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Binge Eating
Essstörung durch Essattacken

Betroffene haben das Gefühl, nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können. | Bild: Janine Herbst

Binge Eating Essstörung durch Essattacken

Betroffene haben das Gefühl, nicht mehr mit dem Essen aufhören zu können. | Bild: Janine Herbst
 

03 Dec 2021

Essen als eine Art der Erfüllung und einer Flucht aus der Realität. Viele Jahre versuchte Anna ihre Gefühle mit Essen zu betäuben. Sie litt unter Binge-Eating, der verbreitetsten Essstörung. Doch dann merkte sie, dass es so nicht weitergehen kann.

Janine Herbst

Medienwirtschaft
seit WS 19/20

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Mindestens zweimal wöchentlich litt Anna für mehrere Jahre an einer Essattacke, stopfte sich voll bis nichts mehr ging. Heimlich und alleine zurückgezogen in ihrem Zimmer, verfallen in einer Art Rausch mit Kontrollverlust. „Wenn mich irgendwas privat beschäftigt hat, mich meine Emotionen wie Wut, Trauer oder schlechte Laune übermannt haben, habe ich ein besonders großes Verlangen verspürt“ erinnert sie sich. Bei Binge-Eating geht es nicht darum, sein Hungergefühl zu stillen. Wie bei den meisten  Betroffenen trat auch bei Anna direkt danach das Gefühl der Scham auf.

Infografik Binge Eating Was ist Binge Eating | Bild: eigene Darstellung: Janine Herbst; Quelle: https://www.bzga-essstoerungen.de/was-sind-essstoerungen/arten/binge-eating-stoerung/

Auslöser von Binge-Eating  

Als Auslöser der Krankheit spielen laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine ganze Reihe verschiedener Faktoren eine Rolle. Dazu zählen körperliche Einflüsse, wie häufiges Diäten oder ein zu hoher Body-Mass-Index. Aber auch psychische Probleme können Ursache sein, wie Sorgen, niedriges Selbstwertgefühl oder familiärer Einfluss. Anna erinnert sich daran, dass sie schon als Kind ein ungesundes Verhalten zu Essen hatte. Während andere Kinder draußen spielten, zog sie sich zurück, um während des Fernsehen zu essen. Schon damals hatte sie angefangen, über Diäten nachzudenken, weil sie sich als zu dick empfand. Eigentlich war sie nie wirklich übergewichtig. In der Pubertät wurde dieses Gefühl noch schlimmer. Aus dem Frust wurden dann immer öfters „Fressanfälle“ mit dem Motto „Ab morgen mach ich Diät“. Das wiederholte sich immer häufiger.  Wenn solche unkontrollierten Essattacken mindestens einmal pro Woche in einem Zeiztraum von drei Monaten vorkommen, sprechen Experten von Binge-Eating. 

„Ich war unglücklich und aß, um mich abzulenken. Essen hat mich in dem Moment glücklich gemacht und war gleichzeitig mein größter Feind“       – Anna

Zwei Jahre hat es gedauert bis sie sich eingestehen konnte, dass sie an einer ernsthaften Essstörung leidet. „Ich war unglücklich und aß, um mich abzulenken. Essen hat mich in dem Moment glücklich gemacht und war gleichzeitig mein größter Feind". Als ihr das bewusst wurde, hat sie sich schließlich professionelle Hilfe gesucht, sich mit vielen anderen Betroffenen ausgetauscht. Nach ein paar Sitzungen bei einer Psychologin beschloss sie auf deren Rat hin, eine stationäre Behandlung in einer Klinik zu beginnen. Dort sollen Betroffene durch feste Mahlzeiten wieder zu einem normalen Essverhalten zurückfinden. „Nach meinem Klinikaufenthalt ging ich noch etwas über ein Jahr regelmäßig zu meiner Psychologin“. Wenn man aus der Therapie entlassen wird, ist man nicht automatisch geheilt. Auch nach der Therapie hatte Anna noch mit Rückfällen zu kämpfen. Mittlerweile hat sie ihre Essstörung seit einigen Jahren bekämpft und führt nach ihren Angaben einen gesunden Lebensstil, macht regelmäßig Sport und ist mit sich und ihrem Körper im Reinen.

Behandlung: Therapie und Coaching

Auch Kira Siefert war langjährig betroffen. Mittlerweile hat sie ihre Essstörung überwunden und hat sich als Coach selbstständig gemacht. Sie möchte anderen Betroffenen auf ihrem Heilungsweg zur Seite zu stehen. Auch auf ihrem Instagram-Kanal  kira.soulfoodjourney und ihrem Podcast SoulFood Journey teilt sie viele Tipps, Gedanken und Erfahrungen zum Thema mit ihrer Community.

Die Zeit zwischen stationärer und ambulanter Therapie hat sie als Behandlungslücke wahrgenommen. In diesem Zeitraum kommt es häufig zu Rückfällen. „Als ich gemerkt habe, dass ich mit den klassischen Behandlungsverfahren irgendwann nicht mehr weitergekommen bin, habe ich mich selbst auf die Suche gemacht, um vollständige Genesung zu erleben“. So ist sie auf Coaching und Achtsamkeit aufmerksam geworden, ist durch Seminare und Kurse in die Thematik eingetaucht, bis hin zur Coaching-Ausbildung. „Es war nie mein Plan, mich als Coach selbstständig zu machen. Doch nach der Ausbildung lag es für mich nahe, die Lücke für alle Betroffenen zu schließen“.

Coaching ist Kiras Meinung nach ab dem Zeitpunkt sinnvoll, wenn eine betroffene Person in der Lage ist, Verantwortung für den eigenen Heilungsprozess zu übernehmen. Eine Therapie ist dafür keine Vorraussetzung, da der Bewusstseinstand entscheidend ist. Allerdings können das aus einer Therapie erlangte Wissen und Erkenntnisse als Grundlage genutzt werden. Häufig findet Coaching und Therapie auch gleichzeitig statt, da sich beides methodisch und von der Wirksamkeit her unterscheiden. Bei einem Couching geht es darum, seine ungesunde Denk-, Fühl und Verhaltensmuster zu erkennen und zu ändern, wobei Kira und ihr Team die Betroffenen begleiten. Was für eine betroffene Person das Richtige ist sollte immer in einem Beratungsgespräch ermittelt werden.

Die Bedeutung von Heilung

Kira beschreibt ihre Genesung als „zu sich selbst zurückkommen und sich selbst zu entdecken“. Eine der häufigsten Fragen, die sich Betroffene auf  diesem Weg stellen lautet: „Wer bin ich ohne meine Essstörung?“. Für Betroffene ist es wichtig, sich bewusst zu sein, ein Problem zu haben. Nur dann können sie sich Hilfe und Unterstützung holen. Aufgrund ihres eigenen Weges und ihrer heutigen Arbeit weiß Kira, dass niemand mit einer Essstörung alleine ist und das Heilung möglich ist. Und auch Anna hat verstanden, dass man sich Hilfe holen darf und soll. 

 

*  Name aus Datenschutzgründen geändert.

Weitere Hilfe und Rat zum Thema Essstörungen findest du unter:

https://www.bzga-essstoerungen.de

https://www.anad.de