft über Jahrzehnte antrainierter Alltag wird von jetzt auf gleich komplett aufgebrochen. Die Angehörigen müssen den Erkrankten in den einfachsten Alltagsituationen helfen und lernen, geduldig mit ihnen umzugehen. Hinzu kommt, dass sie mit ansehen müssen, wie geliebte Erinnerungen bei den Erkrankten nach und nach verblassen.

Für Günther ist jeder Tag eine 24-Stunden-Schicht. Er steht morgens um sieben Uhr auf, kümmert sich darum, dass sich Rosemarie richtig anzieht und macht Kaffee. Wenn sie früher aufsteht als er, muss er gucken, ob Wasserhähne noch laufen oder ob sie Lichtschalter angelassen hat. Sein Leben spielt sich nur noch in den eigenen vier Wänden ab. Seit es mit Rosemaries Demenz schlimmer geworden ist, setzt er keinen Fuß mehr vor die Tür. Ihr Sohn Stefan erledigt die Einkäufe.

 „Stefan!“, Günther hat sich gerade auf einen Sessel gesetzt. „Ja?“, antwortet er. „Ich gehe auf Toilette“, sagt Rosemarie. Die letzten Worte ihrer Sätze zittern, als ob sie mit großer Mühe zustande gekommen wären. Wenn sie zu längeren Aussagen ansetzt, geht der Versuch meist in Kauderwelsch unter. „Jo“ antwortet Günther abermals. Eine ruhige Pause tritt ein. Dann fragt Rosemarie: „Kommst du mit?“. Resigniert rafft sich Günther aus seinem Sessel hoch und folgt Rosemarie aus dem Wohnzimmer.< /p>

Auf die Frage, ob er den ganzen Tag an ihrer Seite ist, antwortet er: „Ah ja, ich muss. Wenn sie sich hinlegt, dann muss ich mich zu ihr legen und ihre Hand halten. Wenn ich denke, sie schläft, stehe ich auf und gehe in die Küche, aber einen Moment später ist sie schon wieder da. Als wenn sie was riechen würde“.

Entlastung ist in der Pflege von Demenzkranken ein großes Wort. Die Angehörigen sollten sich Hilfe suchen bei Verwandten oder Pflegekräften. So können sie sich Auszeiten genehmigen, in der sie neue Kraft schöpfen können. Auch Günther hat den örtlichen Demenz-Verein besucht. Hier können sich Angehörige austauschen und die Kranken für kurze Zeit betreuen lassen. Rosemarie hat an den Aktivitäten („Mensch ärgere dich nicht“, Mikado, Ballspiele) jedoch nicht teilnehmen wollen. „Die Leute, die da waren, haben in meinen Augen keine Demenz gehabt. Da hat eine Frau gesagt, sie gehe noch alleine arbeiten. Das geht ja gar nicht! Ich stelle mir das so vor: Es gibt Leute, die wollen gerne mal zuhause alleine sein, also bringen sie ihre Frauen dahin, wo sie aufgehoben sind.“
Kein Vertrauen in Vereine oder Pflegedienste, also keine Auszeiten für Günther. Ob er manchmal an seine Grenzen stößt? Er weicht aus: „Also man muss sich immer sagen: Sie ist krank. Und man kann nichts dagegen machen. Helfen tut dir keiner.“ Er blickt nach unten und macht eine Pause. „Jo, so ist das.“

Es ist Nachmittag. Auf dem runden Wohnzimmertisch steht Kaffee und eine Erdbeertorte. Auch Rosemarie bekommt ein Stück auf ihren Teller, doch sie isst es nicht. Die ersten fünf Minuten nimmt sie die Gabel, legt sie vom Tisch auf den Teller und wieder zurück. Im zweiten Akt nimmt sie die Gabel und streicht die Sahne glatt, legt die Gabel wieder beiseite und wiederholt nach einer Minute den Vorgang. Im dritten Akt versucht sie, ihr Stück abzugeben, sie will ja höflich sein. Bis sie selbst von der Torte isst, sind die Teller der anderen bereits leer.

Demenzkranke können schnell zur Geduldsprobe für die Angehörigen werden. Diese müssen lernen, sich vom langsamen und willkürlichen Verhalten der Kranken nicht aus der Fassung bringen zu lassen. Die Frustration der Kranken, weil sie etwas nicht machen dürfen oder etwas nicht verstehen, wird auch an den Vertrauenspersonen ausgelassen. Damit scheint Günther allerdings kein Problem zu haben: „Wenn sie etwas will, was sie nicht haben kann, wird sie schon aggressiv. Dann holt sie erstmal die Faust raus.“ Er lacht. Bedroht scheint er sich nicht zu fühlen. „Aber gewalttätig wird sie nicht, das sind nur Drohungen.“ Günther weiß wie er damit umzugehen hat. Er ist ein geduldiger Mensch, eher ruhig und zurückhaltend. „Den Stefan betrachtet sie schon als Feind, weil der lauter mit ihr spricht. Wenn sie auf Toilette gehen will und er ihr entgegenkommt, dann dreht sie wieder um.“

Rosemarie will vom Sofa aufstehen. „Ich geh rüber“, sagt sie und zeigt auf den Sessel auf der anderen Seite des Raums. Sie rutscht nach vorne und setzt sich aufrecht auf den Rand des Sofas. Sie setzt ihre Hände auf, klammert ihre Finger in den Stoff, um sich abzustützen. In dieser Position verharrt sie einen Moment, rutscht dann ein wenig hin und her. Nach einem kurzen Moment geht sie zurück in ihre Ausgangsposition. Das Spiel wiederholt sich, bis Günther einschreitet: „Du bleibst da sitzen“. „Ich bleibe sitzen?“, fragt Rosemarie und lässt sich wieder aufs Sofa zurückfallen. Fünf Minuten passiert nichts, dann steht Rosemarie auf und geht in Richtung Sessel.

Das „Blabla“ in Zeitungen oder in anderen Quellen über Alzheimer ist Günther nichts wert. Die Leute könnten sich nicht richtig in die Situation hineinversetzen. Erst wenn man selbst davon betroffen ist, erkennt man das wahre Ausmaß der Krankheit. Denn betroffen sind immer mehr als einer. Nach 58 Ehejahren wünscht sich Günther nur noch eins: „Ich will sie überleben“.

Rosemarie ist zurück auf dem Sofa und lässt sich neben Günther nieder. Nach einer Weile fängt sie an: „Ich muss jetzt…“, sie vergisst ihren Satz. Ihr Blick fällt auf Günther: „Bleibst du sitzen?“ fragt sie ihn. „Jo“, antwortet er ruhig. „Bleibst du sitzen?“, fragt sie erneut und versinkt wieder ins Sofa. „Ach Schatzi…“, sagt sie während sie nach Günthers Arm greift. Dann lehnt sie sich zu ihm rüber und gibt ihm einen Kuss. Es scheint, als wäre es egal, ob Pflanzen auf den Fensterbänken hinter ihnen stehen oder nicht. Wenn die beiden nebeneinander sitzen, wirken sie zufrieden. Sie braucht ihn und er ist für sie da.